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„Corona ist vorbei“ : Wie Björn Höcke seine Pandemie-Leugnung ungeniert im MDR verbreitete

Höcke wirbt im MDR-Interview für die Corona-Demo am Wochenende in Berlin. Gleichzeitig erklärt er die Pandemie für beendet. Seine Aussagen im Faktencheck.

Björn Höcke, AfD-Fraktionschef, verfolgt die Debatte während der Sondersitzung des Thüringer Landtags zum Corona-Hilfspaket.
Björn Höcke, AfD-Fraktionschef, verfolgt die Debatte während der Sondersitzung des Thüringer Landtags zum Corona-Hilfspaket.Foto: Martin Schutt/dpa

„Corona ist vorbei. Corona wird auch nicht wieder kommen.“ Das behauptete Björn Höcke am Dienstag im Sommerinterview im MDR. Die Sicherheit des Rechtsaußen-Politikers verwundert. Denn die aktuellen Zahlen zur Ausbreitung des Virus sprechen gegen die Aussagen des AfD-Fraktionsvorsitzenden in Thüringen, der bis zu seiner Auflösung dem rechtsextremen „Flügel“ der Partei angehörte.

Konkret: In den vergangenen sieben Tagen haben sich in Deutschland 9425 Menschen nachweislich mit dem Coronavirus infiziert; die Zahl der Landkreise, die keine Neuinfektionen melden, nimmt seit Wochen ab.

Höcke ficht das nicht an. Er behauptet im MDR, die Zahl der Infektionen würde gar nicht steigen. Zudem verkündet er, an der jährlichen Grippewelle würden viel mehr Menschen sterben als an Covid-19. Außerdem gebe es Corona schon seit Jahren und das Virus sei ohnehin nicht lebensbedrohlich, die Menschen würden nicht an, sondern mit dem Virus sterben.

Ein wilder Mix an Behauptungen, die so oder so ähnlich derzeit tausendfach im Netz geteilt werden und die sich auch viele der Teilnehmer der Coronademos zu eigen gemacht haben.

Doch was ist dran an Höckes Theorien? Der Faktencheck.

„Die Corona-Zahlen steigen nicht weiter an“

Höcke behauptete im MDR, die Zahl der Infektionen würde gar nicht steigen. Der Grund, dass aktuell mehr Menschen positiv getestet werden, liege angeblich an der Fehleranfälligkeit der Tests.

Höcke sagte dazu: "Wir haben im Augenblick etwa 100.000 Testungen am Tag in Deutschland. Der Standardtest, der durchgeführt wird, hat eine Falsch-positiv-Meldung von etwa zwei Prozent." Damit meint Höcke, dass statistisch zwei Prozent der positiven Testergebnisse falsch seien und eigentlich nichtinfizierte Personen als infiziert gezählt würden.

Weiter rechnet er vor: „Zwei Prozent von 100.000 sind 2000. Wie sind die Zahlen des RKI im Augenblick? 1000. Wir haben wahrscheinlich statistisch nur den Ausfluss von positiv falsch getesteten Menschen.“

Doch Höcke begeht bei seiner Rechnung mehrere Fehler. Aber der Reihe nach.

Dem Robert-Koch-Institut (RKI) zufolge gab es in der Kalenderwoche 33, also vom 10. bis zum 16. August 2020, 875.524 Tests in Deutschland. Pro Tag entspräche das 125.075 Tests, auch wenn die genaue Verteilung der Tests über die Tage nicht bekannt ist. In der gesamten Woche fielen 8407 der 875.524 Tests positiv aus, also knapp ein Prozent.

Behauptung Nummer 1: Die Pandemie ist vorbei

Die Zuverlässigkeit der PCR-Tests, die für eine Ermittlung von Corona-Infektionen genutzt werden, wurde anhand eines Ringversuchs in deutschen Laboratorien überprüft. Lediglich drei deutsche Laboratorien meldeten zwei falsch-positive Ergebnisse von insgesamt 596 Ergebnissen, und zwei inkomplette Ergebnisse von insgesamt 596.

"Hinsichtlich der Spezifität spiegeln diese Ergebnisse eine sehr gute Testdurchführung in deutschen Laboratorien wider", teilt das RKI dem Tagesspiegel auf Anfrage mit. Die Fehlerquote beläuft sich bei diesem Versuch, auch wenn man die inkompletten Ergebnisse mit berücksichtigt, auf unter ein Prozent.

Ein anderer Ringversuch kam zu dem Ergebnis, dass zwischen 97,8 und 98,6 der negativen Proben auch als solche identifiziert wurden. Die restlichen 2,2 bzw. 1,4 Prozent waren also negative Proben, die fälschlicherweise als positiv identifiziert wurden - also falsch-positiv waren. (siehe Ergänzung unten)

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Derzeitig ist nicht eindeutig geklärt, wie hoch die Fehlerquote bei positiven Testergebnissen ist. Das RKI nimmt in einem Lagebricht an, dass sie "sehr selten" sind. Der RBB geht nach einer Befragung von mehreren Experten davon aus, dass die Fehlerquote eher bei 0,5 Prozent liegt. Die zwei Prozent, die Höcke nennt, lassen sich aktuell also weder bestätigen noch falsifizieren, wahrscheinlich sind sie aber zu hoch angesetzt.

Das Problem seiner Rechnung liegt woanders.

Höcke meint, dass alle Menschen, die täglich positiv getestet werden, einen falschen Test haben, eben 2000 von rund 100.000, also zwei Prozent. Dabei übersieht er, dass es extremst unwahrscheinlich bis ausgeschlossen ist, dass genau alle positiv Getesteten falsche Tests haben. Und das über mehrere Tage und Wochen hinweg.

Stimmen würde die Aussage Höckes nur, wenn tatsächlich keiner der Getesteten mit Corona infiziert wäre. Dann würden zwei Prozent falsche Tests bei 100.000 Getesteten statistisch 2000 falsche Ergebnisse anzeigen. Gegen die These spricht, dass immer noch Menschen mit schweren Covid-19-Symptomen in Krankenhäuser eingeliefert und behandelt werden, das Coronavirus in der Bevölkerung also noch kursiert.

Und noch etwas gilt es zu bedenken: Würden alle aktuell Neuinfizierten fälschlicherweise positiv getestet, dürfte auch niemand mehr mit einer Covid-19-Erkrankung ins Krankenhaus eingeliefert werden und niemand dürfte mehr an der Krankheit sterben. Die Realität ist leider eine andere.

Die Zahl der Patienten, die mit einer schweren Covid-19-Erkrankung intensivmedizinisch behandelt werden, ist seit Wochen mit etwas mehr als 200 relativ konstant. Das zeigt freilich auch: Der Anstieg der von den Gesundheitsämtern gemeldeten Fallzahlen spiegelt sich bisher nicht in der Situation in den Kliniken. Ein Grund hierfür wohl: das Durchschnittsalter der Infizierten lag zuletzt bei 32 Jahren und damit deutlich niedriger als früher. Junge Infizierte weisen dabei sehr viel seltener einen schweren Verlauf auf.

Behauptung Nummer 2: Corona gibt es schon lange, bisher hat es auch niemanden interessiert

Im weiteren Verlauf des Interviews redete Höcke die vom Virus ausgehende Gefahr weiter klein. Laut dem 48-Jährigen ist "Corona schon seit vielen Jahren jedes Frühjahr im Grippe-Cocktail dabei." Diese Behauptung ist gängig. Richtig ist, dass Coronaviren schon seit den 1960er Jahren bekannt sind. Mit den Krankheiten, die diese Viren teilweise auslösen, darunter Symptome von Erkältung und Durchfall, hatten sich Menschen arrangiert, obwohl Viren wie Sars oder Mers auch schwere Krankheitsverläufe nach sich ziehen können.

Bei Sars-CoV-2 handelt es sich allerdings um eine neue Variante des Virus - deshalb auch die Zahl 2 im Namen -, die bisher so noch nie beim Menschen in Erscheinung getreten ist.

Behauptung Nummer 3: Man weiß nicht, ob das Coronavirus wirklich die Todesursache ist

Weiter sagte Höcke: Es sei gar nicht bekannt, ob die Menschen nur mit - oder an dem Coronavirus gestorben seien. Auch diese Behauptung ist widerlegt. Eine Umfrage mehrerer Pathologenverbände ergab kürzlich, dass die meisten Corona-Patienten an Covid-19 sterben und nicht an anderen eventuellen Vorerkrankungen.

Behauptung Nummer 4: Corona ist nicht schlimmer als eine Grippewelle

Weiter erklärte Höcke, dass auch die Grippe viele Todesopfer fordere und niemand deshalb scharfe Maßnahmen verhänge oder Grundrechte einschränke. "2017/2018 hatten wir 24.000 Grippetote", erklärt er.

Dazu muss man wissen: Sie ist nur eine Schätzung, da in Jahren, in denen die Grippe stark wütet, mehr Menschen sterben als sonst - und Influenza oft nicht als Todesursache angegeben wird, stellt das RKI Hochrechnungen an und schaut auf die sogenannte Übersterblichkeit. Ähnlich wird es derzeit mit dem Coronavirus gehandhabt, um zu sehen, wie viele Todesopfer die Pandemie jenseits der registrierten Fälle fordert.

In der schweren Grippesaison 2017/2018 wurden tatsächlich "nur" 1674 Grippe-Todesfälle im Labor bestätigt. An oder zum Teil auch mit Covid-19 sind bisher in Deutschland nachweislich mehr als 9000 Menschen gestorben - und das trotz der weitreichenden Schutzmaßnahmen. Hätte man sie nicht umgesetzt, hätte die Zahl mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit deutlich darüber gelegen.

Was die aktuelle Pandemie zudem von der jährlichen Grippe unterscheidet: Bei Letzterer gibt es Impfungen und zumindest eine – wenn auch schwache – Therapie. Insofern sind die Menschen dem Virus nicht völlig schutzlos ausgeliefert, so wie derzeit gegenüber Sars-CoV-2.

Ergänzungen: Die Angabe zu der Zahl der derzeit intensivmedizinisch wegen Covid-19 Behandelten wurde im Text nachträglich ergänzt. Auch der Teil, der sich mit den statistischen Fehlerquoten befasst wurde um den theoretischen Fall erweitert, in dem Höckes Rechnung stimmen könnte - nämlich, wenn niemand mehr mit Corona infiziert wäre. Zudem haben wir einen Absatz zur Quote falsch-positiv Getesteter gestrichen, da er missverständlich war.

Wie im Text beschrieben, gibt es derzeit keine eindeutige Fehlerrate der PCR-Tests. Vielmehr kommt es darauf an, wer getestet wird und wie wahrscheinlich eine Infektion ist. Sprich: Unter den anlasslos positiv Getesteten Menschen, zum Beispiel Reiserückkehrern, kann es mehr falsch-positiv Getestete geben als bei Menschen, die Covid-19-Symptome aufweisen oder Kontakt mit Infizierten hatten. Auch deshalb gibt es in der Wissenschaft Kritik an anlasslosen Massentests in der Bevölkerung.