Nachruf auf Moritz Kwasigroch (Geb. 1999) : Man lebt ja nur einmal

Er liebte es zu diskutieren, Politik hätte er gerne studiert. Jetzt feierte er auf dem Balkon seinen letzten Geburtstag, den 19.

Moritz Kwasigroch (1999-2018).
Moritz Kwasigroch (1999-2018).Foto: privat

Es war die Nacht des 24. März 2018, als Moritz zum letzten Mal tanzen ging. Einen Monat davor hatte er seine zweite Diagnose bekommen, diesmal waren es Metastasen in der Lunge. Ja, er war nicht mehr der Oberfitteste, aber da ging noch was. So erzählt es sein Freund, der ebenfalls Moritz heißt. Gefühlt hieß ja jeder Moritz in den Jahrgängen um die Jahrtausendwende.

Der, um den es hier geht, hatte ein gut sichtbares Alleinstellungsmerkmal: riesige Segelohren, die er stolz der Welt präsentierte. Seine Eltern hatten ihn gefragt, ob man da nicht was machen sollte, nur ein kleiner chirurgischer Eingriff. Moritz wollte nicht. Als er auf dem Leibniz-Gymnasium zum Schülersprecher kandidierte, warb er mit einem Plakat, auf das er seine riesigen Ohren gezeichnet hatte, dazu der Spruch: „Moritz hört euch zu“.

Als er noch kleiner war und mal im Kaufhausgewühl verloren ging, fragte seine Mutter sich durch: Hat jemand den Jungen mit den Ohren gesehen? Ja. Jeder. Auf Instagram heißt sein Account „Moritz Ohr“.

Da saßen sie also, Moritz und Moritz, in dieser Nacht in dieser Kneipe, tranken Bier und redeten übers Leben, die Politik, die Freunde. So ging Moritz mit seiner Krankheit um: Ein paar Stunden war er traurig, wenn es eine schlechte Nachricht gab. Dann, als ob er einen Schalter umgelegt hätte, stürzte er sich wieder ins Leben. „Wenn ich nur eine Woche zu leben habe, was bringt es mir, wenn ich davon drei Tage weine?“, sagte er einmal zu seinen Eltern.

In dieser Nacht waren sich die Moritze unsicher, ob sie noch tanzen gehen sollten. Moritz Ohr ging es nicht besonders. Einerseits. Andererseits lebt man ja nur einmal. Sie gaben sich einen Ruck, Moritz trank noch einen Kaffee und noch einen Energydrink, dann fuhren sie in den Club. In der S-Bahn machten sie ein Selfie, zwei junge Männer unterwegs in der Berliner Nacht.

Er mochte neue Menschen, neue Abenteuer

Als Moritz auf die Welt kam, wechselten die Regierungen. Kohl ging, Schröder kam. Sein Vater und seine Mutter waren Mitte 20, beendeten ihr Studium, waren die ersten Eltern im Freundeskreis. Alle besuchten sie, um das Baby zu halten, zu tragen, um zu schauen, wie es mit einem kleinen Menschen ist. Die Eltern hatten noch so viel vor; sie nahmen Moritz einfach mit: Partys, Reisen, Arbeit. Oder sie ließen ihn von anderen betreuen, Freunde, Großeltern, gern auch länger. Mit einem Jahr kam er in eine Kreuzberger Multikulti-Kita. Das passte gut, denn Moritz mochte neue Menschen, neue Abenteuer. In Tunesien ging er als kleines Kind auf einem Markt verloren, man fand ihn entspannt bei einem Teppichhändler mit einem Glas Wasser in der Hand. In der zweiten Klasse gab es ein Vorsingen vor 300 Eltern und Kindern. Und wer moderierte die Veranstaltung?

Er liebte es zu diskutieren, sich mit Argumenten zu messen. Wenn es Recht zu verteidigen und Unrecht zu kritisieren galt, meldete er sich zu Wort. Gern auch mal etwas ausführlicher. Seine Eltern wurden in die Schule zitiert: Ihr Sohn solle sich ein bisschen zügeln. Anfang 2018 trat er in die SPD ein, ging zu Veranstaltungen ins Willy-Brandt-Haus und stellte unangenehme Fragen, um die nächste Groko zu verhindern.

Endlich im Club angekommen, stürzten sich Moritz und Moritz ins Getümmel. Vor einem Jahr, als die Welt noch in Ordnung war, wären sie danach zu Moritz Ohr gegangen, er hätte den Herd angemacht, wie es feierliche Tradition war. Dann zog ein nächtlicher Pfannkuchenduft durch die elterliche Wohnung, und die übrig gebliebene Partybande ging auf den Balkon vor Moritz’ Zimmer und betrachtete die aufgehende Sonne. Doch jetzt war er zu erschöpft dafür.

Mit diesem Plakat warb Moritz als er auf dem Leibniz-Gymnasium zum Schülersprecher kandidierte.
Mit diesem Plakat warb Moritz als er auf dem Leibniz-Gymnasium zum Schülersprecher kandidierte.Foto: privat

Außerdem gab es den Fußball

Ein paar Wochen zuvor: Moritz wollte dem anderen Moritz nichts von seiner zweiten Diagnose sagen. Er wollte ihn schonen, wollte seinen Freund nicht traurig sehen. Aber der wusste es längst von einer Freundin. Dann, nach einem Abend in der Kneipe, lagen sich die beiden in den Armen und weinten.

Freunde hatte Moritz sehr viele. Ein paar sehr enge und außerdem die ganzen anderen, die er einfach kennenlernte, weil er diese Lust auf neue Menschen hatte. Bei der Initiative „Kreuzberg hilft“ hat er sich um syrische und afghanische Gleichaltrige gekümmert, ist mit ihnen um die Häuser gezogen, hat ihnen sein Berlin gezeigt. Auch sie kamen an sein Krankenbett und schließlich zur Beerdigung, auch sie verabschiedeten sich von ihrem Freund.

Außerdem gab es den Fußball. Erst hat Moritz bei den „Berliner Amateuren“ gespielt, dann ließ er sich zum Jugendschiedsrichter ausbilden. Mit 15, 16, 17 stand er jeden Samstag auf dem Rasen und pfiff zwei Spiele. Den Respekt verschaffte er sich. Wenn er foulende Spieler vom Platz stellte und es einen Aufstand gab, stand er ganz ruhig da: „Solange hier keine Ruhe einkehrt, geht’s nicht weiter.“ Einmal brüllte ihn ein aufgebrachter Spielervater an. Moritz sagte nur in aller Ruhe: „Hier steht Aussage gegen Aussage. Ich sag’ mal, damit müssen wir jetzt beide leben.“

17 Euro bekam er pro Spiel, damit war das Kleingeld fürs Wochenende drin, er war ja viel unterwegs. Doch immer sonntags kam die Familie zusammen. Vater, Mutter, die zwei jüngeren Brüder und Moritz setzten sich zusammen und aßen. Mehr als 200 Fotos gibt es von diesen Essen, die Moritz per Snapchat an seine Freunde verschickte.

Die Eltern ließen ihn machen. Wenn sie fanden, dass er es mit den Partys übertrieb, dass Joints unter der Woche nicht der cleverste Move seien, dann diskutierten sie das mit ihm auf Augenhöhe aus.

Vater und Sohn, zwei Kahlköpfe

Zwölfte Klasse, Moritz’ Knie tat weh. Sein Vater hatte eine erste Chemotherapie gerade hinter sich, er leidet an einer seltenen Genveränderung, die Krebs begünstigt. Er nahm Moritz einfach mit zur Nachsorge, da sollte sich der Arzt das Knie des Sohnes gleich mal anschauen. So kam es raus, dass auch Moritz die Genveränderung hatte und dass ein Krebs schon wuchs.

Später sieht man Vater und Sohn an einem Tisch in einer Krankenhauskantine sitzen, zwei Kahlköpfe, die in die Kamera grinsen. Moritz machte alles klaglos mit, Chemo, Reha. Zwischendurch hielt er die Abschlussrede für seine Klassenkameraden, die ihr Abi ohne ihn gemacht hatten.

In der Reha passierte es. Kleine Begegnungen hatte er schon vorher, aber nie etwas Ernsthaftes, nie eine, von der er gesagt hätte, dass es seine Freundin sei. Gut, dass Moritz hier ein eigenes Zimmer hatte. Dort trafen sich die beiden. Leider wohnte sie am anderen Ende von Deutschland.

Zurück in Berlin, noch einmal der Start in die zwölfte Klasse, alles sah gut aus. Doch dann die zweite Diagnose, neue Chemo, neues Hoffen. Moritz versuchte zwischen all dem Kotzen und Nichtaufgeben am Leben teilzuhaben. Bestellte sich die Freunde im Stundentakt per Whatsapp ins Krankenhaus.

Noch einmal eine Runde Leben mit allem bitte

Im Sommer entließen sie ihn, „austherapiert“, keine Chance auf Heilung, alles Hoffen, alles Durchhalten war umsonst gewesen.

Politik hätte er gerne studiert, über ein Praktikum im Bundestag hatte er nachgedacht. Jetzt feierte er auf dem Balkon vor seinem Zimmer seinen letzten Geburtstag, den 19. Da trug er schon seine Augenklappe. Der Tumor im Kopf drückte aufs Auge. Eine Pumpe beförderte ständig das schmerzlindernde Morphium in seine Venen.

Stolz waren die Eltern auf ihren Sohn in diesem Moment. Wie er nicht nachließ, dieses Leben zu genießen. Noch einmal raus zur Datsche fahren, die Brüder müssen unbedingt mitkommen, noch einmal per Stand-up-Paddle über den See. Noch einmal eine Runde Leben mit allem bitte.

Am 18. November war es vorbei. Moritz’ Grab liegt auf dem Friedhof direkt neben seiner Schule, ganz in der Nähe der Bank, wo sie in den Pausen immer saßen, rauchten, diskutierten.

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