• Modellprojekt wird ausgeweitet : Tablets sollen Berliner Häftlingen bei der Resozialisierung helfen

Modellprojekt wird ausgeweitet : Tablets sollen Berliner Häftlingen bei der Resozialisierung helfen

In der JVA Heidering dürfen Häftlinge testweise Tablets nutzen. Das laufe prima, findet Senator Behrendt und will das Projekt ausweiten.

Bedingt online. Etwa 30 Seiten sind für die Gefangenen freigeschaltet, wie Chefkoch.de und die Seite der Agentur für Arbeit.
Bedingt online. Etwa 30 Seiten sind für die Gefangenen freigeschaltet, wie Chefkoch.de und die Seite der Agentur für Arbeit.Foto: Lukas Schulze/dpa

In der JVA Heidering hat sich in den vergangenen Monaten einiges geändert. Wenn Mirko König etwas kochen möchte, greift er nun immer häufiger zu seinem Tablet und sucht im Netz nach Rezepten auf Chefkoch.de. „Da gibt es alles, sogar vegane und vegetarische Gerichte“, sagt der 28-Jährige, der eigentlich einen anderen Namen hat. Den will er als Häftling aber lieber nicht in der Zeitung lesen.

König ist einer von rund 70 Gefangenen der JVA Heidering, die in einer dreimonatigen Testphase mit Tablets mit eingeschränktem Internetzugang ausgestattet wurden. Seitdem können sie Tag und Nacht Mails verschicken, sich online für Sportkurse anmelden und sich auf rund drei Dutzend externen Seiten über Ausbildung und Nachrichten informieren. „Ich nutze das Tablet sehr intensiv“, sagt König, der voraussichtlich in einem Jahr wieder auf freien Fuß kommt, nach dann insgesamt zweieinhalb Jahren. Wenn er rauskommt, möchte er Busfahrer in Berlin werden. Mit dem Tablet hat er nun bereits erste potenzielle Arbeitgeber anschreiben können. Auch für den Führerschein konnte er online bereits lernen.

„Das Projekt hat bislang sehr gut funktioniert, einen Missbrauch hat es nicht gegeben“, sagt Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) bei einem Pressegespräch in der JVA Heidering. Er erhofft sich, dass die Gefangenen durch den Zugang zum Internet besser qualifiziert und resozialisiert werden. Vor allem in der Zeit vor ihrer Entlassung, wenn Häftlinge nach Wohnungen und Jobs suchen, könne das Internet sehr nützlich sein. „Bislang haben die Mitarbeiter den Gefangen das Internet ausgedruckt – das ist ja nicht zukunftsfähig“, sagt Behrendt.

„Wir müssen uns in ein neues Zeitalter begeben“

Als das Projekt vor einigen Monaten startete, spotteten Kritiker. Knackis würden jetzt auch noch auf Steuerkosten am Computer daddeln, so der Vorwurf. Tatsächlich sind die Kosten mit insgesamt 1,3 Millionen Euro für den Zeitraum zwischen 2016 und Ende 2019 hoch. Das meiste Geld geht jedoch an das Fraunhofer Institut, das das Forschungsprojekt begleitet und steuert.

„Das ist ein zukunftsfähiges Projekt“, sagt der stellvertretende Leiter des Justizvollzugs, Christian Reschke. Er freut sich, dass die Gefangenen das Angebot sehr gut angenommen und mit konstruktiven Vorschlägen begleitet hätten. „Wir haben die Sicherheit dabei nie aus den Augen verloren“, sagt Reschke. Er hofft, dass das Projekt eine Signalwirkung für andere Gefängnisse hat: „Wir müssen uns in ein neues Zeitalter begeben.“

Die Brücke in die Freiheit

Dabei gibt es weiterhin Hürden. Das „funktionierende Internet in Brandenburg“, mit dem Justiz-Sprecher Sebastian Brux zu Beginn der Pressekonferenz stolz geworben hatte, lässt bei der Präsentation zu wünschen übrig. Nur langsam bauen sich die Seiten auf. Noch gibt es nicht in jeder Zelle W-Lan. „Eine Haftanstalt besteht nicht aus Leichtbauwänden, sondern aus dicken Betonwänden“, sagt Uwe Holzmann-Kaiser vom Fraunhofer-Institut. Von den Startschwierigkeit will sich der Justizsenator aber nicht stoppen lassen. „Wir haben die feste politische Absicht das auszuweiten“, sagt er. Dabei sollen noch mehr Seiten freigeschaltet werden und auch die Angestellten der JVA sollen die Technik in Zukunft nutzen können. Außerdem könnten die Häftlinge an den Kosten beteiligt werden. „Unser Ziel ist es, dieses Angebot langfristig allen Gefangenen in Berlin zur Verfügung zu stellen“, sagt Behrendt.

Die meisten der ersten 70 Nutzer haben die Tablets offenbar zur Kommunikation genutzt. 24.000 Mails seien in den ersten drei Monaten ein- und ausgegangen. Was darin steht, wissen die Wärter nicht. „Aus Datenschutzgründen dürfen wir die Inhalte der Mails nicht überprüfen“, sagt Behrendt. Selbiges gelte aber – bis auf begründete Ausnahmen – auch beim Briefgeheimnis. Nur Anhänge können bislang nicht von Häftlingen versendet werden, aber auch das solle nochmal überprüft werden, sagt Behrendt.

Häftling Mirko König nutzt das Tablet vor allem zum Chatten mit seiner Freundin. „Das ist jetzt ganz anders als früher mit den Briefen“, sagt er. Rund 50 Mails schreibt und empfängt er jeden Tag. Das Tablet ist für ihn eine Brücke in die Freiheit und ein Blick in die Zukunft. „Man sieht einfach, was draußen passiert.“

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