• Vorsitzende im Interview: Wie Ehrenamtliche des Landesjugendring Berlin die Coronakrise erlebten

Vorsitzende im Interview : Wie Ehrenamtliche des Landesjugendring Berlin die Coronakrise erlebten

Trotz der Krise haben sich viele Ehrenamtliche weiter um die Jugendlichen gekümmert. Ihr Vorsitzende Marcel Hoyer wünscht sich mehr Wertschätzung für ihre Arbeit.

Angebote und Treffen wie die wöchentlichen Gruppenstunden oder Ferienangebote sind während der Beschränkungen durchweg ausgefallen.
Angebote und Treffen wie die wöchentlichen Gruppenstunden oder Ferienangebote sind während der Beschränkungen durchweg...Foto: Getty Images/iStockphoto

Marcel Hoyer (33) ist seit sieben Jahren Vorsitzender des Landesjugendring Berlin. Eigentlich endete im Mai seine Amtszeit, doch durch die Corona-Krise wird nun erst im September ein Nachfolger gewählt. Hoyer kommt aus der Pfadfinderbewegung und war Bildungsreferent beim Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) in Berlin. Seit November 2019 ist er Geschäftsführer des katholischen Diözesanrats Berlin.

Wie sind die 34 Mitgliedsverbände des Landesjugendrings durch die Corona-Krise gekommen?
Die normalen Angebote und Treffen, die wöchentlichen Gruppenstunden, die Wochenendseminare oder Ferienangebote sind durchweg ausgefallen. Doch wir haben relativ rasch geschaut, was man etwa digital machen kann, um das irgendwie zu kompensieren. Hilfreich war, dass der Senat uns unterstützt hat und die Förderung weiter lief, auch wenn wir nur eingeschränkt arbeiten konnten.

Es hat sich gezeigt, das digitale Hilfsmittel in der Krise enorm hilfreich waren zur Kommunikation und für Hilfsaktionen. Hat ein Jugendverband da Vorteile wegen der Digitalkompetenz der jüngeren Menschen?
Ja, das kann man so sagen. Die meisten Aktiven sind digital natives, die einen relativ guten Zugang zur Technik haben. Aber es bedurfte trotzdem einer erheblichen Übersetzungsleistung. Wie läuft das Gruppentreffen bei einer Videokonferenz ab, wie kann ich auch dabei einen geschützten Raum sicherstellen, und wie gehe ich damit um, dass Kinder und Jugendliche teilweise daheim eben nicht die Technik haben und die ich eben anders erreichen muss, waren einige Fragen.

Marcel Hoyer (33) ist seit sieben Jahren Vorsitzender des Landesjugendring Berlin.
Marcel Hoyer (33) ist seit sieben Jahren Vorsitzender des Landesjugendring Berlin.Foto: privat

Aber insgesamt wurde ziemlich schnell und spontan reagiert und einfach gemacht. Statt Wochenendseminare gab es dann eben Online-Seminare, zu denen man auch externe Referentinnen und Referenten zugeschaltet hat. Das wird bleiben. Gerade in einer Stadt wie Berlin mit weiten Wegen hat das eine besondere Attraktivität gewonnen. Wir konnten teilweise mit solchen Angeboten mehr junge Menschen als sonst erreichen.

Im Landesjugendring sind 34 Jugendverbände organisiert mit über 50.000 Ehrenamtlichen. Haben Sie diese Kraft in der Krise für besondere Hilfsaktionen genutzt?
Mich hat beeindruckt, wie junge Erwachsene als Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter sich weiter um die Jugendlichen gekümmert haben, die sonst in die Gruppenstunden gekommen sind. Sie haben diese angerufen und Kontakt gehalten. Dann gab es Verbände, die eine digitale Hausaufgabenbetreuung angeboten haben, damit die Jugendlichen beim Homeschooling zurechtkommen und begleitet werden. 

Andere haben Postkarten- und Briefaktionen zugunsten von älteren Menschen in Isolation oder in Senioreneinrichtungen organisiert, um zu zeigen, dass sie nicht vergessen sind. Dahinter steckte auch die eigene Erfahrung. Viele Kinder und Jugendliche waren ja auch weg von der Bildfläche. Die sind in der Stadt nicht mehr in Erscheinung getreten, die konnten nicht mehr ihrem normalen Alltag nachgehen.

Sind in der Coronakrise junge Menschen mit ihren Bedürfnissen und speziellen Problemen von der Politik angemessen berücksichtigt worden? 
Aus meiner Sicht gab es eine schwierige Schieflage. Kinder und Jugendliche waren mit am massivsten betroffen. Es ging ja nicht nur um die geschlossenen Schulen und Kitas, sondern auch die Jugendfreizeiteinrichtungen waren dicht, die Jugendverbände waren betroffen, Kinder konnten nicht mehr auf den Spielplatz gehen. Doch zumindest im März und April hatte ich das Gefühl, dass sich die politische Diskussion nur um Baumärkte, Biergärten und Bundesligaspiele drehte. Erst nach und nach wurde der Politik bewusst, dass die Situation von Kindern und Jugendlichen auch ein wichtiges Thema ist. 

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Aber dann wurde nicht so sehr aus der Perspektive der Kinder und Jugendlichen darüber diskutiert, was die Krise für sie bedeutet, sondern eher aus der Perspektive von Schule und familiärer Belastung. Das sind berechtigte Punkte, ist aber eben nicht alles. Es haben eben nicht alle eine große Wohnung, die meisten haben keinen Garten, nicht jeder hat Computer und Internetzugang, um Kontakt zu halten, und nicht alle Eltern haben genug Energie, die Kinder im Homeschooling gut zu begleiten. Diese Themen wurden zu spät diskutiert.

Sie vertreten als Landesjugendring seit 70 Jahren die Interessen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Politik. Wenn junge Menschen das Gefühl haben, es kommt auf uns nicht an, wir werden nicht berücksichtigt, dann engagieren sie sich auch nicht für die Gesellschaft?
Auf jeden Fall. Die Erfahrung, dass ich was bewirken kann und dass ich ernst genommen werde, die ist ganz entscheidend. Sie ist auch die Grundvoraussetzung, dass ich mich einbringe und etwas gestalten möchte. Es ist eine Haltungsfrage in einer Gesellschaft, wie sie die Anliegen junger Menschen wahrnimmt. 

Wenn man deren Anliegen zu lange ignoriert, muss man sich nicht wundern, wenn sich junge Menschen eher zurückziehen und sagen, es bringt ja nichts, mich zu engagieren. Wir sind derzeit in einer spannenden Phase: Kritische Jugendliche haben die politische Agenda – Stichwort Fridays for Future – massiv verändert und damit politisches Gewicht entfaltet. Aber die Jugendlichen mussten sich das hart auf der Straße erkämpfen.

Mitbestimmung und echte Partizipation muss da sein, damit Jugendliche sagen, ja, da lohnt es sich, etwas zu tun?
Jugendverbände sind der geschützte Rahmen, wo sie selber entscheiden, welche Projekte sie durchführen wollen, wo sie sich einbringen wollen. Dort können sie im Prinzip über alles selbst bestimmen, auch Verantwortung über die Finanzen haben. Wir versuchen, hier eine Lernerfahrung zu schaffen, die man dann hoffentlich auch im normalen Leben außerhalb des Jugendverbands nutzen kann. 

Ein klassisches Stichwort ist das Wahlrecht ab 16 Jahre, was wir in Berlin auf Landesebene immer noch nicht haben. Wir treten dafür ein und sagen, ihr verwehrt den jungen Leuten ein Grundrecht. Die können in diesem Alter schon alle möglichen Entscheidungen selber treffen - heiraten, arbeiten - aber wählen dürfen sie noch nicht. Es geht ja auch um Entscheidungen, die ihr Leben ganz konkret betreffen, von denen sie ausgeschlossen sind - etwa beim Volksentscheid über den Religionsunterricht in Schulen. Und erst recht bei langfristigen Entscheidungen, von denen sie künftig am meisten betroffen sein werden.

Ist ein Jugendverband in besonderer Weise herausgefordert, innovative Projekte zu entwickeln für die großen Probleme der Zeit – also Klimawandel, Rassismus und Flucht?
Immer. Das Schöne ist aber, dass die Jugendlichen aus ihrer eigenen Lebenswirklichkeit heraus die Themen setzen, die ihnen wichtig sind. Deswegen sind die Anliegen, die etwa bei Fridays for Future deutlich geworden sind, in vielen Jugendverbänden schon lange Thema. Gerade auch kritischer Konsum. Es gibt viele Jugendverbände, die eigene Leitlinien haben, um ihre Angebote nachhaltig und ökologisch zu gestalten.

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Auch mit dem Thema Rassismus setzen sich Jugendverbände schon lange auseinander. Wir wissen, dass Rassismus und Antisemitismus Teil unserer Gesellschaft sind, und dass wir uns dem entgegenstellen müssen. Da leben die Jugendverbände auch von den Erfahrungen der Jugendlichen, die bei ihnen organisiert sind – davon, was sie auf dem Schulhof und im Alltag wahrnehmen und erleben. Die kreativsten Ideen, wie man sich damit auseinandersetzen kann, kommen dabei häufig von den Jugendlichen selber. Auch, weil sie wissen, wen sie wie erreichen wollen.

Wie muss sich Ehrenamtsmanagement verändern, um Jugendliche zu erreichen? Vereine klagen oft, dass Jugendliche sich nicht langjährig binden möchten. Und brauchen wir so etwas wie Studienplatzbonus für Engagierte?
Es braucht andere Rahmenbedingungen. Jugendliche erleben einen großen zeitlichen Druck durch Ganztagsschulen und Lernstoffverdichtung. Deswegen wollen wir eine 35-Stunden-Woche für Schule und Hausaufgaben, damit man auch noch andere Sachen machen kann. 

Daneben haben 16- bis 18-Jährige nicht die Perspektive, sich zehn Jahre lang in irgendwelchen Vereinsgremien hochzuarbeiten; sie möchten sich jetzt einbringen oder relativ schnell Verantwortung übernehmen können. Die können sich gar nicht lange binden - erst Schulabschluss, dann irgendwo Ausbildung oder Studium. Das muss man beim Ehrenamtsmanagement berücksichtigen. Sicherlich kann man sich auch fragen, ob man langjährigen Ehrenamtlichen, die viel zur Gesellschaft beitragen, nicht ein Wartesemester für das Studium erlässt. 

Viele Jugendleiterinnen und Jugendleiter haben zeitliche Probleme, Sommerlager zu betreuen, weil die Unis in dieser Zeit Hausaufgaben oder Klausuren abfordern. Oder, dass man ehrenamtlich Engagierten günstiger mit der BVG fahren lässt, damit die Jugendlichen da konkret Dank spüren jenseits der guten Worte – die natürlich auch wichtig sind.
Mehr über den Landesjugendring Berlin erfahren Sie hier.
Das ist ein Beitrag aus Tagesspiegel-Newsletter Ehrensache. Wer noch mehr über ehrenamtliches Engagement in Berlin erfahren will: Der Newsletter erscheint monatlich, immer am zweiten Mittwoch. Hier kostenlos anmelden: ehrensache.tagesspiegel.de

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