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Mit Konsequenz und Kommissar Petrus: Vier Gründe für Berlins nicht ganz so schlimmen Jahreswechsel
Die Zahlen sind so hoch wie beim letzten Mal, aber die Folgen nicht genauso gravierend. Die Gründe reichen teils weit zurück – doch es war auch Glück dabei. Eine Analyse.
Stand:
Grau hingen die Feinstaubwolken um Mitternacht über der Stadt. In Berlin tobte mal wieder der Silvesterwahnsinn. Tausende von Raketen schossen die Menschen in den Himmel, viele wurden aber auch waagerecht abgefeuert. Mit dem neuen Jahr vergaßen manche wieder ihren Verstand, Jugendgruppen bewarfen sich von Straßenseite zu Straßenseite mit Böllern. Viele Balkone gingen in Flammen auf.
430 kurzzeitige Festnahmen, 35 verletzte Polizisten, 1830 Feuerwehreinsätze zwischen 19 und 6 Uhr: Die oberflächlichen Zahlen deuteten am Neujahrsmorgen darauf hin, dass Berlin eine genauso krasse Silvesternacht erlebt hat wie beim letzten Mal. Dennoch zogen Polizei und Feuerwehr eine positive Bilanz. Auch auf der Straße herrschte nachts der Eindruck vor: Diesmal war es nicht ganz so schlimm. Die ganz großen Randalen blieben ebenso aus wie die ganz schlimmen Folgen. Der Rettungsdienst verzeichnete keinen einzigen „ManV“, den Massenanfall von Verletzten.

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Woran lag das? Die Gründe liegen teils weit zurück, teils in der Einsatztaktik, aber sind auch teils dem Zufall geschuldet. Das zeigt sich an vier Punkten.
1 Konsequenz im Handeln und Reden
Vor einem Jahr erregte der Fall des „Raketen-Influencers“ großes Aufsehen. Der palästinensische Tourist hatte in Neukölln aus der Hand eine Rakete abgefeuert, die eine Wohnung in Brand setzte. Die Justiz urteilte schnell, aber maßvoll: Im April bekam der Mann sechs Monate Haft auf Bewährung – und entschloss sich bald darauf zur Ausreise.
Konsequenz im Handeln und Reden prägte in den vergangenen Wochen und bis in die Silvesternacht hinein auch die Arbeit der Polizei: Es gab eine mehrsprachige Aufklärungskampagne genauso wie Gefährderansprachen. Intensiv fahndete die Polizei nach illegaler Pyrotechnik und zog bis zum letzten Tag des Jahres 220.000 Sprengkörper ein, wie Innensenatorin Iris Spranger (SPD) stolz verkündete.
Überall in der Stadt wurde schon vor Silvester geknallt, das konnte überhaupt nicht wirksam unterbunden werden. Dennoch gab es auch schon vor 18 Uhr am 31. Dezember Festnahmen, wenn die Polizei davon Notiz nahm. Auch waghalsiger Raketenbeschuss wurde immer wieder mit Personalienfeststellungen und Ermittlungsverfahren geahndet, und noch in der Nacht ging die Polizei in Wohnungen, sobald es Hinweise auf Schreckschusswaffen oder Profi-Feuerwerk in unbefugten Händen gab – etwa in Moabit.
Über all das hat die Polizei ausgiebig gesprochen und damit das Signal gesendet: Wir schreiten ein. Dadurch erklärt sich auch die unverändert hohe Zahl an Festnahmen: Oft erfolgten Zugriffe schon bei geringeren Vergehen als im vergangenen Jahr.
2 Flexibilität im Einsatz
Dass die Polizei überhaupt Zeit hatte für die „schnelle Unterbrechung von kriminellen Täterdynamiken“, wie ihr Sprecher Florian Nath es formulierte, lag auch am neuen Einsatzkonzept. Anders als vor einem Jahr wurden nicht mehr starr die Außengrenzen von Böllerverbotszonen überwacht, sondern die Beamten in größeren Verbotsbereichen mobiler und flexibler für Kontrollen eingesetzt. Dass diese Zonen teilweise stark ausgeleuchtet waren, vereinfachte die Arbeit ebenfalls.
Auch die Feuerwehr agierte weitaus flexibler als im Vorjahr. Die entscheidende Änderung: Sie setzte auf „taktische Einheiten“. Tanklöschfahrzeuge mit großem eigenen Wasservorrat, die sonst in den Außenbezirken mit wenigen Hydranten stationiert sind, wurden in der Silvesternacht in Innenstadtwachen postiert. Sie waren nur mit zwei bis drei statt sechs Feuerwehrleuten besetzt und konnten mit geringem Aufwand schnell Kleinbrände löschen, ehe diese sich ausweiteten.
3 Kommissar Petrus
Polizei und Feuerwehr profitierten jedoch auch vom Zufall. Und damit ist zunächst einmal das Wetter gemeint. Der Schneefall am Silvestermorgen führte zu feuchten Böden, Gebüschen und Dächern. „Die Nässe führt dazu, dass, wenn es zu Bränden kommt, nicht viel um sich greift“, erläuterte Feuerwehrsprecher Vinzenz Kasch die positiven Auswirkungen.
Dass in der Nacht vielerorts Nieselregen einsetzte, kam auch der Polizei zugute. Viele Menschen trieb es bei nasskalter Witterung schnell wieder in die warme Wohnung, das Geschehen wurde überschaubarer. Zugleich blieb es in der Nacht warm genug, dass es nicht zu überfrierender Glätte kam, die nach dem Schnee nur wenige Stunden vorher durchaus zu befürchten war: Die hätte den Rettungsdienst und auch die Notaufnahmen der Krankenhäuser schnell überlasten können.
4 Einsicht und Glück
Ein entglaster Straßenzug nach der Explosion einer Kugelbombe in Schöneberg, ein Haus, das komplett evakuiert werden musste, ein Siebenjähriger in Reinickendorf, der durch eine weitere Kugelbombe beinahe gestorben wäre: Der Schock saß nach der vergangenen Silvesternacht tief.

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Aus Teilen der Stadt gab es diesmal auch Berichte, wonach weniger oder zumindest rücksichtsvoller geknallt wurde. Auch schienen Kugelbomben nicht in demselben Maß wie im Vorjahr gezündet worden zu sein. Waren schlichtweg auch Menschen nach den früheren Exzessen und deren schlimmen Folgen zur Einsicht gekommen?
Das kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch viel Glück im gefährlichen Spiel war. Viele böllerten und feuerten auch diesmal ungeachtet der Schreckensnachrichten unvermindert weiter. Die Polizei beklagte zahlreiche unverantwortliche Aktionen mit Böllern und Raketen. Allein im Unfallkrankenhaus in Biesdorf waren Dutzende Schwerstverletzte zu versorgen, darunter viele Kinder. Das, was in Berlin als normales Silvestergeschehen durchgeht, hatte auch dieses Jahr für viele Menschen schwerwiegende Folgen für ihr weiteres Leben.
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