zum Hauptinhalt
Der Brandenburger Dom gilt als "Mutter aller brandenburgischen Kirchen"

© Imago

850 Jahre Brandenburger Dom: Lambsdorff, Weizsäcker und Loriot retteten die "Wiege der Mark"

Der Brandenburger Dom wird 850 Jahre alt. Das soll bis in den Herbst hinein gefeiert werden. Einige haben im Dom ihren Traumberuf gefunden, zwischen alten Mauern, Stoffen und Papieren.

Hier oben, 52 Treppenstufen über dem Kirchenboden, sieht die christliche Welt kein bisschen vergeistigt aus, sondern nach handfester Arbeit. Schraubenzieher liegen herum, eine Zange, auf den Stühlen verteilte Notenblätter. Stapelweise Notenbücher, irgendjemand hat ein paar schrundige Ziegelsteine auf Blasebälge geschichtet, in einer Ecke stehen drei Heizlüfter gegen die Kälte, die dem Angestellten auch im Frühjahr noch in die Finger und die Füße kriecht.

Der Angestellte heißt Marcell Fladerer-Armbrecht, seine korrekte Berufsbezeichnung ist: Domkantor. Vor drei Jahren ist er hergezogen aus Berlin, Stadtfluchtwünsche haben eine Rolle gespielt damals, vor allem aber dieser Arbeitsplatz hier, 52 Holzstufen über urmärkischem Boden. Fladerer-Armbrecht spielt die Orgel im Dom von Brandenburg an der Havel.

Was ihn hergezogen hat? Die großartige Orgel

Großartige Orgel, sagt er, Barock, sie käme seinen musikalischen Vorlieben entgegen, der Vorliebe für Bach besonders. „Bach“, sagt Fladerer-Armbrecht, „der hatte Orgeln wie diese im Kopf, als er seine Stücke schrieb.“ Sie hat eine besondere Stimmung, „wir nennen das eine andere Temperatur“, sagt Fladerer-Armbrecht, das Instrument sei „nicht gleichschwebend“, sagt er, „wir nennen das Schwebung“. In manchen Tonarten sei damit eine reine Quinte zu spielen, „wirklich ganz rein“.

Temperatur, Schweben, Reinheit, wolkige Musikersprache ist das einerseits, andererseits: Wie sonst soll man über Musik reden? Aus Fladerer-Armbrechts Mund klingen die Worte so, als müsse das Zusammentreffen dieses Mannes und dieses Instruments vor drei Jahren eine himmlische Fügung gewesen sein. Und heute? Er sagt: „Manchmal frag’ ich mich schon, warum mach’ ich das hier?“

Der Brandenburger Dom – geht man von dem Datum aus, an dem sein Grundstein gelegt wurde – wird im Herbst dieses Jahres 850 Jahre alt. Die „Wiege der Mark“ ist die wohl häufigste Zuschreibung, die über ihn zu lesen ist, dicht gefolgt von „Mutter aller brandenburgischen Kirchen“. In diesen Tagen werden sie noch häufiger als sonst ausgesprochen und aufgeschrieben. Am Sonntag beginnt ein großes, sechs Monate andauerndes Feier- und Kulturprogramm zum Jahrestag.

„Große Anziehungs- und Ausstrahlungskraft“, sagt die Brandenburger Bürgermeisterin. „Hier begann die Christianisierung der Mark“, sagt der Leiter des Domstifts. Das wiederum sei „die älteste Institution auf brandenburgischem Boden“, sagt der ehemalige Bischof Wolfgang Huber.

Auf dem Boden, auf dem der Dom steht, gründete der König und spätere Kaiser Otto I. im Jahr 948 das Bistum Brandenburg. Es sollte der Missionierung ortsansässiger Slawen dienen und scheiterte 35 Jahre später. Der nächste Versuch wurde 1161 unternommen, vier Jahre später begann der Dombau.

1848 tagte im Dom die Nationalversammlung

Diesmal gelang die Christianisierung, der Dom wuchs, Spätromanik, Frühgotik, ausgeführt in rotem Backstein, die nächste Pioniertat auf Brandenburger Boden. Der allerdings war weich, der Dom stand zum Teil auf dem zugeschütteten Wassergraben einer einstigen Slawenburg, die Lage auf einer Havelinsel tat ein Übriges. Im Jahr 1848 kam im Dom die Nationalversammlung zusammen, nachdem diese von Berlin dorthin verlegt worden war. Es tagte allerdings nur noch ein Rumpfkabinett an der Havel. Im 19. Jahrhundert kam auch Karl Friedrich Schinkel und ließ das Haus retten, sanieren, umbauen, Neugotik, bis es am Ende des darauffolgenden Jahrhunderts wieder hieß: Dom in Not.

Wolfgang Huber sagt, er erinnere sich noch gut daran. 1994, er war gerade Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg geworden, „da bogen sich die Wände nach außen. Ein Netz musste gespannt werden, damit niemand die herabfallenden Steine auf den Kopf bekam. Die Gebäude drumherum waren dem Verfall preisgegeben.“ Nun ist die Kirche fast fertig saniert. Die meisten der Gebäude drumherum, Postadresse Burghof, sind es ebenfalls. Auch das soll in den kommenden Monaten gefeiert werden.

Heute engagiert sich auch Frank-Walter Steinmeier

Die Orgel des Brandenburger Doms
Die hat Töne. Der Organist nahm vor allem wegen der Orgel den Job im Dom an. Kenner schätzen die Reinheit ihrer Töne.

© Bernd Settnik/dpa

Sie haben eine Grundschule hier, ein Gymnasium und einen Kindergarten. Sie haben mehr Taufen als Beerdigungen. Es gibt ein Archiv, ein Museum, einen Forstbetrieb und eine Werkstatt zum Restaurieren alter Gewänder – und demzufolge auch eine ganze Reihe von Menschen, die auf dem Domgelände ihrer irdischen Arbeit nachgehen. Einige davon haben hier ihren Traumberuf gefunden, wie Domkantor Fladerer-Armbrecht, der aber doch mittlerweile zu hadern scheint. Oder nicht?

Zumindest nicht mit der Orgel oder dem Dom. Sondern mit dem Spielen an sich. So ein lautes, vielleicht manchmal sogar vorlautes Instrument. Mehr als 2000 Pfeifen, die größte ist fast fünf Meter lang. Und dann er ganz allein oben auf der Empore, jeder Tastendruck, jeder Tritt auf die Pedale ist beim besten Willen nicht zu überhören, und unten die Bänke sind voller Leute. Das koste ihn gelegentlich Überwindung. „Natürlich“, sagt er, und: „schizophren, klar“, war doch einer der Gründe, die Brandenburger Kantorenstelle anzutreten, der Zuspruch der Menschen, die Orgelkonzerte sind voll.

200 Leute kommen regelmäßig zum Konzert

Als Fladerer-Armbrecht zum ersten Mal hier gewesen ist, 2007 muss das gewesen sein und er noch Kirchenmusik- Student, war das schon so. Auf den Bänken saßen 200 Besucher – „bei einem Studentenauftritt!“, sagt er. In Berlin kämen zu solchen Anlässen vielleicht 20. Das habe ihn überrascht. 200 Menschen, an einem Tag mitten in der Woche. „Ich wusste nichts davon als Berliner, und ich bin immerhin Kirchenmusiker.“ Ganz Großstadtignoranten fanden er und seine Kommilitonen auch den Dom nicht auf Anhieb. Sie landeten zuerst in der Brandenburger Katharinenkirche. Die ist auch groß.

Das Nichtwissen um Orte, die vielleicht historisch bedeutsam, aber nicht im eigenen Wohnort gelegen sind, mag wie bei Fladerer-Armbrecht damals ein Privileg der Jugend sein. Genausogut ist es aber auch eine Frage der eigenen Herkunft und des Milieus, in dem man sich bewegt.

Im Brandenburger Domkapitel, gewissermaßen im Aufsichtsrat also, finden sich Doktorinnen und Doktoren, Professorinnen und Professoren, die Namen von Hertzberg, von Heydebreck, von Katte, von der Marwitz, eine Generalsuperintendentin, eine Oberlandeskirchenrätin und Manfred Stolpe. Der einstige Bischof Huber führt es an. Den Vorsitz im Kuratorium zum Jubiläumsjahr hat Frank-Walter Steinmeier.

Und wer weiß, ohne Otto Graf Lambsdorff, Vicco von Bülow und Richard von Weizsäcker wäre der Dom vielleicht längst zusammengefallen. Sie gründeten Mitte der 90er Jahre einen Förderverein, ließen Spenden sammeln und nutzten ihre Prominenz dazu, Aufmerksamkeit für den Zustand des Hauses zu schaffen. Lambsdorff ging hier zur Schule, an der einstigen Ritterakademie, dem Vorläufer der heutigen Schulen auf dem Domgelände. Die wiederum wurde Anfang des 18. Jahrhunderts gegründet, auf dem Lehrplan standen Staatenkunde, Tanzen, Fechten und Rhetorik.

Außen grob, innen fein

Außen grob, innen fein. Außen schrundiger märkischer Backstein diverser Epochen, über große Flächen auf eine Art und Weise verfugt, die überhaupt nicht perfekt und glatt sein will und bei Einfamilienhausbesitzern den Gedanken an Regressansprüche gegenüber Baufirmen aufkommen lassen könnten. Und innen drin sitzt Gertie Gerhold, gebeugt über einen ihrer riesigen Arbeitstische, und versucht einem einzelnen Webfaden sein Geheimnis zu entreißen. Geertje Gerhold ist Textilrestauratorin im Dom. Sie richtet alte Kirchengewänder wieder her.

„Das hier“, sagt sie, „ist ein Chormantel, ein Umhang also, getragen beim Gottesdienst, Samt, 15. Jahrhundert.“ Vor ihr liegt ein quadratmetergroßes Stoffrechteck. Es ist blassgrün, Türvorleger vor Mietwohnungen sehen besser aus. Aber wer wie Gerhold beruflich mit solchen Dingen beschäftigt ist, der legt sie erst einmal unters Mikroskop. „Material erfassen. Nähfäden suchen und finden, Stichtypen, Webekanten, Schnitt erkennen. Nach Konservierungsarbeiten der Altvorderen suchen, dann das alles aufschreiben.“ Hinterher ist gelegentlich ein Aktenordner voll.

Sie trägt Lupenbrille und Atemschutz, arbeitet mit chirurgischen Nadeln

Der Brandenburger Dom feiert sein 850-jähriges Bestehen
Saniert. Seit vielen Jahren wurde im und rund um den Dom gearbeitet. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.

© Bernd Settnik/dpa

Stößt sie auf Schäden, und sie stößt dauernd auf Schäden, repariert sie anschließend. „Sehen Sie“, sagt sie und zeigt wieder auf ein Stück Stoff, „das geübte Auge erkennt ein Rhombenmuster.“ Das ungeübte Auge erkennt Flusen.

Sie besorgt Stoffe, färbt sie, ein ganzer Regelboden in ihrer Werkstatt ist vollgestellt mit Ordnern, in denen ihre Färberezepte stehen. Sie näht dann, eine Lupenbrille vor den Augen und gelegentlich einen Atemschutz vor Mund und Nase mit chirurgischen Nadeln. Und in solchen Momenten, so sagt sie es, kommt ein Gefühl in ihr hoch. „Es ist spannend“, sagt sie, „das ist ein Beruf, der ist ein Bindeglied zwischen heute und der Geschichte.“

Das klingt so wolkig wie Fladerer-Armbrechts Schwebung und Temperatur. „Ja, aber schauen Sie“, sagt Gerhold, „dies hier, ein Bischofsgewand. Ich kannte den Bischof nicht, Bredow hieß der, und ich habe das Gewand jetzt vor mir, in dem er bestattet wurde. Verstehen Sie?“

Der Beruf, eine Zeitreise

Sie muss so etwas wie eine Zeitreise meinen. Oder das Gefühl, dass diejenigen, die längst gestorben sind, auch einmal Menschen gewesen sind, dass auch sie einmal eine Gegenwart gehabt haben und über diese Erde schritten, wie sie selbst es heute tut, und in ihrem speziellen Fall auch noch durch dasselbe Haus. Was allein schon Wertschätzung verdient, jenseits von Geschichtsbüchern. Sie sieht ehrlich beglückt aus, als sie das alles zu beschreiben versucht.

„Man kann von den Leuten damals sogar immer noch viel lernen“, sagt sie. Zum Beispiel die Sache mit dem Häutchengold. „Die verstehen wir immer noch nicht.“ Häutchengold, mit bloßem Auge beim besten Willen nicht erkennbare Fäden, ummantelt mit Darm, mit Metall, versilbert, dann vergoldet, unglaublich filigran, Nanotechnologie scheint ein Witz dagegen zu sein.

So ähnlich wie Gerhold spricht auch Uwe Czubatynski von seiner Arbeit. Vage, suchend. Er ist Domstift-Archivar. Das Archiv ist vergleichsweise riesig, es besteht seit dem Jahr 948 und beherbergt heute mehr als 125 000 Objekte. An diesem Tag sitzen drei Menschen im Nachbarzimmer vor Mikrofiche-Bildschirmen, um Familienstammbäume auszuforschen. Heimatkundler kämen oft her, sagt Czubatynski, oder Menschen, die damit betraut sind, Erbschaftsangelegenheiten zu klären. Und immer mal jemand, der das wohl prominenteste Schriftstück der Sammlung sehen will, jene Urkunde aus dem Jahr 1237, die mit acht Siegeln einen beigelegten Steuerstreit zwischen Kirche und Markgraf dokumentiert.

Die Urkunde gilt als Berlins Ersterwähnung. Zu finden in Brandenburg an der Havel, auf einer wackligen Insel am Rand der Altstadt, auf der Menschen ihrer Arbeit nachgehen. Czubatynski überlegt kurz, um dann auf das Thema Vergeblichkeit zu kommen. „Wenn ich hier als Ruheständler ausscheide“, und 15 Jahre habe er noch im besten Fall, „dann werde ich nicht einmal fünf Prozent unseres Bestandes überhaupt mal in der Hand gehabt haben.“

Das Festprogramm

Der 850. Jahrestag der Grundsteinlegung soll bis Ende Oktober mit einem Festprogramm gefeiert werden. An diesem Sonntag, 3. Mai, eröffnet Außenminister Frank-Walter Steinmeier eine Ausstellung. In den nächsten Monaten ist der Brandenburger Dom Schauplatz von 240 Veranstaltungen zur Kirchen- und Kulturgeschichte. Geplant sind Konzerte und Theateraufführungen, Lesungen, Vorträge, Gottesdienste, ein Mikis-Theodorakis-Abend im Rahmen der „Brandenburgischen Sommerkonzerte“ und eine Programmreihe für Kinder und Jugendliche. Auch Führungen zur Bau-, Kunst und Sanierungsgeschichte finden statt. Das komplette Festprogramm finden Sie auf der Internetseite des Doms.

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
showPaywallPiano:
false