Kanzler der Einheit : Berlin sucht den richtigen Platz für Helmut Kohl

Wo soll an den Kanzler der Einheit erinnert werden? Der CDU-Vorschlag, den Großen Stern nach ihm zu benennen, erntet viel Sarkasmus. Und der Bezirk schweigt.

Ein Platz mit Geschichte. Am Großen Stern erinnert die Viktoria an Preußens Siege über Frankreich.
Ein Platz mit Geschichte. Am Großen Stern erinnert die Viktoria an Preußens Siege über Frankreich.Foto: imago/Reiner Zensen

Nach kurzem Nachsinnen über Berlin und seine Kanzlerplätze fällt Manfred Uhlitz gleich die Geschichte mit dem Adenauerplatz wieder ein. Aus ihr kann man viel lernen über die Gefühlslage der Berliner. Als der Bezirk Charlottenburg wenige Tage nach dem Tod des ersten Kanzlers der Bundesrepublik Deutschland im April 1967 einstimmig beschloss, den Kaiserdamm in Adenauerdamm umzubenennen, hagelte es Proteste. Mit dem Vollzug der Umbenennung wurden die Proteste lauter. Und schon im Januar 1968 schraubten Arbeiter die alten Straßenschilder wieder an. Ersatzweise wurde Adenauer ein kleiner Platz am Kurfürstendamm Ecke Wilmersdorfer zugewiesen.

Uhlitz ist Vorsitzender des Vereins für die Geschichte Berlins. Er findet es richtig, Kohl in Berlin einen Platz oder eine Straße zu widmen. Eigentlich habe der Vorschlag mit dem Großen Stern „einen gewissen Charme“, sagt er als Historiker. Die Siegessäule als Mahnmal der Reichseinigung von 1870/71, am Rand des Platzes die Statue des Reichskanzlers Otto von Bismarck, da passe der Kanzler der Einheit eigentlich ganz gut. Aber vom Gefühl her, als Berliner Lokalpatriot, lehne er den Vorschlag rundheraus ab, „auf gar keinen Fall“. Der Große Stern sei wie die Straße des 17. Juni zu stark in der Seele der Stadt verankert.

Wohin also mit Helmut Kohl? Irgendwo im Dunstkreis des Regierungsviertels wäre schon ganz gut, findet Uhlig. Am Kanzleramt, dessen Bau Kohl vorangetrieben hatte, prangt schon Willy Brandt. Vielleicht fände sich noch ein Plätzchen an der Neuen Wache oder dem Deutschen Historischen Museum – beide Gebäude lagen Kohl sehr am Herzen.

Berlin in "Helmut-Kohl-Stadt“ umtaufen

Auf Twitter und den Onlineseiten des Tagesspiegels wird der Vorschlag mit viel Sarkasmus kommentiert. Man könnte „den Kreisverkehr im Großen Tiergarten künftig ,Großer-Hannelore-und-Helmut-Kohl-Stern‘ nennen“, schreibt ein Leser, „ein würdiger Name für den schon zu Lebzeiten so massereichen Politiker“. Alternativ wird die „Straße 462“ (nahe Kurt-Schumacher-Platz) als künftige „Helmut-Kohl-Allee“ vorgeschlagen. Anderer Vorschlag: ganz Berlin in „Helmut-Kohl-Stadt“ umtaufen.

Zuständig für Straßenumbenennungen sind eigentlich die Bezirke. Doch im Regierungsviertel musste sich der Bezirk Mitte den Vorgaben von Bund und Land beugen. Konrad Adenauer kam auch hier zum Zuge, die Straße hinterm Paul-Löbe-Haus wurde nach ihm benannt. Ludwig Erhard musste sich mit einem Uferabschnitt im Spreebogen zufrieden geben.

Bei Brückenbauten hat der Senat das Sagen. Bei Bundesstraßen – über den Großen Stern verlaufen die B 2 und die B 5 – ist die Gesetzeslage nicht eindeutig, auf Nachfrage erklärt die Senatsverwaltung für Verkehr, der Bezirk sei zuständig. Mittes Stadträtin für Straßen- und Grünflächen, Sabine Weißler (Grüne), hat aber wenig Lust, sich mit dem CDU-Antrag zu beschäftigen. „Ich kommentiere keine Pressemeldungen von Fraktionen des Abgeordnetenhauses. Sollte das Abgeordnetenhaus einen Beschluss in der Sache fassen, der eine weitere Bearbeitung im Bezirk notwendig macht, gilt das Berliner Straßengesetz und die entsprechenden Ausführungsverordnungen.“

Umbenennungen im Afrikanischen Viertel lösten viel Ärger aus

Weißler hatte zuletzt viel Ärger mit den Umbenennungen im Afrikanischen Viertel in Wedding. Eine Jury musste ausgewechselt werden, nachdem ein untragbarer Vorschlag heftige Kritik ausgelöst hatte. Nachdem die BVV drei Namensänderungen beschlossen hatte, legte die CDU-Fraktion Beschwerde ein. Die Streichung der Petersallee sei rechtswidrig gewesen, weil nach einer Änderung des Begleittextes am Straßenschild nicht mehr der brutale Kolonialherr Carl Peters geehrt worden sei, sondern der friedliche Kommunalpolitiker Hans Peters.

Bei Helmut Kohl besteht zwar keine Verwechslungsgefahr mit gewalttätigen Statthaltern des Kaiserreichs, aber die rot-rot-grün dominierte BVV in Mitte dürfte sich über einen angemessenen Kanzler-Platz im Stadtplan dennoch gehörig streiten.

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