Solidaritätskundgebung "Berlin trägt Kippa" : „Heute hat sich etwas verändert“

Am Mittwoch trugen viele Menschen in Berlin als Zeichen gegen Antisemitismus eine Kippa. Am Hermannplatz in Neukölln kam es zu einem Zwischenfall.

Julia Kopatzki Jana Kamm
Klares Bekenntnis. 2500 Menschen kamen zum Jüdischen Gemeindehaus in der Fasanenstraße, um ihre Solidarität mit den jüdischen Berlinern zu zeigen.
Klares Bekenntnis. 2500 Menschen kamen zum Jüdischen Gemeindehaus in der Fasanenstraße, um ihre Solidarität mit den jüdischen...Foto: Foto: Michael Kappeler/dpa

Erst hinter der Polizeiabsperrung setzt sich der kleine, ältere Mann seine Kippa auf das graue Haar: „Ich will in der Öffentlichkeit keine Kippa tragen“, sagt er und möchte seinen Namen nicht nennen. Eigentlich wolle er schon, aber er könne nicht – die sich häufenden antisemitischen Vorfälle machen ihm Angst. Hinter der Absperrung eröffnet sich ihm eine andere Welt: hunderte Menschen stehen bereits vor der Jüdischen Gemeinde in der Fasanenstraße, um die Ecke das übliche Treiben auf dem Ku’damm. Fast alle tragen Kippa: blaue, rote, schwarze, weiße – so unterschiedlich wie die Farben der Kippot sind auch die Menschen. Alte und junge, Männer, Frauen, die unterschiedlichsten Nationalitäten haben sich versammelt.

Unter dem Motto „Berlin trägt Kippa“ hat die Jüdische Gemeinde zu Berlin dazu aufgerufen, sich mit den in Berlin lebenden jüdischen Menschen zu solidarisieren. „Der Anlass waren die zahlreichen Anrufe und E-Mails, die uns erreicht haben, von Nicht-Juden, die fragten, wo sie eine Kippa kaufen können, wo sie sich mit uns solidarisieren können“, eröffnet Gideon Joffe, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, die Kundgebung. Um 18 Uhr ist die Straße komplett voll, 2500 Menschen sind es laut Polizei.

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Solidaritätskundgebung "Berlin trägt Kippa" der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.
Solidaritätskundgebung "Berlin trägt Kippa"

In Neukölln kam es zu lautstarken Protesten

Auf dem Hermannplatz in Neukölln gab es bereits am Nachmittag eine kleine Kundgebung gegen Antisemitismus. Dabei wurde den Demonstranten eine Israel-Fahne entrissen. Der Veranstalter entschied sich daraufhin, die Kundgebung abzusagen. Im Laufe der Kundgebung wurde auch ein Polizeibeamter von Gegnern der Veranstaltung beleidigt, teilte ein Polizeisprecher dem Tagesspiegel mit. Vergangene Woche waren in Prenzlauer Berg zwei Kippa tragende Männer von einem Arabisch sprechenden Mann angegriffen worden. Die Polizei verdächtigt einen als Flüchtling eingereisten Syrer.

Vor der Jüdischen Gemeinde blieb es ruhig. Judith Kessler, eine ältere Frau mit elegantem schwarzen Hut, verteilt Kippot an all jene, die keine eigene haben, und das sind viele: binnen weniger Minuten ist sie den ersten Stapel der Kopfbedeckungen los. „Ein Dach, eine Familie“ steht auf den Kappen. „Es ist rührend, wie viele Menschen kommen, um sich mit uns zu solidarisieren“, sagt sie. „Ich wünsche mir, dass sich etwas bewegt.“ Sie zieht eine kleine goldene Kette hervor, deren Anhänger das T-Shirt versteckt: ein Davidstern. „Immer wenn ich in der U-Bahn bin, achte ich darauf, dass der Anhänger nicht sichtbar ist.“

„Es ist eine Schande, was hier passiert“

Daniel Eliasson kennt antisemitische Anfeindungen zumindest nicht, weil er Kippa trägt: „Ich bin säkular“, sagt der junge Mann, „Optisch erkennt man mich nicht als Jude.“ Trotzdem trägt auch er heute Kippa: „Es geht um Solidarität. Antisemitismus ist nicht hinnehmbar.“ Er wird begleitet von zwei Freunden, beide nicht jüdisch, die auch die Kippa auf dem Kopf tragen. „Ich engagiere mich mit Daniel in der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus“, sagt sein Freund Christoph Walesch, er hat raspelkurzes Haar, auf dem die Kopfbedeckung erstaunlich gut hält. „Es ist ein komisches Gefühl, ein bisschen anmaßend, eine Kippa aufzusetzen, aber ich will ein Zeichen setzen.“ Barbara Mößle ist extra aus Hamburg angereist. In pinker Jacke steht sie da, versucht, die blaue Kippa an ihren Haaren zu befestigen – es ist sehr windig an diesem Mittwochabend. „Das Video über den Angriff war abscheulich. Ich bin überzeugte evangelische Christin, und ich stehe an der Seite aller Juden. Das dürfen wir nicht hinnehmen.“ Dann befestigt sie die Kippa auf Henrik Korz’ Kopf, der ältere Herr ist Amerikaner: „Es ist eine Schande, was hier passiert.“

Auf der kleinen Bühne vor der Gemeinde sprechen neben dem Vorsitzenden der Gemeinde und des jüdischen Zentralrats auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD), der grüne Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir und Kultursenator Klaus Lederer (Linke). Özdemir findet deutliche Worte: „Nicht die jüdische Gemeinde sollte diese Kundgebung ausrichten, sondern wir! Jeder Mensch, ob muslimisch oder nicht, ob jüdisch oder nicht, muss heute an der Seite von Juden stehen, wenn Juden angegriffen werden.“

Bundesweit fand die Aktion Anklang

„Heute hat sich etwas verändert“, beendet Joffe die Kundgebung, „Wir werden glücklich nach Hause gehen, weil wir wissen, dass wir nicht alleine sind.“ Und er sagt noch etwas: „Seit dem Zweiten Weltkrieg haben niemals so viele Menschen in Berlin Kippa getragen.“

Die Aktion fand bundesweit Anklang, schon am Mittag hatten in Erfurt etwa 300 Menschen mit einem Stadtrundgang gegen Antisemitismus demonstriert, unter ihnen der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke). Zu der Aktion hatte ein breites Bündnis aufgerufen. Auch in Potsdam, Magdeburg und Köln trugen viele Menschen eine Kippa.

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