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Steiles Vorbild: die Pralinenschachtel der Boca Juniors in Buenos Aires.
© imago/Stellan Danielsson

Vorbild Buenos Aires: Hertha BSC wünscht sich ein Fußballstadion wie „La Bombonera“

45.000 Fans, 17.000 Stehplätze – und eine Haupttribüne so steil wie eine Wand: So stellt sich Hertha seine Berliner Arena vor. Vorbild sind die Boca Juniors.

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Diese zwei Worte lösen Kopfkino aus in der Fußballszene: "La Bombonera". So heißt das legendäre Stadion der Boca Juniors in Buenos Aires. Und in Anlehnung an diese steile, enge und so markante Tribünenarchitektur könnte auch das neue Fußballstadion von Hertha BSC entstehen. Diese Ideen-Skizze zeigte der Klub am Freitagvormittag erstmals im Berliner Abgeordnetenhaus. Kapazität: 45.000 Fans, davon 17.000 Stehplätze.

Der Fußball-Bundesligist will seit Jahren raus aus dem riesigen Olympiastadion, wo der Verein als Mieter 7,5 Millionen Euro pro Jahr zahlt, und das Geld lieber in eine eigene Immobilie stecken. Seit Jahren wird nun schon diskutiert, 55 Standorte waren mal im Gespräch, das Olympiagelände soll’s am Ende sein - das unterstützt auch Sportsenatorin Iris Spranger, SPD. Arbeitstitel: „Stadion auf dem Lindeneck“, gelegen zwischen Maifeldtribüne und Glockenturm. Dort stehen aktuell die Ställe und Hütten eines Berliner Reiterklubs.

Und was hat das jetzt mit diesem Stadion in Buenos Aires zu tun? Der Platz am Lindeneck ist ganz schön eng, mehr ist politisch nicht drin, also musste Hertha seine Immobilienpläne ausdünnen – und verkleinerte die Haupttribüne so wie in „La Bombonera“, zu Deutsch: die Pralinenschachtel. Die Tribüne ist daher wie in Buenos Aires schmal und steil, sieht aus wie eine Wand und grenzt das Stadion zum Maifeld ab.

Dort könnte man übrigens, erzählte Herthas Finanzchef Ingo Schiller, zum Beispiel eine Videoleinwand zum Maifeld hin installieren. So könnte man die leere Wiese für Public Viewing nutzen, aber auch das ist nur eine Idee. Als gesichert gilt, dass das Stadion ein Dach bekommt.

Zugang für 4500 Gästefans an der Waldbühne

Die Hertha-Fans sollen weiter in der Ostkurve, pardon, auf der Osttribüne stehen – Kurven gibt's ja nicht mehr. Die Gästeecke mit 4500 Zuschauern befindet sich am Zugang zur Waldbühne: Da kann man die Fanströme trennen, Heerstraße und S-Bahnhof Pichelsberg sind nicht weit.

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„Was für mich immer wichtig war, ist die Verkehrsanbindung“, sagte Sportsenatorin Spranger. Und die ist am Olympiastadion extrem gut: Der Großteil der Zuschauer reist heute mit der U- und S-Bahn an. Der Bahnhof Olympiastadion könnte wie die Tiefgaragen und Parkplätze weiter genutzt werden.

Drei Top-Spiele pro Saison im Olympiastadion?

Bei internationalen Spielen würde die Kapazität auf 36.000 Fans sinken, weil dann nur Sitzplätze erlaubt sind. Und wie schnell das alles gehen kann, zeigt der erfolgreiche Nachbarklub in Köpenick, der 1. FC Union, der vor gar nicht so langer Zeit eine Liga tiefer kickte. Bei größeren Spielen könnte Hertha ins Olympiastadion ziehen. Von drei Top-Spielen pro Saison ist die Rede. „Das ist möglich“, sagte Schiller. „Vom größeren ins kleine Stadion zu ziehen, wäre schwieriger.“

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Was so ein Stadion kosten wird, lässt sich noch nicht abschätzen. Hertha hat jetzt erst mal eine schnelle Machbarkeitsstudie vorgelegt, ob der Bau so einer kleinen Stadionvariante überhaupt möglich wäre. Entworfen hat die übrigens das weltweit bekannte Architekturbüro Albert Speer aus Frankfurt am Main.

Der Klub will das Stadion selbst finanzieren. „So eine Spezialimmobilie ist nicht finanzierbar wie ein Wohnungsbaustandort“, sagte Schiller, aber er gehe davon aus, dass der Druck am Anlegermarkt weiter groß sei. In der Vergangenheit hatte der Klub das mit Anbietern nach eigenen Angaben durchgesprochen.

Sportsenatorin zieht Projekt an sich

Damit das alles jetzt Tempo aufnimmt, zieht Berlins Sportsenatorin das Projekt an sich und will nach der Sommerpause eine Steuerungsgruppe installieren und Fragen zu Lärmschutz, Denkmalschutz, Verkehr und Klimaschutz klären – „gemeinsam mit Senatsverwaltungen, dem Bezirk und Betroffenen“.

Interessant wird auch sein, wie sich so ein neuer Stadionstandort auf die zugelassenen lärmintensiven Events im Olympiapark und in der Waldbühne auswirkt. Das ist eine der großen Sorgen im Viertel rund ums Olympiastadion, wo Hertha seit fast 60 Jahren spielt. Gemeint ist nicht nur der Kiez im Süden, sondern auch das ruhige Viertel im Norden, in Ruhleben.

Sorgen macht sich die Politik auch um die Einnahmen, die im Olympiastadion natürlich kleiner ausfallen, wenn der Mieter die Immobilie zu zugig und groß findet und sich lieber was Neues sucht. Entsprechend munter sind die Pro- und Contra-Debatten in der Bevölkerung am Gartenzaun und am Ende auch in der Politik.

Lesen Sie mehr zur Stadion-Debatte bei Tagesspiegel Plus:

Der Olympiapark soll, nach etlichen Jahren der zähen Debatte, weiterentwickelt werden. Die Flächen auf der anderen Maifeldseite mit dem Reiterstadion sollen stärker genutzt werden. „Ich habe Verständnis, dass der Reiterverein diesen Ort behalten will, aber zu sagen, dass sie überrascht worden sind, entspricht nicht der ganzen Wahrheit“, sagte Sportsenatorin Spranger im Abgeordnetenhaus verärgert. Die Pläne zur Weiterentwicklung des Olympiaparks seien bekannt. Die Räumung des Lindenparks wird seit 2019 diskutiert – „unabhängig von Hertha“.

Hier ein Fußballstadion? Der Reitverein müsste den Hertha-Plänen weichen.
Hier ein Fußballstadion? Der Reitverein müsste den Hertha-Plänen weichen.
© Cay Dobberke

Doch auch das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf und fast alle BVV-Fraktionen wollen den Reitsportverein am Maifeld vor einer Verdrängung durch das Fußballstadion schützen. Nur die FDP-Fraktion Charlottenburg-Wilmersdorf ist „nicht von vornherein gegen einen Neubau“. Das zeigte sich in der jüngsten Sitzung des bezirklichen Sportausschusses und bei einem Ortstermin, zu dem der Reitsportverein in dieser Woche eingeladen hatte.

Sportstadträtin Heike Schmitt-Schmelz (SPD) widersprach dabei ihrer Parteifreundin Spranger. Es sei zwar richtig, dass Hertha BSC ein eigenes Stadion brauche, aber „aus jetziger Sicht ist das hier nicht machbar“. Sie halte persönlich nichts davon, wenn „kommerzieller Sport den Vereinssport verdrängt“.

Für den seit 1994 am Rande des Maifelds ansässigen Reitsportverein gebe es keinen geeigneten Ersatzstandort. Außerdem sei der ganze Olympiapark ein Baudenkmal, sagte Schmitt-Schmelz. Darüber hinaus müssten hunderte von Bäumen gefällt werden. Es wird also wohl keine Baugenehmigung des Bezirks geben. Allerdings kann der Senat die Planung wegen „gesamtstädtischer Bedeutung“ an sich ziehen - und so kommt es nun auch.

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