Zum 90. Geburtstag von Harald Juhnke : „Keine Termine und leicht einen sitzen“

Pfingstmontag wäre Harald Juhnke 90 Jahre alt geworden. Erinnerungen an einen, den die Stadt liebte, der an sich selbst litt und doch brillierte.

Berlinisch wie Currywurst und Ku’damm. Harald Juhnke war eine Ikone.
Berlinisch wie Currywurst und Ku’damm. Harald Juhnke war eine Ikone.Foto: Gueffroy

So einer wäre ja immer noch gut für Berlin. Den Smoking auf Taille, den Champagner im Griff, und dann auf die Bühne, stimmlich so souverän, dass alle an Sinatra denken, frech, flapsig, witzig. Aber es gibt nun mal niemanden mehr in der Stadt, der an Harald Juhnke heranreicht, im Souverän-Sein wie im Singen und Saufen, und deshalb ist er an seinem 90. Geburtstag, dem Pfingstmontag, immer noch so präsent, als wäre er nicht schon gut 14 Jahre tot, ein guter Nachbar immer noch.

Unvergessen – das ist hier keine Phrase, sondern eine einfache Diagnose. Juhnke, der gebürtige Weddinger, lebte West-Berlin, aber er transzendierte die Grenzen der Mauerstadt mit seinen erstaunlichen Fähigkeiten, zeigte den Bewohnern, dass auch da draußen was ist, was sich zu leben lohnen könnte.

Und denen, die draußen waren, machte er klar, dass auch am Kurfürstendamm und drumherum hart gefeiert wird, sogar mit ein wenig Glamour. Da kam keine der allfälligen Stadt-Ikonen mit, nicht Rolf Eden oder Udo Walz; die Liga von Hildegard Knef und Romy Schneider hat mit seinem Tod zu existieren aufgehört.

Essenz des Juhnk'schen Schaffens

Auch das Berliner Boulevard-Theater, das nun wegen des Verschwindens der Kudamm-Bühnen auch Juhnkes angestammtes Biotop verlor, hatte allen Grund, ihm nachzuweinen. „Wenn er auf dem Plakat stand, war das Haus voll“, erinnert sich Bühnenchef Christian Wölffer in einer neuen ZDF-Doku.

In den traulichen Berliner TV-Serien wie „Drei Damen vom Grill“ gab Juhnke den authentischen, schlitzohrigen Ur-Berliner mit genauem Akzent, oft als Gegenpart des erzbürgerlichen Günter Pfitzmann – das konnte keiner besser als er, weil er sich auch immer selbst spielte, er war berlinisch wie Currywurst und Ku’damm.

Günter Pfitzmann (l.) war nur einer von Harald Juhnkes Berliner Wegbegleitern.
Günter Pfitzmann (l.) war nur einer von Harald Juhnkes Berliner Wegbegleitern.Foto: imago/Thomas Lebie

Allerdings schien es in den vergangenen Jahren nicht, als sei die Stadt darauf noch besonders stolz. Außer den relativ trostlosen Witzshows, die der RBB immer noch in Dauerschleife verbreitet, als sei das die Essenz des Juhnk'schen Schaffens, gab es wenig zu sehen von ihm – immerhin senden ZDF und mehrere ARD-Sender nun um Pfingsten herum Erinnerungen und neue Dokumentationen, der RBB plant einen Spielfilm.

Und die ARD hat eine Gedenksendung mit Kurt Krömer spendiert, ohne allerdings zu begründen, weshalb die ausgerechnet am Donnerstag vor Pfingsten um 23.30 Uhr nach „Pussy Terror TV“ laufen musste.

Jeder Taxifahrer kannte die Adresse

Dieser Mangel an Präsenz ist vor allem deshalb erstaunlich, weil Juhnke zeitlebens keine Scheu hatte, seinen bunten Lebensweg öffentlich auszustellen. Wenn er abstürzte, waren Journalisten dabei, wenn er eine 18-Jährige in eine Hotelsuite am Ku’damm abschleppte, rauschte das durch die bunten Schlagzeilen, in seiner Autobiographie „Meine sieben Leben“ hat er sich nicht geschont.

War mal nix los, lud er Journalisten nach Hause ein, um beim Selbstbemitleiden Gesellschaft zu haben, seine leichtsinnige Definition von Glück – „Keine Termine und leicht einen sitzen“ – wurde sprichwörtlich.

Es hieß damals sogar, seine Adresse sei Pflichtwissen für die Taxiprüfung, weil es ja immer sein konnte, dass er hinten rein plumpste und „bring mich nach Hause“ lallte. Alles ist dokumentiert, nichts hat er jemals bestritten, sich nie mit Gegendarstellungen herumgeärgert.

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