Nachruf auf Ahuva Sommerfeld (Geb. 1937) : Ein Star mit 81 Jahren

Sie war ein Naturtalent. Eine Erscheinung, sagt der Regisseur. Also schrieb Anatol Schuster ihr die Rolle auf den Leib: „Frau Stern“.

„Scheiß Deutschland!“ Sie hockte auf dem Boden ihrer kahlen Neubauwohnung, Lockenwickler im Haar, Zigarette im Mund, die Tränen liefen ihr übers Gesicht. „Scheiß Deutschland!“ Gewöhnt an Sonne und Duft des Orients, fand sie sich plötzlich, im Januar 1970, in einem eiskalten bayerischen Vorort wieder. Bei der Ankunft aus Israel hatte sie ein Sommerkleid getragen. Niemand, den sie hier kannte, außer Mann und Kind, die Sprache war ihr fremd. Aber: Etagenheizung und fließend Warmwasser. Das waren ihre Bedingungen gewesen, es noch einmal mit Deutschland zu versuchen. Ihr erstes Mal, ein Jahr in Frankfurt am Main, war ein Desaster gewesen.

Aber Ahuva Sommerfeld wäre nicht Ahuva Sommerfeld gewesen, wenn sie nicht wieder aufgestanden wäre. Das Geld reichte nicht für die kleine Familie? Dann stellte sie sich eben ans Band, Brillenbügel aussortieren, Akkordarbeit. Sie war eine pragmatische Kämpferin. Nach Israel zurückzukehren war keine Option, so sehr sie sich auch sehnte nach der Wärme, dem Meer. Wegen ihrer furchtbaren Kindheitserinnerungen ebenso wie der politischen Situation, die dazu führte, dass sie einige Beziehungen abbrach. Wobei sie das auch aus anderen Gründen schon mal tat. Für sie gab es nur Freund oder Feind. Eine Frau der leisen Zwischentöne war sie nie.

„Frag mich nicht, was ich gemacht habe, frag mich lieber, was ich nicht gemacht habe“, sagte sie und legte los. Erzählen konnte sie, besser als zuhören. Soldatin war sie gewesen, hatte mit ihrem Mann Hotels in Kenia und Tansania geleitet, war Direktorin eines Mini-Krankenhauses und Reiseleiterin gewesen. Und sie hatte geliebt. Deswegen folgte sie ja ihrem Mann, dem sie in Eilat, am Roten Meer, begegnet war. Mit 16 hatte Rolf Sommerfeld Chemnitz verlassen müssen, seine ganze Familie war im Holocaust ermordet worden. Trotzdem wollte er später zurück. Und konnte nicht: Chemnitz lag quasi unerreichbar in der DDR. Neun Jahre vor dem Mauerfall ist er gestorben. Da war sie 43 und untröstlich.

Ihre zweite große Liebe fand sie in Berlin

Natürlich hat Ahuva Sommerfeld ihren Mann doch noch nach Hause gebracht. Zehn Jahre lang kämpfte sie in einer Mischung aus Wut, Verzweiflung und Trauer dafür, dass die Familie wenigstens das mittlerweile schäbige Grundstück wiederbekam, was vom Textilunternehmen der Familie übrig geblieben war, an der Überfahrt zu einer Autowaschanlage. Dass der Name Sommerfeld wieder einen Platz in Chemnitz hatte, auch mit einem Stolperstein. „Klein beigeben gab’s für sie nicht“, sagt ihre Tochter Nirit, zu der sie eine ganz enge Beziehung hatte. Auch in ihrem Engagement bei der Ausländerhilfe und den Grünen tat Ahuva Sommerfeld das nicht. Kompromisse wie den Umzug nach Ebersberg ging sie nur der Liebe wegen ein.

Ihre zweite große Liebe fand sie in Berlin. Zum 75. Geburtstag hatte die Familie ihr vier Wochen Hauptstadt geschenkt, eine Ferienwohnung gemietet, Freunde gaben Theaterkarten, ein BVG-Monatsticket dazu. Da wollte sie nicht wieder weg. So entzückt war die alte Dame von der Stadt, dass sie sich eine Wohnung suchte, in Neukölln, und blieb. Ihr gefiel die Lebendigkeit, das orientalische Leben. Eingekauft hat sie beim Syrer um die Ecke; wenn sie Hilfe brauchte, lief sie zum libanesischen Handyhändler. Sie schimpfte so gern wie die Berliner, natürlich auch über deren Ruppigkeit, sagte sowieso immer, was sie dachte, und was sie dachte, war stets speziell. Aber mit der gleichen Leichtigkeit, mit der sie in die schlechte Laune reinging, kam sie auch wieder raus, sie konnte lachen über sich selbst. Die Neu-Berlinerin ging ins Gorki und zum Späti, in die Komische Oper und in die Bar. Dort durfte sie auch rauchen. Der Wirt: Israeli mit marokkanischen Wurzeln. Ein Wahlverwandter.

Alte Leute mochte sie nicht

Mit ihren geliebten Enkelinnen (wehe, sie meldeten sich nicht!) und deren Freunden zog sie um die Häuser, fand in ihnen ein aufmerksames Publikum, ließ sich gern von ihnen besuchen. Alte Leute mochte sie nicht, die waren ihr zu sehr mit dem Altsein beschäftigt. Langweilig. Wobei sie selbst gern von ihren Gebrechen erzählte. Aber das war ja was anderes. Savta, Oma, nannten auch andere sie, die großzügige Dame war eine Oma für viele. Die Jungen gingen nachts um drei Uhr nach Hause, sie, die Älteste, blieb bis morgens halb acht am Tresen. Wenn sie dann, wie jeden Tag, am Nachmittag mit ihrer Tochter telefonierte, kam sie gerade erst aus dem Bett.

Die „Süddeutsche“ hat sie gelesen, Amoz Oz und Heinrich Böll, ist gern ins Kino gegangen, das später nur deshalb vom Fernseher abgelöst wurde, weil das billiger war. Und dann – wurde sie selbst für den Film entdeckt. Ein Freund ihrer Enkelin, ein junger Kameramann, den sie sehr mochte, stellte sie dem Regisseur Anatol Schuster vor.

„Frau Stern“, der Titel stand von Anfang an fest

Frau Sommerfeld mit ihrem trockenen Humor und Stolz war ein Naturtalent. Eine Erscheinung, sagt der Regisseur. Allein wie sie aus der Haustür trat, „eine zierliche Gestalt, mit einer solchen Wucht!“ Also schrieb Anatol Schuster ihr die Rolle auf den Leib: „Frau Stern“. Der Titel stand von Anfang an fest, ja, er war Programm. Wegen des gelben Sterns, den Juden im Nationalsozialismus tragen mussten, und der zum Symbol von Antisemitismus und Verfolgung wurde. Aber auch wegen Ahuva Sommerfelds Ausstrahlung, ihres Leuchtens, wie der Regisseur es nennt. Der Film erzählt die tragikomische Geschichte einer 90-jährigen Kettenraucherin, die so lebenslustig wie lebensmüde ist, und Sätze sagt wie: „Ich habe das KZ überlebt, dann werde ich auch das Rauchen überleben.“ Doch, Frau Stern will sterben. Fragt sich nur wie. Sie hätte da ein paar Ideen. Eine Knarre zum Beispiel.

Voller Neugier stürzte Ahuva Sommerfeld sich in das No-Budget-Projekt. Die Kostüme stammten aus ihrem eigenen Schrank. Ärmellose Tops, hippiesk geblümte wallende Röcke, Shirts mit tiefem Dekolletee, Sandalen ohne Strümpfe – sie hatte einen Körper, einen braungebrannten, schmerzenden, und den zeigte sie auch. Gepflegt zu sein, darauf kam’s ihr an: gefeilte Nägel, gebügelte Jeans. So chaotisch ihr Leben war, so wichtig nahm sie Ordnung und Sauberkeit. Die Fenster immer geputzt, die Vorhänge gewaschen. Versteht sich, dass sie eine fantastische Köchin war, nur helfen durfte man ihr nicht. Ein eigenes Kochbuch hat sie geschrieben, es der Tochter Nirit gewidmet.

Es ist schwer zu sagen, wo in „Frau Stern“ die Realität endet, die Fiktion beginnt. Die Momente des Alleinseins, sogar die Fotos ihrer Hochzeit sind echt, ihre Enkelin musiziert im Film, ihre Tochter, die Schauspielerin und Sängerin Nirit Sommerfeld, spielt die Tochter von Frau Stern.

Die Haare waren ihr Lebensthema

Nirit trägt ihre dunklen Locken lang und wild, Ahuva plattgebügelt. Die Haare waren ihr Lebensthema. Ihr Kindheitstrauma. Glatt und blond sollten sie sein, nicht kraus und pechschwarz. Denn an den Haaren konnte man sie erkennen. Anders als Frau Stern, einer der wenigen gewichtigen Unterschiede, war Ahuva Sommerfeld keine Holocaustüberlebende, sondern arabische Jüdin; ihre Familie war im 19. Jahrhundert aus Marokko nach Palästina gekommen. In Israel bedeutete das, ein Mensch zweiter Klasse zu sein. Ahuvas Idol hieß Grace Kelly. Deswegen die Lockenwickler, die sie immer bei sich hatte, deswegen der Friseur, den sie, wie Frau Stern, zu sich nach Hause kommen ließ.

Aber, darauf legt Anatol Schuster Wert, es ist ein Spielfilm, keine Dokumentation. Ahuva Sommerfeld übernimmt eine Rolle. Auch wenn man es nicht merkt: Es sind Texte, die sie da spricht, die sie sich mit der Hand abgeschrieben hat, um sie zu lernen. Und sie spielte sie, sagt der 34 Jahre alte Regisseur, immer natürlicher, so wie sie immer leichter, immer jünger wurde während der Dreharbeiten im Sommer 2018.

A star was born. Ein Stern von 81 Jahren. Ein paar Tage vor der Uraufführung wurde der Film erst fertig, die Vorstellungen auf dem Festival in Saarbrücken, benannt nach dem jüdischen Emigranten Max Ophüls, hat sie noch erlebt. Sechs Vorstellungen, standing ovations. Es war das erste Mal, dass es ihr die Sprache verschlug. „Meinen sie wirklich mich?“, fragte sie ihre Tochter, zaghaft wie ein Kind. Endlich wurde sie gesehen, wurde gefeiert als die, die sie war, für das, was sie war. „Dieser ganze Kampf“, sagt Nirit, „diese 80 Jahre hatten sich gelohnt.“

Nur eine Hure geht zur Schule, sagte die Mutter

Allein ihre Stimme, rauchig und tief, charmierte die Zuschauer. Dabei hatte sie die, sagt die Tochter, gar nicht von den vielen Zigaretten. Die tiefe Heiserkeit erbrüllte Ahuva sich als Kind, wie sie später erzählte. Damals besaß sie einen geliebten Teddybären, mit Sägespänen gefüllt, den der ebenso geliebte Opa, Matratzenmacher, immer wieder flickte. Bis er starb. Als die Vierjährige dann aus dem Kindergarten nach Hause kam, war ihr Teddy weg. Die Mutter hatte ihn in den Ofen gesteckt. Als Ahuva nicht aufhören wollte, ihre Verzweiflung herauszuschreien, sagte die Mutter: Du kannst brüllen, so viel du willst, der Opa kommt nicht mehr. Dann spritzte sie die Kleine mit dem Wasserschlauch ab.

Ein lautes, trotziges Mädchen und heller Geist, wurde sie in der konservativen Familie verprügelt und gedemütigt, auf dass die Botschaft ankam: Sie war nichts wert. Aber Ahuva, ein Freigeist von Anfang bis Ende ihres Lebens, wollte einen Abschluss machen, nicht verheiratet werden. Nur eine Hure geht zur Schule, sagte die Mutter. Die Tochter nutzte die einzige Möglichkeit, von zu Hause wegzukommen: Mit 18 ging sie zum Militär. Und dann lernte sie ihren Mann kennen, 18 Jahre älter als sie, europäisch, gebildet, voller Respekt.

Deswegen hat auch sie ihre eigene Tochter immer unterstützt, zu 100 Prozent. „Sie hat mich endlos geliebt.“ Das Wichtigste war, dass Nirit alles kriegt, alle zwei Jahre einen Flug nach Israel, eine Ausbildung, ein Auto. Allen anderen hat die Mutter gesagt, dass ihre Tochter die Schönste, Klügste und Beste war. Selbst wenn sie daheim fragte: „Eine Zwei auf dem Zeugnis – warum keine Eins?“

Sich selbst gegenüber war sie ja auch gnadenlos. Als sie jung war, hatte ihr jemand gesagt, dass sie nicht singen kann. Sie ließ es bis an ihr Lebensende, hat sich auch bei den Dreharbeiten gesperrt. Bis sie schließlich doch gesungen hat, eine Schlüsselszene: „Summertime“. Das Publikum hat gelacht und geweint.

Wenige Wochen nach der Uraufführung ihres Films ist Ahuva Sommerfeld gestorben. Die Trauerfeier fand in ihrer Neuköllner Wohnung statt – und es war ein richtiges Fest. Dann gab’s noch eine Feier, in Bayern. Und eine dritte in Israel. Ihren Körper hat sie der Wissenschaft vermacht.

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