Pöbeleien in der Berliner U-Bahn : "Schwuchtel und Ficki-Ficki sind noch harmlose Beschimpfungen"

Gaby Tupper ist eine Berliner Drag Queen. Hier erzählt sie, wie eine U-Bahn-Fahrt im Fummel zum Spießrutenlauf werden kann – und warum sie sich dennoch nicht aus der BVG vertreiben lassen will.

Die Drag Queen Gaby Tupper - hier bei einem Auftritt im "Ludwig" in Neukölln, einer queeren Kunstkneipe.
Die Drag Queen Gaby Tupper - hier bei einem Auftritt im "Ludwig" in Neukölln, einer queeren Kunstkneipe.Foto: Maurus Knowles

Frau Tupper, derzeit ist in Berlin viel vom Angstraum Öffentlicher Nahverkehr die Rede. Menschen berichten davon beschimpft zu werden, fühlen sich nicht mehr sicher. Sie sind Drag Queen und fahren zu Auftritten oft auch geschminkt und gestylt U-Bahn. Wie reagieren andere Fahrgäste?

Zunächst mal: Ich fahre im Fummel nur die Strecken mit den Öffentlichen, die ich wirklich kenne. Wenn ich nicht weiß, was für Menschen dort unterwegs sind, versuche ich das von vornherein zu vermeiden. Aber blöde Sprüche und Gekicher gibt es auch da oft genug, wo ich mich eigentlich auskenne.

Was fallen für Sprüche?

Letztens bin ich zum Beispiel geschminkt nach Neukölln gefahren. Ab Hermannplatz wird es schon heftig, das sind dann die testosterongesteuerten Jungs, die sich beweisen müssen. ‚Ficki, Ficki‘, ‚Schwuchtel‘, ‚Tunte‘, ‚die ist doch ein Mann‘ – das ist noch das eher Harmlose. Den Rest möchte ich gar nicht wiederholen. Das etwas hässliche Gekicher kommt leider auch oft von Mädchen mit Migrationshintergrund. Ich finde das etwas enttäuschend, ich denke immer: Ihr müsst euch doch auch so viele blöde Sachen anhören, warum macht ihr das jetzt? Aber man muss auch sagen: Für alles Negative, das man erlebt, gibt es auch Positives.

Zum Beispiel?

Man wird oft in Schutz genommen. Ich habe auch schon eine türkische Mutter erlebt, die ist nach Pöbeleien von Jungs aufgestanden und hat gesagt: ‚Ihr verlasst jetzt bitte sofort den Wagen, so redet man nicht über andere Menschen.‘ Oder neulich am Kottbusser Tor. Von einem Mann wurde ich mit ‚Schwuchtel‘ beschimpft. Sofort hat sich ein heterosexuelles Paar mit mir solidarisiert. Die beiden haben gesagt, ich solle bei ihnen stehen bleiben, und sich laut geärgert, dass sowas in Kreuzberg überhaupt vorkommt. Wobei man sagen muss, dass auf der Strecke Kurfürstenstraße – Warschauer Straße eigentlich sehr wenig passiert. Das ist manchmal sogar regelrecht enttäuschend: Ich stelle mich zwei Stunden vor den Spiegel, und dann reagiert keiner auf mein Outift – was soll das denn? (lacht)

Fühlen Sie sich insgesamt noch sicher in der U-Bahn?

Beim Runterkommen auf den Bahnhof gucke ich schon, wie voll der Bahnsteig ist und wo ich mich am besten hinstelle. Wenn es fast leer ist, mache ich manchmal eine Kehrtwende und versuche den Bus zu nehmen, anstatt mit zwei Fremden allein zu warten. Das würde ich gesunde Vorsicht nennen – aber das mache ich auch, wenn ich ungeschminkt bin. Also: Eigentlich fühle ich mich sicher, ich habe noch nie die Security rufen müssen. Ich bin mir aber bewusst, dass ich bisher wahnsinniges Glück gehabt habe. Ich kenne auch Drag Queens, die sind einmal im Fummel in die U-Bahn gestiegen und wurden sofort tätlich angegriffen.

Sie wohnen in der Nähe des Kiezes am Nollendorfplatz. Es heißt, dort gehe es auf der Straße rauer zu als früher. Wie nehmen Sie das wahr?

Das stimmt: Seitdem die Zahl der Stricher und Drogendealer zugenommen hat, ist es dort deutlich rauer geworden. Aber: Ich kann dort gut leben. Wobei ich überall in Berlin aufpasse, wenn ich im Fummel auf der Straße bin. Wo sind Hauseingänge, wo jemand herausspringen könnte, wo sind offene Kneipen, in die man sich zur Not flüchten könnte? Wenn man aber daran denkt, dass man in anderen Ländern nicht einmal offen schwul leben kann, ohne sofort an die Polizei verpfiffen zu werden, sind wir hier immer noch in einer ziemlich luxuriösen Situation.

Um nochmal auf die Pöbeleien und Übergriffe zurückzukommen: Würde mehr Sicherheitspersonal auf den Bahnhöfen helfen?

Da bin ich mir nicht so sicher. Verstärkt man es an einer Stelle, verlagern sich die Probleme vielleicht woanders hin: Haters gonna hate. Da hilft es eher, dass wir alle aufmerksam unterwegs sind, Akzeptanz vorleben. Wie sollen die denn lernen, dass auch wir ganz normale Menschen sind, wenn sie uns nur als durchgeknallte Vögel in Talkshows erleben? Nein, da fahre ich doch lieber U-Bahn. Nur so kann man ein Stück Normalität herstellen – und sehen, dass auch Drag Queens mal dasitzen, Zeitung lesen und sogar ab und an die Klappe halten können.

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