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Tief eingeprägt. Die Autoren weisen mit Ausschnitten aus Propagandafilmen wie „Jud Süß“ oder „Die Rothschilds“ auf Parallelen zu heutigen antisemitischen Strategien hin.
© Arte

Doku über Antisemitismus: Gefährliche Bilder-Codes

Die Arte-Dokumentation „Jud Süß 2.0“ offenbart die Parallelen von Nazi-Propagandafilmen und der Online-Hetze der Gegenwart

Mit der Pandemie gehen auch antisemitische Verschwörungsmythen viral: Demonstranten gegen Corona-Maßnahmen tragen einen gelben Stern, bezeichnen sich als „Covid-Juden“, als wären sie Opfer eines rassistischen Vernichtungsfeldzugs. Bill Gates und Angela Merkel werden in Internet-Memes zu Juden deklariert, Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer erscheint mit einem Foto im Profil neben einem stereotypen Juden-Porträt im Nazi-Stil. Um ins Feindbild zu passen, muss man kein Jude sein.

Antisemitismus befasse sich nicht mit lebenden Jüdinnen und Juden, sagt die Medienwissenschaftlerin Lea Wohl von Haselberg in der Dokumentation „Jud Süß 2.0“. Deshalb sei es ein Missverständnis, dass der Antisemitismus mit anderen, authentischen Bildern bekämpft werden könne.

Vielmehr müssten die antisemitischen Bilder-Codes dekonstruiert werden. Genau dies versucht Felix Moeller in seinem Film, den Arte erst nach Mitternacht zeigt. Immerhin wird „Jud Süß 2.0“ eine Woche später im Rahmen des Themenabends zum Gedenktag der Befreiung von Auschwitz noch einmal etwas früher ausgestrahlt. Außerdem ist er ein Jahr lang in der Mediathek abrufbar („Jud Süß 2.0“, Arte, Dienstag, 0 Uhr 30 und in der Arte-Mediathek.

Die „Online-Radikalisierung Richtung Antisemitismus“ habe seit der Corona-Krise stark zugenommen, sagt Extremismusforscherin Julia Ebner. Beim Online-Antisemitismus handele es sich um ein „Mosaik aus unterschiedlichen Subkulturen“, die ähnliche Codes verwenden würden. Sprache setze sich aus alten Stereotypen und neuen Bildern und Symbolen zusammen. Sie verweist auf Memes wie den „Happy Merchant“, den „glücklichen Kaufmann“ – einen lauthals lachenden Mann, der dem Juden-Stereotyp entspricht und für diejenigen steht, die angeblich von der Krise profitieren.

Ebner befürwortet „Deplatforming“, also das dauerhafte Sperren von antisemitischen Inhalten bei YouTube oder in sozialen Netzwerken, fordert aber vor allem mehr Aufklärung und Bildungsarbeit. Es sei „unglaublich wichtig“, dass „Codes und Memes jedem bekannt sind“, auch den Jugendlichen, zumal „immer mehr Videospiele“ mit antisemitischen und rechtsextremen Inhalten zu finden seien. Filmautor Moeller schlägt den Bogen zum Antisemitismus der Nationalsozialisten, weist mit vielen Ausschnitten aus Nazi-Propagandafilmen wie „Jud Süß“, „Der ewige Jude“ oder „Die Rothschilds“ auf Parallelen zu heutigen antisemitischen Strategien hin.

„Im Grunde ist es heute nicht so viel anders, nur dass das eben Muslime sind.“

Auch im besetzten Frankreich war mit „Forces Occultes“ ein Film produziert worden, der die Propaganda vom jüdischen Streben nach Weltherrschaft unters Volk brachte. Wenn AfD-Politiker Björn Höcke von einer „globalen Herrschaftskrake“ und einer „kosmopolitischen globalen Elite“ spricht, benutzt er antisemitische Codes aus Nazi-Filmen: vom Juden, der in keinem Land zu Hause ist, der eine besondere Beziehung zu Geld hat und nach globaler Macht greift.

In der Verschwörungserzählung vom „Großen Austausch“ (engl. „Great Replacement“) gelten Juden als Drahtzieher. „Jews will not replace us“, skandierten die rechtsextremen Demonstranten in Charlottesville. Ungarns Ministerpräsident Orbán hat den Shoah-Überlebenden, Finanz-Investor und Philanthropen George Soros zum Feindbild erkoren.

Antisemitische Stereotype haben sich zudem tief eingeprägt und reichen bis in die Populärkultur. Als Beispiel nennt Lea Wohl von Haselberg die Kobolde in den „Harry Potter“-Filmen, kleine, missgestaltete Wesen, die die Zaubererbank Gringotts leiten.

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Das seien „antisemitische Zerrbilder“, auch wenn die Kobolde gar keine jüdischen Figuren seien, sagt die Medienwissenschaftlerin. Auch was nicht antisemitisch gemeint ist, kann also antisemitisch wirken, weil es an bekannte Stereotype anknüpft.

Offenkundig auch die Parallelen, die der Film beim Thema Migration aufzeigt. In „Jud Süß“ gibt es eine Szene, in der ein langer Zug von Juden durchs Stadttor nach Stuttgart einzieht. Felix Moeller stellt dem die Bilder vom Marsch der Flüchtlinge durch Europa aus Sommer 2015 gegenüber, die Orbán und die Brexit-Kampagne als angsteinflößende Propaganda nutzten.

Julia Ebner erkennt darin eine Referenz an antisemitische Szenen in „Jud Süß“. Und Stefanie Schüler-Springorum vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung sagt: „Es kommt etwas Fremdes, auf das wir herabschauen, aber das uns in der Masse zu überrennen scheint.“ Damals seien es die Juden aus dem Osten gewesen. „Im Grunde ist es heute nicht so viel anders, nur dass das eben Muslime sind.“

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