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Unbeirrbarer Blick: Elisabeth Ruge

© Cordula Giese

Literaturagentin im Porträt: Frau Ruges Gespür für Stoff

Sie gilt als Expertin für schwierige Themen, hechtet keinem billigen Erfolg hinterher. Nach Jahren der Beharrlichkeit verweisen plötzlich alle großen Preise auf Elisabeth Ruge. Auch die Bücher der diesjährigen Nobelpreisträgerin holte sie als Verlegerin nach Deutschland.

Am ersten Adventssamstag bleibt am Schlachtensee der erste Schnee liegen, eine dünne Decke saftiger Flocken. Das Haus von Elisabeth Ruge ist dasjenige, zu dem im frischen Schnee alle Spuren hinführen – und keine einzige hinaus. Mit dem Finger auf der Klingel, in den Garten zurückblickend, springt das plötzlich ins Auge. Es wirkt ein bisschen surreal, aber Elisabeth Ruge hat ja mit Literatur zu tun, und wenn in der Literatur nicht alle Bilder etwas bedeuten würden, dann wäre sie schlecht geschrieben.

Wenn am kommenden Donnerstag in Stockholm die Nobelpreise verliehen werden, wird Elisabeth Ruge mit am Tisch sitzen und sich das Menü einverleiben, so wie sie sich schon seit Jahren die Texte der Literaturnobelpreisträgerin einverleibt und für herausragend befunden hat, weshalb sie, damals noch in ihrer Rolle als Verlegerin, Swetlana Alexijewitschs Bücher in Deutschland publizierte.

2015 ist das Jahr, in dem plötzlich alle großen Preise auf Elisabeth Ruge verweisen, auf mehr als 20 Jahre Beharrlichkeit als Lektorin, Verlegerin oder Agentin. Zuerst gewann Jan Wagner den Preis der Leipziger Buchmesse, noch nie hatte das ein Lyriker geschafft. Frank Witzel gewann den Deutschen Buchpreis mit einem, laut Jury, „im besten Sinne maßlosen“ 800-Seiten-Wälzer über den RAF-Terrorismus, und Matthias Ènard erhielt den Prix Goncourt.

Wer ist diese Untrügliche? Und wie findet sie so sicher ihre Stoffe?

Alle sind ja immer überrascht, wenn etwas mit „Anspruch“ gewinnt, kantige, eigenwillige Bücher. Als würden sie trotz und nicht wegen ihrer Qualität Erfolg haben. Elisabeth Ruge hat 1994 den Berlin Verlag mitgegründet, dann 2011 Hanser Berlin und betreibt heute ihre eigene Literatur-Agentur. Sie gilt als Expertin für schwierige Stoffe, nie hechte sie einem billigen Erfolg hinterher. Im Gegenteil, sie findet eigentlich, der Erfolg müsse endlich ihrem Urteil folgen, ihre Kriterien anerkennen und die Brillanz der Autoren sehen, die sie gefunden hat. Sie hat sehr präzise Vorstellungen von Brillanz. Löwinnenhaft, heißt es, verteidige sie Autoren, die sie für wertvoll hält, ob mit Nobelpreis oder ohne.

An der Klotür prangt die Bestseller-Liste

In einem Hochparterre im Hinterhof in der Rosenthaler Straße. Elisabeth Ruge friert schnell, deshalb ist es so warm in ihrer Agentur, dass einer ihrer Mitarbeiter im Unterhemd arbeitet. Sie trinkt heißes Wasser aus einer Porsche-Tasse. Während ihre Autoren noch bedauern, dass sie Ende 2013 als Verlegerin bei Hanser aufgehört hat, verbreiten die Bücher auf dem Boden stapelweise den Reiz ihres Neuanfangs als Agentin. Ruge mag es, wenn eine Einrichtung erst mit ihrem Inhalt wächst. Wichtiger ist die Spiegel-Bestseller-Liste, die an der Klotür prangt. Darauf ihr erster großer Erfolg in der neuen Rolle: Frank Witzel mit „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“. „Wenn Sie sich angucken, wer da sonst noch steht... und dazwischen dieses unglaublich sperrige, tolle Buch.“ Zehn Jahre hatte Witzel daran gearbeitet, am Ende 817 Seiten ausgestoßen und sich dann „schon damit abgefunden, dass das Buch nicht erscheinen wird.“ Ruge verhandelte mit 38 Verlagen, von denen 37 absagten. Für „Matthes und Seitz“ jedoch wurde es der allererste Abschluss mit einer Agentur. Und der Buchpreis 2015.

Jeder in dieser Branche versucht ja immer zu verstehen, wie „es“ läuft, wie Bestseller entstehen, aber Ruge strahlt auch mit 55 Jahren nichts Ausgebufftes aus, nichts Abgebrühtes. Sie bedient keine Mechanismen. Jedes Buch steht für sich, verdankt sich einzelnen Zufällen und Ideen. Man kann mit ihr die Reihe ihrer Lieblingsbücher abschreiten, geschrieben von Leuten, die Freunde geworden sind: Richard Ford, Viktor Jerofejew und Philippe Pozzo di Borgo sind nur einige internationale. Aber auch Marianne Birthler mit ihrer Biografie, Irina Liebmann mit ihrer vorurteilslosen Art oder Annett Gröschner, die sich unbeirrbar Berlin widmet.

Ruge hat Anfang der 80er-Jahre beim Econ-Verlag begonnen, der damals das „populäre Sachbuch“ erfand – heute ein eigenständiges Segment – und eine erste Idee von Marketing entwarf. Als Lektorin beim S. Fischer Verlag saugte sie auf, wie wichtig ein Verlagsprofil ist. Mit Arnulf Conradi, der ihr Ehemann war, und Veit Heinichen, dem Marketing-Chef, gründete sie in Berlin den Berlin Verlag. Sie fand zu einem verwegenen Programm mit Zeruya Shalev, Jonathan Littell, Richard Ford, Orlando Figes. International und politisch. Das war kein Zufall. Es hatte auch damit zu tun, wie sie ihre Autoren pflegte. Zum Beispiel Ingo Schulze. Als der junge Autor am 31. Januar 1995 in der Greifswalder Straße in den Räumen des Berlin Verlags erschien, um sein Manuskript zu besprechen, erkannte Ruge zweierlei: Großes Potenzial mit einer ganz eigenen Stimme. Und die Tatsache, „dass an dem Manuskript noch gearbeitet werden musste“.

Schulze machte mit. Es machte ihm Spaß, „33 Augenblicke des Glücks“ und „Simple Stories“ gehörten zu den ersten Bestsellern des neuen Verlags.

Wenn man heute Ingo Schulze am Wochenende mitten in einem „Activity“-Spiel mit einem Anruf überrascht, entfährt ihm auf die natürlichste Weise eine große Dankbarkeit für seine Verlegerin, ihre gemeinsame Textarbeit. Er hatte häufig das Gefühl, sie zu stören, in ihrer vielbeschäftigten Art, aber wenn sie dann da war, interessierten sie alle Details. „Schade, dass sie damit aufgehört hat.“ Zu ihrem Abschied bei Hanser stieg er in den überfüllten Verlagsräumen auf einen umgestürzten Flaschenkasten und hielt eine Rede, in der er gestand, sich nun wie ein aus dem Nest gefallener Vogel zu fühlen.

Oder Jonathan Littell, dessen Buch „Die Wohlgesinnten“ über die Innenwelt des SS-Mannes Aue schon in Frankreich erschienen war. „Da ging es ums Ernstnehmen.“ Darum, festzustellen, dass der Autor nicht einfach ein Provokateur war, der einen skandalösen Stoff mit Kalkül in den Markt drückte. Sobald sie dessen Leben, die penible Art und sein soziales Engagement erfasste, war ihr das schnell klar. Aber die anderen mussten es auch wissen. Sie sollten den Autor nicht so einfach in eine Kiste packen und mitsamt den eigenen Vorurteilen beerdigen können. Sie sollten ihn so ernst nehmen, wie er selbst seinen Stoff ernst genommen und mit ungeheurer Recherche unterfüttert hatte. Dazu wollten sie auf eine konventionelle Werbekampagne mit dem üblichen großen Foto des Autors verzichten und zum Erscheinen einen Begleitband herausgeben, damit sich der Fokus auf den Text lenkt. Der sollte fortan für sich selbst sprechen. Mit diesem Konzept hatte sich Ruge um die deutschen Rechte bemüht – und hat sie bekommen, ohne das höchste Gebot abgegeben zu haben.

Ganz wichtig sei der Schutzraum, den ein Verlag oder eine Agentur einem Autor bieten kann. Als Verlegerin konnte sie Kritiken abpuffern, als Agentin Absagen. Von ihrem Autor Richard Ford schaute sie sich eine Technik ab. Der Amerikaner liest nämlich am Ende, wenn es fertig ist, das ganze Buch seiner Frau vor, einmal von vorne bis hinten. Ruge fand, dass dieser „Luxus“ den Zuhörern noch einmal eine neue Dimension des Textes eröffnet, der damaligen Lektorin und Verlegerin lasen also Elke Schmitter, Ingo Schulze und Helene Hegemann ihre Bücher einmal von vorne bis hinten vor.

Ein einziges Mal hat sie für einen börsennotierten Verlag gearbeitet, als ihr Berlin Verlag unter das Dach von Bloomsbury geriet. Da war die Aufgabe, mit Fünfjahresplänen ein literarisches Programm an die Börse zu bringen. Ruge muss lachen. Fünfjahrespläne – „auch eine Art fiktiver, literarischer Tätigkeit“.

Wie überlebt die persönliche Freiheit unter Druck?

Ein starkes Lektorat, glaubt sie, würde Verlage stattdessen stärken. Eines, das auch einmal über die Marketing-Logik hinweg entscheiden könnte und Zeit für die Arbeit mit den Autoren bietet.

In der vergangenen Woche hat sie von einer internationalen Konferenz zum europäischen Urheberrecht in der Akademie der Künste Wind bekommen, auf der Verlage nicht nur als „Verwerter“, sondern als „Formatierer“ bezeichnet worden sein sollen. Was für eine Missachtung ihrer Arbeit. Die so Bezeichneten waren auch gar nicht eingeladen, um mitzudiskutieren. Fassungslos sitzt sie an einem Offenen Brief, der in den nächsten Tagen veröffentlicht werden soll und sich gegen eine Gesetzesnovelle wendet, die Autoren eine Ausstiegsklausel erlaubt, nach der sie nach fünf Jahren einen Verlag verlassen dürfen, wenn sie ein besseres Angebot haben. Das zerstöre die kleinen Verlage, die viel Arbeit in einen Autor investieren, der dann von den Großen einfach eingekauft werden kann.

Elisabeth Ruge ist angetreten, das Niveau zu heben, ob zuerst als Verlegerin oder heute als Agentin. Sie ist gegen die vorhersehbare Ödnis der „wer-dies-kauft-kauft-auch-das“-Kultur, gegen die Einebnung von Unterschieden, die ja am Ende das Menschliche sind. „More of the same“ ist nur ein  Reflex des Marketings. Der langweilt sie. Gegen diese Zwangsläufigkeiten gilt es Widerstand zu leisten. Das alles erklärt aber noch nicht ihre inhaltliche Sicherheit, ihre Themen, die andere wegen ihrer Härte für eine Zumutung halten, und ihre Vorliebe für collagenhafte, kaleidoskopartige Techniken, die Dokumentarisches mit Fiktion verbinden und sich häufig auf der Grenze zum Journalismus bewegen. So wie Swetlana Alexijewitsch jahrelang Tonbandaufnahmen von Interviews als Ausgang für ihre Literatur genommen hat. Die Stimmen verdichtete sie zu Büchern wie „Zinkjungen. Afghanistan und die Folgen“, nachdem sie mit den Müttern gefallener Soldaten gesprochen hatte. „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“ basiert auf Gesprächen mit den Opfern.

Manchmal muss man einen Umweg nehmen, nur um dann umso genauer den Kern zu treffen. Elisabeth Ruge schlägt überraschend die Gedenkstätte des Deutschen Widerstands vor.

Es ist ein Umweg über die Deutsche Geschichte, die zugleich die Geschichte ihrer Familie ist, ein Umweg über den Bendlerblock und das knurrige Parkett in der Dauerausstellung im zweiten Stock.

Natürlich wäre sie eine andere, wenn sie nicht bis zu ihrem zehnten Lebensjahr in Washington DC aufgewachsen wäre, während ihr Vater, der Fernsehjournalist Gerd Ruge, den Deutschen aus Amerika vom Vietnamkrieg, dem Tod Robert Kennedys und Martin Luther Kings berichtete. Sie verbrachte zwar die heißen Sommer dort lesend, sog aber zugleich die überhitzte politische Situation, die Rassenunruhen und die Kriegserregung auf.

Sicher wäre sie auch eine andere ohne die Odenwaldschule, die sie in Deutschland besuchte. Eine Schule, die in den 70er Jahren Legasthenie zum ersten Mal nicht als einen Mangel an Intelligenz wertete. Und natürlich wäre sie eine andere ohne ihre Mutter, die irgendwann Stimmen hörte und auf deren Schizophrenie Rücksicht genommen werden musste, die aber, so stellte die Tochter fest, einen ganz eigenen Zugang zur Welt besaß.

Eigensinn ist etwas Gutes

Der Rundgang durch die Spielarten des Deutschen Widerstands ist nur vordergründig eine Geschichtsstunde, er zeigt schnell, wofür ihr Herz schlägt: Für die Frage, wie das Individuelle unter Druck überlebt. Sich nicht scheinbaren Zwangsläufigkeiten unterordnet. Die NS-Herrschaft war erdrückend, aber einige haben trotzdem für sich Freiheiten entdeckt, sie sich herausgenommen, gestaltet. Wie schaffen es diejenigen, sich diese Räume zu erhalten?

Politiker, Adlige, Arbeiter, Kommunisten, Schüler – viele von ihnen haben auf eigene Kappe etwas gewagt. Sie haben sich zusammengeschlossen oder einzeln gehandelt. Hier, die grandiose Ruth Andreas-Friedrich, die als Journalistin Tagebücher von solcher Klarheit führte, dass deren Entdeckung sie das Leben hätte kosten können. Dort die glücklichen Gesichter befreundeter Kommunisten, die auf einem Sonntagsspaziergang der Zeit des Grauens ihre klaren, gelösten Mienen entgegenhalten.

Schließlich, im Raum zum 20. Juli, ist ein Bild ihres Großvaters zu sehen, Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg. Nach einem geglückten Attentat hätte er Staatssekretär im Innenministerium werden sollen, stattdessen wurde er am 10. August 1944 in Plötzensee hingerichtet. Auf diesem Bild aber sitzt er entspannt an einem Tisch. Er war ja, sagt Ruge, nicht nur der soldatische Mensch mit Schmiss, der als konservativer Nationalist begonnen hatte, er war auch ein Netzwerker, der alle möglichen Menschen zusammenbringen konnte, unter anderem Julius Leber und Stauffenberg. Die stabilen Freundeskreise schafften Schutzräume, in denen das Denken sich frei bewegen durfte, etwas Eigenes, Alternatives entstehen konnte, sogar ein lebensgefährlicher Plan namens „Walküre“. Als ihm einmal klar wurde, dass man handeln musste, hat Schulenburg so viele Leute geworben, dass der Historiker Hans Mommsen ihn später als den „Motor des Widerstands“ bezeichnete.

Sie hatte das Glück, sagt Ruge, dass ihre Großmutter Charlotte von der Schulenburg über den Großvater auch gesprochen hat. Nicht zu viel, „sie hat uns nicht mit Heldengeschichten gequält“, aber doch so, dass jedes Mitglied der großen Familie sich im eigenen Tempo der Sache habe nähern können. Möglich, dass in diesem Zusammenhang das geprägt wurde, was sie heute Bücher „wichtig“ nennen lässt. Eigensinn ist etwas Gutes. Und welche Verrenkungen betreiben Menschen in totalitären Systemen? Mit genügend Abstand ist zu erkennen, was die Themen ihrer Autoren mit ihrer eigenen Geschichte verbindet.

Poesie ist eine Technik des Widerstands, schafft belebte, ausgefüllte innere Räume, nach eigenen Prinzipien geordnet. Setzt der äußeren Welt eine innere entgegen.

Die Klingel an dem Haus, zu dem alle Spuren führen. Elisabeth Ruge wird hier auf noch konkretere Art ihre Vergangenheit in ihre Zukunft verwandeln, sie schreibt gerade ihr erstes eigenes Buch. Es handelt von der Mutter, der Großmutter Charlotte und der Großtante Tisa, die am Abend des 20. Juli 1944 auf dem mecklenburgischen Gut Trebbow zusammen waren, den drei prägendsten Frauen ihres Lebens. Es handelt von Familie, Staat und der Freiheit des Einzelnen.

Manche Dinge erklären sich plötzlich von selbst. Die Bücher, die sie einem ausgeliehen hat, fallen später an den relevanten Stellen von alleine auf.

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