Streit um Marzahner Denkmal : Der lange Schatten der DDR

Der Urheber-Streit um das „Denkmal für die Erbauer Marzahns“ auf der Marzahner Promenade zeigt, wie schwierig der Umgang mit dem ostdeutschen Kulturerbe ist.

Denkmal der Erbauer Marzahns an der Marzahner Promenade.
Denkmal der Erbauer Marzahns an der Marzahner Promenade.Foto: Mike Wolff

„Zwischenzeitlicher Gelderwerb als Dachdecker, Ziseleur, technischer Zeichner, Nachtwächter und Dozent“, notierten die Kulturkader der DDR über Karl Hillert, den Bildhauer aus Rahnsdorf am Müggelsee. Ein in Kunstkreisen geschätzter, aber sehr eigenwilliger Mensch, kein Dissident, aber sehr darauf bedacht sich nicht vereinnahmen zu lassen von dem Staat, in dem er lebte. Das hatte er von seiner Lehrerin übernommen, der Bildhauerin Renée Sintenis, die von den Nazis schikaniert wurde.

Wegen seiner Widerborstigkeit hat Hillert zu Lebzeiten auf Ehrungen, Preise und Privilegien weitgehend verzichten müssen. Selbst jetzt noch, 14 Jahre nach seinem Tod, 28 Jahre nach der Wende, bleibt ihm die Anerkennung seiner künstlerischen Leistung verwehrt. Sein Witwe vermutet dahinter „alte Seilschaften“, vielleicht ist es aber auch nur der Unwille, sich mit der Geschichte der DDR auseinanderzusetzen.

Regina Hillert verwaltet den Nachlass ihres Mannes Karl Hillert.
Regina Hillert verwaltet den Nachlass ihres Mannes Karl Hillert.Foto: Privat

Fast drei Jahre blieb die Falschmeldung im Netz

Die Frage der Anerkennung entzündet sich ganz konkret an der Skulptur „Denkmal für die Erbauer Marzahns“, die Hillert schuf, die aber immer wieder einem seiner staatstreuen Kollegen zugeschrieben wird: Karl-Günter Möpert, der ebenfalls verstorben ist. Kurz nach seinem Tod 2014 erschien als Pressemitteilung ein Nachruf auf den Seiten des Bezirksamts Marzahn-Hellersdorf: „Abschied vom Schöpfer des Denkmals Für die Erbauer Marzahns...“. Fast drei Jahre blieb diese Falschmeldung im Netz.

Regina Hillert wurde erst 2016 darauf aufmerksam, bat beim Bezirksamt um Richtigstellung und musste fast ein Jahr auf den Vollzug warten. Inzwischen hatte sich überall im Netz die Falschmeldung verbreitet, im Wikipedia-Eintrag zu Möpert ist der falsche Eintrag immer noch verlinkt. Die nachträgliche Veränderung des Bezirksamts-Nachrufs wurde nicht kenntlich gemacht.

Karl Hillert auf einem Archivfoto aus seinem Atelier.
Karl Hillert auf einem Archivfoto aus seinem Atelier.Foto: Privat

Eingeschaltet in den Streit um die Autorenschaft der Erbauer-Skulptur wurde Martin Schönfeld vom Kulturwerk des Berufsverbands Bildender Künstlers (BBK). Schönfeld ist Kunsthistoriker und kümmert sich um die Kunst im öffentlichen Raum Berlins. Für ihn war schnell klar, dass die Skulptur eindeutig die Handschrift Hillerts aufweist. Er konnte auch die Original-Entwürfe einsehen und kam zu dem klaren Ergebnis: Schöpfer der Skulptur ist Karl Hillert. Nun gibt es aber ein Problem: Auf dem Bronzeguss der Erbauer-Skulptur sind beide Bildhauernamen eingraviert, Möpert und Hillert. Darum habe Möpert gebeten, sagt seine Witwe. Ob es außerdem Druck gab von weiter oben, weiß sie nicht.

Jahrelang hatte die Stasi Hillerts Telefon überwacht

Weil Hillert den Auftrag für die Erbauer ursprünglich nicht annehmen wollte, habe der jüngere Möpert ihm angeboten, die Skulptur in seinem Atelier herzustellen und bei den Arbeiten zu helfen. Hillert laborierte seit seiner Jugend an einem schweren Rückenleiden. Schon wegen der geforderten Größe des Denkmals wollte er die Erbauer nicht machen, erinnert sich seine Witwe. Möpert habe ihm gut zugeredet. Außerdem gab es die Zusicherung der Funktionäre, er habe freie Hand bei der Gestaltung.

Regina Hillert ist jetzt 83 Jahre alt. Sie verwaltet den Nachlass ihres Mannes und sein Angedenken. Jedesmal, wenn sie im Netz auf einen Eintrag stößt, der die Erbauer Marzahns den Bildhauern Hillert/Möpert (oder umgekehrt) zuordnet, versetzt es ihr einen schmerzhaften Stich. Es ist, als ob der Versuch der Stasi, Hillert mit Zuckerbrot und Peitsche zu bändigen, am Ende doch noch Erfolg hat. Jahrelang hatten sie Hillerts Telefon überwacht und seine Freunde ausspioniert. Das Angebot einer Gastprofessur der Hochschule der Künste in West-Berlin wurde hintertrieben.

Martin Schönfeld erinnert sich an einen Anruf Möperts, in dem er sich als Schöpfer der Erbauer bezeichnete. Schönfeld möchte sich nicht in die Debatte um Auftragskunst und Stasiverstrickungen einlassen, er als Wessi könne das nicht beurteilen. Es gebe nun mal diese doppelte Autorenschaft auf dem Denkmal, daran komme man nur schwer vorbei.

Karin Scheel, verantwortlich für die Kunst im öffentlichen Raum in Marzahn-Hellersdorf, beruft sich ebenfalls auf die Gravuren und schickt als zusätzlichen Beleg die offizielle Abnahme der fertigen Skulptur vom 27. Dezember 1988 durch den Magistrat von Berlin. Auch dort sind Hillert und Möpert gleichrangig benannt. Das Kulturamt plant, auf den Skulpturen auf der Marzahner Promenade Plaketten anzubringen, die den Autor ausweisen. Da Hillert „vermutlich den größeren Anteil am betreffenden Werk hat“ (Scheel) habe man für die Erbauer die Formulierung vorgeschlagen: Karl Hillert in Zusammenarbeit mit Karl-Günter Möpert. Dem habe die Witwe zugestimmt.

Mag sein, doch eigentlich passt Regina Hillert diese „Richtigstellung“ überhaupt nicht. Es heiße ja auch nicht bei Rodin und seinen Bürgern von Calais: Auguste Rodin in Zusammenarbeit mit zahlreichen Helfern. Auch Schönfeld findet die Formulierung suboptimal und erklärt, er wolle nochmal mit Frau Scheel reden.

Welcher Text auch immer auf der kleinen Plakette stehen wird, das Internet hat ein langes Gedächtnis. Und niemand kann einzelne Seitenbetreiber zwingen, ihre Quellen zu prüfen und Einträge zu ändern. Immerhin gibt es jetzt diesen Artikel, der für alle Zeiten belegt, dass Karl Hillert die Erbauer Marzahns geschaffen hat. Mit Hilfe von Karl Möpert.

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