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Ich bin ein cooler Typ, ich bleib ein cooler Typ. Thomas Gottschalk wird das frühe Ende von „Gottschalk Live“ überleben und überwinden. Was aber genau kommen wird, das wissen weder er noch die ARD. Foto: ARD

© ARD/TMG/Katrin Krammer

Abschied von Thomas Gottschalk: Wenn Titanen Gassi gehen

Ein ganz großes Missverständnis: Warum Thomas Gottschalk und die ARD mit „Gottschalk Live“ gescheitert sind. Am Mittwoch läuft die letzte Ausgabe des Vorabend-Formats.

Die Entscheidung hat demütigenden Charakter. Das Finale von „Gottschalk live“ war für den 7. Juni geplant. Den Termin hat die ARD gestrichen, jetzt ist bereits am Mittwoch Schluss. Das Erste sendet am Donnerstag lieber einen Vorbericht zur Freitag beginnenden Fußball-EM. Es ist, als wollte das Erste das Scheitern von „Gottschalk Live“ besonders akzentuieren. Nur weg damit, weg mit den miesen Quoten – und wenn der Gottschalk gleich mit weggehauen wird. Aus dem vermeintlichen Retter des Vorabends wird der Verlierer am Vorabend.

Dieses Scheitern besitzt eine grandiose Dimension. „Gottschalk Live“ startete am 23. Januar mit 4,34 Millionen Zuschauern, seitdem ging es bergab, zuletzt schwankte der Zuspruch zwischen 500 000 und 700 000 Zuschauern. Jetzt, nach mehr als 130 Ausgaben, hat der Schrecken ein Ende. Das Desaster von Thomas Gottschalk für die ARD in Berlin ist vergleichbar mit dem Desaster von Michael Skibbe bei Hertha BSC. Kleine Differenz: Skibbe durfte fünf Spiele verlieren, Gottschalk fast fünf Monate lang.

Gottschalks Mission ist missglückt, zum Glück so total. Ein weiteres Siechtum hätte den großen Entertainer kleiner und kleiner werden lassen. Wie klein, das könnte spätestens im Herbst zu bedauern sein. Am 6. Oktober wagt sich Markus Lanz auf die Bühne von „Wetten, dass..?“. Der bisherige Talkmoderator und das ZDF werden aus der Gottschalk-Pleite ihre – hoffentlich – klugen Schlüsse bei der Neukonfektionierung der Show ziehen. „Gottschalk Live“ passte nicht zu Gottschalk, er passte nicht zur Sendung, die Sendung passte nicht zum Publikum. Lanz hat im Tagesspiegel-Interview gesagt, für den Erfolg im Fernsehen brauche man das richtige Format und den richtigen Menschen dafür. „Und dann müssen beide zusammen ein Lebensgefühl treffen. Soll heißen: Wie viele Menschen wollen sich um 19 Uhr 20 auf ein Gespräch einlassen, wie es ,Gottschalk Live’ bietet? Wer hat den Nerv dafür?“

Als „Wetten, dass..?“ noch die Gottschalk-Arena war, war Lanz am besten auf dem Gästesofa platziert. Das darf er jetzt verlassen, zugleich werden sich seine und die Wege von Gottschalk kreuzen. Aus dem Talker Lanz wird der Showmaster Lanz, aus dem Showmaster Gottschalk wurde der Talker. Die Überkreuzbewegung könnte sich wiederholen, wenn Lanz die Erwartungen nicht erfüllt; dann kommen, darauf ist jede Summe zu wetten, die Rufe nach Tommy G.

Thomas Gottschalk ist der Großraumspieler

Wolfgang Lippert, der TV-Einheitsgewinnler, durfte 1992/1993 neun Ausgaben von „Wetten, dass..?“ moderieren, dann war die Wende-und-Lippert-Euphorie abgeklungen. Thomas Gottschalk hatte in der Zwischenzeit bei RTL mit „Gottschalk. Late-Night-Show“ sein Talkdebüt gegeben. Obwohl er Erfolg hatte, hatte der Erfolg fatale Folgen. Gottschalk wollte von da an glauben, er könne auch das Talk-Format.

Der Erfolg bei RTL, der beileibe nicht allein der seine war, und die sagenhafte Prominenz, die wenigstens zur Hälfte der von ihm 23 Jahre lang moderierten ZDF-Show „Wetten, dass..?“ gebührt, ließen bei Thomas Gottschalk die Überzeugung blühen, er könne seinen Ruhm in das Formatfernsehen einbringen, vom Zweiten ins Erste übersetzen, von samstags um 20 Uhr 15 auf wochentags um 19 Uhr 20 transferieren.

Thomas Gottschalk ist der Großraumspieler, der Umarmer, der Raumfüller, ein Showmoderator im XXL-Format. Er kann mit Bully Herbig auf dem Sofa wunderbar Nonsens machen, und er schafft es zugleich, dem Schauspieler wie auch Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer in der Vorabend-Bude sofort die News des Tages auszureden: Was sagt Herbig, was sagt Beckenbauer zur Frage, ob Bundespräsident Christian Wulff zurücktreten müsse. Jede Antwort wäre ein Knaller, die Schlagzeile hätte auf die „Bild“-Titelseite gedrängt. Gottschalk jedoch steuerte schon in den ersten Ausgaben das Gespräch aus dem Zentrum in die Peripherie des Interesses.

Gottschalk darf absolut niemand böse sein: Er wollte ins Erste, er hat dem Ersten dieses Format eingeredet. Die ARD strahlt seit 1954 Fernsehen aus, länger als jeder Konkurrent. Und doch hat der Senderverbund hier Fernsehen gemacht, als hätte die ARD noch nie Fernsehen gemacht. Namentlich die neun Intendanten, von denen allenfalls zwei, drei wissen, was Fernsehen ist, während der Rest was von Hörfunk, von Juristerei und Verwalten versteht, sind mit Gottschalk gescheitert. Dass das Erste beim eigenen Marktanteil auf einem historischen Tiefpunkt angelangt ist, ist nicht Gottschalks Schuld. Vier Mal 28 Minuten Programm pro Woche sind in einem Programm der 24 Stunden pro Tag nicht erheblich, sie entscheiden nicht den Quotenkrieg. Die amtierende ARD-Intendantenschaft, die Gottschalk engagiert hat, versteht vom Wesen des Fernsehens zu wenig. Vom TV-Transfermarkt wegkaufen, das ist bloßes Scheckausschreiben.

Den Drei-Stunden-Mann auf 28 Minuten einpegeln

Nun ist es die allerleichteste Übung, nachher alles vorher gewusst zu haben. Und doch ist es erschütternd, welchem Selbstbetrug der Moderator und sein Sender aufgesessen sind. Das Konzept war: Fernseh-Cäsar kommt, er sieht, er siegt. Total schlüssig, total falsch. Emsig arbeitete sich Gottschalk der Klippe entgegen. Als die großen Schuhe schon darüber hinausstanden, wurde reagiert. Es wurde in Windeseile eine belastbare Idee gesucht und Markus Peichl gefunden. Redaktionsleiter Peichl hat – siehe „Das wahre Leben“ oder „Beckmann“ – viele gute Gaben, und doch fehlen ihm, bezogen auf Gottschalk, entscheidende: dem Gottschalk das Fragen, das Interesse an seinen Gästen beizubringen, den Drei-Stunden-Mann auf 28 Minuten einzupegeln.

Siehe RTL-Late-Night. Was da ablief, war die vielleicht größte Dressur in der neueren deutschen Fernsehgeschichte. Hans-Hermann Tiedje, gestählt in der Machtprobe einer „Bild“-Chefredaktion, wurde vom damaligen RTL-Chef Helmut Thoma nach München geholt. Tiedje hat die Entourage, er hat Gottschalk gnadenlos getriezt und trainiert. Gottschalk stellte dann zwar nicht seine Fragen, aber er stellte die Fragen, die zu stellen ihm aufgegeben worden war. Tiedje soll von einem, der ahnte, wie und was bei „Gottschalk Live“ einbrechen könnte, ein Beratervertrag angeboten worden sein; Tiedje lehnte ab.

Zwischenzeitlich wurde der Wechsel von Grundy Light Entertainment zu I + U, jener Produktionsfirma von Gottschalk-Freund Günther Jauch überlegt. Grundy Light Entertainment produziert Sendungen wie „DSDS“, „5gegen5“, „Bauer sucht Frau“, „Das Supertalent“, „X Factor“. „Gottschalk Live“ war da Neuland. Grundy Light Entertainment hat keine Erfahrung, wie ein Misserfolg in einen Erfolg verwandelt werden könnte. Wie auch. Die Tochterfirma von Grundy Ufa arbeitet als „Übersetzungsbüro“. Erfolgsformate, die sich im Ausland bewährt haben, werden hier fürs deutsche Fernsehen adaptiert; bei jeder der genannten Sendungen lief dieses Muster ab. Im Normalfall ist jedem dieser Kaufprodukte ein Booklet, ein Rezeptbuch beigefügt, in dem haarklein ausgeführt wird, wie diese Sendung erfolgreich zu produzieren sei. Die Kölner Produktionsfirma lebt von der Afterkunst, nicht von der Kunst.

Das ungefähre Einstandskonzept bei „Gottschalk Live“ war so, dass Menschen, die dem Boulevardmagazin „Brisant“ entkommen und es gleichzeitig nicht in die „Tagesschau“ schaffen, in Gottschalks Wohnzimmer die „Tagesshow“ machen sollten – der Gast sollte das Thema mitbringen. Das ging schief, aus dem Wohnzimmer wurde eine Werkstatt, statt Live-Sendungen kamen alsbald Aufzeichnungen, statt der Promis kommen jetzt Bürger, die anderen Bürgern helfen. Eine Sendung rund ums Ehrenamt zwischen ARD-„Fernsehlotterie“ und „Aktion Mensch“ vom ZDF.

Unter dem Misserfolg leidet er wie ein Hund

Thomas Gottschalk hat was riskiert nach seinem freiwilligen wie hochnoblen Abschied von „Wetten, dass..?“. „Gottschalk Live“ war seine Idee, seine Überzeugung, sein Ziel war nicht das Bruhaha eines zerstreuungslüsternen Publikums. Er hat sich ins Abseits gesendet, wie Johannes B. Kerner bei Sat 1 oder Harald Schmidt beim selben Privatsender. Sie alle haben etwas riskiert und stehen jetzt im Dunkel der Fernsehgeschichte. Günther Jauch hat mit 13 Jahren „Millionär“ bei RTL und der Talkshow-Übernahme bei der ARD wenig riskiert – und alles gewonnen. Gerecht ist das nicht unbedingt, zwangsläufig ist es schon.

Die Mehrheit derer, die Thomas Gottschalk besser kennen und ihm näher stehen, sagen, dass er unter dem Misserfolg wie ein Hund leidet. Der Bayer wolle auch mit 62 Jahren geliebt werden vom Publikum. Das liebt ihn auch weiterhin, wer aus seiner Fan-Base hat „Gottschalk Live“ wirklich gesehen? Da wird die schlechte Quote zum Geschenk. Die Zuschauer haben dem Luftikus mit ihrem Desinteresse klipp und klar dekretiert, welche Sendungen sie mit ihm sehen wollen und welche nicht. „Wetten, dass..?“ ja, „Gottschalk Live“ nicht. In diesem Korridor wird er sich künftig bewegen müssen. Es gibt Schlimmeres für einen, der mit dem Fernsehen reich geworden ist.

Der Fernsehmitarbeiter schwankt noch, ob er sich selbst oder anderen die Pleite ankreiden soll. Ja, Ja, Nein, Nein, ist seine Rede. Dem „Focus“ sagte der Showtitan im vorläufigen Ruhestand, er sei „nicht schuldlos, denn da hing ja mein Name an der Tür“. Zieht man seine zahlreichen Aussagen nach dem Einstellungsdekret zusammen, kommt heraus, dass dem Start nicht tiefes Nachdenken vorausging, sondern eine Gewissheit: Thomas Gottschalk bringt die Schirme zum Leuchten, denn er ist Thomas Gottschalk. Das Tragische sei, dass er nicht daran gescheitert sei, „was ich machen wollte, sondern was daraus geworden ist“, sagte der Moderator. Er habe nie zu sich gefunden und „krampfhaft versucht, am nächsten Tag besser zu werden“.

Gottschalk will sich nach dem abrupt verfügten Sendeschluss durch die ARD nicht beleidigt in seine Wahlheimat USA zurückziehen – er werde in Ruhe überlegen, wie er sein Leben künftig organisiere. Vom Vorabend in Berlin zum Lebensabend in Kalifornien, dieser Weg soll es nicht sein.

Am 6. Juni um 19 Uhr 58 ist das Abenteuer „Gottschalk Live“ zu Ende. Aber obwohl das Ende nicht gut ist, muss es nicht das Ende von Thomas Gottschalk im deutschen Fernsehen sein.

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