Mode reagiert auf Coronavirus-Krise : Jetzt wird der Mundschutz zum It-Accessoire

Mundschutz aus Kaffeefiltern, aus Baumwolle oder aus Spitze zum Heiraten. In Berlin wird die Maske hip.

Für jeden Anlass. Bei Chiton in Schöneberg kann sich die Braut zeitgemäß vermummen.
Für jeden Anlass. Bei Chiton in Schöneberg kann sich die Braut zeitgemäß vermummen.Foto: promo

Der Mundschutz ist zum modischen Symbol des Coronavirus geworden. Noch vor ein paar Wochen wurden Menschen, die ihr halbes Gesicht verhüllten, belächelt und als hygienehysterisch hingestellt. Jetzt haben wir uns an den Anblick gewöhnt, erst durch mediale Bilder, dann durch immer mehr Menschen, die sich die Maske überstreifen, sobald sie das Haus verlassen. Langsam tragen so viele Menschen Mundschutz, dass man sich ohne unpassend gekleidet vorkommt.

Der Mundschutz wird zu einer sichtbaren Selbstermächtigung: Wenn ich meine Wohnung verlasse, helfe ich mit und schütze mich und andere. Dabei geht es nicht nur um die tatsächliche Wirkung, sondern auch um eine freundliche Geste seinen Mitmenschen gegenüber. Ein nonverbales Signal, wie man es von der Mode kennt.

 [Behalten Sie den Überblick: Jeden Morgen ab 6 Uhr berichten Chefredakteur Lorenz Maroldt und sein Team im Tagesspiegel-Newsletter Checkpoint über die aktuellsten Entwicklungen rund um das Coronavirus. Jetzt kostenlos anmelden: checkpoint.tagesspiegel.de]

Weil es schon für Mitarbeiter in Krankenhäusern nicht genug gibt, sind die meisten Masken improvisiert aus Baumwollstoff selbst genäht und haben weniger Filterwirkung als die, die in Krankenhäusern verwendet werden. Das tut der Do-it-yourself-Bewegung keinen Abbruch: Die Facebookgruppe „Masken nähen Berlin ehrenamtlich“ hat nach wenigen Tagen schon fast tausend Mitglieder.

So kennt man die Maske ursprünglich: Hier als Teil der Schutzkleidung einer Krankenschwester.
So kennt man die Maske ursprünglich: Hier als Teil der Schutzkleidung einer Krankenschwester.Foto: picture alliance/dpa/Jean-Christophe Bott/KEYSTONE

Hier werden Gummibänder und kochfeste Baumwollstoffe gespendet, Tipps für den besten Schnitt gegeben – Faltenwurf versus Kaffeetüte. Und eine Verkäuferin fragt, ob es komisch ist, wenn sie einen Mundschutz trägt. Diese Frage dürfte sich in den nächsten Tagen von selbst erledigt haben, dann wird jeder seltsam anmuten, der beim Bäcker keine trägt.

[Behalten Sie den Überblick: Corona in Ihrem Kiez. In unseren Tagesspiegel-Bezirksnewslettern berichten wir über die Krise und die Auswirkungen auf Ihren Bezirk. Kostenlos und kompakt: leute.tagesspiegel.de]

Schwere Zeiten für die Mode. Keiner will und braucht gerade neue Kleidung. Wer zu Hause bleibt, macht sich keine Gedanken über sein Outfit. Und wer rausgeht, hält Abstand. Nicht nur das Luxushaus Prada und die schwedische Fast-Fashion-Kette H&M lassen jetzt Schutzkleidung und Mundschutz nähen, auch Berliner Designer beschäftigen sich mit dem neuen It-Accessoire: Im Schaufenster von Chiton, einem Brautmodengeschäft in Schöneberg, trägt eine Puppe nicht nur ein weißes Kleid, sondern auch die passende Maske aus Spitze und Seide für 16 Euro. Die schlaue Braut plant vor: Wer weiß, ob im Hochzeitsmonat Mai alles wieder normal läuft. Im Schaufenster hängt ein Schild: „Be social, trage Gesichtsmasken!“

Selbst Fetish-Masken gibt es schon

Auch das Techno-Modelabel Nakt hat sich etwas für seine Zielgruppe ausgedacht: die Maske „Keep smiling“ aus schwarzem Stretchmaterial vorne mit silberner Gliederkette, die das Lächeln des Mundes ersetzt.

Gerade zu visionär handelte der Designer Damur. Schon Ende Januar verteilte er hübsch verzierte Masken an die Gäste seiner Modenschau. Er wollte damit gegen die Feinstaubbelastung protestieren. Anfang März nahm er Kontakt zum Berliner Senat auf, er wollte die Restbestände von 300 Masken an Polizei und Verwaltung spenden.

Vielleicht sehen wir bald Polizisten mit Masken, auf denen der Bruderkuss zwischen Honecker und Breschnew aufgedruckt ist.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen Tagesspiegel Plus 30 Tage gratis!