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Rappeln im Karton. In ihrem Buch „Desaster“ (S. Fischer Verlag) schreibt Sigrid Rausing auch von den negativen Seiten ihrer berühmten Familie: Depressionen, Sucht und Lügen.
© Sophia Evans /eyevine

Sigrid Rausing im Porträt: Ein schwerwiegendes Erbe

Die Erfindung des Tetra Paks machte ihre Familie reich – aber nicht glücklich. Sigrid Rausings Lösung: anderen helfen.

Sie lebten im Paradies, jeden Sommer ein paar Wochen lang. Nahmen ihre Pferde mit ans schwedische Meer, in das sie sich sommerselig stürzten, sie standen Kopf und gingen Krebse fangen, die ihr Vater dann kochte und würzte mit Dill. Das hatte die Mutter, eine studierte Frau, zur Bedingung ihrer Ehe gemacht: dass sie nicht kochen musste. Ihr Mann übernahm den Herd.

Das hätte in Sigrid Rausings Familie keiner gemusst. Ihr Opa hatte Tetra Pak gegründet, ihr Vater Hans hatte die Firma mit seinem Bruder großgemacht. Sie gehörten zu den reichsten Familien Schwedens. Und legten Wert auf Bescheidenheit.

„Ein Gefühl grenzenloser Freiheit“, so erinnert Sigrid Rausing ihr Bullerbü. Der Sommer fühlte sich umso paradiesischer an, da sie die Schule als Gefängnis erlebte. Schweden in den 70ern hat die 56-Jährige als ziemlich rau in Erinnerung. Alles, auch der Unterricht, wurde dem großen Ziel, der radikalen Sozialdemokratisierung der Gesellschaft, untergeordnet. Von den Mitschülern wurde sie gemobbt, ob wegen ihrer Familie, da will sie sich nicht festlegen. Sie gehörte einfach nicht dazu.

Rausing war eine der 100 mächtigsten Frauen Großbritanniens

Ihre Familie: das Wichtigste. Das Schwierigste. Ihr Erbe. Sigrid Rausing, studierte Historikerin, promovierte Anthropologin, Mutter eines Sohnes, Verlegerin, Autorin mit britischem und schwedischem Pass, Philanthropin, die Hunderte Millionen Pfund für Menschenrechtsorganisationen gestiftet hat, und die die BBC 2013 zu einer der 100 mächtigsten Frauen Großbritanniens erklärte, wurde in den Strudel der Drogensucht ihres Bruders gezogen. Über ihre Erlebnisse hat sie ein Buch geschrieben, das kommende Woche auf Deutsch erscheint: „Desaster“.

Als wolle sie den Titel Lüge strafen, schlendert sie einem vergnügt entgegen im exklusiven Londoner Stadtteil Holland Park, groß, schlaksig, die Handtasche schaukelt an der Hand. Sigrid Rausing kommt gutgelaunt vom Mittagessen mit ihrem Mann, ihr Zuhause liegt um die Ecke. Eine schöne Frau – ohne Make-Up, so haben viele Journalisten notiert, aber vielleicht schminkt sie sich nur so elegant, wie sie sich kleidet, der Pullover so weit wie die Hosen, Uhr und Ringe schmal. Dass sie ihre grauen Haare grau sein lässt, auch das hat viele Kollegen verwundert.

Das Gespräch findet in den Räumen ihres Verlags Granta statt, in einem alten englischen Haus mit skandinavisch modernem Inneren. Über Geld redet sie nicht, das hat sie oft genug klar gemacht. Es hat gar keinen Zweck, sie zu fragen, ob ihr Haus 1997 tatsächlich 20 Millionen Pfund gekostet hat, wie in den Zeitungen zu lesen war, die bis dahin teuerste Immobilie der Stadt, ob ihr Garten der zweitgrößte Londons ist, nach dem vom Buckingham Palace. Ja, manchmal scheint sie zu vergessen, dass sie ein Vermögen hat, immer hatte. Als das Gespräch auf die junge Generation kommt, die immer weniger liest, sagt sie, die Leute hätten ja auch weniger Zeit, weil sie jobben müssten, um sich das Studium zu finanzieren. „Das mussten wir nicht. Wir hatten doch alle Stipendien.“

Ihre Eltern haben sie zu äußerster Vorsicht erzogen

Über Fragen, auf die sie nicht eingehen will, lächelt Rausing hinweg, sie erledigt sie mit einem freundlichen „yes!“, „no“, „not sure“. Ihre Eltern haben sie zu äußerster Vorsicht erzogen, gerade Journalisten gegenüber. So sei sie aufgewachsen; in der Überzeugung, dass die Welt ein feindseliger Ort ist, man jederzeit entführt werden konnte. Was die Familienmitglieder noch enger miteinander verband. Es ist kein Zufall, dass sie jetzt in England leben, dass Sigrid, die Eltern und ihre Schwester Häuser in Sussex haben, wo sie sich besser vor der Öffentlichkeit schützen können.

„Es ist ja wahr,“ sagt Sigrid Rausing, „die Welt ist ein feindseliger Ort, und es ist gut, vorsichtig zu sein.“ Die Medien konnten sich nicht satt fressen an dem Skandal über „die reichsten und bekanntesten Junkies Großbritanniens“, wie die „Welt am Sonntag“ Sigrids Bruder Hans Kristian und seine Frau Eva nannte.

Am 9. Juli 2012 war Sigrid Rausing wieder mit ihrer Familie am schwedischen Meer, im sommerlichen Bullerbü. Sie gab gerade ein Telefoninterview über Menschenrechte in Weißrussland, als ihr Mann ihr einen Zettel hinlegte: „Sie haben Evas Leiche gefunden.“

Von den Wikingern lernte sie, über ihr eigenes Pech zu lachen

Rappeln im Karton. In ihrem Buch „Desaster“ (S. Fischer Verlag) schreibt Sigrid Rausing auch von den negativen Seiten ihrer berühmten Familie: Depressionen, Sucht und Lügen.
Rappeln im Karton. In ihrem Buch „Desaster“ (S. Fischer Verlag) schreibt Sigrid Rausing auch von den negativen Seiten ihrer berühmten Familie: Depressionen, Sucht und Lügen.
© Sophia Evans /eyevine

Eva und Hans Kristian hatten sich in einer Entzugsklinik kennengelernt, ’92 geheiratet, vier Kinder bekommen. Silvester ’99 feierten sie mit Champagner ins neue Jahrtausend. „Unsere Welt ging an dem Abend in die Brüche“, sagt Sigrid Rausing heute. Eva und Hans Kristian waren wieder Süchtige, gerieten in eine Spirale von Drogen und Entzug, Lügen und Anschuldigungen, die Angehörigen hofften und verzweifelten abwechselnd. Die Kinder des Paars wurden Sigrid Rausing 2007 von einem Gericht übertragen, das Jüngste war sechs.

An jenem 9. Juli 2012 sollte Hans Kristian Rausing wegen Drogenbesitzes festgenommen werden, die Polizei kam zur Durchsuchung in sein edles Londoner Haus mit den weißen Säulen und entdeckte Eva, die seit zwei Monaten tot in ihrem Bett lag, gestorben wohl an Herzversagen infolge der Drogen, zugedeckt mit Kleidern und in eine Plane gerollt von ihrem überforderten Mann, der auch die Schlafzimmertür zugeklebt hatte.

Es war der schrecklichste Augenblick in einer an Schreckensmomenten reichen Geschichte. Nun wurde der von Eva in ihrem Delirium erhobene Vorwurf wieder ausgegraben, ihr Schwiegervater sei 1986 beteiligt gewesen an der Ermordung Olof Palmes, des schwedischen Ministerpräsidenten.

England war ihr aus Büchern ihrer Kindheit vertraut

Wenn man so etwas in den Zeitungen liest, sagt Sigrid Rausing, habe man das Gefühl, die Beteiligten seien gar nicht real. Sind sie aber. So wie ihr Schmerz. Sie wollte die Geschichte wieder an sich nehmen. Und sich davon befreien. „Ich bin eine Skeptikerin. Daher war ich überrascht, wie kathartisch der Prozess des Schreibens war, emotional wie intellektuell. Beim Schreiben bist du gezwungen, über alles nachzudenken.“

„Desaster“ ist in der Sprache eine höchst literarische Erzählung über eine furchtbare Zeit, die in Wirklichkeit noch viel furchtbarer war, wie die Autorin sagt, qualvoller, verwirrender und zermürbender. „Desaster“ ist nicht fiktiv, aber selektiv. Es ist ihre Wahrheit, das macht Sigrid Rausing ganz klar. Ihr Narrativ – ein Wort, das sie oft benutzt – zu dem sie das Chaos des Lebens geformt hat.

„Ich war 38, als der Rückfall begann, und 50, als er zu Ende ging“ schreibt Sigrid Rausing in ihrem Buch, das sie den Kindern ihres Bruders gewidmet hat. Deren Namen tauchen nicht auf, nur die Initialen. Das hat etwas mit juristischen Auflagen zu tun, aber selbst, wenn sie es gedurft hätte, die Tante hätte vermutlich nicht mehr über sie verraten.

Sigrid Rausing gibt preis, was sie preisgeben will. Zum Beispiel ihre Depression, die sie ein paarmal überwältigt hat, auch diese ein Erbe ihrer Familie, der Großonkel hat sich das Leben genommen. Das erste Mal wurde die Depression richtig schlimm, als sie noch ein Teenager war. Damals beschloss sie, nach England zu gehen.

England war ihr vertraut: durch die Bücher, die sie als kleines Mädchen gelesen hatte. Eine eigene Kindheitswelt, „die ich sehr geliebt habe, wo ich mich aufgehoben fühlte“. Ganz so idyllisch war die Wirklichkeit nicht. Großbritannien entpuppte sich als brutal, ein Land voller Armut und Vorurteile. Das Ausmaß des Antisemitismus hat sie schockiert, auch die Härte der politischen Auseinandersetzungen. Aber das Internat hat ihr gutgetan, und die Liebe zu England ist nie versiegt. Neuerdings, da sie älter wird, zieht es sie zu ihrer eigenen Überraschung wieder stärker nach Schweden.

Sie heilte sich in der Abgeschiedenheit

Die Depression kehrte zurück, nachdem sie ihren Bruder rausgeschmissen hatte, der sich, schon drogenabhängig, in ihrer Studentenwohnung einquartiert hatte. Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus. Ihre Panikattacken verschwanden erst, als sie 1993 zur Feldforschung ein Jahr in einer bitterarmen ehemaligen Kolchose in Estland lebte, an der sowjetischen Grenze. Sie heilte sich in der Abgeschiedenheit, wie sie sagt, durch lange Spaziergänge, lesen, recherchieren, schreiben. Über dieses Jahr hat sie ihr erstes nicht akademisches Buch verfasst: „Everything is Wonderful“.

Die Depression kam erneut, als ihr Bruder in einer von zahlreichen Entzugskliniken war, und sie sich den Arm aufschlitzte. Auch wenn sie sich vor neuen Schüben nicht gefeit glaubt, denkt sie nicht, dass sie nochmal zum Messer greifen wird. „Doch ich kann gut verstehen, warum Leute das machen: weil es so eine gewaltige Befreiung ist.“ Depression bedeuten für sie das Unterdrücken von Gefühlen und aller Sinne, von Geschmack und Geruch, auch das Unterdrücken von Erinnerungen. Ein ungeheurer Kraftaufwand. „Wenn du dich selber schneidest, lässt der Schmerz all das frei.“ Sie macht eine Geste, als würde eine Fontäne aus dem Arm schießen.

In der Rehabilitationsklinik ihres Bruders, in die sie sich in ihrer Verzweiflung selbst einlieferte, konnte ihr niemand helfen. „Wir haben aneinander vorbeigeredet.“ Sie hat sich dann selbst wieder entlassen. Dennoch glaubt sie ans Reden als Kur, macht zum wiederholten Mal eine Psychoanalyse.

Von den Wikingern lernte sie, über ihr eigenes Pech zu lachen

Sigrid Rausing hat die gleichen grünen Augen wie ihr Bruder. „Aber ich las Jane Austen, er Charles Bukowski. Ich bog nach links ab, er nach rechts.“ Er wurde drogensüchtig, sie co-abhängig, eine besessene Beobachterin, „Beschützerin und Wärterin“, Gefangene der Hoffnung, der Sucht.

Warum wurde er drogenabhängig? 50 bis 70 Prozent der Sucht sind ihrer Überzeugung nach genetisch bedingt; ihr Urgroßvater war Alkoholiker. Dazu kommen andere Risikofaktoren, wie das Umfeld. Hans Kristian Rausing spritze sich mit 18, auf einer Reise nach Goa, zum ersten Mal Heroin.

„Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich“, lautet Tolstois berühmter Romaneinstieg. Sigrid Rausing ist sicher, dass es genau umgekehrt ist. Die Gespräche nach ihren Lesungen haben sie darin bestärkt. „Die Unglücklichen leiden unter einem wahnsinnigen Druck“, ein Wort, das sie betont ausspricht, „während die Glücklichen von einem Gefühl der Freiheit beflügelt werden, Dinge ausprobieren, experimentieren.“ Und doch, von den Wikingern, glaubt Sigrid Rausing, habe sie gelernt, über ihr eigenes Pech zu lachen.

Ihr Bruder hat 2014 wieder geheiratet. Zu den Organisationen, die er heute unterstützt, gehört „Action on Addiction“, die sich nicht nur um die Süchtigen, sondern ebenso um ihre Familien, vor allem die Kinder kümmert. 2014 war auch das Jahr, in dem Sigrid Rausing zum ersten Mal seit sechs Jahren wieder mit ihm gesprochen hat. Die Worte haben ihnen zunächst gefehlt.

Ihr Buch nennt sie einen Liebesbrief an ihren Bruder. Gelesen hat er ihn nicht. „Ich glaube kaum, dass er das tun wird. Und wahrscheinlich ist es gut so.“

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