Rapperin Haiyti : Bling bling im KaDeWe

Haiyti ist aus Hamburg nach Berlin gezogen. Noch fremdelt sie mit der Stadt, aber es gibt Orte, an denen sie sich wohlfühlt. Der Kiezspaziergang über den Tauentzien.

Haiytis Tracks handeln vom Gangsterleben und von Luxus – im KaDeWe schaut sie öfter vorbei.
Haiytis Tracks handeln vom Gangsterleben und von Luxus – im KaDeWe schaut sie öfter vorbei.Foto: Thilo Rückeis

Die Hitze hängt über der Tauentzienstraße wie zäher Brei. Wer geht bei diesem Wetter shoppen? Ein Blick die Straße runter zeigt: alle, die es sonst auch tun. Chinesische Touristen, West-Berliner Stammkunden, Mädchengruppen, die Hände voller Plastiktüten. Und Haiyti, die eigentlich Ronja Zschoche heißt und mit ihrem Autotune-Cloud-Rap irgendwo zwischen Rinnstein und Gucci-Bling die deutsche Hip-Hop-Szene aufmischt und Feuilletonisten verzaubert. Für welche Zeitung das jetzt sei, fragt sie, die im April aus ihrer Heimatstadt Hamburg nach Berlin gezogen ist. Tagesspiegel? Kennt sie nicht.

Egal, Haiyti ist trotzdem gekommen, fast hätte man sie übersehen im Gewusel vor dem KaDeWe-Eingang, den sie als Treffpunkt ausgewählt hat. Nicht mal 1,60 Meter groß, dafür macht ihr Outfit Alarm: an den Fingern auffällige Ringe, um die Schulter eine Plüschtiertasche, Mitbringsel aus Tokio. In ihren Songs geht es oft um Luxusartikel, Markenware, Besitz und Konsum. „Alles elegant, Gala, weißer Sand, Millis auf der Bank, Brillies an der Hand“, rappt sie in „Monacco“ auf dem Debütalbum „Montenegro Zero“, mit dem sie gerade unterwegs ist, kommende Woche beim Popkultur Festival in Berlin. Das Schöne und Glänzende ist in Haiytis Texten zwangsläufig mit Mafia, Überfällen, dicken Karren und Drohgebärden verbunden. „Mein Onkel war ein Mafioso“, krächzt sie ins Mikrofon. Dann wieder fast tröstend: „Du weißt, dass ich mehr will, als mir zusteht. Du weißt, dass wegen mei'm Namen Blut fließt.“

"In Tegel ist das echte Leben"

Alles klar, darum Treffpunkt KaDeWe, oder? Innen Glitzer und reiche Russen, draußen Richtung Ku'damm illegale Autorennen und Überfälle auf Juweliergeschäfte. Passt. Aber: „Ich dachte, wir machen hier ein Foto und fahren dann weiter nach Tegel zum Tretbootfahren oder in die Borsighallen.“ Tegel und Haiyti? Klingt wie Marienfelde und Beyoncé. Immerhin kommt die Künstlerin gerade aus den Staaten wieder, hat in New York und Los Angeles neue Musik aufgenommen.

Aber Tegel, erklärt sie, sei Langenhorn ähnlich, dem Fleckchen, wo sie in Hamburg aufwuchs. Randlage, selten was los. „In Tegel bin ich früher oft gewesen, wenn ich zu Besuch in der Stadt war. Ich mag Tegel, da ist das echte Leben. Und das Tegeler Hafenfest verpasse ich eigentlich nie, es ist das beste Fest in Berlin: Da kommen die Asis endlich raus, die Zigaretten sind schachtelweise vorgestopft.“ Schade, vielleicht beim nächsten Mal, es soll heute ja nur um einen Kiez gehen.

Das KaDeWe kennt sie vor allem aus ihrer Jugend, die auch noch nicht so lange her ist. Als Teenie besuchte die 25-Jährige öfter eine Freundin in Wedding. Wenn die tagsüber etwas anderes zu tun hatte, ging Haiyti in das altehrwürdige Kaufhaus, um sich die Zeit zu vertreiben. Das könnte man doch heute auch machen, sagt sie. Aber vielleicht erst mal ein Snack drüben am Wittenbergplatz, mit dem Skulpturenbrunnen im Blick.

Auf der Wiese hacken ein paar Krähen nach dreckigen Tauben, den KaDeWe-Imbiss umgibt eine solide Wolke aus Pommesfett. Es ist 16 Uhr. Jemand lässt ein Jubi ploppen, der Kronkorken fliegt zwischen die Vögel, die sich kurz darum streiten. Haiyti trinkt, anders als im Track „Garçon“ verkündet, nicht nur Dom Pérignon. Heute tun es auch ein Smoothie und eine Limo mit Minze.

„Ich musste nach Berlin ziehen“, sagt sie. In ihrer Hamburger Wohnung durfte sie nicht bleiben, in Berlin wurde ihr eine angeboten. Die üblichen Einfallzonen, Neukölln und Kreuzberg, lassen Haiyti kalt. „Mit der Szene kann ich nicht so viel anfangen.“ Jetzt ist es erst mal der Wedding geworden. Und irgendwann will sie in die Kantstraße ziehen, da gehöre sie eigentlich hin. „Mehr Glamour und keine neureichen Proleten.“ Insofern sei Charlottenburg Hamburg vielleicht noch am ähnlichsten, schätzt Haiyti.

"ATM Mixtape" soll im August erscheinen

Wenn sie an Hamburg denkt, tut es ihr manchmal weh. Weil sich so viel verändert hat, glattsaniert wurde. Der Langenhorner Markt, der Barmbeker Busbahnhof, selbst die Rote Flora wurde umgebaut – Seele raus. Die Hansestadt war mal ihre Komfortzone. „Da kann man so gut in den Tag dödeln. Ich hab mich nie verabredet, bin einfach rausgegangen und wusste, wo ich Leute treffe.“ In Berlin hat sie das noch nicht ganz raus, ihre Tage müsse sie hier durchorganisieren, die meisten Freunde müssten unter der Woche arbeiten. Dann, wenn sie Zeit hat, sich von Auftritten erholt und klammheimlich am neuen „ATM Mixtape“ arbeitet, das im August erscheinen soll. Wenn das Hirn nicht aufhört zu arbeiten, was oft vorkommt, macht Haiyti die Nacht zum Tag und andersrum.

Überhaupt die Nacht und ihre Gestalten, das ist ihre Welt, nicht nur Pose, sagt Haiyti und setzt sich auf die Stufen eines gepflegten Hauseingangs in der Ansbacher Straße. „Mich schreckt das nicht ab.“ Ihre halbe Familie lebt in Kroatien, und „der Balkan funktioniert nun mal so, Wettgeschäfte, Fälschungen, krumme Dinger“. Wenn jemand sein Geld anders verdiene als der Durchschnitt, sei das für sie nicht automatisch ein schlechter Mensch. Nebenbei bekommt sie so den Stoff für ihre Texte, sie könne sich so was gar nicht ausdenken. „Cops sieht man hier nicht, weil sie sich nicht trauen“, heißt es in „Bitches“. Und weiter: „Die Kleine macht jetzt Kasse, ja, die Kleine macht jetzt Kasse."

Wie bestellt – es könnte aus einem ihrer Videos sein – wird sie da von einem Trio angequatscht, das gerade aus dem KaDeWe rauskommt. Gegelte Haare, Kettchen, „Schuhe von Tod's“, sagt Haiyti anerkennend und zeigt ihre diamantenbesetzten Grillz, die sie sich über die Zähne schiebt. Kurzes Geplänkel, da fährt der eine schon den schwarzen Schlitten vor, und die Frau, deren Künstlernamen die drei noch nie gehört haben, kann nicht widerstehen, will ein Selfie mit dem Auto: „Ist das ein AMG? Darf ich da mal rein?“ Klar, sagen sie, solange das Nummernschild nicht im Bild ist. Dann sinkt Haiyti lässig in das dunkle Leder des Fahrersitzes, als sei es genau der Ort, an den sie gehört. Hinterher wird sie Vermutungen anstellen, zu welchem Clan die Männer gehören.

"Ich lass mich jetzt mal schminken"

Zeit fürs KaDeWe. Die potenziellen Gangster geben ihr noch einen Parfümtipp mit und treffen ins Schwarze: Die Duftabteilung ist Haiytis Reich, sie schnüffelt sich durch, führt Fachgespräche mit den Verkäuferinnen. Eine hält einen Kurzvortrag über einen Duft, das Fläschchen 195 Euro. Zwei Spritzer in die Armbeuge, weiter zum Make-up. „Ich lass mich jetzt mal schminken.“

Sie kaufe tatsächlich nur selten etwas im KaDeWe, sagt sie. Klamotten erst recht nicht, da kriegt sie vieles umsonst über den Job. „Ich komme vor allem her, weil man hier so gut seine Sorgen vergessen kann. Alles wird ein bisschen leichter.“ Gerade hat ihr ein Festival, das schon mit ihrem Namen geworben hatte, abgesagt. Sie weiß nicht, warum. „Jetzt denke ich zum ersten Mal, dass das auch alles mal vorbei sein könnte und ich das kaum beeinflussen kann.“

Frisch gepudert und duftend tritt sie aus dem KaDeWe auf die Straße. Dahinten im Laden gebe es eine gute Auswahl von Designerschuhen und noch weiter hinten billige Klamotten, die sie cool findet. Es wäre jetzt zu kurz gedacht, wenn man glaubte, das sei alles, was Haiyti interessiert. Sie studiert an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, steht vor der Entscheidung, ob sie den Master abschließen will. Johann König, Galerist der Stunde, will ihre Werke – halb Malerei, halb Skulptur – bei einem Event im Funkhaus zeigen und dort mit ihr auf dem Podium diskutieren.

Aber der Weg aus dem verschlafenen Hamburger Ortsteil Langenhorn in die Kunstwelt war kein Selbstläufer. Ihre Mutter trieb Haiyti nach der Schule ins Jobcenter, sie sollte sich etwas suchen. Über eine Maßnahme, in der sie Farbkreise malen musste, wurde eine ehemalige Kunststudentin auf sie aufmerksam und überredete sie, sich an der Uni zu bewerben. Es klappte. „Als ich da ankam, dachte ich, dass es nur um Malerei geht und alle aus Hamburg kommen.“

Hier in Berlin bräuchte sie langsam mal ein Atelier, aber wann soll sie sich darum kümmern? Das Projekt Haiyti nimmt ihre ganze Zeit ein. „Ich wollte nie arbeiten und heute bin ich ein Workaholic.“ Die Kleine macht jetzt Kasse.

Konzert beim Festival Popkultur, Knaackstraße 76, 17. 8., 22.50 Uhr, Tickets ab 28 Euro unter pop-kultur.berlin. Ausstellung und Talk im Funkhaus, Nalepastraße 18–50, 26. 9., 16.30 Uhr, freier Eintritt bei Voranmeldung unter redbull.com/events.

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