Innensenator zu Olympia 2036 : „Es wird keine Berlin-Bewerbung geben"

Mit seinem Vorschlag für eine Bewerbung Berlins um Olympische Spiele 2036, hat Innensenator Geisel eine Diskussion ausgelöst. Doch er fühlt sich missverstanden.

1936 fanden hier zuletzt Olympische Spiele statt: Das Olympiastadion im Berliner Ortsteil Westend.
1936 fanden hier zuletzt Olympische Spiele statt: Das Olympiastadion im Berliner Ortsteil Westend.Foto: Christoph Soeder/dpa

Nach der tagelangen Debatte um Olympische Spiele 2036 in Berlin hat Innensenator Andreas Geisel (SPD) nun die ihm zugeschriebenen Aussage zurechtgerückt. „Es ist ein allgemeiner Irrtum. Ich habe gar keinen Vorschlag für eine Berlin-Bewerbung gemacht. Es wird auch keine geben“, sagte Geisel am Montag dem Tagesspiegel. Zugleich plädiert der Innensenator für eine nationale Bewerbung der Bundesrepublik - möglicherweise sogar in Kooperation mit Polen.

Der Grund für Geisels Vorstoß ist die aktuelle Lage Berlins. Er habe analysiert, wie man den Ausbau der Infrastruktur in der wachsenden Stadt beschleunigen und wie andere Städte vorgehen könne - etwa mit internationalen Sportveranstaltungen. Als Beispiel nannte der den schnellen Ausbau der U-Bahn in Moskau zur Fußball-Weltmeisterschaft oder die Entwicklung in London zu den Olympischen Spielen 2012.

Angesichts des Schuldenbergs des Landes Berlins und der Ausgaben für den Erhalt des Bestands „weiß ich, dass wir im Tempo beim Ausbau des öffentlichen Personennahverkehr zulegen müssen. Und das machen andere große Städte, indem das dort eine nationale Aufgabe ist.“

Das gelte auch für den Wohnungsbau. Wenn wie bisher in einer Legislatur nur Planungsrecht für fünf neue Straßenbahnlinien geschaffen werde, sei das ein unzureichendes Tempo. „Wir werden die Herausforderungen als wachsende Stadt nicht mit dem Berliner Landeshaushalt bewältigen“, sagte der Senator.

"Ich habe gar keinen Vorschlag für eine Berlin-Bewerbung gemacht", stellt Andreas Geisel, (SPD), Innensenator Berlin klar.
"Ich habe gar keinen Vorschlag für eine Berlin-Bewerbung gemacht", stellt Andreas Geisel, (SPD), Innensenator Berlin klar.Foto: Mike Wolff

Grundsätzlich hält Geisel eine Olympia-Bewerbung jedoch nicht für ausgeschlossen. „Ich habe ganz explizit gesagt, dass Berlin sich nicht bewerben wird. Ich möchte, dass die Bundespublik sich bewirbt. Und wenn die Bundesrepublik uns auffordert, das auszurichten, dann machen wir das. Aber es wird keine Berlin-Bewerbung geben“, sagte der Senator. Geisel schloss jedoch aus, anderen deutschen Bewerbern Konkurrenz zu machen.

Das sei die Lehre aus Berlins gescheiterter Bewerbung für die Olympischen Spiele 2024 und der späteren Absage Hamburgs nach einem Referendum, nachdem der Bund eine Mitfinanzierung ausgeschlossen habe. „Was wir nicht tun werden ist, uns mit anderen Regionen oder Städten gegeneinander ausspielen zu lassen“, sagte Geisel. Es könne nur eine erfolgreiche Bewerbung der Bundesrepublik geben, dann müsse der Bund entscheiden, welche Städte mitmachen, dass könne man auch „gemeinsam mit Warschau machen“.

Die Brandenburger Landesregierung begrüßt den Vorstoß

Geisels angeblicher Vorstoß für Olympische Spiele im Jahr 2036 hatte in den vergangenen Tage eine breite Debatte ausgelöst. Brandenburgs Landesregierung begrüßte Pläne für eine Olympia-Bewerbung. Der Vorschlag für das Jahr 2036 ist schon jetzt politisch umstritten - weil die Spiele dann 100 Jahre nach den von den Nazis für ihre Propaganda genutzten Spielen im Dritten Reich stattfinden würden. Zugleich ist aber auch von einem Signal die Rede, Berlin und Deutschland könnten sich im Unterschied zu 1936 als demokratisch und weltoffen präsentieren.

Ob Geisel mit seinem Vorstoß einer nationalen Bewerbung durchdringt, bleibt abzuwarten. Bundesinnenministerium und Deutscher Olympischer Sportbund wollen zunächst prüfen. Vor allem ist völlig offen, ob sich Geisel Idee eines Infrastruktur-Förderprogramms mit Hilfe einer Olympiabewerbung noch mit den Standards des Internationalen Olympischen Komitees IOC deckt.

Nach den Erfahrungen wie zuletzt etwa bei den olympischen Winterspielen im russische Sotschi mit geschätzten Rekordkosten in Höhe von 50 Milliarden Dollar soll nun Schluss sein mit Bombast-Spielen. Das IOC hat sich in der Agenda 2020 neue Leitlinien verordnet - und diese sprechen dagegen, mit Steuergeldern in Berlin große Investitionen in die Infrastruktur anzuschieben.

In Zukunft sollen die Olympischen Spiele kostengünstiger und transparenter werden

Das IOC will künftig kostengünstigere Spiele, die Anforderung an mögliche Zuschauerkapazitäten sind niedriger, Städte oder Regionen sollen sich mit größtmöglich vorhandener Infrastruktur bewerben, teure Mega-Neubauten, die später verfallen, sollen vermieden werden. Dem widerspricht die Idee, horrende Summen an Steuergeld in die Infrastruktur zu pumpen. Das Motto des IOC lautet: weniger Kosten, mehr Transparenz.

Die Spiele selbst sollen trotz sinkender Kosten aber gleich groß bleiben: Sowohl die Athletenzahl für Sommerspiele (10.500), als auch die Wettbewerbszahl (310) soll sich nicht ändern. Dass Wettbewerbe aus einer Stadt oder Region herausgegeben werden sollen, soll aber die absolute Ausnahme bleiben – das IOC betonte in der Agenda, die „Athleten-Erfahrung“ erhalten zu wollen.

Übersetzt heißt das: Berlin könnte zum Beispiel die Kanuslalomwettkämpfe in dem vorhandenen Wildwasserkanal Markkleeberg bei Leipzig austragen lassen – aber nicht noch Fußball und andere Sportarten in andere Städte wie etwa Wolfsburg oder Dresden auslagern.

Für die Sommerspiele 2032 will sich die Rhein-Ruhr-Region bewerben

Unklar ist deshalb, mit welchen anderen Städten in Deutschland Geisel kooperieren will. Für Berlin käme als Partnerregion fast nur Brandenburg in Frage. Olympia wird auch immer erlebt von Zuschauern und Sportler - daher sollen die Sportler nicht weit übers Land verstreut werden. Bei den Sommerspielen 2028 in Los Angeles etwa sollen alle Wettbewerbe in einem Radius von 65 Kilometern erreichbar sein.

So ist es auch bei der möglichen Bewerbung der Rhein-Ruhr-Region mit 14 Kommunen für die Sommerspiele 2032 vorgesehen, ohnehin sind die Pläne dort nicht nur weit fortgeschritten, seit vier Jahren wird daran gearbeitet und ein fertiges Konzept liegt vor, damit der DOSB über eine Bewerbung entscheiden kann.

Die Pläne sind zudem ganz auf die neuen Leitlinie zur Nachhaltigkeit des IOC ausgerichtet: Knapp 90 Prozent der nötigen Sportstätten gibt es schon. Obendrein soll vorrangig privatwirtschaftlich finanziert werden. In Berlin 2036 aber soll nach dem Willen des Innensenators Steuergeld vom Bund fließen. Zwei Bewerbungen hintereinander für 2032 und 2036 dürfte es nach aller Erfahrung kaum geben – zumal das IOC die Sommerspiele 2024 und 2028 zuletzt im Doppel vergab.

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