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Ein Mann läuft am frühen Morgen in Crans-Montana in den Schweizer Alpen.

© dpa/Baz Ratner

Brandkatastrophe in der Schweiz: Gastronomen in Crans-Montana berichten anonym von offenbar „mafiösen Strukturen“

Nach dem für 40 junge Gäste tödlichen Feuer in einer Bar wird nach den Verantwortlichen gesucht. In den Fokus rückt, ob das Inferno in der Silvesternacht durch Kontrollen hätte verhindert werden können.

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Die Brandkatastrophe auf einer Silvesterparty im Nobel-Skiort Crans-Montana hat nicht nur die Schweiz erschüttert. 40 Menschen kamen in der Nacht auf Neujahr im Kanton Wallis ums Leben, knapp 120 weitere wurden teils schwer verletzt. Unter den Opfern sind viele junge Menschen, darunter auch Minderjährige, die in der Bar ‚Le Constellation‘ feierten.

Inzwischen sind alle Toten und Verletzten identifiziert. Die meisten stammen aus der Schweiz, Frankreich und Italien; etwa die Hälfte der Todesopfer war minderjährig. Wie konnte es zu dem schrecklichen Unglück kommen? Einige Fragen sind inzwischen geklärt, andere weiterhin offen – und neue Vorwürfe werden laut. Der Gemeindepräsident Nicolas Féraud hat sich beim Thema Brandschutz bereits in Widersprüche verstrickt.

Den Ermittlern zufolge entstand das Feuer im Keller der Bar vermutlich durch Feuerwerksfontänen, die an Sektflaschen befestigt waren und zu nahe an die Decke gehalten wurden. Im Zentrum der Untersuchungen steht unter anderem, ob die Schaumstoffdämmung an der Kellerdecke den Brandschutzvorschriften entsprach.

Manche Betriebe in Crans-Montana hätten nichts zu befürchten, heißt es

Am Freitag wollen die Schweizer Ermittler erstmals die französischen Betreiber vernehmen. Wie die Nachrichtenagentur AFP am Donnerstag aus Ermittlerkreisen erfuhr, sollen Jacques und Jessica M., gegen die wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Brandstiftung ermittelt wird, von der Staatsanwaltschaft in der nahegelegenen Stadt Sitten befragt werden.

Am Dienstag hatte die Gemeinde Crans-Montana, die 10.000 Einwohner hat, eingeräumt, dass es seit 2019 keine Brandschutzkontrollen in der Bar gegeben hatte. Die meisten Menschen im Ort leben vom Tourismus. Sie führen Kioske, arbeiten in Hotels, sind Skilehrer – oder betreiben eben Bars.

Zorn gegen Behörden in Crans-Montana

Einem Bericht des „Spiegel“ zufolge, der in Crans-Montana mit etlichen Menschen gesprochen hat, richtet sich der Zorn der Einwohner nicht gegen die Betreiber von „Le Constellation“, die beim Umbau ihres Lokals möglicherweise Vorschriften verletzt haben, sondern gegen die Behörden, die ihrem Auftrag nicht nachgekommen seien, die Bar zu kontrollieren und zu sanktionieren.

Nur anonym berichten Gastronomen demnach von „mafiösen Strukturen“ in dem Ort, in den viele Reiche zum Skifahren und Feiern kommen. Sie sagen demnach, dass große Teile von Crans-Montana einer kleinen Gruppe von Besitzern gehören. Darunter seien nur Schweizer oder Franzosen, auch Chinesen besäßen demnach verschiedene gastronomische Betriebe. Die Bergbahnen in Crans-Montana gehören den Angaben zufolge einem US-Investor.

Ein Mann sagte dem Blatt, Betriebe von angesehenen Besitzern müssten von den Behörden „eigentlich gar nichts“ befürchten. Es stellt sich die Frage, inwieweit Korruption fehlende Sicherheitsvorkehrungen begünstigte – was die Auswirkungen des Brandes möglicherweise deutlich verschlimmerte.

In einem Interview mit dem Schweizer Medium 24 heures sagte Jacques M., seine Bar „Le Constellation“ sei in den vergangenen zehn Jahren etwa dreimal im Hinblick auf Brandschutz kontrolliert worden, dabei sei „alles vorschriftsmäßig abgelaufen“. Zugleich betonten sie in einer verbreiteten Erklärung: „Wir vertrauen den Ermittlern voll und ganz, dass sie den Fall aufklären und alle offenen Fragen beantworten.“

Fakten in diesem Fall scheinen zu sein: Es gab eine schnell entflammbare niedrige Decke, ein Notausgang war offenbar schwer zu sehen, eine Treppe war verkleinert worden und dadurch so schmal, dass die Barbesucher sich beim Fluchtversuch gegenseitig blockierten. Für die Feiernden wurde „Le Constellation“ so zur tödlichen Falle.

Das Magazin weist darauf hin, dass im Wallis die Brandschutzkontrolle nicht beim Kanton, sondern bei den Gemeinden liege. Auch Crans-Montana hat demnach einen eigenen Brandschutzbeauftragten. Die politische Verantwortung trägt der Gemeinderat.

Viele Schweizer Gemeinden hätten aber ein Problem mit ihren Räten. Jede zweite Gemeinde hat dem Bericht zufolge Mühe, Freiwillige für diese Position zu finden. Immer wieder komme es vor, dass Menschen gegen ihren Willen in den Rat gewählt würden.

Ob Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden, in vermutlich langwierigen Prozessen Schmerzensgeld zugesprochen wird, bleibt abzuwarten. Die Trauer um die Toten wird bleiben, das Leben vieler Angehöriger und Freunde verändern.

Sie müssen jetzt um ihr Leben kämpfen, sich mit irrsinnigen Schmerzen zurückkämpfen – und dann viele Operationen über sich ergehen lassen.

Sybille Jatzko, Trauma-Expertin

Während Tote bestattet werden, werden erste Überlebende aus dem künstlichen Koma zurück ins Leben geholt, in dem wegen ihrer schweren Brandverletzungen für viele nichts mehr so sein wird, wie es einmal war. Ihnen steht ein langer Leidensweg bevor, sagt die Trauma-Expertin Sybille Jatzko der Agentur dpa. Vieles erinnere an die schlimmen Verbrennungen bei der Flugtag-Katastrophe von Ramstein im August 1988, deren Opfer und Hinterbliebene Jatzko betreut hat.

„Wir wissen, wie lange sie gebraucht haben, einigermaßen ins Leben zurückzukommen, und wie viele Beeinträchtigungen nach fast 40 Jahren für die verbrannten Opfer jetzt noch da sind“, sagte Jatzko von der Stiftung Katastrophen-Nachsorge im bayerischen Sonthofen.

Mit dem Wissen aus Ramstein sehe man nun Menschen, die am Anfang stünden: „Sie müssen jetzt um ihr Leben kämpfen, sich mit irrsinnigen Schmerzen zurückkämpfen – und dann viele Operationen über sich ergehen lassen“, sagte sie. Man könne davon ausgehen, dass viele lebenslang geschädigt und betroffen seien. „So wie wir es erlebt haben, werden sie lernen, mit den Verbrennungen und mit der Geschichte zu leben. Aber sie haben einen schweren Weg vor sich, und das zu sehen, tut sehr weh.“

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