Wandern im Sternenpark Havelland : Wo die Nacht am dunkelsten ist

Der Naturpark mit dem Gülper See ist besonders wenig mit Licht verschmutzt – und eignet sich damit hervorragend zum Sternegucken. Eine Wanderung.

Wanderführer Thomas Becker gelingen mit Langzeitbelichtungen faszinierende Aufnahmen des Firmaments.
Wanderführer Thomas Becker gelingen mit Langzeitbelichtungen faszinierende Aufnahmen des Firmaments.Foto: Thomas Becker

Gülpe - Wie dunkel ist die Nacht dort, wo sie am dunkelsten ist? Immer noch hell, ein schwaches Glimmen, wenn sich die Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt haben. Hell genug, dass die mitgebrachten Taschenlampen im Rucksack bleiben können. Das breite matt-silberne Band des Gülper Sees verstärkt das Leuchten der Abenddämmerung im Norden. Gegenüber, am südlichen Rand des Horizonts, strahlen Mars, Saturn und Jupiter. Über den Köpfen der Nachtwanderer spannt sich der dünne Schleier der Milchstraße.

Nur im Juli ist ein Blick ins Zentrum unserer Galaxie möglich, erklärt Thomas Becker, der sternenkundige Wanderführer. Das ganze Jahr über bietet Becker seine Touren an, die jeweils um 23 Uhr beginnen, denn die Nacht – ihr Himmel und ihre Stimmen – verändert sich mit den Jahreszeiten.

Der Naturpark Westhavelland mit dem Gülper See, 1300 Quadratkilometer groß, gehört zu den Dunkelzonen Deutschlands, mit geringer „Lichtverschmutzung“, anerkannt durch die IDA, die International Dark Sky Association. Von Menschen gemachtes Licht stört nicht nur die Sicht ins All, sondern auch die Natur, vor allem Vögel und Insekten werden teils lebensbedrohlich irritiert und abgelenkt.

Naturschutz bedeutet am Gülper See: Licht aus! In den Dörfern rundherum leuchten die Straßenlaternen trotzdem die ganze Nacht, wenn auch professionell gedimmt und abgeschirmt. Nur der Ortsbeirat des Dorfes Gülpe, ausgerechnet, sehe bislang keine Veranlassung, seine rundum strahlenden Hutlampen auszutauschen, klagt Becker.

Ungestörte Dunkelheit ist eine Illusion

Die Gegend um Gülpe ist ein Landstrich am östlichen Havelufer, rund 80 Kilometer von Berlin entfernt, eine menschenarme Gegend, in der die Natur großflächig unter Schutz steht. Davon profitieren auch die Menschen, denn der Gülper See lockt von weither Naturfotografen an, die tags und nachts mit langen Brennweiten auf der Lauer sitzen, um vor allem Vögel abzulichten.

Fahrradtouristen sind hier noch selten, nachts sind nur noch Einheimische unterwegs, vorwiegend mit dem Auto. Jedes Gefährt, das einen Lichtkegel vorauswirft, durchbricht die Geborgenheit der dunklen Nacht. So wie jedes Flugzeug, das sein Lichtsignal über das Firmament wandern lässt. Und die Blinklichter der Windkraftanlagen.

Der Naturpark Havelland ist ein Fest für Sternengucker.
Der Naturpark Havelland ist ein Fest für Sternengucker.Foto: Thomas Becker

Berlin leuchtet schwach im Osten, im Süden sendet Rathenow sein Glimmen gen Himmel, das große Zellstoffwerk im Westen wirkt dagegen wie ein riesiger Scheinwerfer. Es malt aus der Distanz von 60 Kilometern eine Lichtkuppel ins Dunkel. Die Nachtwanderer merken bald, dass in Deutschland die ungestörte Dunkelheit eine Illusion ist, dazu müsste man in die Wüste gehen oder ans Polarmeer.

Rund 20 Leute, vorwiegend Berliner, sind diese Nacht ins Havelland gekommen. Becker erklärt den Sternenhimmel, berichtet von Jupitermonden und Marsmissionen, dem Taumeln der Erde um ihre Achse. Er lauscht nach Tierstimmen, aber mehr als ein paar Wildgänse und Grillen sind nicht zu hören. Dafür spielt er dem Publikum Audiodateien vor von Wölfen, Eulen, Kranichen und Störchen und detektiert mit einem Gerät die Sonarwellen vorbeifliegender Fledermäuse. Das Nachtleben der Tiere ist menschlichen Sinnen schwer vermittelbar.

Rotes Licht, um die Tiere nicht zu stören

Gewandert wird auf einem alten Deich, die Nachtgänger setzen ihre Schritte langsam und gemessen. Das Gehirn versucht, mit den Füßen das Geländeprofil zu erspüren. Bevor der Weg in den Nadelwald führt, der die Dunkelheit verstärkt, verteilt Becker kleine Batterieleuchten, die rotes Licht abstrahlen. Rotlicht stört die Tiere am wenigsten, hartes blau-weißes Licht am stärksten.

Viele Insekten orientierten sich am Mond, damit sie ihren Kurs halten können, sagt Becker. Helle Lichtquellen deuten sie deshalb fälschlich als Mond und schwirren stundenlang drumherum, bis sie entkräftet zu Boden sinken.

Im Wald leuchtet immer noch der Himmel, weil die Kronen der Kiefern das schwache Licht nicht komplett absorbieren. Becker spricht über tief verwurzelte Ängste, die mit der Dunkelheit einhergehen, obwohl der Mensch zumindest aus der heimischen Tierwelt nichts zu fürchten hat. Im Gänsemarsch läuft die Gruppe durch den Wald, jeder hält Anschluss an den Vordermann.

Auf dem Rückweg zum Parkplatz ebben die Gespräche ab, es geht gegen zwei Uhr, die Begeisterung über das Nachterleben weicht langsam der Müdigkeit. Nur Thomas Becker ist nicht zu bremsen. Am Ende seiner Tour macht er sich noch mal allein auf den Weg, um ein paar bekannte Motive am Nachthimmel mit langen Belichtungszeiten einzufangen.

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