Woher die Baseballschläger kamen : Ist rechte Gewalt im Osten ein Erbe der DDR?

Almuth Berger war Ausländerbeauftragte der DDR. Heute fühlt sie sich oft an den Rassismus der Wendezeit erinnert. Woher kommt der Hass, Frau Berger?

Früher machten es einem die Nazis einfach: An Springerstiefeln und Baseballschläger waren sie zu erkennen. Heute tragen sie oft Anzug.
Früher machten es einem die Nazis einfach: An Springerstiefeln und Baseballschläger waren sie zu erkennen. Heute tragen sie oft...Foto: vano-press

Es muss Ende der 80er Jahre gewesen sein. Almuth Berger war Pfarrerin der Bartholomäus-Gemeinde in Friedrichshain, Ost-Berlin. Sie hatte von einem Angriff auf einige Vietnamesen gehört. Rassistische Beleidigungen, ganz in der Nähe ihrer Kirche. Es war eine Zeit, in der die wenigen schwarzen Menschen in der DDR oft „Braunkohle“ genannt und Vietnamesen „Fidschies“ gerufen wurden.

Die Pfarrerin ging also, so war der Dienstweg, zum Mitarbeiter der Stadtverwaltung für Inneres, wollte die Tat anzeigen. „Liiiebe Frau Berger“, habe der Mann gesagt, „sie wissen doch: Ausländerfeindlichkeit gibt es bei uns nicht – bei uns gibt es nur Solidarität!“

Einige Jahre später, die Mauer war gerade gefallen, gab es diesen Moment, da dachte Berger, es laufe etwas gewaltig aus dem Ruder. Es war der 25. November 1990. In der Nacht war der angolanische Vertragsarbeiter Amadeo Antonio Kiowa im brandenburgischen Eberswalde von einer Gruppe Neonazis angegriffen worden.

Er wurde brutal verprügelt, einer der Täter sprang Kiowa mit beiden Füßen auf den Kopf. Da lag er schon am Boden. Kiowa starb an seinen schweren Verletzungen. Während der Tat hielten sich Polizisten ganz in der Nähe auf. Sie griffen nicht ein.

Baseballschlägerjahre. So nennt der in Frankfurt/Oder aufgewachsene Journalist Christian Bangel diese Zeit nach der Wende. Die DDR war zusammengebrochen und es schien, als breite sich an Stelle des zerbröselnden SED-Regimes ein Recht des Stärkeren, Brutaleren aus. Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda und Guben sind Ortsnamen, die sich durch unfassbare Gewalttaten in das kollektive Gedächtnis eingebrannt haben. Migranten und Andersaussehende wurden von Rechtsextremen gejagt, verprügelt, ermordet. Nicht nur im Osten, ja – aber dort besonders.

Alt-Schmöckwitz, der süd-östlichste Zipfel von Berlin. Die Dahme fließt gemächlich hinter dem Haus von Almuth Berger entlang, auf dem Wohnzimmertisch stehen die letzten Gartenblumen. Selbstgepflückt. Die ehemalige Ausländerbeauftragte der letzten DDR-Regierung und spätere Integrationsbeauftragte im Land Brandenburg lebt hier in eine kleinen Haus mit einer ihrer Töchter zusammen. 76 Jahre ist sie alt, hat acht Enkel und drei Urenkel. 2006 hat sich Berger zur Ruhe gesetzt, bis dahin hatte sie in Brandenburg für die Rechte von Ausländern und Migranten gekämpft.

Eine unermüdliche Nervensäge

Unter Politikern galt die Grüne als Nervensäge, auch, weil sie unermüdlich darauf hinwies, dass Rechtsextremismus kein Randphänomen war. Sie lächelt, wenn man sie heute noch so nennt: Nervensäge. „Mich ehrt das“, sagt sie dann. Berger, Kurzhaarfrisur, Brille, wacher Blick, war mit ihrem Engagement gegen Rassismus häufig die Erste.

Die Erste, die noch in der DDR einen interkulturellen Treffpunkt für Ausländer und DDR-Bürger einrichtete. Die Erste, die erreichte, dass sich ein Ost-Bundesland ein Landesprogramm gegen Rechtsextremismus und Ausländerhass gab. 1998 war das. Es hieß „Tolerantes Brandenburg“ und ärgert die AfD noch heute so sehr, dass sie kürzlich im Brandenburger Landtag forderte, es endlich zu stoppen.

[Mehr zum Thema: Björn Höckes unmoralisches Angebot – AfD bietet sich CDU als Königsmacher an]

Almuth Berger stammt aus einer Theologen-Familie. Zu Hause am Esstisch im sachsen-anhaltischen Jerichow saßen oft Gäste aus afrikanischen Ländern oder Indien. Die Akzeptanz anderer Kulturen und Religionen war ihren Eltern wichtig. „Diese Offenheit hat mich geprägt.“ Mit 17 wollte sie deshalb nach Afrika, um Kinder zu unterrichten. Dann begann sie doch ein Theologie-Studium in Berlin, wo sie später als Pfarrerin arbeitete.

Erstes Begegnungszentrum für In- und Ausländer in der DDR

Dass sie in Kontakt mit Ausländern stand, war in der DDR eine Besonderheit. Kurz vor dem Mauerfall lebten in der DDR etwa 190.000 Ausländer, nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung. Die große Mehrheit waren sogenannte Vertragsarbeiter aus Vietnam, Mosambik und anderen sozialistischen Staaten. Sie arbeiteten meist unter widrigen Bedingungen in Berufen in der Textil- oder Kohleindustrie, schufteten im Schichtdienst und wohnten in Heimen.

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„Ausländer“, sagt Berger heute, „das war an den Esstischen in der DDR kein Thema.“ Auf dem Land gab es kaum einen, außer die sowjetischen Soldaten, die gemieden worden, und in den Städten lebten die ausländischen Arbeiter bewusst isoliert durch das SED-Regime. Kontakte zwischen ihnen und DDR-Bürgern? Unerwünscht. Öffentliche Diskussionen über in der DDR lebende Ausländer wurden von staatlicher Seite konsequent unterdrückt.

Kämpferin. Die Theologin Almuth Berger hört auch mit 76 nicht auf, sich für ihre Gemeinde einzusetzen und Rassismus anzuprangern.
Kämpferin. Die Theologin Almuth Berger hört auch mit 76 nicht auf, sich für ihre Gemeinde einzusetzen und Rassismus anzuprangern.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

1986, es war ein Samstagmittag, standen plötzlich 20 Mosambikaner vor ihrem Pfarrhaus in Friedrichshain. Die Männer konnten kaum Deutsch, Berger kein Portugiesisch. Sie wollten einen Raum zum Beten, wollten, dass sie ihre Gottesdienste leitet. So fing es an. Zwei Jahre später war die „Cabana“ entstanden, das erste Begegnungszentrum für In- und Ausländer in der DDR.

Kurz vor der Eröffnung erhielt Berger eine freundliche Einladung zur Bezirksverwaltung. Sie solle sich das gut überlegen, so ein Zentrum sei nicht Aufgabe der Kirche und unerwünscht. Die Pfarrerin erklärte: Gut, dann werde sie überall plakatieren, dass die Bezirksverwaltung die Veranstaltung nicht akzeptiere und sie deshalb absage. Das war der Staatsführung dann doch zu heikel.

9000 Propaganda- und Gewalttaten unter Verschluss

In der DDR, sagt sie, sei viel von Völkerfreundschaft geredet worden, aber im täglichen Leben habe das kaum eine Rolle gespielt. Rechtsradikalismus und Rassismus durfte es hinter dem sogenannten antifaschistischen Schutzwall nicht geben. Die Bösen, das waren die anderen. Hakenkreuzschmierereien an Schulen oder Heil-Hitler-Rufe gab es zwar. Sie wurden von den Verantwortlichen aber als Dumme-Jungen-Streiche abgetan und als bedauerliche Einzelfälle.

Der Historiker Harry Waibel hat in jahrelanger Archivforschung fast 9000 Propaganda- und Gewalttaten gegen Ausländer gefunden, die die DDR-Staatssicherheit unter Verschluss hielt. Bei etwa 200 Anschlägen wurden Tausende Menschen aus 30 Ländern verletzt, mindestens zehn kamen ums Leben, einige von ihnen wurden geradezu gelyncht. Waibel kommt in einem Beitrag für die „Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat“ zu dem Schluss, dass die rassistischen Übergriffe der Neunziger und Nullerjahre nahtlos an diese Tradition anschließen.

Nachdem 1989 die Mauer geöffnet wurde, brach die schon Jahre auf Verschleiß laufende DDR-Industrie endgültig zusammen – Millionen Menschen verloren ihren Job. „Das war eine schwierige Zeit. Arbeitslosigkeit gab es quasi nicht in der DDR“, sagt Berger. Betriebsdirektoren erhielten Briefe, in denen sie mit dem Tod bedroht wurden, falls sie einen Deutschen rausschmeißen würden, statt einen der ausländischen Vertragsarbeiter.

Sie setzte sich damals für deren Rechte ein, kämpfte dafür, dass sie in Deutschland bleiben konnten. Viele seien trotzdem gegangen, hielten die feindselige Stimmung nicht mehr aus. „Ich hatte das Gefühl, nach der Wende ist ein Ventil aufgegangen. Plötzlich durfte alles gesagt und getan werden, was die Leute schon immer gedacht haben.“

[„Ethnische und religiöse Minderheiten in der DDR und Wendezeit“, Podiumsdiskussion mit Almuth Berger, Naika Foroutan, Hans-Joachim Döring, Klaus Fitschen und Tamara Hentschel, Dienstag, 5. November, 17 - 18.30 Uhr, Programmzelt auf dem Alexanderplatz, Eintritt frei.]

Berger wurde nach dem Mauerfall, könnte man sagen, zur Kämpferin gegen die Baseballschläger. In den ersten Jahren nach der Wende diskutierte Berger mit aufgebrachten Menschen über Flüchtlingsheime. Sie kämpfte an gegen Politiker, die auch nach dem Mauerfall sagten: Unsere Leute machen so etwas nicht. Politiker, denen Rechtsextreme als lästig, aber zu vernachlässigen galten. „Auch der damalige Ministerpräsident Manfred Stolpe hat das lange nicht wahrhaben wollen“, sagt sie.

Mehr Sozialarbeiter und mobile Beratungsteams gegen den Hass

Wieder und wieder sprach sie bei Stolpe und den zuständigen Brandenburger Ministern vor. Als Ausländerbeauftragte hatte sie nur Informations- und Mitspracherechte. „Ich musste um alles betteln – das habe ich erfolgreich gemacht und das hat die genervt“, sagt sie. Sie organisierte Sozialarbeiter für Gegenden, die zuvor nie einen gesehen hatten und entwickelte mobile Beratungsteams, die sich mit Ausländerhass und Rechtsextremismus befassten. Erfolgsprojekte, die es heute noch gibt. Einiges, sagt sie, habe man dem Hass entgegensetzen können, genug sei es nie gewesen.

Vor dem Brandenburger Tor schwebt ein Kunstwerk aus 100 000 transparenten Bändern mit Wünschen und Botschaften vieler Menschen, speziell zum Thema Mauern und Grenzen.
Vor dem Brandenburger Tor schwebt ein Kunstwerk aus 100 000 transparenten Bändern mit Wünschen und Botschaften vieler Menschen,...Foto: Thilo Rückeis

Seit 13 Jahren ist Almuth Berger nun im Ruhestand. Nur ruhiger ist es kaum geworden. Heute engagiert sie sich in der Gemeinde, ist Vorsitzende des Ortsvereins, mischt sich in die Kommunalpolitik ein. Kürzlich war sie bei einer Veranstaltung zum Thema Flüchtlinge. „In einer Kneipe – und genauso war die Stimmung.“ Aufgebracht und emotional sei es geworden. Nur eine junge Frau habe versucht, Argumente vorzubringen, wurde aber niedergebrüllt. Das Schlimmste? Der Veranstalter, die örtliche CDU, habe nicht eingegriffen.

Berger sagt, sie muss heute wieder häufiger an die 90er Jahre denken. „Die heutige Debatte um Flüchtlinge ist ein absolutes Déjà-vu-Erlebnis für mich.“ Sie schaue in die gleichen hasserfüllten Gesichter, höre die gleichen Sprüche wie damals. Als die Ergebnisse der Thüringen-Wahl bekannt wurden, musste sie erst mal nach Luft schnappen. 23,4 Prozent wählten die AfD des Faschisten Björn Höcke.

Viele im Osten der Republik seien 1990 überrumpelt worden, als sie ihren Job verloren und gleichzeitig die homogene DDR-Gesellschaft zusammenbrach. Plötzlich waren da die Flüchtlinge aus den anderen Ostblockstaaten, Ausländer kamen aus dem Westen herüber, die Vertragsarbeiter wohnten nicht mehr abgeschottet in Heimen.

„Die Menschen aus der ehemaligen DDR waren nicht daran gewöhnt, mit Ausländern umzugehen.“ Viele hätten bis heute kein Gefühl dafür, dass es Zuwanderung brauche, dass Diversität etwas Positives sei. Als nach 2015 wieder Flüchtlinge kamen, entlud sich das Unverständnis über politische Entscheidungen teils wieder in Ablehnung und Hass gegen Ausländer.

Ostdeutsche sollen sich mehr engagieren

Berger sagt, sie habe ja Verständnis für die Unzufriedenheit vieler Ostdeutscher. 30 Jahre nach dem Mauerfall gebe es immer noch keine gleichen Lebensverhältnisse. Die Renten sind nicht angeglichen. Die Lebensleistung von vielen, die zu großen Teilen in der DDR liege, sei nach der Wende nichts mehr wert gewesen und werde immer noch nicht anerkannt. Führungspositionen seien immer noch in großer Mehrzahl von Westdeutschen besetzt.

Sie sagt, man müsse schon schauen, wie man diese Unzufriedenheit bekämpfen könne. Man müsse reden und wirklich verstehen wollen. „Genauso klar, müssen wir aber Grenzen ziehen, wo Rassismus ins Spiel kommt.“

Die Menschen im Osten müssten sich mehr engagieren, fordert Berger. Man habe aus der DDR-Zeit eine Art Hörigkeit dem Staat gegenüber mitgenommen. Nach dem Motto: Die Politik wird es schon richten. Dass die Politik von den Menschen gemacht werde, dieses Denken hätten zu wenige. „Das Abschieben aller Probleme auf ‚Die da oben‘ ist dagegen weit verbreitet“, sagt die Pfarrerin und blickt aus ihrem Wohnzimmerfenster in den grauen Himmel. „Wer immer da oben noch alles sein soll.“

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