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Yusuf O., 26, ein Deutschtürke aus Berlin-Wedding machte Abitur und war Student an der TU. Dann tauchte er ab, verschwand nach Wasiristan, um sich einer militanten Gruppierung anzuschließen.
© dpa

Al Qaida-Verdächtige vor Gericht: Und sie wissen genau, was sie tun

In Berlin hat der Prozess gegen zwei mutmaßliche Gründer des deutschen Ablegers von Al Qaida begonnen. Die Beweise gegen sie offenbaren fertige Strategien für den Krieg gegen den Westen.

Von Frank Jansen

Manchmal findet die Polizei Beweismittel an Stellen, wo Beamte nicht so gerne hingreifen. In der Unterhose des Mannes, der sich im Gewahrsam entkleiden musste, fanden sie einen USB-Stick und 1000 Euro in bar. Und als Polizisten den Stick an einen Computer anschlossen, konnten sie unter anderem eine Datei besichtigen, auf der 13 Islamisten genannt wurden. Ein „Omar Tunisi“, ein „Yusuf Almani“, ein „Isa Almani“, ein „Muhammad Maroc“ und neun weitere Decknamen ploppten auf. Ein satter Treffer. Mit einem Schlag hatte die Polizei im Mai 2011 einen Teil des mutmaßlichen Sympathisantennetzes von Al Qaida in Berlin vor Augen. Die Tarnnamen waren auch bald entschlüsselt. Die Inspektion der Unterwäsche hatte sich gelohnt.

Ihr damaliger Träger, der 22 Jahre alte, in Afghanistan geborene Österreicher Maqsood L. muss sich seit Mittwoch vor dem Berliner Kammergericht verantworten. Und nicht nur er. Der zweite Angeklagte ist Yusuf O., 26 Jahre, ein Deutschtürke aus dem Berliner Stadtteil Wedding. Die beiden wirken harmlos, der dickliche Yusuf O. trägt nicht mal einen Bart. Der des blassen Maqsood L. zieht sich nur akkurat um den Mund herum. Aber es fällt auf, wem Yusuf O. zulächelt, aus dem Panzerglaskäfig im Saal 700. In einer der hinteren Reihen sitzt Reda S., ein Deutschägypter, gegen den die Bundesanwaltschaft und amerikanische Behörden ermittelt haben. Reda S. wurde verdächtigt, einer der Drahtzieher des Anschlags auf Bali zu sein, bei dem im Oktober 2002 mehr als 200 Menschen starben. Doch er wurde nie angeklagt, entsprechend selbstbewusst tritt er auf. In der Berliner Islamistenszene gilt er als Autorität. Und demonstrativ besucht er Prozesse wie den gegen Yusuf O. und Maqsood L..

Es ist allerdings auch ein Terrorverfahren mit besonderer, man könnte sagen: doppelter Brisanz. Da sind zum einen die Vorwürfe der Bundesanwaltschaft, Yusuf O. habe die Terrorgruppe „Deutsche Taliban Mudschaheddin (DTM)“, eine Art germanische Fußnote des Heiligen Kriegs im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet, mit aufgebaut. Härter noch erscheint der Part, in dem Al Qaida die tragende Rolle spielt. Und da wirkt der Prozess wie eine Warnung, bei aller Aufregung über die Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ nicht zu vergessen, dass Deutschland auch anderen Gefahren ausgesetzt ist.

In der Anklage skizziert die Bundesanwaltschaft zwei Terroristenkarrieren, die auf schwere Anschläge in Berlin oder Wien oder einer anderen Großstadt hätten zusteuern können. Demnach reiste Yusuf O. im Mai 2009 über die Türkei und den Iran ins pakistanisch-afghanische Grenzgebiet, um sich einer militanten Gruppierung anzuschließen. Damit war nicht zu rechnen gewesen, glaubt man seinen früheren Lehrern, die ihn als freundlich und ruhig beschreiben. Nach dem Abitur schrieb sich O. an der Technischen Universität im Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen ein. Doch er driftete in die Islamistenszene ab, seine geschiedene Mutter konnte es nicht verhindern. Und der Sohn radikalisierte sich bis hin zum Wunsch, sein Leben dem Dschihad zu weihen.

Mit dem Kumpel Fatih T., auch ein Berliner, kam Yusuf O. in Wasiristan an, der pakistanischen Terroristenhochburg an der Grenze zu Afghanistan. Und er traf auf weitere Jungdschihadisten aus Deutschland, darunter den weltweit gesuchten Eric Breiniger. Der Saarländer war ein Kumpan der Sauerlandgruppe, der deutsch-türkischen Gang heiliger Krieger, die US-Einrichtungen in der Bundesrepublik mit Autobomben angreifen wollte und im September 2007 aufflog.

Breininger wollte in Wasiristan eine deutschsprachige Truppe bilden, da er sich mit den orientalischen Dschihadisten nur mühsam verständigen konnte. Die Taliban erlaubten die Gründung der DTM, und schon im September 2009 gelang es der Gruppe, kurz vor der Bundestagswahl Deutschland zu erschrecken. Mit einem im Internet verbreiteten Video, das am Mittwoch im Gerichtssaal als Beweismittel vorgeführt wurde. Der Titel lautet: „Der Ruf der Wahrheit“.

Terror-Training in Wasiristan

Zunächst ballern vermummte Kämpfer mit Kalaschnikows und Panzerfäusten. Dann ist ein vermummter Mann zu sehen, umgeben von Waffen. Mit aufgeregter Stimme droht er der Bundesrepublik. „Merkt euch, eure Grenzen werden nicht am Hindukusch verteidigt“, der rechte Zeigefinger wedelt vor der Kamera, „es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Dschihad die deutschen Mauern einreißt!“ Die Amerikaner werden als „dreckige Kriegstreiber“ beschimpft, die den Afghanen die Demokratie aufzwingen wollten, „doch das Volk will diesen Schrott nicht!“ So schrillt es weiter, „und jetzt werden die amerikanischen Kreuzzügler und ihr Deutschen vernichtet!“ Im Hintergrund sind Bilder vom Brandenburger Tor, vom Kölner Dom und dem Münchener Oktoberfest zu sehen. Der Vermummte, sagt die Bundesanwaltschaft, sei Yusuf O.

Im April 2010 haben pakistanische Sicherheitskräfte Breininger, eine weitere Führungsfigur der DTM und den aus Holland stammenden Berliner Danny R. erschossen. Yusuf O. habe die danach orientierungslose Gruppe verlassen und sei zu Al Qaida gewechselt, sagen Sicherheitsexperten. Dort habe er den aus Wien gekommenen Maqsood L. getroffen. Der soll sich ab 2008 über islamistische Internetforen derart radikalisiert haben, dass er seine Mutter zwingen wollte, eine Burka zu tragen.

Die Familie L. war Anfang der 1990er Jahre aus Afghanistan nach Österreich gekommen und lebte dort unauffällig. Der Sohn aber konsumierte Videos von Selbstmordattentätern – und flog im Mai 2009 nach Pakistan. Wo er zunächst in einem Camp regionaler Islamisten untergekommen sein soll, dann bei Al Qaida.

Maqsood L. und Yusuf O. sollen dort eine Person kennengelernt haben, die den deutschen Sicherheitsbehörden als zentraler Hintermann geplanter Anschläge in Deutschland erschien. Die Machenschaften von Scheich Yunis al-Mauretani waren ein wesentlicher Anlass für die Terrorwarnung, die im November 2010 der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière an die deutsche Öffentlichkeit richtete. Offenkundig zu Recht. Der Scheich hatte schon versucht, die aus Deutschland gekommenen Islamisten Rami M. und Ahmed S. für Aktionen in der Bundesrepublik zu gewinnen. Und im April 2011 hob das Bundeskriminalamt die Düsseldorfer Al-Qaida-Zelle aus, die Anschläge geplant hatte.

Yusuf O. und Maqsood L. soll al-Mauretani im Sommer 2010 in Wasiristan rekrutiert haben. Mit dem Auftrag, in Deutschland und anderen Staaten Europas Spenden zu sammeln, Kämpfer zu werben und selbst „Operationen“ vorzubereiten, soll al-Mauretani die beiden Dschihadisten, trainiert im Umgang mit Waffen und Sprengstoff, in den Westen zurückgeschickt haben. Über die Türkei seien die zwei nach Budapest gelangt, sagen Ermittler. Yusuf O. habe dann in Wien versucht, frühere Islamistenfreunde von Maqsood L. für Anschläge zu gewinnen. Vergeblich, die Kontaktpersonen wollten sich nicht auf ein Abenteuer mit dem Fremden einlassen.

Mehr Erfolg hätte Maqsood L. in Berlin haben können, wohin ihn Yusuf O. dirigiert hatte. Doch die deutschen wie die österreichischen Behörden bekamen rechtzeitig mit, was sich da im Mai 2011 zusammenbraute. Erst wurde Maqsood L. in Berlin am Zentralen Omnibusbahnhof festgenommen, zwei Wochen später Yusuf O. in Wien.

Die Behörden untersuchen, wie viele Dschihadisten Al Qaida in die Bundesrepublik geschickt haben könnte

Ob die Vorwürfe gegen Maqsood L. und Yusuf O. zutreffen, wird die Beweisaufnahme zeigen. Sicher ist allerdings schon jetzt, dass die bei den Angeklagten entdeckten USB-Sticks, Laptops und die Speicherkarte brisantes, aufwendig verschlüsseltes und zum Teil hinter Pornotiteln verdecktes Material enthielten, das den Sicherheitsbehörden in wesentlichen Teilen nicht bekannt war. In den Dateien fächern sich die Strategien auf, die Al Qaida zum Kampf aus dem Untergrund in den verhassten Staaten des Westens anzuwenden gedenkt. Skizziert wird ein Zermürbungskrieg mit schrittweiser Eskalation: Die „Brüder“ sollten mit „kleinen Aktionen“ beginnen, heißt es im Dokument „future_work.docx“. Das erste Ziel: Aufmerksamkeit erregen. Dann sollen durch eine Häufung der Nadelstiche die Bevölkerung verunsichert und die Sicherheitsbehörden zu harter Repression getrieben werden. In diesem Klima der Angst, so erwarten es die Al-Qaida-Strategen, würden die westlichen Gesellschaften die Muslime pauschal ausgrenzen. Die sich ihrerseits dann dem Dschihad zuwenden, dem Heiligen Krieg.

Ähnlich hat einst auch die Rote Armee Fraktion argumentiert. Sie könnten mit militanten Aktionen bei Staat und Bürgertum den Faschismus herauskitzeln, glaubten die linksextremen Terroristen. Die progressiven Teile der Bevölkerung würden sich dann zwangsläufig dem revolutionären Widerstand anschließen. Die Techniken, die Al Qaida anwenden will, sind allerdings noch brutaler.

In der bei Maqsood L. entdeckten Speicherkarte stießen die Ermittler auf ein Dokument mit dem Titel „Notizen.txt“. Ein Abschnitt trägt die Überschrift „Serienkilling“. Da wird vorgegeben, wie eine Entführung den größtmöglichen Schrecken auslösen kann. Dazu werden im Westen Menschen überfallen und verschleppt. Eine Freilassung ist nicht vorgesehen, egal was der Staat anbietet. Die Geiseln werden ermordet und dabei gefilmt. „Video nach Mord direkt zu Qaida“, folgt in der Anleitung. Was dann käme, lassen die Exzesse von Al Qaida im Irak ahnen. Deren Videos, in denen vermummte Kämpfer schreienden Geiseln den Kopf abschneiden, tauchten bald im Internet auf und entsetzten die Welt.

Die deutschen Behörden untersuchen mit hoher Intensität, wie viele Dschihadisten Al Qaida noch in die Bundesrepublik geschickt haben könnte. Wie groß das Milieu ist, in das solche Leute eintauchen können, haben allein in Berlin in den vergangenen Jahren die Prozesse gegen Angeklagte gezeigt, die von den Behörden auch mit Yusuf O. in Verbindung gebracht werden: Filiz G., Alican T., Fatih K., alle drei keineswegs isolierte Figuren, die jedoch, milde verurteilt, dem Dschihad abgeschworen haben sollen. Die Daten aus der Unterhose von Maqsood L. deuten indes auf 13 neue Unterstützer hin. Die Behörden haben sie im Blick. Bis auf zwei. Die sind verschwunden.

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