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An der Bernauer Straße wird an die Opfer des Grenzregimes der ehemaligen DDR erinnert.
© Ralf Hirschberger/dpa

Mauerbau in Berlin vor 60 Jahren: „Teilung manifestiert sich nicht immer in Beton, sie ist oft in den Köpfen“

Die Berliner Mauer ist Geschichte. Doch noch immer ist es wichtig, dass Berlin und Brandenburg gemeinsam der Opfer gedenken. Ein Gastbeitrag.

60 Jahre Mauerbau: Sie zog sich wie ein Riss mitten durch die Stadt: 28 Jahre stand die Berliner Mauer. Sie war das Symbol der Trennung der beiden deutschen Staaten – und weltweit für die Ost-West-Spaltung und den Kalten Krieg. Dieser Riss ging aber auch mitten durch unser Volk – und in vielen Fällen auch mitten durch Familien, durch Freundeskreise, durch das alltägliche Leben.

Die Teilung wurde in Beton gegossen, als die DDR am 13. August 1961 die Grenze zu den westlichen Sektoren in Berlin abriegelte und sich damit selbst einmauerte. Aber ein Staat, der seine Bürgerinnen und Bürger einsperrt, kann keine Zukunft haben.

Für die Menschen in Ost und West war der Bau der Mauer ein Schock, dessen Ausmaße sie erst nach und nach realisierten. Für viele von ihnen verband sich damit eine tiefe Wunde, die auch durch die später möglichen Besuche zwischen Ost und West nicht heilen konnte.

Noch heute erinnern sie sich an die emotionalen Abschiede im „Tränenpalast“ am Bahnhof Friedrichstraße, wenn die Gäste aus dem Westen „Berlin – Hauptstadt der DDR“ wieder verließen. Noch eine letzte Umarmung, oft mit Tränen verbunden, die dem Bahnhof den sprichwörtlichen Namen gaben.

Zur Erinnerung an die Mauer gehört untrennbar die Erinnerung an die Mauertoten. Über die genaue Zahl herrscht bis heute keine letzte Gewissheit. Seriöse Zählungen gehen von etwa 140 aus. 140 Menschenleben! Immer wieder gab es Fluchtversuche, bei denen Bürgerinnen und Bürger der DDR ihr Leben riskierten – und dies allzu oft auch verloren.

Michael Müller (SPD) ist Regierender Bürgermeister von Berlin.
Michael Müller (SPD) ist Regierender Bürgermeister von Berlin.
© Britta Petersen/dpa
Dietmar Woidke (SPD) ist Ministerpräsident von Brandenburg.
Dietmar Woidke (SPD) ist Ministerpräsident von Brandenburg.
© Ottmar Winter

Und was oft vergessen wird: Wer überlebte, aber den Westen nicht erreichte, dem drohte Haft und seiner Familie Stigmatisierung und Ausgrenzung. Während manche nicht nachvollziehen konnten, warum jemand dieses Risiko auf sich nahm, wuchs in anderen der Wunsch nach mehr Freiheit unaufhaltsam. Es ist wahr: Das Leid, das durch die Mauer verursacht wurde, traf nicht alle gleich. Manche aber traf es mitten ins Herz.

Das letzte Todesopfer an der Berliner Mauer starb am 5. Februar

Das letzte Todesopfer an der Berliner Mauer war Chris Gueffroy, der am 5. Februar 1989 durch einen Herzschuss starb. In diesen Tagen jährt sich nicht nur der Mauerbau zum 60. Mal, sondern zum 30. Mal auch der Prozess gegen die Grenzsoldaten, die ihn erschossen. Es bleibt unfassbar, dass dieser junge Mann sterben musste, weil er ein anderes Leben leben wollte.

Wir beide haben aus höchst unterschiedlichen Orten auf die Mauer geblickt. Wir lernten als West-Berliner mit der Mauer zu leben und richteten uns ein. Manch Lebensbiotop entstand. Wir pflegten die Kontakte zu Verwandten nach Ost-Berlin und Thüringen, besuchten einander.

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In Forst in der Lausitz führte der Blick stark nach Osten über die Neiße – auf die vermeintliche Friedensgrenze nach Polen, die aber für uns DDR-Bürger zumeist unpassierbar war. Die innerdeutsche Mauer war hier nicht zu sehen, aber täglich zu spüren.

Wir wurden beide in den frühen 1960er Jahren geboren und wuchsen in zwei deutschen Staaten mit völlig unterschiedlichen Systemen auf. Wir wussten nichts von einander, aber mit zunehmendem politischen Bewusstsein und mit der auf Willy Brandt fußenden Entspannungspolitik ahnten wir beide, dass diese Mauer nicht ewig wird Bestand haben können.

Wir hätten mehr von der Mauer erhalten müssen

Heute, im Jahr 2021, ist die Berliner Mauer schon länger weg, als sie existiert hat. Mittlerweile ist für viele die deutsche Teilung nur ein Stück Geschichte. Menschen unter 30 kennen die Mauer nur aus Berichten, aus Museen, durch die Arbeit der „Stiftung Berliner Mauer“ oder von den wenigen Stücken, die noch von ihr übrig sind.

Ja, wir hätten mehr davon erhalten müssen! Für viele ist die Nacht vom 9. November 1989, als die friedliche Revolution in der DDR ihrem Höhepunkt zusteuerte und die Mauer und damit die ganze Grenze zwischen beiden deutschen Staaten fiel, eine spannend-berührende Erzählung.

Und was bleibt heute politisch als Lehre jener deutschen Tragödie? Willy Brandt und Egon Bahr haben sich damals mit der Teilung und der tödlichen Ost-West-Konfrontation nicht abgefunden. Sie haben mit ihrer Formel „Wandel durch Annäherung“ Schritt für Schritt die Menschen in Deutschland einander wieder nähergebracht und der DDR-Führung Zugeständnisse abgetrotzt.

Sie haben gezeigt: Beharrlichkeit, der Wille zum Dialog und ein langer Atem bahnen Freiheit und Frieden langfristig den Weg. Wir sind überzeugt: Die Menschen in der DDR wurden auch durch Brandts Ostpolitik ermutigt, immer selbstbewusster für ihre Freiheitsrechte einzutreten.

Es ist noch viel zu tun, bis die Teilung überwunden ist

Neben der Verpflichtung zu einer Friedens- und Verständigungspolitik bleibt die Verpflichtung des Gedenkens. Am 13. August 2021 werden wir gemeinsam an die Menschen erinnern, denen die Mauer den Tod brachte.

In Hohen Neuendorf, am ehemaligen Grenzturm Glienicker Straße, werden wir das individuell tun: Wir wollen uns an sie nicht nur als Gruppe erinnern, sondern an jeden Einzelnen.140 leere Stühle in dem Waldstück am Grenzturm werden symbolisieren, dass diese Menschen fehlen und bis heute Lücken hinterlassen.

Und wir wollen mit der gemeinsamen Veranstaltung deutlich machen, wie wichtig uns der Zusammenhalt von Berlin und Brandenburg ist. Die Berliner Mauer ist Geschichte, ihr Fundament ist erodiert.

Auch wenn noch viel zu tun ist, um die deutsche Teilung wirklich zu überwinden, haben wir auf diesem Weg viel erreicht. Berlin und Brandenburg als deutsche Hauptstadtregion sind heute so eng wie noch nie miteinander verwoben, wir profitieren voneinander und wir brauchen einander.

Grenzland zu sein war lange Zeit prägendes Merkmal beider Bundesländer. Davon befreit ist die Region heute wieder eingebettet im Herzen Europas. Und damit dort, wo sie hingehört. Der Abbau der kulturellen Grenzen hingegen bleibt Daueraufgabe.

Denn Teilungen und Trennungen manifestieren sich nicht immer in Beton und Stacheldraht. Sie sind nicht geografischer Natur, sondern sie verlaufen oft in den Köpfen. Wir müssen heute erleben, wie unsere Gesellschaft in immer kleinere Teilgruppen auseinanderdriftet, die sich zum Teil völlig zurückziehen oder aber sehr lautstark auf sich aufmerksam machen wollen.

Darin liegt aus unserer Sicht eine der großen Aufgaben für die Politik: Lassen wir das nicht zu! Arbeiten wir gemeinsam mit Respekt und Toleranz an der Basis unseres Zusammenlebens!

Die große Lehre aus 28 Jahren Berliner Mauer ist: Der Wunsch nach Freiheit lässt sich nicht unterdrücken. Auch wenn der Weg dahin leid- und schmerzvoll ist. Wir haben gemeinsam die deutsche Teilung überwunden.

Heute stehen wir in Deutschland für eine freie und offene Gesellschaft, die ihre Konflikte gewaltfrei im Diskurs austrägt. Was wir dafür am dringendsten brauchen, sind nicht neue Mauern in den Köpfen, sondern Mut und Zuversicht.

Michael Müller, Dietmar Woidke

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