• "Warum kann die Berliner Verwaltung nicht, was Amazon kann?": Zu Besuch im Labor für die Stadt der Zukunft

"Warum kann die Berliner Verwaltung nicht, was Amazon kann?" : Zu Besuch im Labor für die Stadt der Zukunft

Das „CityLAB“ will Verwaltungsvorgänge ankurbeln. Wohngeld beispielsweise könnte über WhatsApp beantragt werden. Auch die Verkehrswende könnte schneller gehen.

Bewusstseinserweiterung. Benjamin Seibel zwischen Zimmerpflanzen, die anzeigen, wann sie Wasser brauchen.
Bewusstseinserweiterung. Benjamin Seibel zwischen Zimmerpflanzen, die anzeigen, wann sie Wasser brauchen.Foto: DAVIDS/Dirk Laessig

Wo früher das Offiziershotel samt Kasino der US-Airforce war, wird heute an der Stadt der Zukunft gebastelt. Wohngeld über WhatsApp, Feinstaub sichtbar machen, Kindergeld als Kryptowährung – im Flughafengebäude am Platz der Luftbrücke befindet sich „City Lab“ – ein „Experimentierlabor“, eröffnet im Juni 2019 durch Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD). 

Ein „Netzwerk aus Verwaltung, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Start-Ups“ soll es sein, „um digitale Projekte für Berlin zu fördern.“ Früher hätte man wohl „Thinktank“ oder „Denkfabrik“ gesagt. Die Tempelhof Projekt GmbH, deren Aufsichtsratsvorsitzende Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) ist, spricht von einem „Digital- und Innovationszentrum“ - in dessen Bauteil „H2rund“ sich ein „kreativer Hub“ befindet – das „CityLab“. Aber was genau machen die dort?

Am holzvertäfelten Empfang des ehemaligen Hotels wartet Benjamin Seibel unter rot-blauen Neonröhren. Der 38-jährige promovierte Philosoph ist Leiter des Labors. Ein Raum wird als Co-Working-Space genutzt, ein anderer für die öffentliche Ausstellung – die eigentlich frei zugänglich sein soll, aber wegen der Coronapandemie nur mit Termin begehbar ist. 

Prototypen „zur besseren Bewältigung des Alltags“

Hier stellt sein Team einige innovative Projekte vor. Zum Beispiel einen beleuchteter Rollstuhl-Anhänger zum Transport größerer Lasten, beispielsweise Getränkekisten. Zusammen mit Menschen mit Behinderung werden Prototypen „zur besseren Bewältigung des Alltags“ entworfen.

Ein anderes Projekt mit dem Namen „DustVR“ kann Feinstaub sichtbar machen. Setzt man die VR-Brille auf, wächst um einen herum ein Ort in Berlin voll mit Pixelstaub. Untermalt wird die Virtuelle Realität durch dramatische Musik – der Feinstaub allerdings ist auch im echten Berlin vorhanden und speist sich in Echtzeit durch Messdaten des Open-Data-Netzwerks luftdaten.info.

CityLAB-Leiter Benjamin Seibel in der hauseigenen Ausstellung. 
CityLAB-Leiter Benjamin Seibel in der hauseigenen Ausstellung. Foto: DAVIDS/Dirk Laessig

Was hilft gegen Feinstaub? Eine Mobilitätswende und: mehr Bäume. Seibel zeigt neonpink beleuchtete Pflanzen im Gang neben der Teeküche für die Mitarbeiter. Kein Experiment mit Hanf-, sondern mit Zierpflanzen, die über USB-Anschlüsse mitteilen, wann sie wieder Wasser brauchen. 

Eine digitale Karte zeigt, welche der 625 000 Stadtbäume wann genau wieder Wasser benötigen. Anwohner können Baumpatenschaften übernehmen – und müssen dann, ganz analog, mit der Gießkanne ran. Dass Stadtbäume in Zukunft durch ein Wassersystem bewässert werden, steht für Seibel außer Frage, aber noch ist es nicht so weit.

"Digitalisierung erfordert eine neue Art der Arbeitsweise"

Erstmal soll die Berliner Verwaltung modernisiert werden. Dazu bietet CityLAB Seminare an. „Digitalisierung bedeutet rasante Veränderung, darauf ist Verwaltung nicht vorbereitet“, meint Seibel. „Digitalisierung erfordert eine neue Art der Arbeitsweise, das versuchen wir, den Leuten aus der Verwaltung zu vermitteln.“ 

Die Berliner Bezirksämter wissen auch, dass etwas getan werden muss. So sagte Lichtenbergs Bürgermeister Michael Grunst (Linke) beispielsweise in seinem neuen Podcast: „Es gibt Dinge, die gehen sehr schnell, und dann gibt es Dinge, die gehen ihren Verwaltungsgang.“ Er habe früher mal einen Antrag für einen Fußgängerüberweg eingebracht – bis dieser errichtet wurde, vergingen zehn Jahre. 

Seibel kennt das: So etwas wie ein Zebrastreifen oder ein Radweg, das könne Ewigkeiten dauern. Grunst ist sich sicher: „Verwaltung hat auch keine Lust auf langwierige Prozeduren. Wir sind dabei, berlinweit übrigens, Verwaltungsvorgänge zu optimieren, schnell zu gestalten, vor allem Radverkehrsanlagen.“

[Über Verwaltung-Pingpong und wie die Bezirke mit der Verkehrswende vorankommen berichten wir auch in unseren Leute-Newslettern für die zwölf Berliner Bezirke. Diese können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de]

Was den Radverkehr angeht, hinkt Grunsts Bezirk noch hinterher: Obwohl das 2018 beschlossene Mobilitätsgesetz vorsieht, dass auf allen Hauptverkehrsstraßen geschützte Radwege errichtet werden sollen, hat Lichtenberg nicht einen dieser Strecken mit grüner Farbe eingerichtet. Ebenso wenig wie einen der improvisierten Pop-up-Radwege. 

Seibel, der selbst in Lichtenberg wohnt, versteht das nicht. Er wünscht sich Pop-up-Radwege, auch in seinem Wohnbezirk. Diese wurden im CityLab von Felix Weisbrich erdacht, seit 2019 Chef des Straßen- und Grünflächenamtes von Friedrichshain-Kreuzberg, wo bereits zehn dieser temporären Radwege aufgeploppt sind.

Es müsse schneller gehen mit der Verkehrswende, findet Seibel. Bürgerinnen und Bürger müssten sich an einer Stelle in der Stadt einen Radweg wünschen können – und eine Verwaltung sollte ihnen, am besten digital und ohne Verwaltungsdeutsch, direkt antworten.

Viele Briefe von offiziellen Stellen seien aber sehr unverständlich und unnötig kompliziert formuliert – so würden die Bürgerinnen und Bürger den Spaß am Mitgestalten verlieren. „Wir versuchen zu verstehen, warum die IT-Services aus der Verwaltung nicht den Erwartungen der Bürger entsprechen. Große IT-Konzerne wie Google oder Amazon können das, warum nicht die Verwaltung einer Hauptstadt?“

Geburtsurkunden über WhatsApp, Kindergeld als Kryptowährung

Seibel findet, die Nutzer selbst sollten bei der Entwicklung eines Vorgangs einbezogen werden: „Wenn man zum Beispiel eine Digitalisierung von Wohngeldanträgen angehen würde, könnte man Leute dazu einladen, dies mit zu planen, die auch den Antrag mal nutzen müssen.“ Diese könnten den Entwicklerteams am besten schildern, was genau ihnen an den bisherigen Anträgen unverständlich erscheint. 

Formulare sollten in einfacher Sprache verfasst und über Kanäle zugänglich sein, die die Leute auch nutzen, wie „WhatsApp“ zum Beispiel. Geburtsurkunden via Messanger und Kindergeld als Kryptowährung ausgezahlt – noch unvorstellbar. Wenn es nach CityLab geht, ist das bald Alltag.

Chatbot ohne Behördendeutsch in neun Sprachen

Chatbots, die nicht nur Behördendeutsch ausspucken, befinden sich bereits in der Beta-Testphase: Der „Virtuelle Bürger-Service-Assistent“ kann rund um die Uhr Bürgerfragen in neun Sprachen beantworten. „Eine Verwaltung sollte ihre Dienstleistungen an die Bedarfe der Menschen anpassen und nicht andersrum“, fordert Seibel. 

Airbnb oder Facebook seien auch so gestaltet, dass alles einfach ist. „Sonst sind die Leute schnell weg. Verwaltungen sollten über Feedback von den NutzerInnen lernen.“ Verwaltungsteams können sich bei CityLab melden und Probleme besprechen, sich beraten lassen oder Seminare belegen.

Auch viele zivile Initiativen treffen sich vor Ort. 189 Events und Arbeitstreffen fanden bisher im Labor statt. Derzeit ist Corona-bedingt wenig los. Der Mietvertrag für die Räumlichkeiten läuft erstmal bis 2021. Anlässlich des einjährigen Bestehens sollte am Freitag, 19. Juni, gefeiert werden - analog und vor Ort. Doch nun wird es ein digitales Sommerfest, Eintritt frei mit Anmeldung.

Dann soll auch das Handbuch „Öffentliches Gestalten“ präsentiert werden. „Mit der Digitalisierung entstehen die Möglichkeiten, das Verwaltungshandeln und damit auch die Beziehung zwischen Staat und Bürger:innen von Grund auf neu zu denken“, heißt es im Vorwor von Seibel und Frank Nägele, dem Staatssekretär für Verwaltungs- und Infrastrukturmodernisierung, der auch im Aufsichtsrat des Lab sitzt.

„Vielleicht helfen wir dabei, eine neue Form des Arbeitens in der Verwaltung zu etablieren“, sagt Seibel und greift sich eine Flasche Club Mate.


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