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Mochte Potsdam nicht allzu gern. Heinrich Heine (1797-1856) lebte im Jahre 1829 für wenige Monate in der Preußenresidenz. In der Friedrich-Ebert-Straße 121 erinnert eine Tafel an den Aufenthalt des deutschen Dichters.

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„Das Wort hat das Jahr 1846“ – zu Neujahr 1946: Im Tagesspiegel erschien „Ein Rückblick auf die Vielseitigkeit der Welt vor 100 Jahren“

Zeitungsgründer Edwin Redslob schreibt über Heinrich Heine und zahlreiche weitere Persönlichkeiten. Denn: „Viele Gestalten und Probleme aus der Zeit vor hundert Jahren gehen uns heute noch an.“

Stand:

Wir blicken an der Wende zum Jahre 1946 um hundert Jahre zurück. Wie sah es 1846 aus? Wir lesen alte Neujahrsbriefe, den Brief etwa, den Heinrich Heine von Paris aus seinem Berliner Freund, dem Diplomaten und Memoirenschreiber Varnhagen von Ense, schickte. Den Brief überbrachte der junge Ferdinand Lassalle, der mit seinen einundzwanzig Jahren dem damals bald fünfzigjährigen Dichter als Vertreter einer neuen Generation erschien, mit der zugleich eine neue Epoche zur Herrschaft kam. Er schreibt über Lassalle:

„Herr Lassalle, der Ihnen diesen Brief bringt, ist ein junger Mann von den ausgezeichnetsten Geistesgaben, er ist nun einmal so ein ausgeprägter Sohn der neuen Zeit, der nichts von jener Entsagung und Bescheidenheit wissen will, womit wir uns mehr oder minder heuchlerisch in unserer Zeit hindurchgelungert und hindurchgefaselt. Dieses neue Geschlecht will genießen und sich geltend machen im Sichtbaren; wir, die Alten, beugten uns demütig vor dem Unsichtbaren . . . und waren doch vielleicht glücklicher als jene harten Gladiatoren, die so stolz dem Kampftode entgegengehen. Das tausendjährige Reich der Romantik hat ein Ende, und ich selbst war sein letzter und abgedankter Fabelkönig. Hätte ich nicht die Krone vom Haupte fortgeschmissen und den Kittel angezogen, sie hätten mich richtig geköpft.“

Hundert Jahre später haben wir es leicht, die Kluft festzustellen, die Heinrich Heine empfindet. Unter dem Gesichtspunkt der Wirtschaft und Politik ist wohl das entscheidende Ereignis des Jahres 1846 in England geschehen. Auf Betreiben Richard Cobdens, des Kattunfabrikanten aus Manchester, ging Großbritannien von der Epoche der Schutzzölle zur Handelsfreiheit über und hob die Kornzölle auf. Hinter der Idee des Freihandels stand die Forderung der Abrüstung und der Schiedsgerichtsbarkeit, da die logische Folge der Entfaltung des freien Spiels der Kräfte von Land zu Land die Forderung des Friedens war.

Italien stand im Zeichen der Papstwahl. Am 1. Juli war Gregor XVI. gestorben, der neben Metternich und dem Zaren Nikolaus als Hauptvertreter der Reaktion und als erbitterter Feind jeden Fortschritts galt. Im Gedächtnis der Nachwelt lebt er durch das Edikt, das die Eisenbahn als Spuk des Teufels^ verdammt und ihra Benutzung verbietet. Aus der Wahl ging Pius IX. hervor. Man glaubte, daß der neue Papst ein Wegbereiter des Liberalismus sei, und daß er der politischen Zerrissenheit Italiens ein Ende bereiten würde. Gioberti hatte das Phantom der italienischen Weltherrschaft aufgestellt, das bis hin zu Mussolini und d’Annunzio die Köpfe verwirrte.

Was sonst im Jahre 1846 geschah? Es wurde in diesem Jahre sehr viel geschossen. Die Vereinigten Staaten besiegten Mexiko, die Engländer kämpften in Indien, die Franzosen verjagten ihren grimmigen Gegner Abd-el-Kader und festigten ihre Herrschaft über Marokko, Rußland kämpfte im Kaukasus. Oesterreich, Preußen und Rußland einigten sich erneut über Polen; so wurde Krakau trotz der Verträge des Wiener Kongresses Oesterreich einverleibt, das im Schütze der Gewehre Preußens selbstsüchtige Politik trieb, wie 1914.

In Paris knallten zwei Schüsse, als der Bürgerkönig Louis Philippe sich zur Revolutionsfeier auf dem Balkon der Tuilerien zeigte. Der Attentäter erklärte, er habe . nicht treffen wollen, sondern nur geschossen, um hingerichtet zu werden, er sei sein Leben satt, brächte aber nicht den Mut auf, selbst ein Ende zu machen. Er wurde zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt, und es erhob sich die Frage, ob es sich um eine neue Form des Selbstmordes oder um schlaue Vermeidung der Guillotine, um Reinfall oder Sieg handele.

Vor allem war 1846 ein Jahr der Putsche, Arbeiterunruhen und politischen Umwölkung. Es kriselte in Portugal, Irland und Frankreich, in Italien und der Schweiz. Der Weberaufstand in Schlesien lag zwei Jahre zurück. Die Haltung des Königs von Dänemark machte eine baldige kriegerische Auseinandersetzung um Schleswig-Holstein wahrscheinlich. Die Erfindung der Schießbaumwolle durch Professor Schönbein in Basel vollendete die Knallerei.

Auch sonst war die Zeit mit Zündstoff gefüllt. 1845 hatte Engels die Lage der englischen Arbeiter untersucht. Teilung der Arbeit, Benutzung der Dampfkraft und Mechanisierung durch die Maschine nannte er die drei großen Hebel, durch welche die Industrie die Welt aus den Fugen hebt. Die soziale Frage wurde zum Hauptthema der Zeit. Der Generation, die jetzt im vierten Jahrzehnt stand und an die Reihe kam, gehört Dickens an, dessen Schaffen von Mitleid für die Knechtung der Armen durchglüht ist. Durch Gutzkow, Freiligrath und Hoffmann von Fallersleben entstand eine politische Lyrik, die rückgewandte Romantik Friedrich Wilhelm IV. wurde entlarvt.

In Rußland hatte bereits ein Jahrzehnt früher Puschkin mit seinen Dichtungen die Seele des Volkes erweckt und Lermontow in den „Helden unserer Zeit“ den ersten psychologischen Roman geschrieben. Ihm war Gogol als Künder des sozialen Mitleids gefolgt und hatte sich in den „Toten Seelen“ zum Ankläger des zaristischen Beamtentums erhoben. Es ist jene Zeit, die wir aus Turgenjews und Gontscharows Romanen kennen, es ist jenes Rußland, das Zar Nikolaus I. als Vertreter des Legitimitätsprinzipes gegen das Ausland abschloß, damit nicht die revolutionären Ideen des Westens den Zarismus erschütterten; aber gerade darum drangen sie ein.

Viele Gestalten und Probleme aus der Zeit vor hundert Jahren gehen uns heute noch an: Storm und Fontane, Schopenhauer und David Friedrich Strauß, Victor Hugo und Alfred de Musset, Carlyle, Emerson und beide Brownings, Sören Kierkegaard als Wegbereiter modernen Denkens und moderner Religiosität, Leopard! und Verdi und mit ihnen Italiens Realpolitiker Graf Cavour, für Amerika der Dichter des „Lederstrumpf“ James Fenimore Cooper, Longfellow, und Edgar Allen Poe, Männer, mit denen es in die Weltliteratur eintritt. Schwind, Spitzweg und Ludwig Richter verklären die letzte Epoche des Biedermeier, Grillparzer, Nestroy und Stifter schaffen in Oesterreich, Franz Liszt ist der erste Virtuose, der die Eisenbahn zu nutzen weiß, Robert Schumann ist der letzte große Musiker der Romantik. Bei einer Vergegenwärtigung der Zeit darf auch der Liebesroman zwischen Lola Montez und Ludwig I. von Bayern nicht fehlen, der dem König den Thron kostete. Aber weit mehr als sie verklärt der Tanz der Fanny Elßler die Anmut ihrer Epoche.

Das ist eine lange Reihe von Persönlichkeiten und Ereignissen und doch nur eine Auswahl aus überreichem Geschehen einer bewegten Epoche. Keines Falles haben wir ein Recht, auf die Zeit vor hundert Jahren verächtlich herabzublicken. Nicht nur wir schauen die Vergangenheit an: sie schaut auf uns, ihr Beispiel verlangt von uns Leistungen und Taten, die es wert sind, daß die Welt nach hundert Jahren ihrer gedenkt.

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