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Jan Böhmermann startet am heutigen Donnerstag mit einem neuem Format auf EinsPlus: „Lateline“. Der 32-Jährige machte sich in der Talkshow „Roche & Böhmermann“ einen Namen, ehe sie überraschend beendet wurde.

© SWR/DASDING

Jan Böhmermann im Interview: „Facebook nervt“

Fernsehmoderator Jan Böhmermann spricht mit dem Tagesspiegel über seine neue Show, Vorzüge von Twitter, konzeptlose Unterhaltung und den Sockel von Harald Schmidt.

Herr Böhmermann?
Ja.

Können Sie das Twittern während unseres Interviews bitte sein lassen?
Okay.

Gut, fangen wir an. Was muss man sich unter einer multimedialen Fernsehsendung wie „Lateline“ vorstellen?

Ich versuche da, an die Grenzen meiner Multitasking-Fähigkeiten zu gehen. Ich werde moderieren und gleichzeitig bei Facebook und Twitter eingeloggt sein, um live mit Leuten zu interagieren. Vielleicht programmiere ich nebenbei noch Software und werde mich um die Wartung der Videotextseiten von ARD und ZDF kümmern.

Eine Radiosendung mit Bild?
Genau, ich mache die Talkshow „Lateline“ ja schon seit drei Jahren bei den jungen Hörfunkwellen der ARD. Jetzt haben sich die Intendanten geeinigt, da einfach mal eine Kamera draufzuhalten. Und das Ganze wird von Radio Bremen produziert.

Ihre alte Heimat ...
... in Bremen kann ich während der Arbeit meine Verwandtschaft besuchen. Dort habe ich bei einer Tageszeitung meine Karriere angefangen. 1999 kam ich als Reporter zu Radio Bremen. Dann musste ich nach Köln auswandern und darf jetzt für ein Gastspiel zurück zur ARD-Anstalt mit der sympathischsten Haushaltsbilanz. Mich können sie sich aber noch leisten, weil ich sehr billig zu haben bin. Die Show oszilliert dafür auch zwischen völligem Mist und sehr gut. Fernsehen ohne Konzept, mit Ansage.

"Meine PR-Agentur hat mir kürzlich 40 000 Follower gekauft"

Reicht der stete Gebrauch von Unterhaltungselektronik und sozialen Netzwerken aus zur guten Unterhaltung?
Warum nicht? Ich bin digital native, kriege meine Mails gepusht und was einen über Twitter jeden Tag erreicht, genügt als Material für vier Stunden Fernsehen. Meine PR-Agentur hat mir kürzlich 40 000 Follower gekauft, ich bin bestens versorgt. Mein Ziel ist es außerdem, alles von der Firma Apple zu erwerben. Es geht erst mal darum, dass ich jedes Teil habe, in allen Farben, und nicht darum, ob ich wirklich etwas damit anfangen kann. Wenn das nicht hinhaut, wird’s auf eBay vertickt.

Und Facebook?
Facebook nervt. Ich geb denen noch zwei Jahre. Entweder wird’s pleitegehen oder verstaatlicht, genau wie Google. Das ist alles bald kein Privatvergnügen mehr, sondern systemimmanent. Ich glaube fest an Twitter, das wird bleiben.

Was haben Sie in Ihrer Tasche dabei, zum Twittern?
Ein Smartphone, ein iPad, ein Laptop. Außerdem, falls Sie das noch kennen, einen Stift und einen Notizzettel.

Auch das ZDF glaubt ja, auf Jan Böhmermann nicht zu verzichten zu können. Nach der Einstellung von „Roche und Böhmermann“ sollen Sie ein Format auf ZDFneo bekommen. Wird das auch so ein Multimedia-Ding?
Ehrlich gesagt ist es dem Team und mir egal, für welchen Sender wir arbeiten. Ich verkaufe auch Diätpulver bei QVCplus, wenn’s Sinn macht. Dass ich eine Sendung bei ZDFneo bekommen soll, habe ich auch gelesen. Angeblich eine Politsatire! Wenn das stimmt, was da im „Focus“ stand, sollte ich besser ganz schnell mit Bücherlesen und mit Nachrichtengucken anfangen. Von einer Produktion sind wir noch weit entfernt, das soll ja erst im Herbst starten. Das Einzige, was steht, sind die frisch gestrichenen Studioräume in unserer Produktionsfirma BTF Entertainment.

Die auch das hochgelobte Talkformat „Roche & Böhmermann“ für ZDFkultur produziert hat. Das endete ja Ende 2012 mit Knall und Fall, weil man sich offenbar nicht über die weiteren Produktionsbedingungen einig werden konnte. Haben Sie Charlotte Roche in jüngster Zeit gesehen?
Wir sind via Facebook und MySpace in Kontakt. Das war ja auch ein angenehmes, fröhliches Jahr mit „Roche und Böhmermann“. Wir haben fast bis zum Schluss prima im Team gearbeitet. Und das doch etwas abrupte Ende hat die Produktionsfirma und mich zusammengeschweißt. Wie bei Helmut und Loki Schmidt. Ja, die graue, entbehrungsreiche Zeit hat uns verbunden.

Können Sie eigentlich auch mal ernst sein, unironisch?
Wieso?

Sie gehören zu den Leuten, die nicht nur im Fernsehen, auf der Bühne, sondern auch im Gespräch auf der Ebene von Scherz und Satire verweilen. Das nervt bisweilen.
Ich bin zu höflich, die Wahrheit zu sagen. Natürlich kann ich auch ernst. Aber das macht selten Spaß, weder Ihnen noch mir. Ich sehe mich schon als gebührenfinanzierter Showdienstleister und will Erwartungen erfüllen. Die meisten Sachen, die ich sage, stimmen eigentlich. Ich habe in diesem Interview noch nicht gelogen.

"Mir war Sky zu mainstreamig, zu viel Masse"

Wie hält Ihr Kind diesen Jux aus, Ihre Familie?
Wieso nur ein Kind? Ich bin engagierter Patchwork-Vater.

Seit wann?
Neues Thema bitte.

Harald Schmidt ist ja auch so ein Fall: im Interview eine Pointe nach der nächsten.
Ah, der Harald. Obwohl, im täglichen Umgang hab ich immer Herr Schmidt gesagt. Ich glaube, nur sein Freund Florian Schroeder darf Harald duzen. Ich habe drei Jahre für Herrn Schmidt gearbeitet. Da muss man Fan sein, sonst macht er kurzen Prozess mit einem. Ich bin Jahrgang 1981 und mit allem, was Schmidt gemacht hat, fernsehmäßig sozialisiert. Er selber ist zu bescheiden, sich auf den Sockel zu heben, auf den er gehört.

Warum hat Sie Schmidt dann nicht zu Sky mitgenommen? Hat er Sie fallen gelassen?
Ich habe vergessen zurückzurufen. Mir war Sky zu mainstreamig, zu viel Masse. Ich bin eher der Spartentyp. Den Quotendruck bei Sky hätte ich nicht ausgehalten.

Haben Sie nicht doch mal Lust, Fernsehen für mehr als 40, 50 000 Leute zu machen, große Samstagabend-Unterhaltung?
Alles eine Frage der Gelegenheit. Herr Bellut kann mich gerne anrufen, meine Handynummer liegt noch bei ZDFkultur im Papierkorb. Wenn mir irgendein Sender in totaler Verzweiflung die große Samstagabend-Show anbietet, zum Beispiel „Wetten, dass ..?“, wäre meine Reaktion: Ja, gut, da sollen erst mal die Wetten und die Redaktion rausgeschmissen und keine Ostdeutschen mehr eingeladen werden. Und dann heißt es: Gebt mir vier Jahre Zeit! Acht Millionen begeisterte Zuschauer des letzten Saarland-„Tatorts“ beweisen, die Leute gewöhnen sich im Fernsehen an jede Scheiße. Das bedeutet erfreulicherweise: auch an unsere.

Das Gespräch führte Markus Ehrenberg

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