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Genauer hingeschaut: Die detaillierte Analyse der Abstimmung zeigt manche Überraschung.

© dpa

So hat Berlin beim Volksentscheid gewählt: Rekorde in Kreuzberg, Neinsager in Dahlem

Im Südosten wurde am schnellsten gezählt, in Friedrichshain-Kreuzberg gab es gleich zwei Rekorde: Nach dem Volksentscheid sind die Statistiker dran.

Am Tag nach dem Volksentscheid sind die Statistiker dran. Sie liefern das Material, auf das sich wiederum die Ergebnisdeuter ihren Reim machen können. Denn auch ein Volksentscheid liefert Indizien, wie die Stadt im Einzelnen tickt.

Besonders schnell tickt sie im äußersten Südosten: In Rauchfangswerder, der Halbinsel zwischen Zeuthener und Krossinsee, meldete das Abstimmungslokal sein Ergebnis schon um 18.06 Uhr an die Landeswahlleiterin. Die simple Erklärung: Mit 368 Wahlberechtigten ist der abgelegene Stimmbezirk sehr klein. 55 Wähler hatten Briefwahl beantragt, im Lokal waren nur 84 Stimmen auszuzählen: 63 mal Ja, 21 mal Nein, fertig.

Gute Ergebnisse für Energietisch in Kreuzkölln

Stadtweit hätten die Brief- und die Urnenwähler fast identisch abgestimmt, sagt Ulrike Rockmann, Präsidentin des Statistikamtes. Bei Wahlen dagegen schneidet die CDU bei den Briefwählern traditionell stark ab – weil vor allem ältere, tendenziell konservativere Wähler per Brief abstimmen. Der Energie-Entscheid zeigt nur eine auffällige parteipolitische Komponente: Wo Grüne und Linke starke Wahlergebnisse holen, schnitten sie auch jetzt gut ab. Exemplarisch zeigt sich das im Bezirk Neukölln: Im urbanen „Kreuzkölln“ innerhalb des S-Bahnrings fuhren die Energietischler viel bessere Ergebnisse ein als in traditionell bürgerlich geprägten Siedlungsgebieten wie Rudow und Buckow.

Als einzige Ausnahme von dieser vagen Regel fällt Treptow-Köpenick auf, wo der Energietisch das 25-Prozent-Quorum ebenfalls erreichte. Auf den ersten Blick scheinen die Ergebnisse in Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf zwar ähnlich deutlich, aber das täuscht: Bei ohnehin geringer Beteiligung sind dort offenbar vor allem die Gegner zu Hause geblieben. Das hat den relativen Anteil der Ja-Stimmen erhöht, aber das Quorum wurde in beiden Bezirken verfehlt.

Hartz-IV-Empfänger tendierten zum "Ja"

Auf der Suche nach weiteren Zusammenhängen haben die Statistiker das Abstimmungsergebnis auch mit den Anteilen der Hartz-IV-Empfänger, den Haushaltsgrößen und dem Anteil der Kinder abgeglichen. Während sich für Wedding, Teile von Kreuzberg und Nordneukölln die Faustregel „Je mehr Hartz-IV-Empfänger, desto größer die Zustimmung zum Volksentscheid“ wagen lässt, gibt es zur Haushaltsgröße – mit der üblicherweise auch die Höhe der Stromrechnung einhergeht – keinen erkennbaren Bezug. Auch die Frage, ob Kinder im Haushalt leben, spielt keine Rolle.

Kiezrekorde in Friedrichshain-Kreuzberg

Friedrichshain-Kreuzberg hat sich am Sonntag nicht nur als Bezirk mit der höchsten Beteiligung und den meisten Ja-Stimmen hervorgetan, sondern laut dem vorläufigen Ergebnis auch Kiezrekorde geliefert: Zwischen Görlitzer Park und Oberbaumbrücke wurde sowohl das mit 34,7 Prozent höchste Quorum (also der höchste Anteil von Ja-Stimmen im Verhältnis zur Zahl der Wahlberechtigten) als auch der höchste prozentuale Ja-Stimmenanteil registriert: 98,7 Prozent.

Die Gegenpole befinden sich weiter westlich: 5,2 Prozent im Märkischen Viertel in Reinickendorf bedeuten das geringste Quorum und 43,3 Prozent Nein-Stimmen im Gebiet um die Domäne Dahlem die größte aktive Ablehnung. Es ist dieselbe Gegend, in der die FDP auch bei der Bundestagswahl im September noch 18 Prozent geholt hat. Falls die Liberalen nach ihrem Rauswurf aus den Parlamenten einen sicheren Rückzugsort suchen: Hier sollten sie ihn finden.

"Direkte Demokratie ist gut angekommen"

„Das Instrument der direkten Demokratie ist gut angekommen“, lautet das Resümee von Landeswahlleiterin Petra Michaelis-Merzbach angesichts der Beteiligung von stadtweit 29,1 Prozent. Mit dieser Resonanz liegt der Energie-Entscheid auf dem Niveau der Abstimmungen über die Wasserverträge und den Religionsunterricht. Klarer Publikumsliebling bleibt mit 36,1 Prozent der Entscheid über den Flughafen Tempelhof, der 2008 dennoch an zu wenigen Ja-Stimmen scheiterte.

Rückschlüsse auf den Stand der mentalen Wiedervereinigung lässt der aktuelle Entscheid kaum zu – im Gegensatz zu früheren Abstimmungen: Bei „Pro Reli“ zeigte sich die in den östlichen Bezirken stärker ausgeprägte Kirchenskepsis; für Tempelhof erwärmten sich eher West- Berliner. Diesmal zeigen sich kleinere Unterschiede allenfalls noch zwischen der Innenstadt, die dem Volksentscheid eher zuneigte, und den Außenbezirken. Nicht nur beim Auszählungstempo.

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