Live und in Farbe : So erleben Sie Berliner Kultur vom Sofa aus

Es ist nicht nichts los, es findet nur woanders statt. Wie das Netz in diesen Krisenzeiten zur Bühne wird - und die besten Livestream-Tipps für Berliner Kultur.

Niemand im Saal - aber viele Veranstaltungen finden dennoch statt. Jetzt allerdings virtuell in Ihrem Wohnzimmer.
Niemand im Saal - aber viele Veranstaltungen finden dennoch statt. Jetzt allerdings virtuell in Ihrem Wohnzimmer.Foto: imago/photothek

Wenn sowieso alle zu Hause sitzen, kann man die Angst, etwas zu verpassen, auch FOMO genannt, getrost ad acta legen. Sollte man meinen. Leider falsch, es ist nämlich nicht nichts los, es findet bloß woanders statt. Das Internet ist in seiner Rolle als Fenster zur Welt noch nie so aufgegangen wie jetzt. Seit das körperliche Betreten fast des gesamten Kultursektors verboten ist, erschließen sich zunehmend Institutionen und Künstler das Netz als Bühne. Nebenbei tragen sie damit auch dazu bei, den ultimativen Lagerkoller zu verzögern, Spannungen und den Aufenthalt im Haushalt erträglicher zu gestalten und letztlich die Kurve flach zu halten.

Aber auch Stream ist nicht gleich Stream – Aufzeichnungen wie Filme können echten zwischenmenschlichen Austausch, natürlich nicht ersetzen. Unter den Streams sind Livestreams, also in Echtzeit, ohne Schnitt und Nachbearbeitung stattfindende Übertragungen, bei denen die Künstler verletzlich sind, weil Fehler nicht kaschiert werden können, das lebensnächste. Teils, wie bei Instagram, kann das Publikum die laufende Übertragung live kommentieren und auf Reaktionen der Künstler hoffen. Ein bisschen Live-Feeling und Gruppenatmosphäre kommt dabei schon auf.

Im Folgenden haben wir eine Übersicht aktueller Live-Streams für Sie zusammengestellt.

Für Dramaqueens

Theater wie das Berliner Ensemble sind derzeit wegen des Coronavirus geschlossen.
Theater wie das Berliner Ensemble sind derzeit wegen des Coronavirus geschlossen.Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

Am Anfang war das Theater – das kann man auch kulturgeschichtlich so stehen lassen. Das BKA-Theater hat zwar genau wie alle Kultureinrichtungen geschlossen, aber wer mag, ziehe sich einfach einen imaginären Vorhang durchs Wohnzimmer und lasse ihn zur Sendezeit aufgehen. Für den Lichtblick im abgedunkelten Raum sorgen am 28. März um 20.30 Uhr die die wilden Weiber von Neukölln und Roman Shamov, a.k.a. Ades Zabel & Company. Das gesamte Programm finden Sie unter bka-theater.de/spielplan.php

Für Avantgardisten

Ebenfalls vom BKA Theater kommt die Reihe „Unerhörte Musik”. Am 31. März spielt das Duo Voicetronics Werke von Charlotte Seither, Rainer Rubbert und den beiden Performern selbst. Das Instrumentarium umfasst die Stimme von Natalia Pschenitschnikova sowie Live-Elektronik und Video von Martin Daske, der nicht nur die Stimme seiner Partnerin bearbeitet, sondern sie auch in Klanglandschaften aus ganz anderen Welten einbettet. Für weitere Termine siehe unerhoerte-musik.de

Für Nachtschwärmer

Da war der Tresor noch auf. Jetzt kann man den DJs zuhören, ohne Schlange zu stehen - und ohne Risiko, an der Tür zu scheitern.
Da war der Tresor noch auf. Jetzt kann man den DJs zuhören, ohne Schlange zu stehen - und ohne Risiko, an der Tür zu scheitern.Foto: John MACDOUGALL / AFP

Zumindest innerlich kann man noch immer gut aus- statt eingehen. Immer mehr Clubs und kleine Bühnen gehen von Woche zu Woche auf Sendung mit DJ-Sets, Bands und anderen Performern. Unter den ersten digitalisierten Clubs waren der Salon zur Wilden Renate (renate.cc), das Watergate (water-gate.de/), der Tresor (tresorberlin.com) gefolgt von zahlreichen anderen.

Viele der vereinzelten Vorstöße der Clubwelt in die unendlichen Weiten des Netzes sind mittlerweile unter dem Dach der Plattform unitedwestream.berlin zusammengefasst, die eine Übersicht und einen Stream-Kalender bietet sowie die Möglichkeit, den Veranstaltern mithilfe von Spenden auch finanziell unter die Arme zu greifen. Wer sich erinnert: Schon vor Corona war das Clubsterben in Berlin drängendes Thema. Mit dem Ausbleiben jeglicher Umsätze in allen Bereichen der Subkultur ist das Thema alles andere als erledigt. Wie Stefanie Golla im Checkpoint schrieb: Jetzt wird sich zeigen, ob der Berliner Hedonismus auch Solidarität kann.

Für lesefaule Bücherwürmer

Literatur genießen, ohne selbst zu lesen - das geht auch ganz einfach von zu Hause.
Literatur genießen, ohne selbst zu lesen - das geht auch ganz einfach von zu Hause.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Wer nicht selber lesen will, lasse lesen. Zum Beispiel über Viral”, das online Literaturfestival, initiiert von Autor Donat Blum. Das streamt täglich um 19 Uhr Web-Lesungen, vorerst über Facebook. Aktuelle Termine stehen unter facebook.com/glitteratur. Unter den Hashtags #CoronaReadings und #CoronaConcerts veranstaltet das Interkulturelle Zentrum Heidelberg (iz-heidelberg.de) Live-Lesungen und Konzerte über Twitter (twitter.com/IZ_heidelberg).

Am 27. März um 21 steht die Schriftstellerin Berit Glanz auf dem Programm. Auch das Literaturhaus (literaturhaus-berlin.de) verlegt, wenn möglich und oft kurzfristig, geplante Lesungen ins Netz – ein wiederholter Blick auf beide letztgenannten Seiten kann sich in der nächsten Zeit also durchaus lohnen.

Für Glitzer- und Glamour-Queens

Die Drag Show „Pansy’s House of Présents” will Künstler*innen, deren Auftritte ausfallen müssen, ebenfalls über Streams unterstützen. Jeden Dienstag bis vorerst 14. April soll die mitunter schlüpfrige Show aus den Räumen von „Monster Ronson’s Ichiban Karaoke” so in die Schlafzimmer des Publikums kommen.

Für Fans

Der Pianist Igor Levit setzt sich fast jeden Abend an seinen Flügel und überträgt ein Konzert kostenlos im Internet.
Der Pianist Igor Levit setzt sich fast jeden Abend an seinen Flügel und überträgt ein Konzert kostenlos im Internet.Foto: Jan Woitas/zb/dpa

In den sozialen Medien, vor allem auf Instagram, aber auch auf Youtube, Facebook, Twitter haben unzählige Künstlerinnen und Künstler Profile. Da auch sie zurzeit zu Hause sitzen und die Bühne mutmaßlich vermissen, kann es sich lohnen, gezielt die Profile seiner Favoriten aufzusuchen – viele, wie die Indie-Musiker Ezra Furman (instagram.com/ezra.furman.visions) oder J. Mascis starten gerne spontan eine Übertragung auf Instagram.

Andere, wie der Pianist Igor Levit (twitter.com/igorpianist) auf Twitter, geben täglich zur gleichen Zeit (19 Uhr) ein Konzert. Folgt man den Profilen seiner Lieblings-Acts und erlaubt den jeweiligen Apps, Mitteilungen zu schicken, sobald es los geht, sollte man wenig verpassen. Mit Rhodes-Piano, Mikro und gelegentlichem Einsatz von Haushaltsutensilien vermittelt Jakob Amr von der Kieler Band Leoniden übrigens anschaulich, was Home-Office für Musiker bedeuten kann (instagram.com/leonidenleonidenleoniden/).

Für Selbersucher

Transparent am Haus der Kulturen der Welt zu Zeiten von Covid-19.
Transparent am Haus der Kulturen der Welt zu Zeiten von Covid-19.Foto: imago images/Carsten Thesing

Neben unitedwestream.berlin bieten auch diese Seiten Übersichten zu aktuell kommenden Live-Streams und anderen Formaten, die Corona trotzen: Eine der besten Übersichten über das Bühnengeschehen bietet der immer aktuelle Digital-Spielplan unter berlin-buehnen.de. Während unter den Programmpunkten im Berliner Bühnen-Spielplan auch viele Aufzeichnungen sind, ist das jüngst gegründete Portal „Sonic Distancing” ausschließlich Live-Streams gewidmet.

Dafür ist es ausschließlich auf klassische Musik beschränkt, die aber nicht nur aus dem deutschsprachigen Raum kommt, sondern auch mal aus Budapest, New York oder Boston. Speziell für die Berliner Stream-Landschaft gibt es jetzt die Plattform berlinalive.de, die nicht nur typische Kulturtermine umfasst, sondern auch etwa Übertragungen aus dem Abgeordnetenhaus und Kinderprogramm.

Für Alle

Gerade unter den nicht-institutionellen Angeboten kommen täglich neue Live-Streamer hinzu, andere brechen ab oder setzen mal einen Tag aus. Es empfiehlt sich also, die Augen aufzuhalten. Gerade bei kleinen Veranstaltern ist im Allgemeinen der Blick auf deren Social Media Seiten dem auf die Homepages vorzuziehen.

Auf Facebook, Instagram und Co sind Neuigkeiten in der Regel viel schneller eingetragen, als auf den Homepages. Ebenfalls eine gute Idee können Newsletter sein – das BKA Theater etwa informiert auf diesem Weg zurzeit zweimal die Woche über anstehende Übertragungen und das ist, angesichts der Geschwindigkeit, mit der Programme gerade ermöglicht, erstellt und verändert werden, keineswegs zu oft. Zu guter Letzt noch der Hinweis auf die Angebote des Tagesspiegel: mit dem Checkpoint, den Leute-Newslettern und dem Newsletter Berliner Kunst sowie auf unserer Themenseite "Zuhause" auch wir Sie täglich auf dem Laufenden.

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