• Schauplatz großer Ereignisse – nicht nur zu Silvester: Die Geschichte des Brandenburger Tors

Schauplatz großer Ereignisse – nicht nur zu Silvester : Die Geschichte des Brandenburger Tors

Auch in diesem Jahr werden Tausende zu Silvester am Brandenburger Tor feiern. Aber was steckt hinter dem symbolischen Bauwerk?

Zum Jahreswechsel 1989/90 erklommen Besucher der Silvesterparty das Brandenburger Tor – und beschädigten die Quadriga schwer.
Zum Jahreswechsel 1989/90 erklommen Besucher der Silvesterparty das Brandenburger Tor – und beschädigten die Quadriga schwer.Foto: Peter Kneffel/dpa

Die armen Gäule, abgemagert, todmüde, zu nichts mehr zu gebrauchen. Da kann der gestürzte Franzosenkaiser auf sie einprügeln, so viel er will – sie werden doch rückwärts gezogen von dem stolz Richtung Tor trabenden Vierergespann und ihrer Wagenlenkerin, der triumphierenden Victoria.

Wie viele bittere Karikaturen mag es gegeben haben, als Napoleon, der „Pferdedieb von Berlin“, 1806 die Quadriga vom Brandenburger Tor herunterholen und nach Paris bringen ließ. Und wie viele höhnische, als sie 1814 zurückkehrte, die nationale Schmach ausgelöscht war.

Will man den Weg des von Carl Gotthard Langhans geschaffenen und von Johann Gottfried Schadow mit der Quadriga gekrönten Tores zum obersten Nationalemblem der Deutschen nachvollziehen, muss man bei dem Mann mit dem Dreispitz anfangen. Zugegeben, ein sehr weiter Weg von Bonaparte zu der am Dienstag wieder mal anstehenden Silvesterfeier am Fuße des Tores.

Aber der Korse hat den ersten Schritt getan, der den Schmuckbau mit Emotionen auflud. Unzählige Menschen, Einheimische wie Fremde, sind ihm darin gefolgt, und nicht immer waren die dadurch ausgelösten Emotionen so harmlos wie zum anstehenden Jahreswechsel.

Erst Napoleon gab dem Tor seine patriotische Bedeutung

Bevor Napoleon auf die Idee kam, das Pferdegespann als Zierde eines geplanten Triumphbogens einzukassieren, war es in Berlin zwar als glänzendes Stadttor, Bindeglied zwischen dem Tiergarten und der aufs Schloss zuführenden Prachtstraße Unter den Linden, ein städtebaulich exponierter Bau bekannt, doch ohne patriotische Aura. Am 6. August 1791 war es ohne große Zeremonie eröffnet worden, der König weilte ohnehin nicht in der Stadt. Militärparaden, festliche Einzüge des Monarchen in seine Residenz? Die fanden anderswo statt.

Das änderte sich mit Napoleon in der fast achtjährigen Zeit, die das Tor oben ohne auskommen musste. Die Leerstelle wurde als nationale Wunde, als Schmach empfunden, die Rückführung als Triumph, der seinen sichtbaren Ausdruck darin fand, dass der Lorbeerkranz samt römischem Adler, den Victoria vor sich her trug, durch einen Eichenlaubkranz mit eisernem Kreuz und einen preußischen Adler ersetzt wurde.

Durchschreiten des Tors als „preußisches Staatszeremoniell“

Schon Napoleon, darin der Begründer einer fragwürdigen Tradition, ritt am 27. Oktober 1806 als Sieger durch das Tor ein. Friedrich Wilhelm III. tat es ihm am 7. August 1814 nach, begründete damit den Einmarsch durchs Tor als „Bestandteil des preußischen Staatszeremoniells“, wie der Historiker Norbert König in dem 2003 anlässlich der damaligen Restaurierung von der Stiftung Denkmalschutz Berlin herausgegebenen Bands „Das Brandenburger Tor: Weg in die Geschichte – Tor in die Zukunft“ schrieb.

„Sedan – Welch eine Wendung durch Gottes Führung“ prangte etwa Anfang September 1895 in Riesenlettern an dem festlich illuminierten Tor, Erinnerung an den Sieg im Krieg gegen Napoleon III., der schon 1871 dem neugekrönten Kaiser Wilhelm I. einen festlichen Einzug durchs Tor wert gewesen war. Allerdings genügte dessen Symbolwert bereits nicht mehr, zusätzliche Festbauten, leicht wieder abbaubare Scheinarchitektur musste her, um den bald ausufernden Repräsentationsbedürfnissen zu genügen.

Als nationales Symbol war das Tor also schon damals etwas Besonderes, prädestiniert für den Einzug siegreicher Truppen wie im Dezember 1900 nach der Niederschlagung des Boxer-Aufstands in China wie auch für den Empfang gekrönter Häupter wie dem italienischen König Viktor Emanuel III. im August 1902.

Der Erste Weltkrieg

Im Ersten Weltkrieg wiederholte sich dieses Schauspiel anfangs noch, wenn etwa eroberte russische Geschütze als Trophäen in die Hauptstadt gebracht wurden. Sogar nach der Niederlage, am 10. Dezember 1918, wurden heimkehrende Truppen mit großem Pomp von rund 25.000 Menschen am Brandenburger Tor empfangen.

Friedrich Ebert, faktisch Vorsitzender des Rates der Volksbeauftragten und damit Regierungschef, empfang sie überschwänglich: „Kein Feind hat Euch überwunden. (…) Ihr habt die Heimat vor feindlichem Einfall geschützt, Ihr habt Euren Frauen und Kindern, Euren Eltern den Mord und Brand des Krieges ferngehalten, Deutschlands Fluren und Werkstätten vor Verwüstung und Zerstörung bewahrt.“ Der späteren Dolchstoßlegende waren diese Worte gar nicht so fern.

In der Weimarer Republik war wenig Raum für patriotische Paraden, stattdessen wurde das Tor quasi zum Synonym für die Stadt, zum Markenzeichen. „Jeder einmal in Berlin“, hieß etwa eine Werbekampagne des Fremdenverkehrsamtes in den späten zwanziger Jahren, deren Logo das leicht identifizierbare Tor mit dem Werbespruch zeigte, seine sechs Säulen geformt auf den Buchstaben des Namens Berlin – eine Werbemethode, die noch heute beliebt ist, etwa wenn die BVG die Scheiben ihrer U-Bahnwagen mit Folie beklebt, auf der wieder und wieder die Silhouette des Tores gezeigt wird.

Das Tor als zentrales Symbol bei Militärparaden

Die unheilige Tradition der Militärparaden wurde unter Hitler wieder aufgenommen, so bereits beim berüchtigten Fackelzug am 30. Januar 1933. Zu den Olympischen Spielen 1936 waren die dort flatternden Hakenkreuzfahnen den olympischen Bannern schon zahlenmäßig und erst recht farblich überlegen. Eine erste Siegesparade folgte 1939 mit der in Spanien eingesetzten Legion Condor, ein Jahr später waren es die aus Frankreich zurückkehrenden Truppen. Auch die siegreichen Alliierten vertrauten auf diese Symbolik, gaukelten im Sommer 1945 bei einer gemeinsamen Siegesparade noch einmal Einigkeit vor, bis bald danach der Kalte Krieg ausbrach.

Die Welt zerfiel in zwei Teile, mit Berlin als neuralgischem Zentrum dieses Konflikts und dem Brandenburger Tor als dessen symbolischen Kristallisationspunkt. Ein seit gut anderthalb Jahrhunderten im Fokus der nationalen Geschichte befindlicher Ort, nun noch herausgehoben durch die Lage auf der Scheidelinie zwischen Ost und West und zugleich als Übergang zwischen beiden – eine Funktion, die mit dem 13. August 1961 verloren ging.

Berlin, geteilt durch das Brandenburger Tor, als Abbild der geteilten Welt

Der Ort, der so lange die nationale Einheit, ja, leider auch die vermeintliche Überlegenheit der deutschen Nation symbolisiert hatte, war nun zu einem Symbol seiner Zerrissenheit zwischen den beiden verfeindeten Lagern geworden, Berlin und sein Tor damit als pars pro toto zu einem Abbild der Welt.

Darin wurde es immer wieder bestätigt, seine besondere Rolle der Nation und der Welt immer aufs Neue vor Augen geführt, bei jedem halbwegs wichtigen Politikerbesuch in West-Berlin, von Kennedy bis Reagan. Die DDR hielt es mit ihren Staatsgästen kaum anders, hatte im südlichen Wachgebäude eigens eine kleine Ausstellung über den „sozialistischen Schutzwall“ arrangiert und auf dem Tor, nahe der um ihr Eisernes Kreuz beraubten Victoria, trutzig die Staatsflagge mit Hammer und Zirkel flattern lassen.

Und schließlich der Mauerfall

„Die deutsche Frage ist so lange offen, wie das Brandenburger Tor geschlossen ist“, hatte Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1987 gesagt und damit seinen Berliner Parteifreund Heinrich Lummer zitiert. Mit dem 22. Dezember 1989 war diese Frage endlich beantwortet, die Aufhebung der Teilung einige Wochen zuvor nun auch symbolisch vollzogen.

Galt zuvor das Brandenburger Tor noch als Sinnbild der deutschen Teilung, war es nun zu einem der in greifbare Nähe gerückten, am 3. Oktober 1990 vollzogenen Einheit geworden, was dort in der reichlich chaotischen Silvesternacht 1989/90 schon mal vorweggefeiert wurde. Eine Tradition als nationaler Partyort war damals begründet worden, aber auch zu Gast in Berlin weilende Staatsoberhäupter werden immer noch gerne dorthin geführt. Siegesparaden sind nicht mehr zu befürchten, für Siegerehrungen scheint es aber noch immer der rechte Platz zu sein. Wo sonst hätte man die siegreiche, am 15. Juli 2014 aus Brasilien zurückkehrende WM-Mannschaft begrüßen sollen wenn nicht am Brandenburger Tor?

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