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Kaufhausruine in Mitte : Fotogalerie aus Schweden soll in ehemaliges Kunsthaus Tacheles ziehen

Im Tacheles wurde einst der Berliner Mythos der kreativ bespielten Brachen begründet. Nun soll hier eine Filiale von „Fotografiska“ eröffnen. Passt das?

Beste Lage. Das Tacheles-Grundstück ist eine der letzten Brachen in Mitte.
Beste Lage. Das Tacheles-Grundstück ist eine der letzten Brachen in Mitte.Foto: Thilo Rückeis

Mittes Kaufhausruine, die nach der Wende vom Künstlerkollektiv Tacheles besetzt wurde und Berlins Ruf als kreativer Hotspot Kulturschaffender begründete, soll zu einer Filiale von „Fotografiska“ mit Stammsitz in Stockholm werden: mit Bookshop, gehobener Gastronomie, Veranstaltungsräumen und einer Fotogalerie.

Fotografiska expandiert weltweit

Verhandlungen zwischen Vertretern des milliardenschweren Fonds "Parella Weinberg Real Estate Fund II LP" und der weltweit expandierenden schwedischen Firma laufen. Der mögliche Deal dürfte am kommenden Donnerstag auf der Grundsteinlegung das große Thema werden. Damit könnte dem im Baurecht für das Areal des Baudenkmals festgelegten kulturellen Nutzung Genüge getan werden.

Die Einladungen zur Zeremonie am nächsten Donnerstag sind raus. Der frühere Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) ist als Gast auf der Einladungskarte herausgehoben. Das Nu Jazz Kollektiv Jazzanova und der Soul-Sänger Festum treten auf. Die Bauherren "pwr development" und die Kapitalsammelstelle "Aermont" sind ebenfalls aufgeführt. Diese haben das knapp 25.000 Quadratmeter große Grundstück an der Oranienburger Straße in einem 1,5 Milliarden Euro schweren Fonds geparkt. Sie wollen dort laut eigener Website 85.000 Quadratmeter "gemischt genutzter" Fläche schaffen und die einzelnen Häuser gewinnbringend verkaufen.

Ein bekannter SPD-Genosse mischte mit

Ansprechpartner für die Firma Parella Weinberg in Berlin war unter anderem der ehemalige Bausenator Peter Strieder (SPD). Der frühere SPD-Chef war 2004 wegen des politischen Drucks in der Tempodrom-Affäre zurückgetreten. Danach war er Berater bei der Entwicklung von Grundstücken und gilt als bestens vernetzt in der Sozialdemokratie. Am Leipziger Platz hatte Strieder Bauherren vertreten, die von der städtebaulichen Pflicht befreit wurden, einen festgelegten Anteil Wohnungen zu schaffen – als einzige am Platz.

Etwa ein Dutzend Neubauten entstehen im Quartier zwischen Oranienburger Straße, Friedrich- und Johannisstraße, für die alle Baugenehmigungen ergangen sind, sagte Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) auf Anfrage. Bevor er das Amt antrat, im Jahr 2015, seien von einem Vorgänger "Ausnahmen und Befreiungen zum Bebauungsplan erteilt worden". Seit Dienstantritt habe Gothe in Sachen Tacheles keinen Kontakt zu Wowereit gehabt und auch nicht zu Peter Strieder. Dessen Frau Anja Strieder habe ihn zur Grundsteinlegung eingeladen, sie macht PR für die Firma "Am Tacheles".

Die "Fotografiska"-Unternehmer haben für ihre Berliner Niederlassung am Tacheles bereits eine Website gestalten lassen. Darauf sind Simulationen des Foto-Kaufhauses im sanierten Tacheles-Gebäude zu sehen und die Pläne beschrieben. Die Seite war bereits online – bis der Tagesspiegel um ein Gespräch mit den Betreibern bat und die Website offline ging. Die Fotografiska-Macher berufen sich in Berlin auf "die Heimat einer Künstlergruppe, die über den Tellerrand hinaus dachte". Daran wollen sie anknüpfen: "Es ist Zeit, das fortzuführen: Fotografiska ist eine Gemeinschaft, die allen offen steht und von allen gestaltet wird – genau wie Berlin."

Restaurant, Buchshop - und Fotos

Ist das wirklich die künstlerische Nutzung, die den Berliner Künstlern vorschwebte? Oder werden sie nur als zahlungskräftige Konsumenten teilhaben? Auf der Website heißt es, dass der "ausgewählte Museumsshop und ein erstklassiges Restaurant" ebenso im Zentrum des Konzepts stehen wie "kulturelle Veranstaltungen" und "eine Foto-Akademie". Dasselbe Konzept wird in Stockholm umgesetzt und es ist in London und New York geplant, wo weitere "Fotografiska"-Filialen öffnen sollen, teils noch in diesem Jahr.

Gestaltung und Laufwege durch die Häuser erinnern an moderne Flughäfen: Besucher ebnen sich ihren Weg durch Shops, werden ins "nachhaltige" Restaurant geleitet und gelangen erst ganz oben zur Fotogalerie, mit der kräftig geworben wird: Mehr als 180 Ausstellungen von "Weltklasse-Fotografie" habe es in zehn Jahren bereits gegeben.

Baustadtrat Ephraim Gothe sagte dazu: "Der Investor hat dem Bezirk interessante Ideen für eine kulturelle Nutzung vorgestellt." Zum Stand des Projektes erklärte er, dass die Kellergeschosse, aus denen die Hochbauten herauswachsen werden, weitgehend fertiggestellt seien.

Zugang über das markante Tor

Das denkmalgeschützte Tacheles werde zusammen mit einer Laden-Passage vom Fonds vermarktet. Besucher werden die Passage über das markante bogenförmige Tacheles-Tor an der Oranienburger Straße erreichen. Hinter der "Fotografiska"-Filiale ist in der Passage Platz für Geschäfte, Läden und Cafés. In den Obergeschossen entstehen Büros. Alt- und Neubau wird der Fonds separat verkaufen, ebenso wie das Dutzend anderer Häuser in dem Block an Friedrich- und Oranienburger Straße.

Der Milliarden-Fonds hatte das Schweizer Büro Herzog & de Meuron mit der Gesamtplanung beauftragt. Ende 2015 gab es erste Überlegungen zur Aufteilung des Areals. Bezahlbare Wohnungen sind nicht geplant – es sei denn, eine Landesfirma kauft einen der teuren Neubauten.

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