Partyszene : Neue Hippies tanzen durch Berlin

Sie wollen den 68er-Lebensstil auferstehen lassen: Die Neo-Hippies vom Berliner Kollektiv Hedoné. Dahinter steckt die Sehnsucht nach einer besseren Welt. Und biologisch abbaubarem Glitzer.

Lola gehört zu den Mitbegründern des Hedoné-Kollektivs und ist selbst ein gutes Modell für den Look der Veranstaltung.
Lola gehört zu den Mitbegründern des Hedoné-Kollektivs und ist selbst ein gutes Modell für den Look der Veranstaltung.Foto: Tim Jäsche

In Debrznica ist die Welt noch in Ordnung: In dem kleinen polnischen Ort, den man in Deutschland wohl eher einen „Flecken“ als ein Dorf nennen würde, sticht die katholische Kirche aus der kleinen Häuseransammlung heraus. Seit einigen Monaten aber ist etwas anders: Gegenüber dem Gotteshaus, auf dem Rasen vor dem heruntergekommenen Gutshaus, das man hier „Palac“ nennt und das früher reichen deutschen Grundherren gehörte, steht der Gegenentwurf zur ehrwürdigen Dorfkirche.

Ein Holzgerüst, Plastikplanen und Lichtinstallationen formen eine Mini-Kathedrale, die nicht dem Leiden Christi, sondern dem weiblichen Körper gewidmet ist. Im Inneren der „Sagrada feminina“ findet man statt eines Altars eine zwei Meter hohe Plastikskulptur einer Klitoris, die von der Decke hängt, an den Seiten Matratzen, auf denen sich später leicht bekleidete Menschen zu Chakra-Atmung und Kakao-Ritual versammeln.

Die Neo-Hippies sind eingefallen

Die Kathedrale der Weiblichkeit ist nur eine von vielen Dingen, die den Einwohnern Debrznicas sehr berlinisch vorkommen dürften. Zwar sind sie vom Besitzer des Hauses harte Techno-Partys gewohnt. An diesem Juli-Wochenende aber tummeln sich weiß gewandete Menschen mit Blumenschmuck auf dem Kopf um das Haus, aus Workshopräumen hört man Stöhnen und Seufzen, und irgendwann ist die Stimmung so gelöst, dass auch der ein oder andere Workshopbesucher einfach nackt auf dem Rasen liegt, an den auch die Terrasse einiger Dorfbewohner grenzt.

Die Neo-Hippies sind eingefallen, eingeladen vom Berliner Kollektiv „Hedoné“. „Nachhaltigen Hedonismus“ wolle man praktizieren, heißt es auf der Webseite der Non-Profit-Organisation, die ihre Wurzeln in einer Kunstperformance während der Berlin Art Week 2016 gegen Genitalverstümmelung hat.

Lust und Vergnügen suchen die etwa 300 Teilnehmer hier, aber mit Rücksicht und sogar Lustgewinn für die Mitfeiernden, mit Berufung auf griechische Philosophen wie Epikur und dessen Konzept der geistig erhebenden Ausschweifungen. Marktforscher haben diese Philosophie schon in eine neue Zielgruppe gegossen: „Der Neo-Hippie steht für die pragmatische Vereinbarkeit von jugendlichem Hedonismus und erwachsener Verantwortung“, beschreibt das Trendforschungsinstitut „Zukunftsinstitut“.

Hedoné holt den Hedonismus aus dem Berghain in den Wald

Die Ausdrucksformen dieser jungen Zielgruppe sind „vom Streben nach Genuss, Spaß und gemeinsamen Erlebnissen geprägt“. Damit steht die neue Hedonismus-Bewegung im Gegensatz zur Jagd nach Spaß etwa im Berghain: Auch hier gelten Regeln zu Konsens und Rücksichtnahme, Hedoné aber holt die Lust aufs Vergnügen aus den Lack- und Leder-Outfits und versetzt sie in den Wald, angereichert mit klassischen Hippie-Elementen wie Yogaworkshops, einem Dresscode in Weiß, Grün und Silber mit Federn, Blumen und Muscheln garniert sowie veganem Essen. Wie bei den 68ern geht es darum, die Welt zu verbessern, im Privaten und global: Der Glitzer muss biologisch abbaubar sein, und im offenen Sprechkreis bekunden die Teilnehmer, dass sie ganz viel Liebe in die Welt tragen wollen.

Blick ins Seminar „Orgien-Handbuch“: Etwa 50 Menschen laufen in Paaren im Raum durcheinander, ein sehender Partner führt einen anderen, der die Augen geschlossen hält, durch den Raum. Eine Aufwärmübung zum Thema Vertrauen und Kommunikation. Workshopleiter Adrian fragt danach auf Englisch in die Runde: „Was ist eine Orgie? Was wollen wir von einer Orgie?“ Konsens, Grenzen ziehen können, aber auch Vertrauen aufbauen, niemanden verletzen wollen, das sind Wünsche, die die Teilnehmer äußern.

Nach der Gesprächsrunde üben sie. „Darf ich deine Hand halten?“, fragen sie ihre Gesprächspartner oder lernen, „nein“ zu sagen. Am Ende kuscheln sich alle in ein riesiges Mandala, lächeln sich an, streicheln über unbekannte Arme und Gesichter. Man merkt: Die meist unter 40-Jährigen hier haben sich mit der „MeToo“-Debatte auseinandergesetzt, sie wollen Spaß außerhalb der engen Grenzen einer monogamen Beziehung, aber nicht um jeden Preis. Techno, Alkohol und Drogen spielen eine Rolle, aber die wichtigsten Stoffe hier sind das Glückshormon Dopamin und das Kuschelhormon Oxytocin, das bei Körper- und Augenkontakt ausgestoßen wird.

Mehr Fashion, weniger Achselbehaarung

So hippiesk sich das anhört, so ist auch die Atmosphäre: Menschen mit Dreadlocks laufen in Pumphosen umher und waschen sich mit Seifenkugeln. Bekannte aus den Workshops fragen mit ehrlichem Interesse, wie es einem geht. Auf der Wiese bieten sich Teilnehmer gegenseitig Massagen an, kuscheln miteinander, führen tiefgehende Gespräche über Bondage, Polygamie und Ayahuasca-Trips.

Bei Neo-Hippies wird nach dem starken Individualisierungsdrang der vergangenen Jahrzehnte wieder die Gemeinschaft wichtig, man kümmert sich umeinander – ein scharfer Gegensatz auch zu der Gleichgültigkeit des Berliner Alltags und der coolen Attitüde, die man in Berliner Technoclubs antrifft.

Aber gut aussehen muss man bei alldem schon: Einer jungen Amerikanerin ist die Shoppingtour eskaliert, sie ist mit drei verschiedenen Outfits angereist, vom weißen Spitzenbody bis zum Kettenoberteil, das mehr zeigt als verdeckt. Wer sich nicht an den Dresscode hält, wird angemahnt. Schlichte Walle-Kleider und unrasierte Achseln sieht man hier selten.

Der Fokus liegt auf Party und Zwischenmenschlichem, politische Themen werden selten diskutiert. Die Revolution der Neu-68er scheint sich von der Straße in den Wald und vom Politischen ins Private oder eben von Berlin nach Polen zurückgezogen zu haben. Hauptsache, sie haben Spaß dabei.

Wer mit Nacktheit und Techno kein Problem hat, kann eine Party im Hedoné-Stil am heutigen Donnerstag, 26.7, bei der Party „House of Red Doors“ im Salon Zur Wilden Renate, Alt-Stralau 70, erleben. Tickets an der Abendkasse. Auch beim Garbizc-Festival vom 2.–5. August in Torzym (Polen) ist Hedoné dabei.

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