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Der Star als Sängerin. Senta Berger ist Mona, die (Ex-)Freundin des Klatschreporters Baby Schimmerlos, in Helmut Dietls Kult-TV-Serie „Kir Royal“ von 1985.
© picture-alliance / obs

Senta Berger zum 80. Geburtstag: Glamour, Mut und Menschlichkeit

Sie ging nach Hollywood, kam zurück und wurde ein Fernsehstar: der großartigen Schauspielerin Senta Berger zum 80.

Ein Weltstar aus Wien: So betitelt Arte seine Reihe zum Geburtstag von Senta Berger. Ja, die am 13. Mai 1941 geborene Österreicherin ist eine Schauspielerin von internationalem Rang. Man übersieht das leicht, denn man kennt sie hierzulande vor allem vom Fernsehen. Aber auch ihre Kinoliste ist lang, von ihrem vielseitigen Engagement ganz zu schweigen, nicht zuletzt als Präsidentin der Deutschen Filmakademie (2003 – 2010). Zu ihrem 80. würdigen wir die schönsten, bemerkenswertesten Facetten ihres Spiels, ihrer Persönlichkeit und ihrer Biografie.

Kinderland
Wie darf man sich das „Kinderland“ einer Sechsjährigen vorstellen, die gerade den Schrecken des Krieges überstanden hat? In ihren Memoiren „Ich habe ja gewusst, dass ich fliegen kann“ erinnert sich Senta Berger lebhaft an ihre Kindheit mit ihren beiden Cousins. „Uns dreien gehörte Ober St. Veit. Für uns gab es keine Mauern und Zäune. Jeden Garten kannten wir. Es gab noch Getreidefelder, die im Sommer hoch standen.

Das war nach dem Krieg, in der schlechten Zeit. In der guten Zeit, einige Jahre später, wurden die Margaritenwiesen und die Felder parzelliert, eng bebaut mit der Herzlosigkeit des beginnenden Wohlstands.“

Sie erzählt, dass erst ihr Sohn Simon sie zu dem Buch überredet habe. Zweifel waren ihr nicht fremd. Noch als berühmte Schauspielerin, so schreibt sie, konnte sie ihre Unsicherheit nie ganz abschütteln: „Eine oft übertriebene Selbstkritik hat mich so manches Angebot nicht annehmen lassen.“

In ihren Lebenserinnerungen zeigt sich Berger als Autorin voller Sprachwitz und als einfühlsame Beobachterin. Und man versteht, warum sich die Wahl-Berlinerin ihrer Heimat bis heute verbunden fühlt. „Weil mir als Kind doch alles ganz selbstverständlich gehörte, alles war mein Besitz, mein – die Wiesen und Hügel in Ober St. Veit, die Straßen und Gärten in Lainz“. Senta-Berger-Land. Andreas Busche

Hollywood
Als Senta Berger 1963 mit einem Fünfjahresvertrag der Columbia-Studios in die USA ging, hätte das der Beginn ihrer Weltkarriere sein können – nach dem Rauswurf aus dem Max-Reinhardt-Seminar, weil sie ohne Erlaubnis einen Minipart in einem Yul-Brynner-Film übernommen hatte.

Die junge Senta Berger konnte es mühelos mit Sophia Loren aufnehmen, Romy Schneider, Catherine Deneuve. Doch Hollywood war desillusionierend. Selten wurde ihr als europäischer Star-Import mehr als nur die Rolle einer exotischen Schönheit zugebilligt.

In Sam Peckinpahs Spätwestern „Major Dundee“ ist sie als stolze, schutzbedürftige Witwe Objekt der Begierde von Charlton Heston und Richard Harris. Noch passiver ihr Part im Antidrogenthriller „Mohn ist auch eine Blume“. Als heroinabhängige Nachtclubtänzerin muss sie sich sagen lassen, sie sei fürs Sterben noch viel zu jung und viel zu schön.

Ein ähnlich zweifelhaftes Kompliment macht ihr Kirk Douglas im Kriegsfilm „Der Schatten der Giganten“: „In Ihrem hübschen Kopf geht ja allerhand vor“. Als Holocaust-Überlebende aus Wien kämpft sie in Palästina mit Funkgerät und Maschinenpistole. Und Douglas heftet ihr einen Orden an den Träger ihres Nachthemds.

In ihren Memoiren berichtet sie von sexuellen Übergriffen bis hin zur versuchten Vergewaltigung, in den USA wie in Europa. Auch, dass sie einmal von einem Chauffeur abgeholt wurde, der sich als Kritiker vorstellte, aber meinte, er wolle lieber selber drehen. Es war Peter Bogdanovich, eine Schlüsselfigur von New Hollywood. Der Aufbruch im US-Film fand ohne Senta Berger statt: 1969 ging sie zurück nach Europa. Christian Schröder

Eros und Moral
Wie eine Königin schreitet sie durch das Puritaner-Dorf Salem in Neu-England, lange Gewänder, aufrechter Gang. Eine Ausgestoßene, die sich ihren Stolz nicht nehmen lässt und beharrlich schweigt, wenn sie denVater ihres unehelichen Kindes preisgeben soll. Noble Kinnlinie, griechisches Profil, unbeugsam in einer bigotten Gesellschaft, das ist Senta Berger in Wim Wenders’ Kostümfilm „Der scharlachrote Buchstabe“ (1973).

„Hört denn die Welt an den Grenzen dieses Orts auf?“ fragt sie und steigt in das Schiff, das sie davonträgt. Die Freiheit, die sie verkörpert, sprengt Wenders’ Statuarik auf.

Nur zwei Mal wurde sie für Hauptrollen im neuen deutschen Film gecastet, kurz zuvor von Volker Schlöndorff für „Die Moral der Ruth Halbfass“ (1971). Mit der Gesellschaftskomödie à la Chabrol wollte er Opas Trivialkino mit dem Politfilm der 68er kurzschließen. Berger rettet den Film, wenn sie als Industriellengattin mit feiner Selbstironie am goldenen Käfig rüttelt und das scheinbar Unvereinbare vereint, Eros und Moral.

Bei ihrer Affäre mit dem Kunstlehrer spottet sie eben jener Emanzipation, die ihr andere aufschwatzen und gleichzeitig absprechen. Eine atemberaubende Schönheit: Ihre Markenkleider sind ihre Unabhängigkeitserklärung. Aber kaum zeigt sie Haut, schrecken die Bilder vor ihrer Sinnlichkeit zurück. Dass Frauen Körper und Verstand haben, macht diesen Männern Angst, vor wie hinter der Kamera. Lieber reden sie über Kunst und Gewalt. Im gleichen Jahr beteiligte sich Berger an der Aktion „Wir haben abgetrieben“. Gegen Sexismus kämpft sie bis heute. Christiane Peitz

Kir Royal
Immerhin sagte Schlöndorff später, sie sei aus Amerika zurückgekommen wie ein Wesen von einem anderen Stern. Dieses Wesen spielt seit Jahrzehnten im Fernsehen, in oft konventionellen Rollen, die sie diskret transzendiert, ihnen Glamour verleiht, und sei es mit einem Seitenblick.

Auch die Rolle ihres Lebens hat sie im Fernsehen gespielt, in Helmut Dietls Klatschreporter-Serie „Kir Royal“ von 1985. Ob sie im rosa Hausanzug Buchhaltung macht, in Screwball-Manier Tiraden abfeuert, als Rachegöttin mit Messer und Federboa auftritt oder im Hintergrund mit irgendwas Banalem zugange ist: Schon mit ihrer bloßen Präsenz stiehlt sie allen die Show.

Diese Mona paart Unverfrorenheit mit Eleganz, Pragmatismus mit Traumtänzen, und wenn sie in der letzten Folge im Marlene-Outfit mit tiefer Stimme „Somewhere over the Rainbow“ singt, weiß man: Nicht nur Mona hat das Zeug zur Gesangskarriere, sondern auch Senta Berger.

Monas Freundin traut ihr Breakdance zu, französische Chansons, deutsche Wanderlieder, Balladen, Latino, Brecht. Und Konstantin Wecker futtert einen Teller Spaghetti. Ein tolles Bild für die Ignoranz der Unterhaltungsindustrie gegenüber der Charakterdarstellerin Senta Berger. Christiane Peitz

Die volkstümliche Aristokratin
Schimpfen wie ein Rohrspatz, heizen wie ein Kerl, feiern wie ein Biest. Nie war Senta Berger handfester als in „Die schnelle Gerdi“. Wo doch die Wienerin mit den feinen Gesichtszügen, der tadellosen Haltung und einer auch in temperamentvollen Szenen immer diskreten Schauspielkunst sonst so aristokratisch wirkt. Diese ZDF-Serie von 1989, die Ehemann Michael Verhoeven inszeniert und beider Firma Sentana-Film produziert hat, zeigt Berger als Volksschauspielerin.

Mit bayerischem Zungenschlag, wie sich das für eine Münchner Taxlerin gehört. Ein Sittengemälde aus dem Leben einer geschiedenen Mittvierzigerin: Gerdi ist herzlich, impulsiv, eckt an. Eine Stehauffrau, die sich den Schneid nicht abkaufen lässt, weder durch eine versuchte Vergewaltigung noch den Verlust des Taxischeins. So eine Frauenrolle bleibt im Gedächtnis.

2004 erfährt sie eine Wiederauferstehung. Die zweite Staffel spielt in Berlin, wo Gerdi sowohl einen Wessi (Günther Maria Halmer) wie einen Ossi (Michael Gwisdek) entflammt. Ost-West-Konflikt, Ausländerfeindlichkeit, Neonazis, Männergewalt, all das ist beiläufig Thema. Senta Bergers Gerdi, die kommt direkt aus dem Leben. Gunda Bartels

Die Eva!
Sie bekam den Posten auf dem Münchner Revier 411, weil sie die Richtige zu sein schien: weiblich, an der Schwelle des Rentenalters, labil. Ja, sie ist Asthmatikerin, die Frau Dr. Eva-Maria Prohacek, und raucht! Kurz: So einer darf man nicht zutrauen, dass sie durchgreifen kann.

Genau das ist in der ZDR-Reihe „Unter Verdacht“ bei der Polizei auch nicht erwünscht, wenn es um interne Ermittlungen geht. Prohaceks Chef, der joviale Dr. Reiter, legt seine ganze Verachtung für diese – wie er es sieht – Lusche von Ermittlerin in den Tonfall, wenn er sie anspricht: „Wo du doch keine Ahnung hast, Eva!“ Oder wenn er über sie lästert und dabei die Augen verdreht: „Die Eva!“ Bis sich das Blatt wendet und er sie nur noch anflehen kann: um Schonung.

Die Paraderolle ihrer späteren Jahre: 30 Folgen lang von 2002 bis 2019 hat Senta Berger als Tiefstaplerin ihr Publikum begeistert, stets genauso verloren, rauchend und traurig, wie ihr korrupter Gegenspieler Reiter (Gerd Anthoff) sie sich wünschte. Um dann kraft eines dramaturgischen Drehs als Anwältin der Wahrheit hervorzutreten.

Wie ihr das gelang, wo sie doch so gar keine Führungspersönlichkeit war? Es lag an ihrem Eigensinn. Nie nahm sie etwas als gegeben hin. Sie ließ den Dr. Reiter reden, nickte, ging in ihr Büro und rauchte. Und dachte nach. Machte sich eigene Gedanken. Es könnte auch alles ganz anders zusammenhängen.

Eva Prohacek war bei ihren Ermittlungen nicht allein. Sie hatte einen Assistenten, gespielt von Rudolf Krause. Die beiden waren einander spontan unsympathisch. Aber dann lernen sie sich kennen, und wo Ablehnung war, erwuchs Achtung. Die an ein englisches Vorbild mit Helen Mirren angelehnte Serie setzt ganz auf komplexe Charaktere, überzeugt und gewinnt Preise.

Krimis befördern ja die Katharsis, sie söhnen das Publikum mit der Tatsache aus, dass es das Verbrechen gibt, indem sie den rächenden Engel schicken. In „Unter Verdacht“ spielte Senta Berger diesen Engel mit ebenso viel Grazie wie Überzeugungskraft, so viel Feingefühl wie Treffsicherheit, so viel Menschlichkeit wie Mut. Barbara Sichtermann

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