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Die Zeit steht Stil. F.C. Gundlach verstand es, Berliner Mode in Szene zu setzen: „Das große Bild habe ich 1961 in der Woche gemacht, als die Mauer gebaut wurde. Mit einem Teleobjektiv, so dass man die Schilder sehen kann, die sagen: ,You are leaving the American Sector‘. Die Mode dominiert, aber das Brandenburger Tor ist im Hintergrund.“
© F.C. Gundlach

F.C. Gundlach im Interview: "Mode? Das war doch Berlin!"

Pelz und Trümmer passten nicht zusammen, Frontstadt und Fashion umso mehr: In den 50er und 60er Jahren setzte der Fotograf F. C. Gundlach Kleider in Szene – und wurde zur Ikone. Hier erinnert er sich an goldene Zeiten. Eine Plauderei ohne Nähkästchen.

Von Grit Thönnissen

Franz-Christian Gundlach ist der wichtigste Förderer der Fotokunst in Deutschland. Er wurde 1926 im hessischen Heinebach geboren, 1945 kam er in amerikanische Kriegsgefangenschaft. 1946 absolvierte er eine fotografische Lehre in Kassel, seine erste Stelle hatte er in Stuttgart bei einer Modefotografin. Bei einem Aufenthalt in Paris lernte er die Haute Couture kennen, fotografierte für deutsche Illustrierte die Kollektionen großer Häuser. 13 Jahre lang inszenierte Gundlach für das Magazin „Film und Frau“ die Mode von Berliner Couturiers. Ab 1963 arbeitete er 20 Jahre lang exklusiv für die „Brigitte“, deren Modestil er prägte – und damit den der deutschen Frauen. Schon früh lernte Gundlach wichtige Fotografen wie Erwin Blumenfeld, Irving Penn und Horst P. Horst kennen. Von 1975 bis 1992 stellte er in seiner Hamburger PPS-Galerie Bilder vieler großer Bildkünstler aus. Aus dem Fotografen Gundlach wurde mehr und mehr ein Sammler und Förderer, auch lehrte er an der Berliner Universität der Künste. Heute arbeitet er in einer zum Archiv ausgebauten Altbauetage in Hamburg-Harvestehude, organisiert Ausstellungen, sichtet Bilder, knüpft Kontakte. 2003 wurde er Gründungsdirektor des Hauses der Photografie in den Deichtorhallen – in diesem Jahr findet dort die von Gundlach 1999 ins Leben gerufene Triennale der Photographie statt. Zur Berliner Modewoche wird er wohl dieses Mal nicht kommen.

Der Fotofürst: F.C. Gundlach.
Der Fotofürst: F.C. Gundlach.
© Oliver Rolf

Herr Gundlach, wann war die Hochzeit der Berliner Mode?

Für mich vor allem in den 50er Jahren. Während der damals zentralen Berliner Messe „Durchreise“ zeigten auch die ortsansässigen Couturiers. Die wichtigsten Moderedaktionen waren „Constanze“ und „Film und Frau“, für die ich 13 Jahre lang fotografiert habe. In den Magazinen ging es nur um Berliner Mode. Das begann ja schon im Sommer 1945 wieder – da wurden Flickenkleider aus Stoffresten gezeigt, Heinz Oestergaard benutzte Kupferkunstseide und Nylontüll. 1946 gab es zwischen Gedächtniskirche und Halensee schon wieder mehr als 210 Modegeschäfte.

Sie haben in den 50er und 60er Jahren in Berlin nicht nur Mode fotografiert, Sie haben dabei auch die Zeit dokumentiert.
Ich habe Bilder von den Couturiers Staebe und Seger gemacht, die kamen nach dem Krieg schnell wieder zu Geld und luden mich in ihre Villa im Grunewald ein, um sie zu porträtieren. Seger hatte vor dem Krieg einen jüdischen Partner – der ist emigriert. Nach dem Krieg machte er mit Staebe weiter, Staebe machte die Kleider und Seger die Mäntel. Am Haus stand damals noch der jüdische Name, aber das spielte in der Nachkriegszeit ja keine Rolle mehr.

Haben die Couturiers auf die Tradition, die Kontinuität der Berliner Mode gesetzt?

Absolut. Man hat genau da weitergemacht, wo man bei Kriegsende aufgehört hatte. Es gab ja auch Salons, die Frau Goebbels oder Frau Göring eingekleidet hatten.

Wo fanden die Modenschauen statt?
In den Salons der Designer. Dort gab es richtige kleine Bühnen und Sesselchen mit Stabaschenbechern, weil dort geraucht wurde. Und es gab Wein und Sekt, natürlich.

Gab es eine Sitzordnung?
Natürlich, da standen zwei Sofas, um die wurde gekämpft.

Man durfte sich platzieren?
Nein, man wurde platziert, der Kampf fand vorher statt – es ist wie heute mit der ersten Reihe bei Modenschauen.

Die Schauen dauerten damals zwei Stunden. Heute sind es nur 15 Minuten.
Das war normal, es waren oft ja mehr als 200 Outfits. Damals lief auch keine Musik. Staebe-Seger hatten einen Geschäftsführer, der sagte mit lauter, sonorer Stimme die Modellnummern und Materialien an. Das war genug.

Wurde die Mode auch in Berlin gefertigt?
Die Berliner Konfektion ist ja dadurch entstanden, dass es Ende des 19. Jahrhunderts eine große Immigrationswelle von Juden aus Galizien und Russland gab. Die ließen sich in Berlin nieder, hatten aber kein Bürgerrecht, also sind sie von Haus zu Haus gegangen und haben Kleider verkauft. Und sie haben angefangen, in Heimarbeit zu nähen. In den Hinterhöfen waren die sogenannten Zwischenmeistereien ...

... also Schneidereien, die die Kollektionen für die Couturiers anfertigten ...
... das waren jeweils etwa 40 Frauen, die arbeiteten in höchster handwerklicher Qualität. Am Hausvogteiplatz gab es auf jeder Etage einen Salon. Es gab auch Pariser Häuser, die in Berlin eine Dependance hatten – die ganz große Zeit Berlins war die zwischen den Kriegen. Davon ist nichts übrig geblieben. Ich bin nach der Wende mal abends am Hausvogteiplatz vorbeigefahren und sah da Schilder: „Salomon und Brüder“. Am nächsten Morgen bin ich gleich hingefahren, um das zu dokumentieren – und dann wurde dort ein Film gedreht, es war alles nur Dekoration.

Heute gibt es in Berlin ja kaum noch Zwischenmeistereien.

Damals aber waren sie das Herz der Berliner Couture! Die Kleider hatten Pariser Qualität, deshalb hatten die Designer auch kein wirtschaftliches Risiko. Die gaben ihre Mode in Auftrag und sie wurde genäht und verkauft, das ging bis 1961. Die Couturiers waren im Westen, die Zwischenmeistereien im Osten. Dazu kam das für den Westen günstige Währungsgefälle – es lief reibungslos. Die großen Kunden waren Schweizer und Schweden. Wenn ein Schweizer Modehaus aus der Züricher Bahnhofsstraße kam, wurde der gesamte Salon gesperrt, die kauften die ganze Kollektion.

Damals waren die Auftragsbücher voll, es gab kaum Produktion, die nicht bestellt war. Heute lassen Designer oft auf eigene Gefahr hin fertigen.
Die Modehäuser haben alle eng mit den Nähereien zusammengearbeitet. Es gab eine Schneiderin, um die buhlten alle Designer: Käthe Streve, eine typische Berlinerin, ein bisschen füllig, die war die Beste. Der Standard war eh sehr hoch, mit Konfektion hatte das nichts mehr zu tun. Jedes Kleid wurde pro Stadt nur ein Mal verkauft. Käthe kam in die Salons, sah sich die Kollektion an und sagte: „Jungchen, mach mal deine Striche, ick mach das schon.“ Sie war ein tolles Original. Wer bei ihr nähen ließ, konnte sicher sein, dass seine Kollektion gut wurde und Abnehmer fand.

Dieses Bild schoss F.C. Gundlach an einem kühlen Novembertag 1954 vor dem Ausflugsschiff "Alte Liebe" am Stößensee. Der Fotograf ist noch heute begeistert vom Look seines Modells: "Was für ein modernes Outfit!"
Dieses Bild schoss F.C. Gundlach an einem kühlen Novembertag 1954 vor dem Ausflugsschiff "Alte Liebe" am Stößensee. Der Fotograf ist noch heute begeistert vom Look seines Modells: "Was für ein modernes Outfit!"
© F.C. Gundlach

"Rut Brandt hat sich sehr gut angezogen"

"Diese Moderedakteurinnen bestimmten die Zeit", sagt F.C. Gundlach über dieses Foto von 1950.
"Diese Moderedakteurinnen bestimmten die Zeit", sagt F.C. Gundlach über dieses Foto von 1950, das Journalistinnen aller deutschen Modemagazine vor dem Maison de France am Ku'damm zeigt - sämtlich mit Hut und im Pelz.
© K.L. Haenchen

Konnte nach dem Krieg in den Zwischenmeistereien gleich weiter gefertigt werden?
Ja, Heinz Oestergaard konnte gleich nach dem Krieg aus Militärstoffen Mäntel machen lassen. Auch die „Durchreise“ war schnell zurück, sie war ja die zentrale Veranstaltung – es gab sie schon 1850, die Kontinuität sollte man nicht vergessen. Während der Inflation, wie heute auch, konnte der Luxus nicht groß genug sein, riesige Chinchillamäntel, vom Feinsten! Zur Eröffnung des Hilton-Hotels 1958 kam Frau Adlon, die ihr Haus geführt hatte, bis es von den Russen abgebrannt wurde, in einem Chinchillamantel und dicken Klunkern und begrüßte Willy Brandt. Der war ein wenig konsterniert, stand noch nicht mal auf.

Seine Frau Rut Brandt wurde von dem großen Berliner Modeschöpfer Uli Richter eingekleidet.
Die beiden konnten gut miteinander, Rut hat sich sehr gut angezogen. Es gibt ein Bild, da steht sie neben der französischen Präsidentengattin Madame Pompidou, die hat ein von oben bis unten besticktes Kleid an und sieht aus wie ein Weihnachtsbaum. Rut Brandt trägt einen schwarzen Samtrock mit einer weißen Bluse, sehr modern. Sie sah super aus!

Damals war es für die Mode unerlässlich, dass eine gesellschaftliche Schicht ihren Status durch Kleidung repräsentierte.
Das ist auseinandergeflogen, die Welt ist eins geworden durch die Digitalisierung. Anfang des Jahrhunderts kamen noch die reichen russischen Urlauber auf ihrem Weg nach Baden-Baden nach Berlin und ließen sich in den Salons neu einkleiden. Dann kam der Film dazu. Und in Berlin erschien eine Reihe wichtiger Zeitschriften.

Aber nach dem Krieg …
… konnten Sie von Berlin aus keine Zeitschriften mehr machen. Die Verleger gingen alle nach Hamburg, „Film und Frau“ wurde 1948 gegründet, genau wie „Constanze“.

Und Sie arbeiteten in Stuttgart. Für eine Modefotografin.
Ich war ihr Assistent. Stuttgart war die erste Stadt nach dem Krieg, wo sich alle trafen, da gab es einen Speckgürtel an Industrie – auch Mode, wie Bleyle. Das musste alles fotografiert werden. Die Konfektion orientierte sich aber sehr schnell wieder nach Berlin, die Häuser gingen alle an den Kurfürstendamm. Gehringer war Ecke Uhlandstraße im ersten Stock, da ist jetzt eine Galerie. Staebe-Seger war schräg gegenüber. Das war das Zentrum.

War es immer Ihr Wunsch, Mode zu fotografieren?
Ich habe ja richtige Reportagen gemacht. Damals gab es 20 Illustrierte in Deutschland. Ich habe immer zu meinen Studenten gesagt: Wer Karriere machen will, braucht drei Dinge – Talent, Disziplin und Fortune. Ich kam 1950 nach Paris und war zwei Jahre dort. Meine Bilder schickte ich „Film und Frau“, das war das erste Blatt, das von Modebegeisterten wieder gesammelt wurde. Die beschäftigten Berliner Fotografen wie Regina Relang, Hubs Flöter, Charlotte Rohrbach. Und als ich die Redaktion mal in Hamburg besuchte, da wollten sie eben, dass ich Mode fotografiere.

Gab es Vorgaben für die Fotos in Berlin?
Bei uns gab es keine Trümmer.

War das eine ausdrückliche Anweisung?
Das war einfach klar. Wenn man nach vorne gucken wollte, bezog man sich nicht auf die Vergangenheit, und Trümmer passten nicht dazu. Und es war ja auch fast Blasphemie, Trümmer zusammen mit Pelzen zu zeigen.

Auch heute würde es Leser stören, wenn Elend stilisiert wird.
Wenn die Trümmer 2000 Jahre alt sind, geht das vielleicht wieder. Wir feiern 25 Jahre Wiedervereinigung als große Tat – und der Hitler hat die Welt in nur zwölf Jahren in Trümmer gelegt, unfassbar.

Hier eine Impression von einem Shooting 1955 mit Grit Hübscher, Gundlach selbst ist rechts im Bild. "Das war unser erster Bus, da hingen die Kleider, da konnte das Modell sich umziehen, frisieren, schminken. Man musste ja alles selbst machen."
Hier eine Impression von einem Shooting 1955 mit Grit Hübscher, Gundlach selbst ist rechts im Bild. "Das war unser erster Bus, da hingen die Kleider, da konnte das Modell sich umziehen, frisieren, schminken. Man musste ja alles selbst machen."
© F.C. Gundlach-Archiv, Hamburg

Es gibt aber Ihr Bild von dem Mannequin vor der zerstörten Gedächtniskirche.
Aber das war später, da war ich schon etabliert. Mir hat die Pariser Zeit sehr gut getan. Ich hatte meine erste Ausstellung dort in der Rue Jacob in einer kleinen Buchhandlung, nur zweihundert Meter vom Café de Flore entfernt, das machte abends um sechs auf bis Mitternacht. Und ich hatte ja mein Mäppchen immer dabei, und da durfte ich ausstellen. Porträts von den französischen Schauspielern wie Jean Marais und Jean Cocteau, die saßen doch alle da im Café.

Hat Paris Ihre Sicht auf Mode verändert?
Mode ist ein substanzieller Bestandteil unseres Lebens! Jeder trifft doch morgens die Entscheidung, was er anzieht. Ich gebe Signale, wie ich wahrgenommen werden möchte.

Das ist heute viel schwieriger geworden, weil es keine festen Regeln mehr gibt.
Damals wurde viel mehr vorgegeben, was auf den Bildern gezeigt wird. Paris gab Trends vor, man versuchte immer, ein Symbol zu finden – wie die Y-Linie, oben weit, unten eng. Das musste dann reflektiert werden – auch in den Läden.

Ein Döschen Kaviar für den Couturier

Dieses Foto ist 1956 auf der Avus aufgenommen. „Das war Sommermode von Staebe-Seger", sagt F.C. Gundlach, "im Winter draußen fotografiert!“
Dieses Foto ist 1956 auf der Avus aufgenommen. „Das war Sommermode von Staebe-Seger", sagt F.C. Gundlach, "im Winter draußen fotografiert!“
© F.C. Gundlach

Wie haben Sie damals gearbeitet?
Damals sprach man in Paris über fünf, sechs Häuser, mehr nicht. Dior, Balmain waren immer gut. Ich arbeitete mit einer Redakteurin der „Zeit“ zusammen. Wir haben immer nur nachts gearbeitet, in Paris lief alles nur über Beziehungen. Das Erste, was ich machte: Ich ging ins Feinkostgeschäft und kaufte Korruptionalien. Döschen Kaviar oder eine Paté. Und bei den großen Häusern schob ich die Döschen über den Tisch. Wir gaben unsere Listen mit den Modellen ab, die wir fotografieren wollten, und abends nach sieben Uhr konnten wir die Sachen bekommen. Es gab in jeder Kollektion ein, zwei Sachen, die musste man haben! Ein Kleid ging dann durch sechs Fotoateliers. Manchmal gab es acht Fotografen, inklusive Richard Avedon und Irving Penn.

Alle fotografierten nachts?
Ja, da gab es Pierre Gassmann, ein Mitbegründer von Magnum, der machte sehr gute Abzüge, auch für Henri Cartier-Bresson. Der machte eine Dunkelkammer auf, da gaben wir unsere Filme ab und am nächsten Morgen hatten wir die Bilder. Das waren sehr anstrengende Nächte, man fotografierte bis zwei Uhr, und das einzige Restaurant, dass die ganze Nacht aufhatte, war das La Coupole am Montparnasse, da trudelten dann die einzelnen Fototeams ein, am nächsten Morgen kamen die Anrufe aus Deutschland. Und mittags gab es die nächsten Schauen.

Und in Berlin haben Sie später zweimal im Jahr für drei Wochen fotografiert?
Nein, unsere ganze Redaktion zog nach Berlin, so wichtig waren die Kollektionen. Wir mieteten ein Berliner Zimmer am Kurfürstendamm 213. Das machte ich dann zu einem Atelier, da fotografierte ich für die „Film und Frau“. Unser Team wohnte im Hotel Haus Ravensburg, das gibt es nicht mehr. Das war neu und sehr merkwürdig, da wohnten nur Filmleute. Für mich war kein Platz mehr, da hat mir die Hotelbesitzerin etwas bei einer Freundin vermittelt, da konnte ich auf dem Sofa schlafen. Die muss Jüdin gewesen sein, und sie hat in Berlin überlebt, bei der Frau, der das Hotel gehörte.

Aber darüber wurde nicht gesprochen?
Gar nicht. Sie passte immer auf meine Hunde auf.

Haben Sie in Berlin viele Menschen mit Brüchen in ihrer Biografie getroffen?
Wahnsinn ist die Geschichte mit den Fotografen Hubs Flöter und Norbert Leonard. Leonard hieß eigentlich Levi, er hat noch bis 1942 in Berlin publiziert, was sehr ungewöhnlich war. Aber dann kam er doch nach Oranienburg ins Konzentrationslager. Er war ein sehr guter Lithograf, und in dem Lager war eine Lithografie-Werkstatt, die machten Falschgeld.

Diese Geschichte wurde 2007 verfilmt, „Die Fälscher“ gewann sogar einen Auslands-Oscar.
Genau. Leonard hatte sich auf britische Pfundnoten spezialisiert und Millionen davon hergestellt. Das hat sein Überleben gesichert.

Und nach dem Krieg hat Leonard einfach weiterfotografiert?
Ja, und dann war da Flöter, der seit 1932 in der Partei war, ein Nazi bis zum Schluss. Die treffen sich wieder, der eine kommt aus dem KZ, der andere war ein Nazi. Meinen Sie, da hätte einer nur ein Wort gesagt? Nur ein Wort? Nichts, nie, zu niemandem. Verdrängen, um weiterleben zu können.

"Hier haben wir zwei Mannequins in eleganten Abendkleidern von Staebe-Seger in den Tiergarten auf eine Wiese gestellt", erinnert sich F.C. Gundlach.
"Hier haben wir zwei Mannequins in eleganten Abendkleidern von Staebe-Seger in den Tiergarten auf eine Wiese gestellt", erinnert sich F.C. Gundlach. "Wie kahl der Park da noch war!" 1954 stand dort kaum noch ein Baum - die große Brennholzknappheit lag nicht lange zurück.
© F.C. Gundlach

Später, 1958, ging die Berliner Mode nach Amerika. Und Sie waren mit dabei.
Ich habe das für den „Stern“ fotografiert. Die großen Häuser wie Uli Richter, Gehringer & Glupp, Heinz Oestergaard, Staebe-Seger wurden vom Deutschen Modeinstitut eingeladen, in New York zu zeigen. Sie mussten ihre Mannequins mitnehmen, die Kleider waren ja auf sie geschneidert. Die ganzen Couturiers saßen im selben Flieger – es war ein Abenteuer. Ich habe eine Modenschau im Flugzeug arrangiert, ich brauchte doch attraktive Fotos. Und ich habe böse Bilder von Carmel Snow, der Chefredakteurin der „Harper’s Bazaar“, gemacht. Sie war völlig isoliert und vom Alkohol zerfressen, aber sie hatte großen Einfluss.

Wie haben Sie New York erlebt?
Ich habe Geschichten inszeniert, die Mannequins auf die Fifth Avenue geschickt, um die Reaktion der Amerikaner zu sehen. Ich selber habe vom ersten Stock des Kaufhauses Saks Fifth Avenue aus fotografiert. Ich habe Après-Ski-Sachen mitten im Sommer fotografiert. Und die Leute guckten. Es war das erste Mal, dass die Berliner in New York wahrgenommen wurden als neue Mode. Das wurde auch nur einmal gemacht, der Einzige, der danach einen Vertrag hatte, war Uli Richter.

Wurde das Präsentierte als „Berliner Mode“ oder als „Deutsche Mode“ tituliert?
Als Deutsche Mode! Das war doch Berlin. Aber es ist ihnen nicht gelungen, deutsche Mode so zu etablieren, dass sie neben Paris existieren konnte und wahrgenommen wurde.

Wie ging es in den 60ern weiter?
Seit dem Mauerbau 1961 wollte niemand mehr nach Berlin. Uli Richter hat in München gezeigt, Oestergaard wurde Modeberater bei Quelle in Nürnberg, einige gingen nach Düsseldorf, alles fiel auseinander. Das Produktionssystem funktionierte nicht mehr, da war ja die Mauer. Die Zwischenmeistereien im Osten hatten mehr als 7000 Mitarbeiter, die konnten nicht alle weglaufen. Und die Designer wurden zu alt, da kam nichts nach. Uli Richter war der jüngste, der hat seine Firma 1982 aufgegeben. Da war er 56.

„Das war 1962 mein erstes Foto in Kreuzberg“, erinnert sich F. C. Gundlach. „Wir sind durch die Stadt gefahren und haben die Wand mit dem Gedicht gefunden, die Kneipe hieß Leierkasten. Das Model Trudy war super, die hat später einen Freund von mir geheiratet. Die Kinder gingen zufällig durchs Bild, da musste ich schnell reagieren.“
„Das war 1962 mein erstes Foto in Kreuzberg“, erinnert sich F. C. Gundlach. „Wir sind durch die Stadt gefahren und haben die Wand mit dem Gedicht gefunden, die Kneipe hieß Leierkasten. Das Model Trudy war super, die hat später einen Freund von mir geheiratet. Die Kinder gingen zufällig durchs Bild, da musste ich schnell reagieren.“
© F.C. Gundlach

Ab 1963 haben Sie für die „Brigitte“ gearbeitet. Spielte da Berlin überhaupt noch eine Rolle?
Nein, Berlin war da schon nicht mehr so wichtig. Ich merkte, dass ab dem Ende der 50er Jahre ein Zeitenwechsel bevorstand. Die 60er waren für mich die wichtigste Dekade des ganzen Jahrhunderts. Was gab es da alles: politische Diskussion, Studentenunruhen. Die Emanzipation, ein ganz anderes Frauenbild. Der Begriff „Madame trägt“, der bei „Film und Frau“ noch sehr im Schwange war, der verschwand. Dort war die Leserin die elegante Frau, und die Tochter sah genau aus wie Mama. Das änderte sich alles. Plötzlich war da die Op-Art, die Pop-Art, der Minirock.

Und da passte die Berliner Couture nicht?
Plötzlich machte man in Paris Prêt-à-porter …

… Mode von der Stange, fertig zum Tragen …
… ja, keine drei Anproben mehr! Es war ein Skandal, die Macher wurden verachtet und fertiggemacht. Aber es dauerte zwei Jahre, und alle machten Prêt-à-porter. Barbara Buffa, die Modechefin der „Brigitte“, hat die Bedeutung für die Konfektion erkannt. Aber wir waren auch schnell, eine sehr begabte Dame zeichnete innerhalb von zwei Tagen aus einem Kleid ein Schnittmuster, das wurde dann bis zu 30.000 Mal angefordert. 1960 war das beliebteste Weihnachtsgeschenk eine Nähmaschine. Wir waren genau zur richtigen Zeit da.

Haben Sie auch die Models ausgesucht?
Mit den Models ist es genau wie mit der Mode. Zu einer bestimmten Zeit gibt es einen bestimmten Typ – wie Uschi Obermaier. Die war nur gut, wenn sie sie selber war. Sie sah unmöglich aus, wenn sie ein Kleid anhatte. Ich musste ja für „Film und Frau“ viele Schauspielerinnen fotografieren. Das ist was völlig anderes, als mit Models zu arbeiten. Ein Model muss der Zeit entsprechen, im Habitus, in der Figur, in der Bewegung. Es gibt bestimmte Gesten, die gehören einfach in die 50er Jahre, wie der Ausfallschritt, eine starre Pose. In den 70ern sind wir die ganze Zeit gelaufen, immer die natürliche Bewegung.

"Modewoche? Einmal und nie wieder!"

Hier sieht man das Schillertheater, „mit Grit Hübscher davor in weißer Fuchsstola in die Nacht geblitzt – sieht aus wie große Welt! Das war damals, 1955, neu:Blitz, Nacht und draußen“.
Hier sieht man das Schillertheater, „mit Grit Hübscher davor in weißer Fuchsstola in die Nacht geblitzt – sieht aus wie große Welt! Das war damals, 1955, neu:Blitz, Nacht und draußen“.
© F.C. Gundlach

Und die 2010er Jahre? Wie bewerten Sie die aktuelle Modewoche?
Ich war einmal im Zelt und dann nie wieder. Es ist billig, das geht einfach nicht, das hat keinen Glamour. Was macht denn Karl Lagerfeld? Riesige Inszenierungen, der baut das ganze Grande Palais um und zeigt Chanel. Der macht doch seit Jahren keine Kleider mehr! Er ist sehr französisch, der macht Konversation und nach einer halben Stunde weiß man nicht mehr, was er geredet hat – aber er passt ins System. Die Frage ist: Warum funktioniert es in Berlin nicht?

Was ist Ihr Vorschlag?
Mode muss zelebriert werden. Und es fehlt an Substanz, der Ruf muss über die Stadt hinausgehen. Nach dem Krieg gab es ein Bewusstsein, was man ist. Und es gab die Produktion. Erst einmal muss man international präsent sein, der ganzen Welt zeigen: Hier gibt es noch was in Berlin!

Es gibt ein Bedürfnis, dass es in Deutschland einen Ort gibt, wo die Branche zusammenkommt, also Designer, Hersteller und Einkäufer. Aber viele deutsche Firmen nutzen das nicht.
Gerade ist die Bread & Butter eingegangen. Ich kenne den Chef Karl-Heinz Müller gut. Ihm sind über Nacht die großen Aussteller weggebrochen. Der Handel hat sich verändert, die Großen haben überall Flagshipstores aufgemacht. Auch in Hamburg gibt es alle Luxusmarken wie Hermes, Bulgari – aber das kaufen doch die Hamburger nicht. Müller hat eine gewisse Internationalität nach Berlin gebracht. Das bricht jetzt weg. Ich habe Müller immer bewundert. Ich war das erste Mal im Januar 2003 auf seiner Messe in den Siemenshallen in Spandau.

Haben Sie da Ihre Bilder gezeigt?
Da gab es eine Wand, die war furchtbar. Ich habe 20 Vergrößerungen meiner Bilder gemacht, und plötzlich war es eine Modeausstellung. Auch in seinen neuen Laden am Kurfürstendamm habe ich Bilder gehängt. Das ist jetzt alles Konkursmasse. Daran sehen Sie, wie schnell sich unsere Zeit ändert, und auch unsere Wahrnehmung.

Sie sagen ja auch, dass Mode ein Spiegel der gesellschaftlichen Situation ist.
Natürlich, heute kann sich jeder kleiden, wie er will, er kann sein eigener Stylist sein. Aber man wird immer noch danach beurteilt. Ich habe Klamotten, die ich seit 20 Jahren trage und die immer noch wunderbar sind. Ich hatte früher denselben Schneider wie Axel Springer. Aber ich musste drei Mal zur Anprobe kommen. Ich hatte mal einen Anzug aus einem rauen Wollstoff mit Hahnentrittmuster, und der Chefredakteur der „Constanze“, Kemp, ein smarter Knabe, saß in einer Presseschau in Berlin direkt neben mir – und trug den gleichen Anzug. Heute lacht man drüber.

Der vorliegende Text erschien erstmals gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin am 10. Januar 2014.

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