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Mode - hot und fettich! Wie unser Zeichner Roland Brückner die Modestadt Berlin imaginiert.
© Illustration: Roland Brückner

Nicht nur zur Fashion Week: Wir schneidern uns eine Modestadt

Berlin ist auf gutem Weg: tolle Designer, erfolgreiche Messen, ein Bürgermeister, der sich für Mode stark macht. Trotzdem muss dringend etwas passieren – damit Berlin nicht nur zur Fashion Week eine Modestadt ist, sondern 365 Tage im Jahr. Eine idealistische Vision in zehn Punkten.

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Wir haben Angst um die Berliner Mode, weil sie so gut ist.“ Diesen Satz hört man jetzt öfter. Man hört auch, die Berliner Designer seien das Interessanteste, was die Modewoche derzeit zu bieten habe. Sie haben ein Sendungsbewusstsein, wollen mit Mode die Welt verändern, schlagen sich die Nächte um die Ohren, um außerordentliche Kollektionen abzuliefern, die nicht nur auf dem Laufsteg, sondern auch auf der Straße faszinierend sind.

Berlin ist auf einem guten Weg. Mit Messen wie der Bread & Butter und der Premium, mit den Schauen im Zelt der Fashion Week, mit imposanten Veranstaltungsorten wie dem ehemaligen Flughafen Tempelhof oder der Straße des 17. Juni – und mit einem Regierenden Bürgermeister, der sich für Mode starkmacht. Nichts ist dran an dem Gerücht, die Bread & Butter wolle Berlin verlassen, weil die Stadt angeblich zu langweilig sei. Trotzdem: Es muss dringend etwas passieren. Damit Berlin nicht nur zur Fashion Week eine Modestadt ist, sondern 365 Tage im Jahr. Damit Berlin eine Stadt wird, in der die Designer nicht nur für ihre Arbeit gelobt werden, sondern auch davon leben können. Damit das Gute auch gut bleibt. Denn das Problem ist: Viel zu wenige hier entworfene Kleider schaffen es vom Laufsteg in die Läden, in die Schaufenster, in die Einkaufstüten der Kunden. Doch wenn die Entwürfe nicht getragen werden, dann werden deren Macher irgendwann aufgeben müssen.

Das Geschäft ist teuer. Viel muss ausprobiert werden, viel investiert in Stoffe, Maschinen, Material. Die Designer nähen sich die Finger blutig, um irgendwann Kleidungsstücke in der Hand zu halten, die sie präsentieren können. Auch das kostet jede Menge Geld. Und nach der großen Show? Wurde immer noch kein einziges Kollektionsteil produziert, gekauft oder geliefert.

Die hohe Kunst des Unbezahlbaren

Früher einmal wurden Bestellungen von den Händlern angezahlt, damit sich die Modemacher überhaupt leisten konnten, die Kleider zu fertigen. Das ist vorbei. Der Handel kränkelt, die Kollektionen hängen auf Kommission in den Geschäften. Die Designer erhalten erst Geld, wenn etwas verkauft wird – das Risiko tragen sie allein. Das kann nicht lange gut gehen. Erst recht nicht, wenn man jede Saison aufs Neue beweisen muss, dass man etwas kann, dass man sich weiterentwickelt hat und die eigene Handschrift verfeinert.

Mit der Fashion Week vor zwei Wochen wurde klar, dass die Mode in Berlin einen großen Schritt gemacht hat. Niemand kann mehr behaupten, dass Berlin nur für den Minimalismus eines Michael Sontag oder Hien Le steht. Es gibt Couture, es gibt raffinierte, ausgefeilte Männermode, in Berlin ist die ganze Bandbreite verschiedener Kleidungsstile zu finden. Die „Frankfurter Allgemeine“ schreibt von einer „verspäteten Modenation“ und konstatiert, dass Berlin es endlich geschafft habe – und klingt dabei sogar etwas stolz.

Berliner Design ist so gut, dass es inzwischen nicht mehr nur um bezahlbare Kleider, sondern auch um die hohe Kunst des Unbezahlbaren geht. Da wird schon mal so viel Zeit, Material und Aufwand in ein einzelnes Kleid gesteckt, dass das Kleid zum Kunstwerk wird. So kann man demonstrieren, was man alles mit Stoff machen kann, ohne daran zu denken, ob das Kleid im Alltag taugt, ob es zu waschen ist oder überhaupt in Serie produzierbar.

So versuchen die Designer ein Vorurteil zu revidieren, das besagt: In Berlin entsteht Großartiges, aber es hapert an der Qualität. Da fallen die Knöpfe ab, reißen die Nähte, scheuern die Stoffe durch. Es gibt nur sehr wenige Produktionsstätten in Berlin und Umgebung, die in der Lage und willens sind, Designerkleider zu nähen. Die Schnitte sind kompliziert, die Stoffe knifflig in der Verarbeitung und die Stückzahlen so klein, dass sich keine Routine einstellt. Also schauen sich viele Einzelhändler die Kleider lieber nur an, anstatt sie für ihre Läden zu ordern, weil sie Angst haben, dass die produzierten Kleider nicht so perfekt aussehen wie der präsentierte Entwurf.

Der Anfang ist bereits gemacht

Viele meinen, man sollte den Modemachern endlich ein bisschen Betriebswirtschaftslehre beibringen, und schon würden aus den Schöngeistern Geschäftsleute, die ihre Kollektionen in den Kofferraum packen und damit in die Shops nach Bielefeld, Kassel, Hannover fahren. Andere sagen, die Designer sollten sich darauf konzentrieren, ihre Handschrift zu schärfen, die Drucke auf ihren Kleidern selbst zu entwerfen und überhaupt an der Aussagekraft ihrer Kollektionen zu feilen, damit Berlin endlich auch im Ausland relevant wird.

Diese Arbeit kann nämlich die Mehrzahl der großen Traditionshäuser aus Deutschland nicht leisten, sind sie doch zu sehr damit beschäftigt, ihre Mode in immer schnelleren Rhythmen zu verkaufen – da stimmen wenigstens die Umsätze. Ein wenig von dem Glanz profitieren wollen aber auch sie. Und zeigen daher jede Saison in Berlin ihre Kleider. Manche beginnen mit dem Berliner Nachwuchs zu kooperieren. Die Hamburger Schuhhandelsfirma Görtz zum Beispiel, die Michael Sontag für zwei Saisons Schuhe entwerfen lässt. Erst 2009 hat Sontag seinen Abschluss an der Kunsthochschule Weißensee gemacht, drei Jahre später gilt er bereits als einer der stilprägendsten Modemacher Berlins.

Eigentlich ist also alles da, was eine Modestadt braucht: tolle Designer, große Marken, eine Fashion Week, ihre Veranstalter und Einkäufer, und die Medien sind auch da. Ebenso wie die Erkenntnis, dass in Berlin etwas entstanden ist, was in Zukunft den Ruf der deutschen Mode bestimmen könnte. Da braucht es nur noch ein paar Leute, die all diese Fäden aufnehmen und sie zusammenführen. Der Anfang ist bereits gemacht. Im Frühjahr haben neun staatliche und private Modeschulen im Geheimen der Berlin Fashion Council gegründet. Der soll vor allem junge Berliner Designer fördern und unterstützen. Wir haben einfach schon mal weitergedacht – und präsentieren in zehn Punkten unsere Vision von einer zukünftigen deutschen Modehauptstadt Berlin.

Unsere Vision: Deutschland hat einen Moderat

Immer schick. Berlin zum Anziehen, wie es unser Zeichner Roland Brückner sieht.
Immer schick. Berlin zum Anziehen, wie es unser Zeichner Roland Brückner sieht.
© Illustration: Roland Brückner

1. DEUTSCHLAND HAT EINEN MODERAT

In hoffentlich naher Zukunft wird es Menschen geben, die sich nicht aus wirtschaftlichem Eigeninteresse der Mode widmen. Für den Anfang reichen drei Personen, die für nichts anderes bezahlt werden, als sich Kollektionen anzuschauen, von Stadt zu Stadt zu reisen, Einzelhändler und große Modefirmen zu besuchen, Designer zu beraten. Bei jedem Anliegen, bei jeder Frage können sie auf ein gigantisches Netzwerk aus Industrie, Vertrieb, Handel und Produktion zurückgreifen. Diese Personen kennen sich genau mit der Mode in Deutschland aus, und sie geben dieses Wissen weiter. Diese Personen bilden den Rat für deutsches Modedesign.

Dieser Rat wird das alte Prinzip der Designerförderung auf den Kopf stellen. Das geht bisher so: Die Designer dürfen in Ruhe vor sich hinwerkeln, und manchmal wird ihnen für eine oder zwei Saisons etwas Geld zugeschoben. Der Moderat dagegen wird die Designer manchmal mehrere Jahre lang auf dem Weg begleiten, ihre kleinen Labels in wirtschaftliche Unternehmen zu verwandeln. Dabei bedient er sich nicht des Gießkannenprinzips. Der Rat selektiert. Er untersucht, welche Marken womöglich nach ein paar Saisons wieder aufgeben. Weil die Qualität nicht stimmt, die Vision nicht stark genug ist oder die Macher doch besser als Angestellte arbeiten sollten. So wird auch der Mythos verfliegen, dass sich jeder deutsche Modestudent direkt nach dem Abschluss selbstständig machen muss, weil er nur so zu Ruhm und Ehre kommt.

Vorbilder für einen Rat für deutsches Modedesign gibt es seit vielen Jahren in Paris, Mailand, New York und London (siehe Interview). Irgendwann aber werden auch in Berlin einige weise Menschen aus der Modebranche begreifen, dass man besser gemeinsam daran arbeitet, deutsches Design im eigenen Land und in der ganzen Welt bekannt zu machen. Dass man sich gegenseitig stärken kann und damit auch die aufstrebende deutsche Modenation.

Erst jetzt, da jede Menge Designer aus Israel und Osteuropa, aus Vietnam und Kanada nach Berlin kommen, um hier ihre Labels zu gründen, treten die Missstände zutage. Dass es kaum Vertriebsmöglichkeiten gibt, dafür aber den weitverbreiteten Irrglauben, dass sich die deutsche Modewelt auf Berlin-Mitte beschränkt, wo doch bislang vor allem das Gegenteil der Fall ist: Das Geschäft wird außerhalb der Hauptstadt gemacht. In Berlin werden viel weniger Kleider verkauft als in wohlhabenden Städten wie Düsseldorf, Hamburg und München.

2. DER MODERAT IST UNABHÄNGIG

Das ist sehr wichtig, schließlich geht es darum, den Standort Deutschland voranzubringen und nicht einzelne Unternehmen. Aber der Rat wird nicht alleine sein. Er arbeitet eng mit der Senatsverwaltung der Stadt Berlin zusammen, weil hier zweimal im Jahr die Modewoche stattfindet – und weil hier die meisten Designer leben. Aber auch mit dem Bund, den Ländern, den privaten und staatlichen Modeschulen und Vertretern der ganzen Branche ist der Moderat gut vernetzt. Nur so kommen die Informationen dahin, wo sie hingehören.

Viele haben gedacht, dass der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit früher oder später einen Modesenator bestimmen würde. Aber zum Glück ist das nicht notwendig. Denn der Moderat darf nicht weisungsgebunden sein – weder von einer staatlichen, kommunalen Stelle noch von Wirtschaftsunternehmen.

3. EINE STIFTUNG FINANZIERT DEN MODERAT

Zum Glück gibt es gute Beispiele aus dem Ausland, wie man so einen Moderat auch finanziell unabhängig macht. Viele Unternehmen, die einmal in der Saison während der Fashion Week von Berlin profitieren und Interesse daran haben, dass es hier weitergeht, werden Geld spenden. So viel, dass der Moderat sich aus den Zinsen finanzieren kann. Das ist ein erster wichtiger Schritt. Denn es soll nicht darum gehen, immer mehr Geld zu fordern, sondern darum, etwas zu tun. Erst einmal wird das Geld genutzt, um zu reisen, Menschen zu treffen, zu beraten, zusammenzubringen.

Der Moderat soll keine finanzielle Macht haben. Er verfügt nicht über große Summen, mit denen er Designer über Wasser halten kann oder Schulden bezahlt. Es geht vielmehr darum, vorhandenes Geld, wenn möglich, in vorhandene Infrastruktur zu lenken, wie in den Ausbau der Zwischenmeistereien oder in die Ausbildung von qualifizierten Technikern und Schneidern.

4. DEUTSCHES DESIGN STATT BERLIN-DESIGN

Auch wenn der Moderat seinen Sitz in Berlin hat, denkt er nicht in Stadtgrenzen. Er sieht sich nicht als Hüter des Berliner Designs. Er fördert die Anziehungskraft Berlins als Standort für Kreative von überallher. Nicht nur die Designer, die ihr Handwerk an einer der neun hiesigen Modeschulen gelernt haben, sollen unterstützt werden, sondern alle, die nach Berlin kommen, um selbstständig zu werden. Diese Öffnung hat bislang gut funktioniert: Labels wie Blaenk, Augustin Teboul oder Achtland bringen frischen Wind in die Mode. Mit ihren aufwendig gestalteten Kleidern, die so gar nichts mit dem gern beschworenen Berliner Minimalismus zu tun haben, erweitern und ergänzen sie das Spektrum um die Opulenz der Haute Couture.

5. KRISE DES HANDELS = CHANCE DER DESIGNER

Die Handwerks- und Schnitttechniken der Designer, ihre Formensprachen, ihre Materialwahl, ihr Anspruch insgesamt, erreicht zu dem Zeitpunkt ein marktfähiges Niveau, als der Einzelhandel so sehr krankt, dass er umdenken muss. Die großen Modeketten und zahlreichen Online-Shopping-Portale sind gerade auf dem besten Weg, die kleinen Boutiquen komplett zu verdrängen. Die Geschäfte brauchen neue Nischen, sie müssen etwas Einzigartiges finden, etwas, das die anderen nicht leisten können. Sie haben das junge deutsche Design für sich entdeckt, das bisher noch nicht in den Läden zu sehen war. Aus Leder gehäkelte Röcke oder filigrane, mit Perlenstickereien besetzte Kleider von Marken wie Issever Bahri oder Augustin Teboul traut sich auch niemand, online zu bestellen. Die Kunden sind neugierig auf die neuen Kleider. So werden die Boutiquenbesitzer, die sich so lange nach neuen Impulsen sehnten, nach unverbrauchten Namen und neuen Entwürfen, wieder zu dem was sie einst waren: Berater für neue spannende Mode.

Die Punkte 6 bis 10: Design und seine Wirkung

Von London lernen. Mit dem "National Endowment for Science, Technology and the Arts" und der "British Fashion Council" hat Großbritannien gleich zwei wichtige Mode-Institutionen - Vorbilder für Berlin.
Von London lernen. Mit dem "National Endowment for Science, Technology and the Arts" und der "British Fashion Council" hat Großbritannien gleich zwei wichtige Mode-Institutionen - Vorbilder für Berlin.
© Illustration: Roland Brückner

6. DEUTSCHES DESIGN WIRD INTERNATIONAL

Der Moderat kennt die Boutiquen in den hintersten Winkeln der Welt, und wenn er sie noch nicht kennt, dann fährt er halt hin. Deshalb weiß er, was die Läden für neue Kleider brauchen, am besten schon, bevor es die Einzelhändler selbst wissen – auf jeden Fall ist er sehr viel früher dran als die Kunden. Die wollen ja überrascht werden. Und sein Wissen teilt der Rat dann mit den Designern, die längst auch ihre Shops in Bielefeld gefunden haben. Auch wenn das für Kreative, die ihre Tage in Berlin-Mitte verbringen, zum hintersten Winkel der Welt gehört.

Für kleine Designermarken ist es wichtig, in einem real existierenden Geschäft zu hängen und nicht nur virtuell in einem Onlineshop. Dort können die Kunden die Kleider anfassen, ausprobieren und sich alles genau erklären lassen. Denn Mode muss nicht immer einfach zum Reinschlüpfen sein. Es muss sich nur jemand finden, der eine Geschichte dazu erzählt. Der Moderat macht den Designern klar, dass ein guter Vertrieb fast genauso wichtig ist wie gutes Design, vielleicht sogar wichtiger – denn nur so verdient man Geld.

7. DIE INDUSTRIE NUTZT DAS POTENZIAL

Viele große Marken wie Gerry Weber, Windsor oder Comma sind in der deutschen Provinz beheimatet. Sie beherrschen ihr Handwerk, der Umsatz stimmt, aber es fehlt ihnen manchmal an der eigenwilligen Handschrift, an Kreativität und Visionen. Der Moderat kennt diese Häuser, ihre Inhaber und Designer, er schafft Verbindungen zu den jungen Hungrigen. Kooperationen und Patenschaften entstehen zwischen Industrie und Kreativnachwuchs, Einzelhandelsformate öffnen sich. Es waren die Schuhhandelsfirma Görtz und die Warenhauskette Peek & Cloppenburg, die als Erste erkannten, welche Win-win-Situation hier verborgen liegt: Wer mit den jungen Designern kooperiert, verschafft dem Nachwuchs finanzielle Planungssicherheit – zumindest temporär – und verhilft dem eigenen Haus zu neuem, exklusivem Glanz. So kann ein etwas angestaubter Konzern sich ein jüngeres, kreativeres Image verpassen – das wiederum steigert den Umsatz. Natürlich dauert es nicht lange und auch andere Modehäuser entdecken diese Strategie für sich. In Zusammenarbeit mit dem Moderat entwickeln sie die Konzepte weiter und finden junge Kooperationspartner, die zu ihnen passen.

8. DIE INFRASTRUKTUR FUNKTIONIERT

Noch klafft hier eine große Lücke: Kompetente Schnitttechniker, professionelle Produktionsstätten und Ausbildungsbetriebe sind rar gesät – in Berlin wie in ganz Deutschland. Und wenn es sie gibt, mangelt es an Vernetzung: Beherrscht der eine das Handwerk mit Leder, ist es der andere, der sich mit Strick auskennt. Nur untereinander kennt man sich nicht. Es gibt keine Absprachen, weder über zeitliche Abläufe noch über die Art und Weise, wie man die Handschrift eines Designers herausarbeitet. So wird aus mancher Kollektion ein Flickenteppich verschiedener Fertigungsstile. Manche Designer verzichten beispielsweise ganz auf das Fachwissen von Schnitttechnikern, also derjenigen, die aus den kreativen Ideen produktionsreife Schnitte erarbeiten. Was zur Folge hat, dass manches Kleidungsstück am perfekten Körper des Models noch wunderbar sitzt, für die reale Welt aber untauglich ist.

Mit dem Moderat wird diese Lücke sichtbar werden – und damit auch die Dringlichkeit, sie zu schließen. Es wird einige neue Betriebe geben. Man wird sich untereinander vernetzen und mit guten Produktionsstätten in Polen, in der Türkei, in Serbien und in Italien kooperieren. Braucht jemand eine traditionelle Ledergerberei oder Experten für Posamenten und Borten, wissen die Betriebe, wo sie anrufen müssen.

9. MODE HAT GESELLSCHAFTLICHE BEDEUTUNG

Den Designern einzutrichtern, wie wichtig es ist, auch in Wuppertal und Braunschweig ihre Sachen zu verkaufen, ist ein Klacks gegen den Versuch, in Deutschland die gesellschaftliche Bedeutung der Mode zu erklären.

Aber der Moderat wird ja nicht immer nur über die anderen meckern, sondern hilfreich dort zur Seite stehen, wo es etwas zu tun gibt. Immer wieder oberlehrerhaft zu erklären, dass Mode durchaus Bestandteil unseres kulturellen Lebens ist, weil jeder mit seiner Kleidung eine Botschaft aussendet, ist hoffnungslos. Ebenso hoffnungslos, wie einem Meerschweinchen das Trompeten beibringen zu wollen, nur weil es pfeifen kann.

Deshalb arbeitet der Moderat mit Hochschulen zusammen, die die wissenschaftliche Beschäftigung mit Mode fördern. Bald können Fachleute qualifiziert erklären, wie der Farbcode von Angela Merkels Jacketts mit der gerade aktuellen Wirtschaftskrise zusammenhängt. Und darüber schreibt dann auch die Presse gern. Die hat längst erkannt, dass eine nachwachsende Generation so vertraut mit der Mode von Marken wie Kaviar Gauche und LalaBerlin ist, dass ihnen nichts anderes übrig bleibt, als sich ebenfalls schlauzumachen und nicht mehr nur über die Models zu schreiben, sondern über das, was sie bei einer Modenschau tragen.

10. EIN MODEMUSEUM ERÖFFNET

Berlin wird sein eigenes echtes Modemuseum haben. Seinen Kern wird die fantastische Kostümsammlung Kamer/Ruf des Kunstgewerbemuseums bilden. Die 1500 Kleidungsstücke und Accessoires vom Rokoko bis ins 20. Jahrhundert wurden ja auch lange genug versteckt: Schon 2003 wurden sie erworben. Umso toller, dass man sich in der neuen Institution mit Mode beschäftigen kann, ohne sie am Ende kaufen zu müssen. Gezeigt wird, wie Mode gesellschaftliche Veränderungen vorausahnt, aufnimmt und Lebensgefühl in Materie umsetzt. Wie sich das aktuell schon bei kleineren Ausstellungen in der Lipperheideschen Kostümbibliothek andeutet, wird der Andrang groß – nicht nur dann, wenn es eine Retrospektive eines weltbekannten Modeschöpfers wie etwa Karl Lagerfeld zu sehen gibt. Auch hier wird sich der Moderat auf die Schulter klopfen können – immerhin wird das Modemuseum dank seiner Vermittlung mit bedeutenden Designern zusammenarbeiten und Ausstellungen kuratieren, die nicht einfach nur schöne, alte Kleider auf Puppen zeigen, sondern auch ein wenig die Welt anhand von Kleidung erklären.

Und in Berlin könnte dann endlich Wirklichkeit werden, was in Deutschland bisher so schwer zu verstehen ist: dass Mode beides sein kann, ein käufliches Produkt und ein kulturelles Gut, das mehr als oberflächliche Beachtung verdient.

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