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Stille am Dom: Blick auf Treppe und Vorplatz des Kölner Doms um 0.30 Uhr am 1. Januar dieses Jahres.
© imago

Fünf Jahre Kölner Silvester: „Wertenormen brachen zusammen, vor aller Augen“

Fünf Jahre nach der Kölner Silvesternacht: Konfliktforscher Andreas Zick, der die Kölner Polizei danach beriet, über die Gründe der Gewalt - und Lehren daraus.

Herr Professor Zick, Sie und Ihr Team am Konfliktforschungsinstitut der Uni Bielfeld haben nach der Gewaltnacht von Köln vor fünf Jahren die Kölner Polizei beraten. Wie kam es dazu?

Die Polizei in Köln hatte nach der Silvesternacht 2015/16 eine AG Silvester gegründet. Der Kriminaloberrat Dr. Carsten Dübbers, heute Vize-Rassismusbeauftragter des Innenministeriums NRW, kam auf uns zu, nachdem die Polizei ein Jahr nach der Silvesternacht 2015, wieder in die Kritik kam – wegen Racial Profilings, weil sie vor allem junge Männer mit dunkler Hautfarbe festgehalten. Die AG Silvester überlegte, stärker Wissen über Gruppendynamiken einzubinden. Sie wollten ein Expertengespräch, wir meinten, es brauche einen Wissensaustausch, der am Ende zu neuen Einsatzstrategien führt und die Kommunikation zwischen Polizei und Stadtgesellschaft verbessert. Wir wollten eine neue Sicht auf den Stadtraum vermitteln, wie wir ihn aus der Konfliktforschung kennen, und die Sichtweise der Frauen und von Menschen verstehen und einbinden, die selbst aus anderen Ländern eingewandert sind.  

Was haben Sie herausgefunden?

Vorausschicken möchte ich: Wir hätten gerne viel mehr dazu geforscht und es gibt noch viele unausgewertete Daten, die für die Prävention wertvoll sind. Es gab mehr als 7000 Stunden Handy-Videomaterial, es gab immerhin 1200 Anzeigen. Frauen waren massiver sexueller Gewalt ausgesetzt, bis hin zur Vergewaltigung. Die hat man aber nicht ausreichend angehört, deren Berichte sind nicht dokumentiert worden, um sie auszuwerten. Wenn Ministerpräsident Armin Laschet sich jetzt, fünf Jahre danach, bei den Frauen entschuldigt, denke ich: Er könnte mehr für sie tun. Jetzt ist es allerdings sehr spät; wer all das erlebt hat, will es üblicherweise vergessen, jedenfalls damit abschließen.

Aber Ihre Arbeit hatte doch Ergebnisse? Was ist nach Ihrem Wissen in dieser fatalen Silvesternacht passiert? Wer war da und hat was getan?

Es waren sehr unterschiedliche Gruppen da: Es gab Diebesbanden, die sich zum Klauen verabredet hatten und außerdem Sexualdelikte begingen. Es gab junge Geflüchtete, die raus aus ihren Unterkünften und etwas erleben wollten, teils Freunde treffen. Es gab lauter Kleingruppen von Freunden, die Spaß haben wollten. Dass von den Rheinwiesen nahe dem Bahnhof ein Riesenfeuerwerk zu sehen sein würde, war allgemein bekannt. Dann gab es junge Leute aus dem Umland, die ebenfalls mit solchen Erwartungen in die Großstadt kamen. Also sehr heterogene Gruppen und darunter viele junge Frauen, die Opfer wurden. Die Gewalttäter hatten ein gemeinsames Interesse: Sie warteten auf ein Erlebnis, und sie hatten Machtmotive und sexuelle Motive. Deren Befriedigung wurde erleichtert, als vor Ort Normen wegbrachen, die Gewalt eskalierte und beides in ihren Augen diese Befriedigung rechtfertigte.

Wie kam es zu so viel Gewalt, trotz der Unterschiedlichkeit der Gruppen?

Gewalt entsteht durch eine Wechselwirkung von Gruppenkonstellationen und einer besonderen Situation im Raum. Diese Situation war in Köln sehr unglücklich. Ich meine den großen unübersichtlichen Bahnhofsvorplatz, die Domplatte, fehlende Fluchtwege, Silvesterböller mitten an einem Ort, wo Menschen dicht an dicht standen, dazu lauter Stellen wie die Domtreppe, die wie Publikumsränge funktionierten, von denen aus Zuschauer alles filmten, aber nicht eingriffen.

Der Konfliktforscher Andreas Zick
Der Konfliktforscher Andreas Zick
© Thomas Imo/imago

Lässt sich das Geschehen rekonstruieren?

Schon einige Stunden vor den Gewaltexzessen war der Bahnhof voll von Ankömmlingen, die teils alkoholisiert nach draußen drängten, aber wegen des unglaublichen Gedränges durch die Türen auf den Bahnhofsvorplatz nur tröpfeln konnten. Es gab da schon die ersten Delikte, zumal viele Frauen ungeschützt den Platz erreichten. Sie wurden angetanzt, angemacht, begrapscht, um sie zu bestehlen. Andere haben das gesehen, es nicht dramatisch interpretiert, nicht eingegriffen. Der Platz füllte sich schließlich und langsam brachen dort alle Wertenormen zusammen. Dafür sind die Videoaufnahmen eine interessante Quelle, vor allem, dass wir soviel davon haben. Wir sprechen von einem Arenaeffekt.

 Was heißt?

Sie haben eine passive Menge, die beobachtet, sich wie in einem Theater sieht und nicht eingreift. Die Leute standen auf der Domtreppe zwischen Bahnhofsvorplatz und Domplatte, hatten einen perfekten Überblick, aber griffen nur in Einzelfällen ein. Einer Polizistin wurde sogar die Uniform vom Leib gerissen – der, der das per Handy aufnahm, kam aber nicht auf die Idee, ihr zu helfen. Auf die ganze Szenerie regnen dann irgendwann Silvesterböller. Lauter Reize, die den Eindruck legitimer Gewalt steigern. Und es gab keine Gruppe, die stark genug war, an Normen zu erinnern.

Der Polizistin wurde nicht von ihren Kolleginnen und Kollegen geholfen?

Das ist ein weiterer wesentlicher Punkt. Es gab an diesem Abend zu wenig Polizei und sie wurde ebenfalls zum Opfer, und das war fatalerweise gut sichtbar. Die wenigen Beamten wurden sehr rasch angegriffen und auseinandergerissen. Es brachen vor aller Augen Ordnung und Wertenormen zusammen, die Anmache von Frauen war für andere, die das beobachteten, anscheinend folgenlos, was andere junge Männer – womöglich alkoholisiert, hochsexualisiert, mit Machtwünschen – ermutigte. Und eine weitere Anweisung zur Gewalt, wie wir sagen, die der Ort ausgab: Es gab für die Frauen keinen Ausweg, keine Fluchtwege. Eine mangelnde Koordination und Kommunikation zwischen Polizeieinheiten kam hinzu: Im Bahnhof war die Bundespolizei zuständig, draußen die Kölner Polizei. Das alles lief in den darauffolgenden Silvestereinsätzen besser.

Was weiß Ihr Gebiet, die Konfliktforschung, über solche Situationen?

Es gibt Gruppendynamiken, die wir zum Beispiel von Fußballspielen kennen – viele Männer, sexuell konnotiertes Machtgehabe, Gangprügeleien - oder aus den Vorstadtkrawallen in britischen Städten in den 1980er Jahren, die gut erforscht sind.  In womöglich schwierigen, aber ruhigen Vierteln eskaliert plötzlich Protest gegen einen Polizeieinsatz. Dafür genügt es, dass eine kleine Gruppe, gern auch alkoholisiert, hinzukommt, die ihn nicht akzeptiert, und auf einmal identifizieren sich die Bewohner mit ihnen, die Polizei wird als Besatzungsmacht erlebt, die in dem Raum nichts zu suchen hat. Die Gewalthemmung kippt, ganz unterschiedliche Gruppen scheinen zu einer zu verschmelzen. Gruppen, die eher Gewalt akzeptieren, oder sich Gewinne versprechen, wie zum Beispiel Diebesbanden, nutzen das aus. Sie kennen die Raumordnung, die Gruppendymiken und wie sie für Verwirrung sorgen können. Die Polizei steht dann einer spontanen Gruppendynamik gegenüber. Das war genau der Punkt, an dem wir in Köln ein Präventionskonzept entwickelt haben, das die Räume komplett neu arrangiert hat.

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Silvester in Köln wirkte auf Deutschland wie etwas nie Dagewesenes,  es hat die Willkommenskultur für Flüchtlinge schwer getroffen, das Sexualstrafrecht wurde danach geändert. War diese Silvesternacht also gar nicht so besonders?

Die Willkommenskultur war da schon angeknackst. Die Daten aus unserer Mitte-Studie von 2014 wie andere Studien zeigten, dass die Stimmung beim Thema Migration und Integration sehr polarisiert war. In diese Polarisierung fielen die Silvesternacht und die Information, dass hunderte junger Männer Gewalt vor allem gegen Frauen ausgeübt hatten. Aber die Eskalation in Köln ist nicht isoliert zu verstehen. Solche Dynamiken passieren oft. Die Krawalle auf dem Opernplatz in Frankfurt am Main letztes Jahr oder Stuttgart: Da wird ein Raum als Spaß- und Erlebnisraum gesehen und als eigener besetzt. Wenn dann, Beispiel Frankfurt, Ordnungskräfte Mülleimer vor den Raum stellen und anrücken, drehen die Gruppen den Spieß um, die Wahrnehmung ist verzerrt, sie sehen sich selbst als Angegriffene. In Stuttgart wurden sie abgedrängt und haben sich dann zum Fenstereinwerfen die teure Innenstadt genommen, ein Raum, den sie eigentlich als fremd sehen.

Orgien sexualisierter Gewalt hat man in Stuttgart oder Frankfurt allerdings nicht erlebt.

Ja, in Köln steckten misshandelte und angegriffene Frauen wehrlos in einer Arena ohne Ausgänge fest, umstellt von Gewalt. Durch die Dynamik in Köln, die ich geschildert habe, beherrschte sexuelle Gewalt die ganze Szene. Nicht  mehr das Rauskommen, Flüchten. Eine schreckliche Situation für die Frauen. Aber für alle Räume, die in Gewalt kippen können, gilt es vorbeugend daran zu denken, wer in den Raum kommt und ob es Fluchtwege gibt.

Die gemeinsame Aufarbeitung – Ihr Team an der Uni Bielefeld, die Kölner Polizei und die Stadt Köln – hat aber doch etwas gebracht, wie kürzlich der damals zuständige Kriminaldirektor bestätigte. Was war das?

In der Silvesternacht 2017/18 hat die Polizei vorab Szenarien für Gruppendynamiken bedacht, eine neue und offene Kommunikation mit der Stadt betrieben, vor allem mit Beratungsstellen und Stellen, die Geflüchtete begleiten. Vor allem aber hat sie ein neues kluges Raumkonzept mit uns entwickelt. Wir haben keine Arenen entstehen lassen, den Weg zur Rheinufer eng gemacht, die Domtreppe und die Brücke am Dom abgesperrt, Gewalthinweisreize, wie es Böller sind, am Dom verboten. Es wurden Fluchtmöglichkeiten eröffnet, und in vielen Sprache wurden Flyer und Armbänder verteilt, die an Normen von Respekt erinnern. Die Personenkontrollen erledigten wie bei jedem Fußballspiel zig Ordner, deren gelbe Jacken zweierlei signalisierten: Das ist hier nicht die Polizei. Aber hier gelten Regeln. Und die Ordner kontrollierten in Köln auch alle, es wurde nur nach Geschlecht getrennt. Es ist einfach nicht hilfreich zu signalisieren: Hier geht es um dunkelhäutige Jungs. Die Botschaft muss lauten: Wir wollen hier keine Gewalt.

Braucht es mehr? Wie sähe der Wunschzettel eines Konfliktforschers aus?

Da stünde ganz oben, was wir schon lange propagieren: Wir brauchen eine Konflikt- und Gewaltprävention für die Kommunen, die durch Forschungswissen abgesichert ist und wissenschaftlich begleitet wird. Das Beste, was Polizei dabei tun kann, ist mit den Bewohnern des Viertels zusammenzuarbeiten. Dazu müsste sie aber erst einmal wissen, was für ein Image sie bei denen hat und wie sich das ändern lässt - in Köln gab es rings um den Dom zu wenig Vertrauen zur Polizei, was womöglich auch Zivilcourage verhindert hat. Es müssen, durchs Einbeziehen von Frauenberatungsstellen zum Beispiel, Schutzräume geschaffen werden. Die sollte die Polizei kennen, aber nicht selbst herstellen, das können andere professionell Versierte. In jedem Bahnhof sollte jede Anwohnerin, sollten alle Leute in den Geschäften wissen, welche Rolle sie haben, wenn ein Konflikt entsteht. Jeder Kioskbesitzer müsste geschult sein,  wie er bedrohten Menschen helfen kann. Das würde die Polizei auch von Arbeit entlasten – Beispiel Ordnereinsatz. Fünf Jahre nach Köln kann die Lösung jedenfalls nicht sein, härter durchzugreifen.
Eine übliche Forderung nach solchen Ereignissen.

Die übrigens die Polizei selbst unterstützt hat. Der ständige Ruf nach “Härte” kann aber die lokale Polizeiarbeit erschweren, weil es suggeriert, die Kontrolle sei bereits verloren. Damit leistet man Bürgerwehren Vorschub, die dann ein richtiges Problem für die Polizei werden. Wir haben ein viel zu einfaches Verständnis von Polizei als Institution. Und ein ziemlich autoritäres. Auch Kriminalität – siehe Köln – wird zu simpel gesehen. Eine Hundertschaft mehr ins Stadion zu schicken, ist teuer. In die Kurve zu investieren, in diejenigen, die das Publikum dort kennen, das bringt mehr.

Stehen Sie noch mit der Polizei Köln in Kontakt?

Ja, sogar in einem sehr fruchtbaren. Ich hatte nach Köln allerdings die Hoffnung, dass unsere Forschung politisch stärker unterstützt würde. Dann hätten wir die Kölner Erfahrungen, Einstellungen, das präventive Wissen vor Ort ausreichend abklopfen können, um Modelle auch für andere Kommunen zu entwickeln. Leider aber blieb ein Signal der Politik aus, die Forschung zu stärken.

Machen Sie gerade Eigenwerbung für ein schönes Drittmittelprojekt an der Uni Bielefeld?

Das muss ich, weil unsere Forschung sich über Projekte finanziert und unser Team ja von etwas leben muss. Aber an erster Stelle steht unser Interesse, anders ist gute Forschung überhaupt nicht möglich. Wir wissen schon einiges, aber für die solide Analyse fehlen uns Daten. Wir bräuchten zum Beispiel eine systematische Erhebung in Deutschland über das Bild der Polizei. Wir müssten über einen Zeitraum Orte erforschen, damit wir die Veränderungen auch nachzeichnen können. Es wären am Ende also sogar mehrere Projekte. Und die Öffentlichkeit hätte etwas davon.

Warum gibt’s das nicht – glaubt man vielleicht, das brauche man nicht?

Das wäre dann ein fataler Irrtum. Schauen Sie sich die Tausende Hasstaten an, die in den letzten Jahren in lokalen Räumen passiert sind. In einer polarisierten Gesellschaft, in der zum Beispiel rechte Gruppen aus jedem kommunalen Konflikt, aus jedem Kriminaldelikt weitere Gewinne ziehen möchten, sollten wir uns besser aufstellen und das nicht zur Sache der Behörden allein machen. Denken Sie an Kandel, eine Stadt, in der der Protest seit drei Jahren Unruhe stiftet…

 …nachdem dort, in Rheinland-Pfalz, vor genau drei Jahren ein 15-jähriges Mädchen von ihrem afghanischen Ex-Freund erstochen wurde. Der Tat folgten Hasswellen im Netz gegen Geflüchtete allgemein und eine politische Debatte über Abschiebungen.

Ich rief den Bürgermeister von Kandel an und bot ihm Unterstützung an. Er selbst hatte nicht mehr reden wollen. Ich fragte ihn, ob er irgendeine Form der Hilfe habe. Hatte er nicht. Ich sage Ihnen: Wenn ein Bürgermeister nicht mehr kommunizieren kann, ist das ein Signal, dass Konfliktmanagement fehlt. Aber es ist auch einfach schade, dass wir die Massen von Material aus Köln nicht ausgewertet haben, allein der Landtag von Nordrhein-Westfalen verfasste einen 1300-seitigen Bericht. Und wie gesagt: Es geht sehr wesentlich auch um die Berichte der Frauen. Bei mehr als 600 Gewaltopfern hätte es ein umfangreiches Anhörungsprogramm geben müssen. Wir hätten nicht nur viel lernen können: Opfer von Gewalt müssen auch gründlich angehört werden, nicht nur entschädigt. Das wissen wir vom Kindesmissbrauch und von häuslicher Gewalt. Aber dafür gab es keine Kapazitäten. Unabhängige Beobachtung von außen, das ist überall in der Welt üblich. Nicht bei uns.

Warum?

Weil die Institutionen, auch die Polizeigewerkschaften, sofort mauern: Bei uns gibt es keinen Rassismus, und wir haben keine Fehler gemacht. Statt das Wissen aus einer Situation wie Köln zu nutzen, heißt es gern: Das sind wir nicht. Dabei haben wir in Deutschland gute Möglichkeiten mit öffentlicher Forschung. Wir in der Forschung brauchten eigentlich nur ein Signal.

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