Isolation durch das Coronavirus : „Die Angst ist genauso ansteckend wie das Virus“

Viele Menschen beunruhigt nicht nur das Coronavirus selbst, sondern sie fürchten auch die Isolation. Der Psychiater Mazda Adli gibt Tipps gegen die Krise.

Ein junges Paar sitzt am Sonntag im leeren Mauerpark. Hier grillen, feiern, singen sonst Tausende.
Ein junges Paar sitzt am Sonntag im leeren Mauerpark. Hier grillen, feiern, singen sonst Tausende. dpa/Jörg Carstensen

Seit dem Wochenende sind in Berlin Clubs, Bars, Kinos und Fitnessstudios geschlossen. Ab Dienstag sind auch alle Schulen und Kitas geschlossen. Wir sollen zu Hause bleiben. Was macht dieses Stilllegen des öffentlichen Lebens mit uns?

Das ist für uns alle eine ungewohnte Situation. Für den Menschen ist der soziale Austausch mit anderen ein Grundbedürfnis. Wenn ich gerade aus meinem Fenster schaue, geht der Alltag vieler weiter – das ist auch beruhigend zu sehen. Bei vielen Menschen führen diese Maßnahmen aber auch zu Angst und großer Verunsicherung.

Viele Menschen sind verunsichert, haben – neben der Sorge zu erkranken – Angst vor sozialer Isolation, vor zwei Wochen Quarantäne zum Beispiel.

Wir sind soziale Wesen. Kaum jemand steigt gern für zwei Wochen aus seinem Leben aus. Wir stecken ja tief verwurzelt in unserem beruflichen und sozialen Alltag. So eine 14-tägige Quarantäne ist eine Veränderung, die uns zu schaffen machen kann. Andererseits: Wer schon mal zwei Wochen krankgeschrieben war, kennt eine solche Erfahrung. Für den ist die Erfahrung auch nicht so ungewöhnlich. Der Mensch kann mit so etwas umgehen.

Ich stelle im Moment auch fest: Es werden von vielen Menschen neue Wege des Miteinanders gesucht, das bringt zum Teil auch Solidarität und neue, vielleicht ungewöhnliche Näheerfahrungen mit sich.

Zum Beispiel?

Ich selbst gebe niemandem mehr die Hand. Meine Alternative ist, dass ich Personen bei der Begrüßung länger und intensiver anschaue. Das wirkt. Viele Menschen suchen sich gerade solche neuen Gesten der Herzlichkeit. Ein schönes Beispiel sind die Italiener, die zu Hause bleiben müssen und dafür gemeinsam von ihren Balkonen Lieder anstimmen. Fakt ist natürlich: Jeder Mensch reagiert im Moment unterschiedlich auf so eine Krise - das erlebe ich jeden Tag in meiner Arbeit als Psychiater.

Warum reagieren Menschen so unterschiedlich auf das Coronavirus?

Manche haben Angst, einige sind hellauf in Panik. Das trifft vor allem Menschen, die von Haus aus etwas ängstlicher sind, aber auch solche, die ein hohes Bedürfnis haben, Alltagsabläufe unter Kontrolle zu haben. Diese Gruppen gehen mit Ausnahmesituationen viel schwerer um.

Und wer hat es grundsätzlich leichter?

Menschen, die dazu tendieren, eine rationale Sicht zu wahren. Sie ordnen Informationen ein und bemessen eher nüchtern ihr persönliches Risiko. Menschen tun sich leichter, wenn sie verstehen, dass die Schließung von Theatern oder Schulen Präventionsmaßnahmen sind. Wir stehen nicht mitten in der Katastrophe. Wir wollen sie verhindern. Und dazu kann jeder von uns etwas beitragen. Wenn man das nicht missversteht, gelingt es leichter, Gelassenheit zu bewahren.

Warum ist es gerade eine Krankheit wie das Coronavirus, die eine solche Panik auslöst? Viele Menschen werden, falls sie infiziert werden, wahrscheinlich nichts davon merken.

Wir haben eine Viruspandemie, die für uns hier in Berlin derzeit schwer zu begreifen ist. Dieses unsichtbare Virus empfinden wir als eine sehr abstrakte Gefahr. Sie ist damit für den Einzelnen sehr schwer bezifferbar. Gleichzeitig hat das Thema eine enorme öffentliche und mediale Präsenz und geht mit großen Veränderungen in unserem Alltag einher. So kann dann das Gefühl entstehen, einer Bedrohung ausgeliefert zu sein, obwohl ja gerade sehr viel Präventionsarbeit passiert.

Wäre es psychologisch also besser, jeder Infizierte hätte, sagen wir, einen Schluckauf, um das Virus greifbarer zu machen?

Nein, das würde leider schnell zur Stigmatisierung Erkrankter führen. Stigmatisierung und Scham kennen wir von vielen Krankheiten. Und das schadet sehr, weil sich Menschen dann oftmals viel schwerer tun, darüber zu sprechen und Hilfe zu suchen. Wir sehen ja jetzt schon: Wenn jemand hustet, wird er oft feindselig angeschaut. Letztlich haben viele das Gefühl: Dort draußen lauert etwas Unheilvolles. Die Mischung macht uns zu schaffen: eine schlecht bezifferbare Bedrohung, enorme öffentliche Aufmerksamkeit, erhebliche Alltagsveränderungen und ein Gefühl von Unkontrollierbarkeit – das kann aus leichter Unruhe starke Angst machen. Sie überfordert viele Menschen.

Wie schafft man es, diese Gefahr angemessen zu kommunizieren?

Es braucht sehr, sehr gute Aufklärung und eine klare und gut verständliche Kommunikation der Situation. Das muss dazu führen, dass einerseits die sorglosen Menschen wirksame Vorsichtsmaßnahmen einhalten. Andererseits darf diese Kommunikation keine Panik bei denen auslösen, die sowieso dazu neigen.

Und wie machen das die Verantwortlichen aus ihrer Sicht im Moment?

Ich erlebe, dass das sehr unterschiedlich praktiziert wird. Gerade dort, wo Politik und Experten gemeinsam Stellung nehmen, wird sehr besonnen kommuniziert. Ich sehe aber auch das Gegenteil, leider gerade in manchen Medien: Wenn mit dem Coronavirus Schlagzeilen gemacht werden, nur um Aufmerksamkeit zu erregen. Zum Beispiel durch die Präsentation im schreilauten Newstickermodus. Leider verleitet das Thema durch seine Ausnahmehaftigkeit dazu, sehr reißerisch präsentiert zu werden. Das ist schädlich. Das schürt Angst, statt aufzuklären.

Warum ist Angst so schädlich? Schützt sie uns nicht auch?

Natürlich – Angst führt normalerweise dazu, dass wir einer Bedrohung adäquat gegenübertreten. Angst macht uns anpassungsfähig. Aber wir wissen aus der Emotionsforschung, dass Angst auch eine unglaublich ansteckende Emotion ist. Das ist der Grund, warum ich momentan sagen würde, die Angst ist genauso ansteckend wie das Coronavirus selbst. Diese Ängste werden auch geschürt durch eine sensationsfokussierte Berichterstattung. Dann bewirkt Angst das Gegenteil, dass wir irrational handeln und dass sich die Gesellschaft entsolidarisiert. Das führt dann zu den enormen Hamsterkäufen oder dazu, dass Desinfektionsmittel und Gesichtsmasken aus unseren Krankenhäusern verschwinden. Ich halte diese Form von Angst für toxisch.

Was kann man konkret gegen Homeoffice- Blues oder Quarantänekoller tun?

Wichtig ist, dass man sich klarmacht: Das ist kein Dauerzustand. Das hilft oft schon sehr. Wenn Sie aus betrieblichen Gründen im Homeoffice sind, können Sie es zwischenzeitlich auch mal verlassen und sich etwas Gutes tun. Mein Rat wäre zum Beispiel: Wenn der Arbeitsweg wegfällt, kann man sich die gewonnene Zeit zur Selbstfürsorge nutzen. Man kann sich die Frage stellen: Was tut mir heute gut? Zum Beispiel Sport zu machen, abends wieder mehr zu lesen. Wichtig ist: nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern die Dinge tun, zu denen man sonst keine Gelegenheit hat.

Wenn wir nach Italien schauen, ist dort das ganze Land stillgelegt. Die Menschen bleiben zu Hause – müssen dort bleiben. Deutschland steht wohl Ähnliches bevor. Können wir diese Tage auch nutzen, uns zu besinnen?

Idealerweise kann das so sein. Ich habe, wie vermutlich die meisten, alle Dienstreisen abgesagt. Alle Veranstaltungen fallen sowieso aus. Das bringt paradoxerweise auch ein Stück Freiheit. Ich komme plötzlich zum Lesen abends, kann jetzt Dinge erledigen, die ich vorher vor mir herschieben musste. Ich will die Situation nicht schönreden: Aber zumindest solange man gesund ist, gibt es die Möglichkeit, sein Leben auf den Prüfstand zu stellen. Vielleicht führt das auch dazu, dass Menschen, wenn die Coronavirus-Krise vorbei ist, an einem etwas entschleunigteren Takt Gefallen finden – sich etwas mehr Zeit für sich selbst zu nehmen. Diese schwierige Situation kann auch dazu führen, seinen Alltag mal zu hinterfragen. Vielleicht denken wir in einem Jahr – wenn wir gesund bleiben – trotz aller gravierenden Einschränkungen auch mit einer Art positiver Bilanz an diese Zeit zurück. Zumindest in diesem Punkt. Man wird sehen.

Mazda Adli, 50,

ist Chefarzt der

Fliedner Klinik Berlin und leitet den

Forschungsbereich

Affektive Störungen an der Charité.

Mit ihm sprach

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Julius Betschka.

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