• Forderungen für mutige Planung am Checkpoint Charlie: „Eine Frechheit, eine Zumutung“

Forderungen für mutige Planung am Checkpoint Charlie : „Eine Frechheit, eine Zumutung“

Der Checkpoint Charlie ist wie Berlin in seinen besten Zeiten, meint Ex-Staatssekretär Tim Renner. Nun braucht es eine neue Idee und einen neuen Bebauungsplan.

Tim Renner
Touristenattraktion: Der Checkpoint Charlie in Berlin.
Touristenattraktion: Der Checkpoint Charlie in Berlin.Foto: Doris Spiekermann-Klaas/Tsp

[Der Gastautor: Tim Renner, 54, ist Musikmanager und war 2014 bis 16 Staatssekretär für Kultur. 2017 kandidierte der SPD-Politiker erfolglos für den Bundestag.]

Berlin ist in der Pubertät. Die naiven, fröhlichen Wiedervereinigungsjahre sind vorbei. Die Stadt droht erwachsen zu werden. Und wie alle Pubertierenden weiß die Stadt Berlin weder, wer sie ist, noch, was genau sie will. Auf jeden Fall will sie anders sein – das Gefühl kennen auch andere Heranwachsende…

Anders sind aber weder der Potsdamer Platz, noch Europa City und erst recht nicht die Mall of Berlin, Alexa und das Areal rund um die Mercedes Benz Arena. In der Transformation der letzten 25 Jahre hat sich Berlin weltmännisch versucht, ist dabei aber meist zutiefst provinziell geblieben. Hier zeigt der ehemalige Rebell Berlin sein spießiges, einfallsloses Gesicht.

Der letzte innerstädtische Bereich, an dem man es anders machen könnte, ist der Checkpoint Charlie. Zu Recht ist ein Streit um ihn entbrannt. Er ist heute noch so, wie Berlin früher einmal war: ungeordnet, unvernünftig, unverschämt. Deshalb zieht es die Berlin-Besucher dort scharenweise hin. Die Brache inmitten der Stadt ist ihre drittbeliebteste Touristenattraktion.

Der Checkpoint selbst ist nicht mehr da, aber er und die Teilung haben deutliche Spuren hinterlassen. Die Brache wird gefüllt von einer Beach-Bar, einem Panorama-Bild der Mauer, einem kleinen Museumscontainer und vis à vis zwei Studenten, die so tun, als wären sie russische oder amerikanische Grenzsoldaten. Hinter ihnen mit Zement gefüllte Sandsäcken und eine nachgebaute Baracke auf einer Verkehrsinsel. Das ist eine Frechheit, eine Zumutung – geradeso wie Berlin in seinen besten Zeiten.

Checkpoint Charlie
28. Oktober 1961. Einer der gefährlichsten Momente im Kalten Krieg: An der Friedrichstraße Ecke Zimmerstraße standen sich Ost und West schussbereit in Panzern gegenüber. Das Häuschen in der Bildmitte wurde zum Symbol für den weltbekannten Grenzügergang, der durch den Mauerbau im August 1961 nötig wurde.Weitere Bilder anzeigen
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05.12.2018 11:3228. Oktober 1961. Einer der gefährlichsten Momente im Kalten Krieg: An der Friedrichstraße Ecke Zimmerstraße standen sich Ost und...

Der Checkpoint Charlie ist im Guten wie im Bösen anarchisch. Anarchie kann man aber schwer perpetuieren, und auch Städte werden irgendwann erwachsen. Es ist logisch und verständlich, dass Investoren diesen Platz nutzen möchten und die Stadt ihn gestalten will. Man sollte glauben, dass beide Seite verstanden haben, worum es dabei geht. Wer immer hier plant und baut, muss Berlin im Allgemeinem und der Geschichte des Ortes im Besonderen gerecht werden.

Aber weit gefehlt, egal ob Bimbes oder Beamte – in Berlin hat man eben ein gestörtes Verhältnis zum Markenkern der eigenen Stadt. Das bedrückende Ergebnis finaler, stadtplanerischer Überlegungen wurde vor zwei Wochen den Bürgern vorgestellt. Es ist jämmerlich: Der Stadt fällt zu einem Ort, an dem der Dritte Weltkrieg verhindert wurde, nichts anderes ein als eine Mischung von sozialem Wohnungsbau und Büros. Die Investoren waren da bislang auch nicht wirklich besser. Ihre Vision: ein Hardrock-Hotel.

Historischer Dimension gerecht werden

In einem sind sich der zukünftige Eigentümer und das Land aber einig: Der historischen Dimension des Ortes will man durch ein Museum des Kalten Krieges gerecht werden. Der eine soll es bauen, der andere zusammen mit dem Bund betreiben. Nicht, dass es in Berlin an Museen mangeln würde. Aktuell sind es mehr als 175 Häuser, darunter auch welche zum Thema: Drei U-Bahnhaltestellen weiter wird man im „Tränenpalast“, im „Museum Berliner Mauer“ und demnächst in Tempelhof im dann umgezogenen „Alliiertenmuseum“ in Sachen Teilung und Kalter Krieg bereits bestens aufgeklärt.

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Ein paar Meter entfernt vom Checkpoint Charlie steht das privat betriebene „Mauermuseum“. Laut eigenen Angaben das dritterfolgreichste Museum der Stadt. Das Konzept des von Alexandra Hildebrandt in Nachfolge ihres Mannes betriebenen Hauses ist in der Kulturverwaltung allerdings seit jeher umstritten. Museumspädagogisch geht es garantiert viel besser. Alles sei überschattet vom subjektiven Blick des Gründers, heißt es. Dem müsse man etwas entgegensetzen.

Tim Renner war 2014 bis 16 Staatssekretär für Kultur.
Tim Renner war 2014 bis 16 Staatssekretär für Kultur.Foto: M. Becker / SPD

Reinhard Klemke, pensionierter Museumsreferent aus der Kulturbehörde, und seine Mitstreiter kämpfen dafür schon seit 19 Jahren. Das ist absolut ehrbar, löst das Problem um den Ort aber so ganz und gar nicht. Egal ob dieses Museum nun weitgehend unterirdisch (wie bislang geplant) oder überirdisch (wie jetzt gewünscht) errichtet wird: Museen brauchen kein Licht und der Ort weit mehr als eine historisch korrekte Aufarbeitung. Der Checkpoint Charlie braucht das, was Berlin gerade schmerzlich fehlt: eine Idee.

Berlin will die Hauptstadt der Freiheit sein und hat auch das Zeug dazu. Aber wie drückt man Freiheit an einem solchen Ort aus, wie können sie Einheimische und Touristen dort auch zukünftig erleben und atmen?

Diese Frage werden weder Politiker, Verwaltungsangestellte noch Immobilieninvestoren beantworten können. Alle drei Berufsgruppen sind nicht für ihren hohen Grad an Kreativität bekannt. Am und für den Checkpoint Charlie braucht es die Menschen, die Berlin schon einmal wieder auf die Beine geholfen haben, nachdem die Stadt in den Neunzigern von Banken und Politik an die Wand gefahren worden war: Künstler und andere Visionäre.

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Wir brauchen dringend eine Gruppe Menschen, die sich Gedanken macht, wie Berlin erwachsen wird und dabei einzigartig bleibt. Der Checkpoint Charlie ist die letzte innerstädtische Chance zu beweisen, dass das geht. Hier müssen von Kreativen Ideen entwickelt und ein Zeichen gesetzt werden. Das zuzulassen und umzusetzen braucht Mut. Mut auch zu einem neuen Bebauungsplan.

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