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Tausende Türken sind nach Berlin gekommen, seit Erdogan das Land nach seinen Vorstellungen umbaut. Im Tagesspiegel erzählen fünf von ihnen ihre Geschichte.

© Doris Spiekermann-Klaas (4), Thilo Rückeis

Türkei unter Erdogan: "Ich hatte das Gefühl, ich muss mich übergeben"

Putsch, Bomben, Willkürherrschaft: Fünf Türken erzählen, wann sie wussten, dass sie ihre Heimat verlassen und nach Berlin gehen müssen.

Berlin war nicht immer Sehnsuchtsort, aber schon lange einer der wichtigsten Magneten für die türkische Diaspora. Spätestens seit den sechziger Jahren kommen Jahr für Jahr Menschen aus der Türkei in die Stadt. Und es gibt ja tausend Gründe, nach Berlin zu ziehen. In der Türkei ist in den vergangenen Jahren einer dazugekommen: Angst.

Wer mit türkischen Exilanten spricht, erfährt, dass viele von ihnen anfangs Hoffnung in den damaligen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan und die AK-Partei gesetzt hatten. Heute sehen einige die Türkei auf einen Bürgerkrieg zusteuern.

Allein in diesem Jahr haben laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 4709 Menschen aus der Türkei einen Asylantrag in Deutschland gestellt, im Land Berlin waren es 370. Insgesamt leben rund 200 000 türkischstämmige Menschen in Berlin.

Fünf von ihnen sollen hier zu Wort kommen. Sie erzählen, wann sie wussten, dass sie ihre Heimat verlassen, dass sie herkommen müssen. Sie erzählen von diesem einen Moment ...

Selda Asal, Künstlerin, seit 1122 Tagen in Berlin

© Doris Spiekermann-Klaas

... als ich mit ansah, wie Innenminister Idris Naim Sahin erklärte, sie würden Künstler ab jetzt wie Unkraut entfernen.

Ich bin 1996 schon einmal in Berlin gewesen, das erste Mal. Bin extra für das Musikfestival „Sonambiente Festival“ in die Stadt gekommen. Ich lief über die Oranienstraße, den Hackeschen Markt und dachte: Wahnsinn! Zerstörte Häuser, Graffiti, das Tacheles, Haus Schwarzenberg! Ich war begeistert von der Stadt. Ich ahnte natürlich nicht, dass ich eines Tages hier leben würde. Istanbul war damals unglaublich dynamisch und eine tolle Stadt für Künstler. Meine Künstlerfreunde und ich hätten nie woanders wohnen wollen. Jetzt ziehen alle fort: nach Paris, New York, Wien und Berlin.

Ich bin in Izmir aufgewachsen, habe dort Musik an der Dokuz Eylül Universität und dann Kunst in Istanbul, Österreich, Italien studiert. Ich wurde Videokünstlerin, habe 21 Jahre lang in Istanbul gelebt. Dort hatte ich bis 2011 einen Projektraum, das „Apartment Projekt“ mitten in Beyoglu, einem Viertel auf der europäischen Seite der Stadt. Ich habe den Projektraum gegründet, damit verschiedene Künstler aus allen Bereichen der Kunst miteinander kollaborieren können.

Als der Innenminister dann 2011 im Fernsehen erklärt hat, die Regierung würde von nun an Künstler im Land wie Unkraut entfernen, wurde mir klar: Die Kunstwelt der Türkei wird bald nicht mehr dieselbe und nie wieder wie vorher sein. Das war einer von vielen Punkten, die mich haben glauben lassen, weggehen zu müssen.

Ich habe mir daraufhin im September erst einmal eine Fläche für das „Apartment Projekt“ in Berlin-Neukölln gesucht, lebte und arbeitete eine Weile zwischen Berlin und Istanbul. Neukölln war meine erste Wahl, ich wollte einfach der türkischen, kurdischen und arabischen Nachbarschaft nahe sein.

Gut ein Jahr später haben dann die Gezi-Proteste in Istanbul begonnen. Ich habe damals Fernseher in die Schaufenster meines Projektraumes gestellt, auf denen liefen rund um die Uhr Neuigkeiten von den Geschehnissen rund um Gezi. Dann habe ich den Raum in Neukölln abgeschlossen und den nächsten Flug nach Istanbul genommen, um ebenfalls zu demonstrieren. Erst ein Jahr später, am 21. August 2014, die Proteste waren abgeebbt, kehrte ich nach Berlin zurück. Diesmal, um endgültig zu bleiben.

Der Umzug war eine Herausforderung für mich, ich war immerhin schon mehr als 50 Jahre alt. Ich habe meine gesamte Vergangenheit zurückgelassen: meine Familie, Freunde und all die Orte, an denen ich jahrelang war. Mein Leben hier noch mal komplett neu zu starten, war nicht einfach: In Istanbul war ich gut vernetzt gewesen und in der Kunstszene bekannt, hier musste ich wieder bei null anfangen. Ich glaube auch deswegen hat es von der Entscheidung 2011 bis zum endgültigen Umzug in diese Stadt drei Jahre gebraucht. Nun bin ich hier. Und glücklich.

Ich wohne in Kreuzberg, mit meinen Freunden und Bekannten gehe ich oft zu Ausstellungen oder Konzerten. Oder ins HAU, das Haus der Kulturen der Welt oder den Roten Salon. Musik und Klangkunst liebe ich noch immer, genau wie 1996, als ich das erste Mal auf dem Sonambiente-Festival in Berlin war.

Aber ich vermisse die alten Zeiten in Istanbul. Als ich vor ein paar Wochen für drei Tage dort war, hatte ich bei der Abreise das Gefühl, regelrecht nach Berlin zu rennen. Ich konnte es kaum erwarten, wieder hier zu sein. In Istanbul kann ich gerade nicht atmen. Alles dort verändert sich rasend schnell, die Bäume und Parks verschwinden.

In Berlin danke ich dem Universum, dass ich auf meinem Fahrrad den Landwehrkanal entlangfahren und einfach atmen kann. Ich bleibe mindestens die nächsten fünf Jahre noch hier. Vielleicht werde ich hier sterben.

Baris Pirhasan: "Sie haben mir nie eine Begründung gegeben"

Baris Pirhasan, Filmemacher, seit 533 Tagen in Berlin

© Doris Spiekermann-Klaas

... als mein Drehbuch auf einmal abgelehnt wurde. Ich merkte, ich verschwende meine Zeit in der Türkei.

Ich war mehrere Male in Berlin: Das erste Mal 1971, als ich zwanzig Jahre alt war und durch Europa getrampt bin. Das nächste Mal sieben Jahre später. Das letzte Mal war vor anderthalb Jahren. Das letzte Mal ging ich nicht wieder zurück.

Ich bin Filmemacher und Poet, 1951 in Istanbul geboren und aufgewachsen. Mein Vater Vedat Türkali war auch Drehbuchautor und Novelist. Als ich sieben Jahre alt war, habe ich mein erstes Gedicht geschrieben. Es ging um meine Schwester. Die hat sich das Gedicht geschnappt und es laut meinen Eltern vorgelesen – die haben sich gekringelt vor Lachen. Als ich dann 31 Jahre alt war, habe ich angefangen, Drehbücher zu schreiben und bin ins Filmgeschäft gegangen. Bis dato habe ich vier Spielfilme und viele Kurzfilme gemacht und sehr viele Drehbücher geschrieben.

Drei Putsche habe ich schon miterlebt. Der erste war 1960, als ich neun Jahre alt war. Die Atmosphäre in unserem Haushalt war immer politisch, mein Vater war Mitglied der kommunistischen Partei TKP. Dafür war er im Gefängnis bis ich sieben Jahre alt war.

Bei dem Putsch von 1971 waren meine Freunde und ich aktiv in linken Organisationen wie der kommunistischen Arbeiterpartei TiP. Wir haben Pamphlete verteilt. Bei dem Putsch von 1980 war ich in Istanbul, damals habe ich ein monatliches Kunstmagazin herausgegeben, das dann von den Militärgerichten verboten wurde. Zum Glück wurde ich nie verhaftet.

Nachdem die AKP 2002 an die Macht gekommen war, war die Stimmung im Land eigentlich ganz positiv: Erdogan hat offen das Kurdenproblem angesprochen, sogar einige Liberale wie ich haben gedacht, er könnte die Türkei in eine gute Zukunft führen. Das war offensichtlich eine Illusion. Erdogan hat sein wahres Gesicht bei den Gezi-Park-Demonstrationen gezeigt – in der Art, wie er mit den Protesten umging. Seither ist es nur noch bergab gegangen mit der Gesellschaft. Die Stimmung wurde aggressiv.

2015 hatte ich das Angebot von dem öffentlich-rechtlichen Sender TRT, einen Spielfilm über die NSU-Morde zu machen. Es war alles abgesprochen, ich schrieb das Drehbuch, das zu meiner Freude gut bei den Verantwortlichen ankam. Dann plötzlich wurde es abgelehnt. Die offizielle Begründung: Mein Produzent hatte eine Petition unterschrieben, die sich dagegen aussprach, Akademiker zu entlassen. Außerdem wussten sie, dass ich politisch links eingestellt war. Aber wer weiß, sie haben mir nie eine genaue Begründung gegeben.

Aber in diesem Moment ist mir klargeworden, dass ich meine Projekte nicht mehr so verwirklichen können würde, wie ich mir das wünschte. Es gab keine Möglichkeit mehr, in so einer repressiven Umgebung kreativ zu sein. Also habe ich die wenigen Sachen gepackt, die ich habe, und bin am 30. April 2016 nach Berlin gegangen. Vor dem Putschversuch im Juli.

Den ersten Monat habe ich in einer WG am Hermannplatz gewohnt, einer Kommune mit sehr jungen Leuten. Dann konnte ich dank eines Freundes in der Eisenacher Straße in Schöneberg unterkommen, aber die Nachbarn wollten mich nicht. Sie sagten: „Dieser arabische Terrorist soll hier nicht wohnen!“ Ich denke, die wollten die Wohnung für sich selbst haben. Also musste ich wieder gehen. Jetzt lebe ich in Schöneberg, bewege mich aber in vielen Kiezen der Stadt, gehe zum Beispiel gern zum Kotti. Aber eines Tages hoffe ich, in einem Wohnwagen zu leben und umherziehen zu können.

Ich bin nach Berlin gekommen, weil ich mich hier sicher fühle, hier eine Geschichte habe. Und eine Zukunft. Ich schreibe meistens nachts, aktuell arbeite ich an einigen Drehbüchern, und natürlich schreibe ich auch weiter Gedichte. Über Berlin habe ich schon einige geschrieben. Das letzte war wieder politisch: Es handelt von zwei Lehrern im Hungerstreik.

Nazan Maksudyan: "Ich hatte große Angst. Der Putsch war gescheitert"

Nazan Maksudyan - Historikerin, seit 350 Tagen in Berlin

© Doris Spiekermann-Klaas

... als wir vor dem Fernseher den Putschversuch verfolgten - in Angst um unsere Söhne, die nebenan schliefen.

Ich war mein ganzes Leben in Istanbul. Mein Ehemann Ali und ich haben mit unseren beiden Söhnen in Moda, Kadiköy – einem Bezirk auf der asiatischen Seite der Stadt gelebt. Wir sind wegen unserer Kinder nach Moda gezogen, dort gab es immerhin etwas Grün. Wir haben gedacht, wir würden dort für immer bleiben. Es sollte anders kommen.

Ich habe Politikwissenschaft an der Bogaziçi Universität in Istanbul studiert und zu den 1920er Jahren und dem Völkermord an den Armeniern recherchiert. Mein Vater ist Armenier, meine Mutter ist Jüdin. Beide haben den Militärputsch von 1980 miterlebt und mir und meiner jüngeren Schwester daher immer geraten: „Haltet euch von politischen Veranstaltungen fern. Ihr könnt nichts ändern und werdet bloß verletzt.“

In den 90er Jahren, als ich studierte, habe ich den Bezirk Taksim entdeckt: Junge Menschen saßen auf dem Gehweg, tranken, gingen aus. Dann änderten sich die Dinge langsam: Unser öffentliches Leben wurde immer kleiner. Die AKP-Regierung verbot es den Restaurants und Bars, Tische im Freien aufzustellen oder die Gäste draußen trinken zu lassen. Taksim fing an, seinen ursprünglichen Charme zu verlieren. Und unser soziales Leben wurde in Wohnungen eingesperrt. 2013 ist Taksim dann zum Schauplatz der Gezi-Proteste geworden.

Am 31. Mai, als sich die Proteste hochgeschaukelt hatten, verfolgten Ali und ich die Geschehnisse auf Twitter. Wir haben sofort diesen Funken gespürt, der zu etwas Großem hätte werden können. Wir haben gleich am Morgen meine Mutter angerufen, haben ihr unseren Sohn gegeben und sind zu den Demonstrationen gegangen. Ein bisschen schuldig haben wir uns gefühlt, aber wir wussten: Eines Tages wird er davon erfahren und uns fragen, wo wir damals waren. Wir mussten hingehen, schon aus historischer Verantwortung.

Von da an sind wir fast jeden Tag bei den Protesten gewesen. Wir hatten Bauarbeiterhelme auf und Atemschutzmasken. Wir haben gesungen und demonstriert. Ali und ich fühlten uns wieder wie Kinder. Oft sind wir mit vom Pfefferspray geröteten Augen nach Hause gekommen. Wir haben wirklich geglaubt, die Regierung würde zurücktreten. Es ist aber niemand zurückgetreten. Und im September, als die Proteste zu Ende gegangen waren, sind wir einfach heimgekehrt, in unseren Alltag.

Zwei Jahre vergingen, der Funke hat sich nie wieder entzündet. Am 15. Juli wollten Ali und ich einen Film ausleihen, unsere zwei Söhne schliefen. Dann haben wir auf Twitter gesehen, dass die Bosporus-Brücke gesperrt war. Gegen elf Uhr nachts hatte ich das Gefühl: Das ist ein Putsch. Wir konnten es nicht glauben, ein Putsch im Jahre 2016!

Ich hatte große Angst um meine Kinder. Am Morgen war der Putsch gescheitert, trotzdem habe ich mich gefühlt, als müsste ich mich übergeben. Also habe ich mich an meinen Computer gesetzt, habe E-Mails geschrieben an meine Kollegen aus Berlin und gefragt, ob es eine Stelle für mich gibt.

Berlin fasziniert mich schon, seit ich „Die Madonna im Pelzmantel“ von Sabahaddin Ali gelesen hatte. Ich wollte immer hierher, in die Stadt purer Liebe und Verzweiflung. Außerdem: Ich habe schon einmal hier gelebt, 2009, als ich hier als Postdoktorandin gearbeitet habe.

Meine Kollegen haben sofort geantwortet, und wirklich: Es gab eine Stelle. Am 1. Oktober 2016 waren wir in Berlin.

An dem Wochenende fand gerade das Kürbisfest in der Akazienstraße statt und ich habe mich sofort sorgenfrei und wie zu Hause gefühlt. Die Menschen sind offen und man muss hier nicht unbedingt auf Türkisches verzichten. Ich arbeite nun an meinem zweiten Buch über das Leben von Kindern im Ersten Weltkrieg. Am liebsten schreibe ich auf meiner Arbeit am Leibniz-Zentrum Moderner Orient. In der Türkei habe ich immer offen über den Völkermord an den Armeniern geschrieben – in jüngster Zeit hatte ich das Gefühl, mich selbst zensieren zu müssen. Das muss ich hier nicht.

Ahmet Tirgil: "Ich durfte nicht mehr ausreisen, sagte das Konzert ab"

Ahmet Tirgil, Violinist, seit 138 Tagen in Berlin.

© Thilo Rückeis

... als sie plötzlich meinen Pass für ungültig erklärt haben.

In einem musikalischen Haushalt bin ich nicht groß geworden, meine Eltern sind Lehrer. Erst mit 13 Jahren habe ich angefangen, Saz, die türkische Laute zu spielen. Später habe ich Musiklehre an der Marmara-Universität in Istanbul studiert. Heute bin ich Violinist und Musiklehrer. Bis vor Kurzem habe ich an einem Gymnasium in der Stadt Tunceli, im Osten der Türkei, Musik unterrichtet.

Dabei fiel ich immer aus dem Rahmen: Der Direktor hat mich oft zu Gesprächen zitiert. In einer Stunde beispielsweise ging es um Johann Sebastian Bach und ein Klavierstück, das er in einer Kirche gespielt hatte. Also sprach ich mit den Schülern unter anderem über das Christentum. Der Direktor hatte ein Problem damit, ich sollte generell nicht über irgendwelche Religionen sprechen. Ein anderes Mal habe ich den Istiklal Marsch, die Nationalhymne der Türkei, vor den Schülern kritisiert. Das Zusammenspiel von Melodie und Text verläuft aus musikalischer Sicht sehr unharmonisch. Der Direktor hat mich sofort wieder zu sich zitiert: Er dachte, ich hätte die Nationalhymne wegen ihres Inhaltes kritisiert. Das war keinesfalls so. Aber als Musiklehrer muss ich erörtern können, wie ein Musikstück aufgebaut ist.

Als im September 2016 der Ausnahmezustand herrschte, sollten landesweit 12 000 Lehrer und Beamte aus dem Dienst entlassen werden, 560 davon in Tunceli, wo ich lebte. Vorrangig, weil sie Verbindungen zur Terrororganisation PKK oder zu Gülen gehabt haben sollen. Hatte ich nicht, aber ich ahnte, dass ich wahrscheinlich trotzdem auf dieser Liste stehen würde. Ich hatte viel mit kurdischen Musikern gearbeitet. Außerdem war ich 2011, als ich meine Arbeit als Musiklehrer in Tunceli begann, in eine Lehrergewerkschaft eingetreten. Und die Gewerkschaft, die ich mir ausgesucht hatte, trat für wissenschaftliche, säkulare und demokratische Werte in der Pädagogik ein.

Ich war gerade im Flugzeug nach Berlin, wollte hier mal ein paar Tage Urlaub machen, da erreichte mich eine SMS von meinem Schulleiter. Darin stand: „Du bist vom Dienst suspendiert.“ Ich war nicht überrascht. Nach einer Woche in Berlin sah ich im Fernsehen, dass von den 560 suspendierten Lehrern in Tunceli 500 wieder zum Dienst zugelassen wurden. Ich auch, also bin ich zurück in die Türkei geflogen und habe meinen Arbeitsvertrag erneut unterschrieben.

Im März dieses Jahres hatte ich dann ein Konzert in Frankfurt. Am Flughafen in Istanbul wurde mir plötzlich gesagt, dass mein Pass für ungültig erklärt worden sei. Ich durfte nicht ausreisen, das Konzert in Frankfurt musste ich absagen. Weitere Gründe haben sie mir nicht genannt. Dort am Flughafen habe ich entschieden: Die Sekunde, in der ich wieder ausreisen kann, wird die Sekunde sein, in der ich nach Berlin ziehe.

Irgendwie habe ich es dann mit viel Mühe und Bürokratie geschafft, dass mein Pass wieder gültig wurde. Dann ging alles ganz schnell: Am 16. April habe ich noch mit „Nein“ beim Verfassungsreferendum gestimmt und bin danach direkt nach Berlin geflogen. Für meine Frau Burcu und mich war das hart, wir haben einen dreieinhalbjährigen Sohn. Ich hatte ein großes Grundstück in Tunceli gekauft und angefangen, das Haus zu bauen, in dem wir leben sollten. Nun muss es unfertig bleiben. Aber ich musste hierherkommen, wenn auch erstmal allein. Denn ich denke, die Türkei steuert auf einen Bürgerkrieg zu. Ich vertraue dort fast niemandem mehr.

Jetzt lebe ich mit einem anderen Musiker in einer WG an der Schönhauser Allee. Ich finde toll, dass Berlin so grün ist. Es gibt Gehwege, Fahrradwege. So einen wirklichen Lieblingsort habe ich nach fünf Monaten noch nicht, aber ich liebe die Kanäle hier und die Parks. Auch die Philharmonie gefällt mir. Jetzt arbeite ich zehn Stunden die Woche in einer türkischen Musikschule beim Halleschen Tor und unterrichte Violine und Klavier. Außerdem habe ich noch sieben Privatschüler, die ich in der Türkei zurückgelassen habe. Die unterrichte ich per Videotelefonie. Burcu und mein Sohn sollen bald nachkommen. Aber erst brauche ich eine eigene Wohnung.

Baris Dikilitas: "In einer solchen Gesellschaft soll meine Tochter nicht aufwachsen"

Baris Dikilitas, Menschenrechtsaktivist, seit 442 Tagen in Berlin

© Doris Spiekermann-Klaas

... als Bomben hochgingen in Ankara und Suruc

Für mich hieß links sein immer, gegen Ungerechtigkeit zu sein. Ich wurde 1974 in Bingöl geboren, einer Provinz in Ost-Anatolien, aber wir zogen nach Izmir, als ich sieben Jahre alt war. Unser Haus stand an der Straße am Bazar, und ich fing früh an zu arbeiten. Mit acht schleppte ich Wassermelonen, verkaufte das Joghurtgetränk Ayran und Wasser. Als ich sechs Jahre alt war, geschah der Putsch von 1980. Ich erinnere mich daran, meinen Vater zwischen zwei Soldaten zu sehen. Er wurde ins Gefängnis gebracht. Meine Eltern sind Lehrer, mein Vater war Manager in einer Lehrergewerkschaft.

Ich habe dann Politikwissenschaft an der Bosporus Universität in Istanbul studiert und habe jetzt unter anderem einen Master in Human Rights and Cultural Diversity an der Essex Universität in England. Ich war Projektkoordinator in einer Nichtregierungsorganisation und Berater für Sozialpolitik bei Osman Baydemir, dem Bürgermeister der vorrangig kurdischen Stadt Diyarbakir. Wir haben uns viel um die Armen dort gekümmert. Als die Gezi-Proteste begannen, war ich Direktor einer Nichtregierungsorganisation im Bezirk Taksim, meine Frau arbeitete dort bei Greenpeace. Wir haben den Demonstranten Tee gegeben und Erste-Hilfe-Material, aber demonstrieren sind wir nicht gegangen. Meine Frau war gerade schwanger mit unserem ersten Kind, meiner Tochter. Und ich war zu nervös.

Als Erdogan 2014 Präsident wurde, habe ich gerade beim prokurdischen TV-Sender IMC-TV als Projektmanager gearbeitet. Da waren die verschiedensten Menschen beschäftigt. Seite an Seite: Aleviten, LGBTQ, ein paar Muslime, Christen. Am Anfang gab es sogar Hoffnung: Erdogan ging das Kurdenproblem an, es lief gut. Aber wir wussten: Erdogan kann einem alles verkaufen. Der TV-Sender wurde schließlich nach dem Putschversuch 2016 eingestellt.

Zwischen den Parlamentswahlen 2015 hat es dann viele Bombenexplosionen in der Türkei gegeben, besonders in Suruc und Ankara. Zu der Zeit ist meiner Frau und mir klar geworden, dass wir umziehen müssen. Erst wollten wir nach Izmir, am Meer leben. Aber wir haben gemerkt, dass sich die gesamte Gesellschaft veränderte, aggressiver und gewalttätiger wurde. Ich habe keine Zukunft für Frauen oder Kinder mehr gesehen, alles wurde immer männlicher und von Macht getrieben. Das tat mir weh. In einer solchen Gesellschaft sollte meine Tochter nicht aufwachsen.

Ich kam dann auf Berlin und sah die Stadt durch die Augen eines Vaters: eine gute Option. Also haben wir unsere Wohnung in Istanbul aufgegeben und sind am 1. Juli 2016 nach Berlin gezogen, nach Prenzlauer Berg. Zwei Wochen später kam der Putschversuch in der Türkei. Ich hatte Angst um meine Familie und Freunde. Aber ich war froh, hier zu sein.

In Berlin zu leben, ist aber erfüllend. Siehst du die Straßen hier? Die sind sehr weit, breiter als in Istanbul. Die Menschen sind nett und so verschieden. Ich bin gern bei der Anton-Saefkow-Statue in Prenzlauer Berg. Sie erinnert mich daran, immer gegen Ungerechtigkeit anzugehen. Ich würde mich gern wieder als Menschenrechtler engagieren. Aber ich gehe es langsam an. Aktuell arbeite ich bei „Kreuzburger“ in der Oranienstraße am Grill, vier Mal die Woche. Es ist eine tolle, ehrliche Arbeit und ich habe genug Freizeit mit meiner kleinen Tochter. Ehrlich gesagt mag ich Kreuzberg nicht immer, es ist zu stressig und voll. Dann erinnert es mich an Istanbul. Eines Tages werde ich dorthin zurückkehren. Aber jetzt konzentriere ich mich auf Berlin. Es gibt mir Raum.

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