Verdrängung in Kreuzberg : Späti „Ora 35“ droht der Rauswurf

In drei Wochen soll der Spätkauf an der Oranienstraße geräumt werden. Jetzt rufen Initiativen zur Protestkundgebung am kommenden Donnerstag auf.

Ladenbetreiberin Zekiye Tunc vor ihrem Spätkauf in der Oranienstraße in Kreuzberg.
Ladenbetreiberin Zekiye Tunc vor ihrem Spätkauf in der Oranienstraße in Kreuzberg.Foto: Corinna von Bodisco

Für den Spätkauf in der Oranienstraße 35 könnte es in rund drei Wochen vorbei sein. Mitte Juni überbrachte ein Gerichtsvollzieher der Ladenbetreiberin Zekiye Tunc die Räumungsankündigung. Dabei ist der „Ora35“ mehr als nur ein Späti, seit 20 Jahren ist er ist ein bekannter Treffpunkt im Kiez, oft sitzen Nachbarn auf den Bierbänken vor dem Laden.

Tunc ist eine resolute Frau, doch gerade ist sie ziemlich am Ende: „Mein Laden ist ganz wichtig für mich, er ist meine Heimat“, sagt die 57-Jährige. Seit 2017 ist die Situation des Spätis unsicher, zu diesem Zeitpunkt wurde schon einmal eine Räumung angekündigt.

Seither bemüht sich Tunc darum, nicht verdrängt zu werden, doch die im Grunewald ansässige Immobilienfirma Bauwerk reagiert nicht. Auch die Anfrage vom Tagesspiegel blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Den Brief des Gerichtsvollziehers übergab die Ladenbetreiberin gleich ihrem Anwalt, Bariş Yildirim. Bei dem Schreiben handle es sich um eine Vorabankündigung zur Räumung, erklärt Yildirim dem Tagesspiegel, als er zufällig beim Späti vorbeikommt. Ein konkreter Termin wurde noch nicht genannt, dieser müsse erst noch vom Gerichtsvollzieher vergeben werden. Das kann ab sofort passieren und sobald Tunc den Brief bekäme blieben ihr drei Wochen Zeit, den Laden zu räumen.

Initiativen rufen zu Protestkundgebung auf

Das wollen viele Nachbarn verhindern: Für den kommenden Donnerstag haben Initiativen, darunter Bizim Kiez, OraNostra und Kotti & Co, ab 18 Uhr zu einer Protestkundgebung vor dem Späti eingeladen. Die Immobilienfirma solle die Räumungsankündigung zurück nehmen und der Späti bleiben. „Lasst uns Wege und Möglichkeiten finden, die Entscheidungsträgerinnen (Politikerinnen u.a.) an ihre Verantwortung den Menschen gegenüber zu erinnern, lassen wir Zekiye und ihre Familie nicht allein“, schreibt ein Nachbar.

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Verdrängung in Kreuzberg: Kampf um einen Späti
Verdrängung in Kreuzberg: Kampf um einen Späti

Diese Situation ist kein Einzelfall: „Die Oranienstraße wird irgendwann so aussehen wie die Bergmannstraße“, sagt David Permantier vom Stadtteilladen Bilgisaray (Oranienstraße 45). Er meint schicke Läden mit hohen Mieten. Das „migrantische Gewerbe“ wie er es nennt, würde langsam verschwinden. Das zeigt auch das Beispiel des Kleidergeschäfts „Kamil Mode“, das im April nach 17 Jahren die Räumlichkeiten am Kottbusser Damm verlassen musste. „Dabei geht es hier um die Existenz einer Familie, nicht um Kapital“, betont Permantier.

Resolution zum Verbleib des Spätis bereits 2017

Bereits 2017 verabschiedete das Bezirksparlament eine Resolution zum Verbleib des Spätis, Bundestagsabgeordnete der Linken, Grünen und SPD haben Briefe verfasst und über 3.000 Menschen haben gegen die Verdrängung des Oranienspätkaufs unterschrieben.
Der „Ora35“ sei ein „kleiner Info-Point“, meint Neriman Kurt vom Stadtteilzentrum Familiengarten, die extra zum Dolmetschen vorbei gekommen ist.

Warum die Zukunft des Spätis trotzdem noch nicht gesichert ist? Das Bezirksamt teilte mit, an "einer gesunden Mischung" und am Erhalt kiezbezogener Angebote interessiert zu sein. Allerdings gelänge es nur in Einzelfällen, die Eigentümer oder Vermieter davon zu überzeugen, dass Mieterhöhungen nicht bezahlt werden können. Eine Möglichkeit der Beratung bei einer drohenden Verdrängung sei auch die Wirtschaftsförderung des Bezirksamtes.

Tunc spricht zwar gut Deutsch, aber gerade ist sie von der Situation überfordert. „Was hier passiert, wird bald noch viel größere Auswirkungen für die ganze Stadt haben“, sagt Kurt. In der Sozial- und Rechtsberatung des Familiengartens trifft sie oft auf ähnliche Schicksale. Alte Netzwerke und Strukturen würden mit solchen Kündigungen zerstört, die Nachbarschaft müsse sich zusammentun – zum Beispiel am Donnerstag bei der Kundgebung.

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