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Die beiden SPD-Bundestagsabgeordneten Matthias Miersch (l) und Adis Ahmetovic bei einer Sitzung der SPD-Bundestagsfraktion.
© picture alliance/dpa/Adis Ahmetovic

Geschichte einer Freundschaft: Erst Anwalt, dann Genosse, jetzt Freund

Matthias Miersch verhinderte die Abschiebung der Familie von Adis Ahmetovic nach Bosnien und Herzegowina. Nun sitzen sie gemeinsam für die SPD im Bundestag.

Da sitzt ein Bundestagsabgeordneter, der immer wieder auch für den Fraktionsvorsitz gehandelt wird, auf seinem blauen Bundestagsstuhl, links neben ihm ein neuer Abgeordneter, fast halb so alt, beide strahlen. Ein Bild und seine Geschichte.

Sie haben diese inzwischen schon oft erzählt, entdecken aber immer wieder neue Punkte – und es geht auch darum, ob der Erfahrene dem Neuling einige Tipps mit auf den Weg geben kann, damit er nicht am harten Berliner Politikbetrieb zerschellt.

Als Adis Ahmetovic vier Jahre alt ist, verhindert der Rechtsanwalt Matthias Miersch, dass seine Familie zurück nach Bosnien abgeschoben wird – nun sitzen beide zusammen für die SPD im Bundestag, kommen beide aus Niedersachsen – und Ahmetovic ist heute Vorsitzender der SPD Hannover. Er hat dort das Direktmandat gewonnen.

Matthias Miersch im Deutschen Bundestag.
Matthias Miersch im Deutschen Bundestag.
© imago images/Future Image

Das Leben, aber auch die Politik schreiben manchmal besondere Geschichten. „Irre“, sagen beide. Bei dem Gespräch mit ihnen ist der große Respekt von Ahmetovic vor Miersch zu spüren, beide verkörpern den ewigen Anspruch der Sozialdemokratie, die Welt etwas besser machen zu wollen. Heute ist Miersch wieder der Anwalt für Ahmetovic, in Form eines politischen Mentors – dabei hatten sie sich zehn Jahre aus den Augen verloren und erst zufällig bei einer SPD-Veranstaltung wiedergesehen.

Für mich war klar: Ich muss alles geben

Matthias Miersch

„2008 bin ich wegen der schlechten Bildungspolitik der schwarz-gelben Landesregierung in die SPD eingetreten, also mit 15 Jahren“, berichtet Ahmetovic. Das brachte ihn bei einem SPD-Neumitgliederabend wieder mit Miersch zusammen, der damals die SPD in der Region Hannover führte. „Erst war Matthias Miersch unser Anwalt, dann waren wir Genossen, jetzt sind wir Freunde.“

Seine Familie ist 1991 aus Bosnien-Herzegowina vor dem Krieg geflüchtet und nach Deutschland gekommen. Die Eltern mit seinem großen Bruder. Er selbst kommt 1993 in Hannover zur Welt. Jahrelang gibt es nur Duldungen. 18 an der Zahl. Jedes Mal zittern, psychischer Stress, die Angst vor Rückführung und Verfolgung. 1997, zwei Tage vor Heiligabend, wird den Eltern klargemacht, dass die ersten Familien zurückgeführt werden.

Da war ein neuer junger Rechtsanwalt

Die Familie soll das Land verlassen. Die Eltern bitten um juristische Hilfe. „Und so sind wir durch Zufall auf eine Hannoveraner Anwaltskanzlei gestoßen, wo ein neuer junger Rechtsanwalt begonnen hatte, im Alter von 29 Jahren.“ Das war Miersch.

Der hätte auch sagen können: Mache ich nicht, zu kompliziert. Miersch will sich gar nicht als barmherziger Samariter darstellen. Er hatte 1997 als Anwalt angefangen in der Kanzlei, in der er schon sein Referendariat gemacht hatte. „Eine sehr politische Kanzlei, die hat Gerd Schröder mitgegründet.“

Er ist darauf angewiesen, Mandanten zu haben. Insofern ist er nicht in der Situation, dass er sie sich aussuchen kann. Und die Fälle sind komplex. Die Balkangeschichten, Mandanten aus Sierra Leone, da gab es einen Bürgerkrieg. Adis’ Mutter ist aufgrund der Kriegserlebnisse traumatisiert.

Miersch legt Widerspruch ein

„Das weiß ich noch sehr, sehr genau. Und plötzlich merkt man als Anwalt: Es wird nicht abstrakt. Du redest nicht über den Fall, sondern du hast Menschen vor dir. In diesem Fall war es sogar eine ganze Familie, für deren Schicksal ich die Verantwortung getragen habe. Für mich war klar: Ich muss alles geben und vorbringen, was vorzubringen sein kann“, sagt Miersch. „Wenn du einen formellen Fehler machst, kann es sein, dass das zur Abschiebung führt. Und in dem Fall hätte das ein Desaster für die gesamte Familie bedeutet.“

Schließlich gibt es eine Ausreiseaufforderung nebst Abschiebeandrohung, Miersch legt Widerspruch ein. Der Fall geht zum Verwaltungsgericht Hannover, am Ende darf die Familie bleiben. „Ich habe diese Verantwortung in diesen Wochen und Monaten massiv gespürt, weil man vier menschliche Schicksale in seinen Händen hat“, berichtet Miersch.

Erst 2001 gibt es vollends Sicherheit, eine Riesenerleichterung gerade für die Mutter, dass ihre Kinder weiterhin in Hannover zur Schule gehen dürfen. Adis Ahmetovic selbst sagt, dass er sich ein Leben woanders auch gar nicht vorstellen konnte. „Ich kenne Migration nur zwischen zwei Stadtteilen in Hannover. Ich bin waschechter Hannoveraner.“

Großeltern und Tante mussten Deutschland verlassen

Andere Familienmitglieder wie seine Großeltern und die Tante mussten Deutschland verlassen. Ahmetovic hat danach mit ganz anderen Problemen zu kämpfen, die schwarz-gelbe Landesregierung unter David McAllister führt das Turboabitur ein, schon nach zwölf Schuljahren.

Miersch und Ahmetovic sehen sich wie geschildert erst 2008 wieder, bei jener SPD-Veranstaltung, wissen aber zunächst beide nicht, welche Geschichte sie verbindet, Miersch gibt seine Visitenkarte. Ahmetovic geht nach Hause, fragt seine Mutter: „Mama, kennst du einen Matthias Miersch?“ Die Mutter ist aufgelöst; sie erzählt, das sei der Mann, „dem wir zu verdanken haben, dass wir in Deutschland bleiben dürfen“.

Plötzlich sind sie Parteigenossen. Ahmetovic wird Juso-Vorsitzender in Hannover, kämpft etwa im Bundestagswahlkampf für das 365-Euro-Ticket im Nahverkehr, ein Projekt, das auch der neue Präsident der Region Hannover, Steffen Krach, nun umsetzen will. Miersch und Ahmetovic haben seinen Sieg am Wahlabend gemeinsam bejubelt.

Riesige Erwartungshaltung

Aber wie ist das nun, neu im Bundestag zu sein? Die Journalisten Peter Dausend und Horand Knaup haben ein eindrückliches Buch über das Leben als Abgeordneter geschrieben. Zu Hause im Wahlkreis sind viele Könige, in Berlin oft Hinterbänkler. Der Titel: „Alleiner kannst Du gar nicht sein: unsere Volksvertreter zwischen Macht, Sucht und Angst“.

Miersch merkt an mancher SMS, manchem Anruf die riesige Erwartungshaltung der vielen jungen Abgeordneten, 49 Jusos, also Abgeordnete unter 35. Da werden bisherige Abläufe, Strukturen hinterfragt, sie wollen was erreichen, unkonventionell Politik machen, und sehen dann, wie mühsam das ist bei über 700 Abgeordneten, in Ausschüssen und dem Zwang zur Fraktionsdisziplin.

„Die älteren Hasen und die Neuen müssen auch von der Arbeitskultur her zusammenkommen“, sagt Miersch. Seine größte Sorge: „Bei so einem dynamischen Politikbetrieb kann gerade für neue Abgeordnete – die viel Motivation mitbringen – sehr schnell die harte Einsicht eintreffen, dass im Bundestag eigene Gesetze gelten.“

Raumschiff Berlin

Miersch betont, „dieses Raumschiff Berlin besteigen zu können, seinen moralischen Kompass stets zu behalten und dann gegebenenfalls auch wieder aussteigen zu können“, sei eine Kunst. Und dabei Mensch zu bleiben. Auch die Kompromissfindung werde immer schwieriger, deren Bedeutung versucht er den Neuen zu vermitteln.

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Er habe das die letzten Jahre beim Thema Klimaschutz, seinem Fachgebiet, erlebt; dass es häufig nur noch Schwarz oder Weiß, Gut oder Böse, Richtig oder Falsch gebe. Er selbst sei von 20 000 Leuten ausgepfiffen worden, weil der Kohleausstieg den Demonstranten nicht früh genug kommt. „Und ich bin von Leuten in der Lausitz ausgepfiffen worden, weil die gesagt haben, die machen unsere Kohle kaputt und die alten Möhren im Ausland, die laufen weiter.“

Biografisches Thema

Ahmetovic will sich im Bundestag auch mit seinem biografischen Thema einbringen. „Wir können beobachten, dass sich die Lage von vor 26 Jahren wiederholt und Bosnien und Herzegowina mit einer schweren existenziellen Bedrohung konfrontiert ist“, sagt Ahmetovic. „Es droht ein Krieg. Jetzt bin ich in einer Situation, wo ich eventuell mitwirken kann im Kleinen, zu sensibilisieren, dass wir uns mehr darum kümmern.“

Daher reist Ahmetovic nun mit Staatsminister Michael Roth (SPD) zu Friedensgesprächen nach Bosnien und Herzegowina, zuletzt gab es bereits ein Treffen in Stuttgart mit dem bosnischen Präsidenten Željko Komšic. Ahmetovic erlebt die ersten Wochen so, dass er manchmal nicht mitkommt. „Man kommt mit dem ICE nach Berlin, und die Entscheidungen, die in den ersten Wochen getroffen wurden, rasen wie ein ICE an dir vorbei.“

Miersch versucht Tipps für den Umgang mit Medien zu geben, nicht zu schnell reagieren, nachdenken, Shitstorms vorbeugen. Er mag den frischen Wind, den Idealismus der Neuen. Aber viele haben noch kein eigenes Büro, Miersch hat Ahmetovic daher erst mal in seinem Büro Unterschlupf gewehrt. „Er hat mich geduldet“, sagt Ahmetovic.

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