Klima-Interview mit Journalist Franz Alt : „Der liebe Gott war nicht doof“

Der Theologe und Journalist Franz Alt über die Herausforderungen des Klimawandels, sein Buch mit dem Dalai Lama – und warum die EU-Wahl eine Klimawahl ist.

Der Dalai Lama mit dem Journalisten Franz Alt. Zusammen arbeiten sie an einem gemeinsamen Buch.
Der Dalai Lama mit dem Journalisten Franz Alt. Zusammen arbeiten sie an einem gemeinsamen Buch.Foto: Foto: Bigi Alt

Laut einer UN-Studie ist die Arktis schon ab 2030 im Sommer eisfrei. Polarforscher warnen, dass in nur 80 Jahren der Meeresspiegel um 2,38 Meter steigen könnte – das wäre mehr als doppelt so viel, wie der Weltklimarat IPCC im Jahr 2013 prognostizierte.1,79 Millionen Quadratkilometer Land könnten verloren gehen, bis zu 187 Millionen Menschen vertrieben werden. Deswegen gehen auch an diesem Freitag die Schüler-Aktivisten von Fridays for Future auf die Straße, in insgesamt 250 deutschen Städten. In Berlin gibt es eine Großdemonstration vor dem Brandenburger Tor.

Die Lage ist also Ernst. Einer, der das genau weiß, ist der Journalist, Umweltaktivist und Theologe, Franz Alt. Seit zehn Jahren hat er kein Auto mehr. Innerhalb Europas erledigt er alles mit der Bahn und kommt dabei auf 100.000 Kilometer im Jahr: Vorträge, Konferenzen, zivilgesellschaftliches Engagement. Gerade ist er im ICE unterwegs und spricht mit seinem Freund, dem Dalai Lama, über ein neues Buchprojekt. Er nimmt sich gern Zeit für die finale Abstimmung des Tagesspiegel-Interviews. Es geht um nichts Geringeres als die Zukunft der Zivilisation.

Herr Alt, Sie haben als Kind geholfen, den von Ihnen heute kritisierten fossilen Brennstoff zu den Kohleöfen in Wohnungen zu schaffen – eine Jugendsünde?
Ich bin als Sohn eines Kohlenhändlers natürlich kein geborener Kohlefeind. In den 1950er Jahren habe ich mit meinem Vater den Leuten in meinem badischen Dorf Untergrombach Tausende Zentner Kohlen in die Keller getragen oder geschippt. Kohlen waren die Basis des deutschen Wirtschaftswunders. Danach ging es mit mir aufwärts. Ich bin heute für Zehntausende Solaranlagen auf Dächern in der ganzen Welt verantwortlich und setze im Alter von 80 Jahren auch als Theologe auf himmlische Energie.

Würde Jesus heute bei „Fridays for Future“ mitdemonstrieren?
Jesus wäre ein großer Lobbyist. Das war er auch damals. Deshalb musste er ja beseitigt werden. Also der Harmlose, den Kirchen aus ihm gemacht haben, war er mit Sicherheit nicht. Wenn’s ans Geld geht – er hat den Kapitalisten die Tische umgeschmissen –, hört immer jede Freundschaft auf. Heute würde Jesus kämpfen für die Umwelt, für eine gerechtere Welt. Er würde mit Sicherheit an erster Front in der Friedensbewegung stehen. Er würde mit dem Papst Klartext reden. Oder er würde vielleicht von einem Greenpeace-Schiff aus kämpfen. Er wäre auch heute ein großer Störenfried.

Für Menschen wie Sie, die gläubig sind, steht Gottes Schöpfung durch die Erderhitzung vor dem Ruin, verursacht von nur wenigen Generationen seit der Industrialisierung. Die Jugend macht mit zivilem Ungehorsam darauf aufmerksam, indem sie freitags nicht zur Schule, sondern demonstrieren geht. Soll man Klimaschutz den erwachsenen Profis überlassen?
Wir erleben ja gerade, was herauskommt, wenn wir das tun, nämlich: gar nichts. Wir haben derzeit eine höhere CO2-Belastung in der Atmosphäre als noch vor zehn Jahren. Die Kinder und Jugendlichen haben durchschaut, dass wir Erwachsenen uns in die Tasche lügen. Wie bei „Des Kaisers neue Kleider“. Die Fliegerei und den Autowahn haben wir Alten vorgemacht. Die 16-jährige Greta fliegt nicht und hat ihre Eltern dazu gebracht, auch nicht mehr zu fliegen. Wer sagt, ich will eine bessere Zukunft für mein Kind, und ihm diese gleichzeitig verbaut, indem er die Erde mitaufheizt mit Benzin, Kohle, Gas und Öl, ist ein Heuchler.

Der Klimawandel ist für den Menschen ein so unfassbar großes globales Phänomen, bei dem sich jeder Einzelne oft ohnmächtig und hilflos fühlt. Was kann man gegen diese Ohnmacht tun?
Greta Thunberg hat es uns doch gezeigt. Aus der Aktion einer einzelnen Schülerin ist eine weltweite Bewegung geworden, die in Politik und Wirtschaft bereits viel angestoßen hat. Zum Glück stellen sich mehr als 23 000 Wissenschaftler, darunter 4200 Klimawissenschaftler, „Parents“- und auch „Grandparents for Future“-Bewegungen hinter die jungen Demonstranten. Es gibt schon den Zusammenschluss „Together for Future“, wir brauchen aber eine weltweite „Citizens for Future“-Bewegung. Denn wir alle sind Teil des Problems.

Und wenn wir in Deutschland jetzt auf die anderen Länder zeigen, dann verweise ich etwa auf Asien: Wenn ich in Shenzhen bin, das ist das Silicon Valley in China mit 13 Millionen Einwohnern, sehe ich die mögliche Verkehrswende. Als ich zum ersten Mal da war, nach Maos Tod, lebten dort 14 000 Menschen. Und heute? Unglaublich, aber in Shenzhen fahren 16 500 Elektro-Omnibusse. Kein einziger Benziner. Ich habe mal in der Nähe von Frankfurt einen Vortrag gehalten. Dort sagte mir ein Stadtverordneter, man wolle auf Elektrobusse umstellen, fünf Stück. Können Sie sich das vorstellen? Er musste französische Modelle bestellen, weil keine deutsche Autofirma in der Lage war, fünf Elektrobusse zu liefern.

In Deutschland ist schon einiges angestoßen: Es wird eine CO2-Steuer diskutiert und eine bessere Überwachung beim Export von Plastikmüll aus Deutschland. Das geht doch schon schnell voran?
Wir haben zwar die Energiewende eingeleitet, aber es ist doch Irrsinn, dass bei uns in Deutschland eine Solarfirma nach der anderen pleitegeht. Und die Kohle weiter gefördert wird, die Kohlekraftwerke nicht noch schneller geschlossen werden. Es heißt immer, da geht es um Jobs. Viele Stellen in der Solarbranche gehen verloren, damit die Arbeitsplätze in der Kohle bleiben. Völlig absurd.

An einem Tag verbrennen wir heute so viel Kohle, Gas und Öl, wie die Natur in einer Million Jahre angesammelt hat. Dabei sind alle technischen Voraussetzungen für eine rasche und hundertprozentige Energie- und Verkehrswende bereits vorhanden. Die für die Menschheit überlebensnotwendige Wende müssen wir bis 2035, spätestens 2040, schaffen, so wie „Fridays for Future“ jetzt fordert.

Alle Probleme, die Menschen geschaffen haben, sind auch von Menschen lösbar. Aber leider stehen auch in Berlin die meisten Dächer noch immer völlig umsonst in der Gegend herum, ohne Solaranlagen. Obwohl auch in der Hauptstadt die Sonne auf jedes Dach scheint – kostenlos und umweltfreundlich. Stattdessen holen wir noch im Jahr 2019 für viel Geld Öl aus Arabien, Gas aus Sibirien und Kohle aus Australien.

Machen wir uns nicht auch bei der Weltrettung was vor? Die E-Autos fressen in Herstellung und Unterhalt viel Strom, für die Herstellung braucht man jede Menge seltener Bodenschätze und die Akkuentsorgung ist noch ungeklärt.
In fünf Jahren müssen die Hälfte aller gekauften Fahrzeuge Elektroautos sein, denn das ist der erste wichtige Schritt und immer noch besser als mit Benzin oder Diesel betriebene Wagen. Und es wird weitere Entwicklungen geben: Vor 25 Jahren konnten wir eine Solaranlage nicht ein einziges Mal recyceln, heute sind wir bei fünfmal und bald werden nur noch Rohstoffe eingesetzt, die wir immer wieder recyceln können.

Zu den Rohstoffen bei neuen Technologien gibt es längst weitere Alternativen. Die Natur war nicht blöd und der liebe Gott nicht doof. Das Schöne an erneuerbaren Energien: Die Sonne schickt etwa 15 000-mal so viel Energie auf die Erde, wie heute alle Menschen verbrauchen. Das macht sie für alle Zeit, umweltfreundlich und kostenlos. In 70 Ländern ist heute Solar- und Windstrom bereits die preiswerteste Energiequelle.

Im Bereich des erneuerbaren Stroms hat Deutschland ja bereits bewiesen, dass der Umstieg auf Solarstrom möglich ist. Wir hatten im Jahr 2000 etwa fünf Prozent Ökostrom, in den ersten Monaten des Jahres 2019 sind wir bei 46 Prozent, doch der Wert sollte auf 70 steigen. Am 30. April 2017 deckte Deutschland 85 Prozent seines Strombedarfs aus regenerativen Energiequellen. Im Jahre 2050 können es 86 Prozent sein – und zwar ganzjährig und weltweit, das besagt eine Studie der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (Irena), die unlängst in Berlin vorgelegt wurde.

Welche Vorreiterrolle kommt Berlin zu?
Deutschland hat mit seinen Technologie-Entwicklungen bei den Erneuerbaren eine große Verantwortung und zugleich riesige ökonomische Chancen. Ich durfte vor zwölf Jahren mithelfen, die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien zu gründen. Als wir damit anfingen, waren etwa 70 Länder bei der Gründungsversammlung in Bonn, heute sind dort über 160 Länder der Welt Mitglieder, und alle wollen die deutsche Energiewende übernehmen.

Regionen wie Ostfriesland erzeugen heute schon mehr Solar- und Windstrom, als sie verbrauchen. Doch bei der Wärme, beim Bau und bei der Mobilität sind wir leider erst am Anfang. Was fehlt: viel stärkerer Umstieg von herkömmlichen Heizungstechniken auf Geothermik. Bewussterer Umgang mit der Ernährung. Mehr Holz beim Bau statt Beton und Stahl.

Und: Nachhaltiger Solarstrom ist Sozialstrom. Wir können schon heute in Afrika oder in Chile Solarstrom für zwei Cent produzieren, unschlagbar preiswert. Mit dem größten Solarkraftwerk der Welt will Saudi-Arabien ab 2025 Solarstrom für einen Cent je Kilowattstunde herstellen.

Schon in wenigen Jahrzehnten werden Millionen Klimaflüchtlinge erwartet, auf die derzeit kein Land im kühleren Norden oder Süden der Welt vorbereitet ist. Was muss geschehen?
Der Weltklimarat sagt, wir haben alle nur noch wenige Jahre zum Umsteuern, sonst ist die Existenzgrundlage allen Lebens auf der Erde unwiederbringbar zerstört. Ich war schon als junger Journalist in Bangladesch, dort leben auf der Fläche von Bayern 168 Millionen Menschen. Der Wirtschaftsminister war gerade bei mir in Deutschland und hat mir gesagt: Wir sind das erste große Land, das schon heute am meisten unter dem Klimawandel leidet, den nicht wir verursacht haben.

Vorgestern haben Polarforscher die Prognosen zum Meerespegel nach oben korrigiert, - damit wäre Bangladesch weg. Indien hat aus Angst vor Klimaflüchtlingen das Land hoch ummauert. Allein auf dem afrikanischen Kontinent gibt es bereits 18 Millionen Klimaflüchtlinge. Meine Erfahrungen in armen Ländern wie Indien, Mali, Südafrika oder Somalia ist: Erneuerbare Energien wie Solarstrom sind die Basis für mehr Wohlstand und damit für die heimische Wirtschaft.

So werden Fluchtursachen konkret und praktisch bekämpft. Erneuerbare Energien sind die preiswerteste und effektivste Entwicklungspolitik und die beste Garantie für weniger Menschen auf der „übervollen“ Erde. Laut einer UN-Prognose werden allein auf dem afrikanischen Kontinent schon 2050 doppelt so viele Menschen wie heute leben.

Barack Obama hat getwittert: „Wir sind die erste Generation, die die Auswirkungen des Klimawandels zu spüren bekommt – und wir sind die letzte Generation, die daran noch etwas ändern kann“. Was raten Sie der jungen Generation?
Nicht so zu leben wie viele der Alten: gegenwartsversessen und zukunftsvergessen. Die jungen Leute mögen bitte Berufe ergreifen, die die Revolution umsetzen. Auf dem Energie-, Mobilitäts-, Umwelt- und Klimasektor und in der ethischen Digitalisierung. Umweltschutz ist kompliziert: Man kann möglichst aufs Fliegen verzichten – dabei produziert das Internet mit seinen Servern bereits mehr CO2 als der gesamte Flugverkehr.

Wissenschaftler müssen bei den neuen Medien noch an besserer Energieeffizienz arbeiten. Nun, ich bin ja auch nur ein Teilzeitheiliger. International muss ich leider fliegen. Wir sollten künftig nicht mehr mit Kerosin fliegen, sondern mit solar erzeugtem Wasserstoff.

Verzicht auf Konsum tut weh und macht manchmal keinen Spaß, wie bekommt man alle ins Boot?
Das Thema heißt nicht Verzicht oder Askese, sondern ein besseres Leben für alle. Verzicht ist immer auch Gewinn. Wenn ich mit der Bahn fahre, bin ich um den Faktor 100 sicherer. Kein Auto mehr zu haben, ist doch kein Verzicht. Ich fahre 95 Prozent meiner Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Dabei spare ich Zeit, die ich nutzen kann, um Artikel zu schreiben, Interviews zu geben oder Bücher zu skizzieren.

Oder: Weil ich in den letzten Jahrzehnten kaum noch Fleisch esse, bin ich heute mit 80 gesünder, als ich es mit 65 war. Wir produzieren auf unserem Hausdach seit 26 Jahren Strom und Wärme über die Sonne. Dadurch haben wir auch viel Geld gespart. Wir müssen lediglich längerfristig denken, planen und wirtschaften.

Ist die bevorstehende Europawahl auch eine Klimawahl?
Wir müssen die Gnadenfrist zur Weltrettung, die wir noch haben, also die nächsten 15 bis 20 Jahre, nutzen, wenn wir als Menschheit überleben wollen. Das ist keine Glaubensfrage, wie uns Trump oder die AfD weismachen wollen, das ist schlicht Physik und Stand der Wissenschaft. Mit dem Dalai Lama schreibe ich gerade ein Buch über ökologische Ethik. Er sagt darin: „Buddha war natürlich ein Grüner. Und wenn ich heute in Europa leben würde, würde auch ich die Grünen wählen“.

Ich selbst war 26 Jahre CDU-Mitglied, bis ich 1988, zwei Jahre nach der Tschernobyl-Katastrophe, austrat, da meine Partei daraus keine Konsequenzen gezogen hat. Heute bin ich parteilos, aber überzeugt: Wir müssen aus der menschengemachten Klimaerhitzung endlich Konsequenzen ziehen – bis in die Wahlkabine hinein.

Warum gibt es zwar eine Facebook-Seite „Journalists for Future“ – aber noch keine entsprechende Bewegung?
Nun, wir Journalisten sind eine seltsame Spezies. Wir arbeiten meist nach dem uralten Motto „Only bad news are good news“. Je schlechter, je gewaltträchtiger und je spektakulärer die Nachricht, desto höher die Auflage, die Einschalt- oder Klickquote. Nicht wir Journalisten haben die Schüler aufgeweckt, sie sind dabei, uns aufzuwecken. Hoffentlich wacht auch die Politik auf.

Wenn es um die Überlebensfrage der Menschheit geht, gibt es keine journalistische Neutralität. Die Gründung einer „Journalists for Future“-Bewegung gehört zu unserer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung. Dabei geht es nicht um Parteinahme, sondern um unseren eigentlichen Job – um ganzheitliche Aufklärung. Meine eigene Erfahrung nach 50 Jahren politischem Journalismus: Auch good news sind good news.

Bekannt wurde Franz Alt, geboren 1938, als Moderator des Politmagazins Report. Der Journalist, Thealoge, und Umweltschützer schrieb in 40 Jahren 50 Bücher, die in 23 Sprachen Übersetzt wurden. Der meistgeehrte deutsche Fernsehjournalist bekam Goldene Kamera, Bambi, Grimme-Preis, Welt-Kind-Preis, Menschenrechts- und Umweltpreise.

Das Gespräch führte Annette Kögel. Dank an den Patmos-Verlag und die Website www.sonnenseite.com für Vorlagen.

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