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Bedingt einsatzbereit. In der Silvesternacht meldeten sich vier von fünf Polizisten in Rom krank – Protest gegen ein neues Rotationsprinzip, das Korruption verhindern soll.
© p-a/dpa

Die Mafia in Rom: Aufräumarbeiten

Sie kümmerten sich um die Flüchtlinge, die Parkanlagen, den Müll – und machten Millionen. Doch jetzt wurden Massimo Carminati und Salvatore Buzzi als Mafiosi verhaftet. Und seitdem ist in Rom nichts mehr, wie es war – oder zumindest: wie es schien.

Am Silvesterabend war Roms Innenstadt mal wieder Partymeile. Trotz des ungewöhnlichen Frosts, trotz eines alles durchdringenden Nordsturms, der die Brunnen vereisen ließ: Zwischen Circus Maximus und Kolosseum feierten, tanzten, tranken und sangen 600 000 Leute. Umfallen, sagen sie, war in diesem Gedränge kaum möglich. Nur die, die das alles hätten regeln und ordnen sollen, die waren nicht da. Von den städtischen Polizisten hatten sich mehr als vier Fünftel dem Nachtdienst entzogen. „Krankenstand 83,5 Prozent“, meldete am Morgen danach ein erboster Bürgermeister. Denn krank, richtig krank, das waren die wenigsten, das wissen alle in der Stadt: die „Vigili“ protestierten einfach. Gegen „die Zumutung“, dass sie neuerdings von Revier zu Revier versetzt werden können. Rotationsprinzip. Das soll dem Filz in den Vierteln vorbeugen, der Korruption, der organisierten Kriminalität. Denn es sind schlimme Dinge passiert in Rom.

Mehr als 50 Verdächtige verbrachten Weihnachten hinter Gittern

Seit vor vier Wochen die erste Verhaftungswelle über die Stadt geschwappt ist, seit mehr als fünfzig Verdächtige sogar die Festtage in U-Haft verbrachten, unter ihnen Mitglieder der Stadtregierung, der Chef der städtischen Müllabfuhr und andere bisher angesehene öffentliche Funktionäre; seit die Staatsanwälte dieses dichte, allgegenwärtige Geflecht einer regelrechten „Hauptstadt-Mafia“ aufgedeckt haben, seither ist Rom nichts mehr, wie es war. Oder zumindest: wie es schien.

So verblüfft hat man selbst kenntnisreiche römische Lokaljournalisten noch nicht gesehen. Da gehen sie durch die Straßen, die die ihren sind im beruflichen wie im privaten Leben, gepflegte Viertel darunter, „wo man Kinder sogar alleine zur Schule schicken kann“. Da beschreiben sie die Bars, wo sie im Kollegenkreis gerne einen Aperitiv nehmen – aber seit sie sich durch die Ermittlungsakten der Staatsanwälte wühlen, entdecken sie, dass sich in ihrem Lieblingsrestaurant, in „ihrem“ Café auch die Paten der „Mafia Capitale“ getroffen haben. Viele Römer erfahren dadurch auf einmal, dass in „ihrer“ Konditorei auch der elegante Boss eingekauft hat und dessen Mann fürs Grobe, den man nicht ohne Grund „den Daumenbrecher“ nannte. Magazin-Fotografen erkennen plötzlich, wen genau sie da in fröhlichen Partylokalen vor die Linse bekommen haben, Arm in Arm mit Topmodels. Römerinnen schildern, mit welch neuen Augen sie über den Blumenmarkt des feinen Villen- und Diplomaten-Stadtteils Parioli gehen. Zum Schäkern mit den Händlern sind sie nicht mehr aufgelegt: Allzu viele Verkäufer standen in stillem Bunde mit ihm, dem Boss, Massimo Carminati, genannt „der Einäugige“, seit er bei einer Festnahme 1981 einen Schuss abbekommen hatte. Ihre Handys durfte Carminati benutzen, wenn er bei seinen kriminellen Abmachungen von der Polizei nicht belauscht werden wollte.

Die moderne Mafia: Die Tarnung war, dass es keine gab

Bedingt einsatzbereit. In der Silvesternacht meldeten sich vier von fünf Polizisten in Rom krank – Protest gegen ein neues Rotationsprinzip, das Korruption verhindern soll.
Bedingt einsatzbereit. In der Silvesternacht meldeten sich vier von fünf Polizisten in Rom krank – Protest gegen ein neues Rotationsprinzip, das Korruption verhindern soll.
© p-a/dpa

Dass die Mafia in Rom aktiv ist, konnten alle wissen. Schließlich hat die Polizei ja früher schon Pizzerien, Trattorien und Bars im Dutzend beschlagnahmt, darunter das noble „Café de Paris“ an der sündhaft teuren Via Veneto. Aber das waren Mafiosi, die aus dem Mezzogiorno kamen, zugereiste Geldwäscher, ’Ndrangheta, Cosa Nostra, Camorra. Jetzt sind es die eigenen Leute, Römer. Nachbarn sind verstrickt, die man jeden Tag gesehen, mit denen man womöglich geplaudert hat. Es ist, sagt ein Nachrichtenjournalist, „wie wenn Einbrecher in deiner Wohnung waren. Das zieht dir den Boden unter den Füßen weg, du fühlst dich in deiner privatesten Sphäre verletzt.“

Die Mafia, die Massimo Carminati und sein Chef-Manager Salvatore Buzzi in Rom aufgezogen hatten, tarnte sich dadurch perfekt, dass sie auf Tarnung verzichtete. Arbeitend – laut Untersuchungsrichterin – „mit Einschüchterung, Unterwerfung und Gewalt, gegründet auf Omertà, abzielend auf Verbrechen wie Erpressung, Wucher, Geldwäsche und Bestechung von Amtsträgern“, war die „Mafia Capitale“ ganz selbstverständlich in die städtische Verwaltung eingebaut. So flächendeckend und so perfekt, dass der Chef der Nationalen Antikorruptions-Agentur, Raffaele Cantone, sagt: „Das ist die moderne Form der Mafia. Hier gibt es keine geheimen, geheimnisvollen Bosse im Hintergrund. Die sauberen und die kriminellen Gesichter, das sind dieselben.“

Als Manager war er ohne Zweifel genial

Als Manager war Salvatore Buzzi zweifellos genial. Wo immer zugepackt werden musste in dieser 2,8-Millionen-Stadt, da stand der 59-Jährige bereit. Es kamen täglich mehr Flüchtlinge herein? Buzzi befreite die Stadtverwaltung von allen Sorgen der Unterbringung. Es mussten die acht offiziellen Roma-Camps in Schuss gehalten werden? Buzzi schickte seine Leute dorthin, wo kein anderer hinwollte. Die Müllabfuhr kam mit der Arbeit nicht hinterher? Buzzi räumte die Dreckhaufen von den Straßen. Seine Männer mähten die Stadtparks, räumten das Herbstlaub weg oder die Schneemassen nach der großen Winterkatastrophe 2012. Für Bürgermeister & Co. war Buzzi der Retter aus allen Notlagen. Und weil Roms Stadtverwaltung nie zu einem ordentlichen Management fand, war schon jeder mittlere Regenguss eine Notlage.

Buzzi bekam, was er wollte, Aufträge ohne Ausschreibung, Verlängerungen ohne Prüfung und ohne Verankerung im Stadthaushalt. Und Geld bekam Buzzi, so viel er für nötig befand. Für sozial schwache Familien, durch Vermittlung Buzzis untergebracht in neuen Riesenwohnblocks am Stadtrand, zahlte die Stadt Monatsmieten von durchaus 2670 Euro – wovon natürlich auch die privaten Baukonzerne profitierten, die sich mit Buzzi zu Profitzwecken verbündet hatten oder von ihm dienstbar gemacht worden waren.

Es war ja alles miteinander verschachtelt: Die Kooperative „29. Juni“, die der zu lebenslang verurteilte Mörder und nach 14 Jahren als „Modell-Häftling“ begnadigte Buzzi 1984 noch im Knast von Rom-Rebibbia gegründet hatte. Die zahlreichen Spezial-Kooperativen um den „29. Juni“ herum, die heute mehr als 1200 Menschen, teils ehemalige Häftlinge, verlässliche Arbeit bieten, die ihr Kapital seit 2004 von 3,7 auf 9,1 Millionen Euro gesteigert haben, einen Jahresumsatz von heute mehr als 50 Millionen Euro machen und sogar in der allgemeinen Krise seit 2007 um 98,3 Prozent gewachsen sind. Und um alles kreiste mit wechselnden Zugehörigkeiten ein kleiner Kosmos an Bau-, Immobilien-, Finanzunternehmen.

Briefumschläge voller Geld

Doch Buzzi, beraten vom „Einäugigen“, erhielt seine Aufträge nicht auf legale Weise. Er verteilte Briefumschläge voller Geld. Er hatte seine Leute in allen Abteilungen der Stadt- und der Provinzverwaltung sitzen, für die Unterbringung der Bootsflüchtlinge sogar im Innenministerium. Buzzi verteilte regelmäßige Monatsgehälter von bis zu 15 000 Euro. Beim Chef der städtischen Grünanlagen holte die Polizei 570 000 Euro in bar aus einer säuberlich vermörtelten Mauer, verpackt in ein Kuvert mit dem Wappen des Rathauses. Andere bekamen Wohnungen, Uhren, die Politiker Wahlkampf-Bankette im Wert von zwanzigtausend oder noch mehr Euro.

Und während klassische sizilianische Paten nur mit kleinen Zettelchen und verschlüsselten Botschaften untereinander kommunizieren, fühlte sich Buzzi so sicher, dass er sich am Telefon brüsten konnte mit Sätzen wie diesen: „Die Kooperative lebt von der Politik. Ich bin gerade dabei, sie mir alle zu kaufen! Ich bezahle Zeitungen, Sekretärinnen, Veranstaltungen ... Groß sind wir geworden!“

Gefährlicher als Palermo. Wie ein Experte die Situation einschätzt

Bedingt einsatzbereit. In der Silvesternacht meldeten sich vier von fünf Polizisten in Rom krank – Protest gegen ein neues Rotationsprinzip, das Korruption verhindern soll.
Bedingt einsatzbereit. In der Silvesternacht meldeten sich vier von fünf Polizisten in Rom krank – Protest gegen ein neues Rotationsprinzip, das Korruption verhindern soll.
© p-a/dpa

Der Humus, aus dem Buzzis Reich so üppig wuchs, hatte nach einhelligem Befund der Kommentatoren zwei Schichten. Die erste bestand – besteht fort, sagen die meisten – in der allgemeinen Regellosigkeit Roms, wo gut und böse, Freund- und Seil- und Komplizenschaft, öffentliche Ordnung und privater Profit so ineinander verschwimmen, dass keiner mehr eine klare Unterscheidung treffen kann. „Alle tun, was alle tun“, sagt ein Fahnder, „innere Bremsen gegen das Abrutschen in illegale und/oder mafiöse Kulturen gibt es nicht.“

Die zweite Schicht ist der „schwarze“, der rechtsextreme Sumpf, über den in Italiens Hauptstadt bis heute nur recht dünne Bretter führen. Massimo Carminati hat eine prominente Vergangenheit als führender Rechtsterrorist in den „NAR“, den „Bewaffneten Autonomen Zellen“ der späten siebziger Jahre. Und nicht nur eine Vergangenheit. Fahnder berichten von den Abhöraktionen, dass selbst Carminati darüber gestaunt habe, welche Bekanntheit und welches Drohpotenzial allein sein Name noch immer besitzt: „Da laufen die Leute weg, wenn du mit ihnen reden willst“, sagte er: „Sie wissen eben, wie die Dinge wirklich stehen.“

Das Netzwerk "alter Kameraden" ist noch intakt

Jener Kronzeuge, der die Polizei auf Carminatis und Buzzis Spuren gebracht hat, sagte darüber hinaus, der Kreis der „alten Kameraden“ sei in Rom noch intakt: „Da ist noch ein Gefühl füreinander da. Die einen sind zwar Politiker geworden, die anderen Banker, aber sie sind in diesem Ambiente aufgewachsen. Es ist immer noch leicht, sich gegenseitig um einen Gefallen zu bitten.“

Carminati, dem man außer kleineren Raubüberfällen nie etwas hatte nachweisen können – und wenn er doch einmal zu drei oder vier Jahren Haft verurteilt worden war, dann kam er immer wieder aufgrund von allgemeinen Amnestieregelungen frei – betrieb in Roms Norden mit seiner Lebensgefährtin ein Modegeschäft. Zwanzig Jahre alt ist der Sohn, eine ruhige Familie – nach außen hin. Doch im Verborgenen hat es Carminati nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft geschafft, aus den verbliebenen Mitgliedern seiner alten Zelle und aus jenen Stadt-Kriminellen der „Magliana-Bande“, die in den achtziger Jahren Rom terrorisierte, eine ebenso diskrete wie gefürchtete Mafia-Gruppe zu formen. Ziel: maximales Geldverdienen. Mittel: Buzzis verschachteltes, allgegenwärtiges Imperium, finanzielle „Freundschaftsdienste“ für Betriebe, die in wirtschaftliche Not gerieten und dann – nach klassischer mafiöser Manier – die schleichende Übernahme der Firma: „Worauf ich abziele“, sagte Carminati am Telefon ganz offen, „ist gleichberechtigte Teilhabe zu gegenseitigem Vorteil. Die Sache ist ja die: Aus der Freundschaft folgt, dass wir gemeinsame Geschäfte machen. Das sage ich allen: Die Unternehmer müssen Sachen für uns ausführen. Sie müssen für uns arbeiten.“

Rom ist gefährlicher als Palermo, sagt ein Mafia-Experte

Der erfahrene Mafia-Reporter Lirio Abbate, der sich seit seiner Arbeit auf Sizilien nur mehr unter Polizeischutz fortbewegen kann und Rom heute für gefährlicher hält als Palermo, hatte im August 2013 Wind von den Umtrieben Carminatis bekommen. In seiner Reportage, über deren Zeitpunkt mancher Ermittler gar nicht glücklich war, zitierte er auch die Anwältin des Bosses. Sie sagte: „Würde all das stimmen, was man Carminati nachsagt, dann wäre er kein mächtiger Mann, sondern einer mit Superkräften, der die Zügel der römischen Wirtschaft in der Hand hält und die Politik beeinflussen kann. Und das alles mit nur einem Auge! Das sind doch nur Kino-Klischees!“ In diesen Tagen zeigt sich: So weit von der Wirklichkeit war diese Art von „Cinema Capitale“ nicht entfernt.

Aus der Untersuchungshaft in Rom haben sie Carminati jetzt nach Parma verbracht, in jenes Hochsicherheitsgefängnis, in dem auch Toto Riina einsitzt, der „Boss der Bosse“ der sizilianischen Cosa Nostra, der „Schlächter von Corleone“. Rom und Corleone, auf einer Ebene sozusagen. Welch ein Abstieg für eine Stadt, die sich noch immer gerne „Caput Mundi“ nennt: „Hauptstadt der Welt“.

Der Text erschien auf der Dritten Seite des gedruckten Tagesspiegels.

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