Zugvögel : Immer mehr Kraniche überwintern in Deutschland

Tausende Kraniche stärken sich derzeit vor ihrem Flug gen Süden in Brandenburg. Einige bleiben auch hier.

Inga Hofmann
Auf den Äckern in Vorpommern sammeln sich Tausende Kraniche, um sich vor dem Weiterflug in die Winterquartiere auf den Feldern Energiereserven anzufuttern.
Auf den Äckern in Vorpommern sammeln sich Tausende Kraniche, um sich vor dem Weiterflug in die Winterquartiere auf den Feldern...Foto: dpa/Bernd Wüstneck

In China gelten sie als „Vögel des Glücks“ und so zieht es auch in Deutschland derzeit viele Menschen an den Wochenenden aufs Land, um das beeindruckende Spektakel auf den Sammelplätzen der Kraniche zu beobachten. Dafür ist oft eine Portion Glück nötig, denn die scheuen Tiere rasten fernab der Großstädte auf leeren Äckern, wo sie geschützt und nicht leicht zu finden sind.

Mittlerweile bleiben einige tausend Kraniche im Winter hier

Seit Ende September begeben sich die Kraniche auf ihre Reise in den Süden Europas und legen dabei je nach Herkunft insgesamt 2 000 bis 4 000 Kilometer zurück. Der Großteil der bei uns rastenden Mittelstreckenflieger kommt aus Mitteleuropa, Skandinavien und dem Baltikum und zieht nach Frankreich und Spanien, um dort die Wintermonate zu verbringen. Besonders die Extremadura in Südwestspanien gilt als beliebte Region zum Überwintern. Das liege vor allem an den lichten Eichenwäldern, sagt Rainer Altenkamp, Vorsitzender des NABU Landesverbandes Berlin. Aufgrund des üppigen Eichenbestandes könnten die Vögel dort den ganzen Winter ausreichend Nahrung finden. Mit ihren Schnäbeln öffnen sie die Schalen der heruntergefallenen Eicheln und fressen das darin enthaltene Fruchtfleisch.

Doch die Reise dorthin ist lang, deshalb müssen die Kraniche zwischendurch Rast machen, um ihre Energiereserven für den Weiterflug aufzufüllen. An Rastplätzen wie der Mecklenburgischen Seenplatte suchen die Vögel flache Gewässer auf und verbringen dort die Nächte. Im Wasser sind sie vor Fressfeinden wie dem Fuchs geschützt und können sich für die Weiterreise ausruhen. Die meisten Vögel brechen bereits in den frühen Morgenstunden auf und fliegen weiter in die südlichen Regionen Europas.

Mittlerweile bleiben aber auch einige tausend Kraniche während der Wintermonate hier in Deutschland. Das liegt vor allem daran, dass die Winter der letzten Jahre verhältnismäßig mild waren: „So lange es keinen hohen Schnee gibt und keinen Frost, bei dem die flachen Schlafgewässer der Kraniche zufrieren, gibt es für die Vögel keinen Grund weiterzufliegen", erklärt Altenkamp. Dadurch, dass die Winter der letzten sechs Jahre mild waren, würden immer mehr Kraniche hier überwintern.

"Den Kranich kann man als Antitier bezeichnen"

Dabei spielt auch Landwirtschaft – insbesondere der Maisanbau – eine zentrale Rolle: Nach Angaben des Deutschen Bauernverbands werden in Deutschland mittlerweile auf knapp 2,7 Millionen Hektar Mais angebaut, von denen auch der Kranich profitiert. Auf den abgeernteten Maisfeldern kann er sich die nötigen Energiereserven für den Weiterflug anfressen. „Der Zeitpunkt des Aufbruchs hängt davon ab, wie viel Nahrung zur Verfügung steht. Die Kraniche verteilen sich nach dem Nahrungsangebot, deshalb bleiben auch nicht alle hier“, berichtet die Biologin Kristina Hühn. Sie ist im Kranich-Rastplatz-Management im brandenburgischen Linum (Ostprignitz-Ruppin) aktiv, wo mehrere tausend Vögel Rast machen und einige hundert versuchen zu überwintern.

Meistens bleiben die Kraniche nicht den gesamten Winter in Brandenburg, sondern ziehen irgendwann weiter Richtung Süden. Einige würden den Aufbruch so lang hinauszögern, dass die ersten Vögel sich bereits auf den Rückweg begeben, erklärt Hühn. Die Kraniche, die Deutschland nicht verlassen, hätten den Vorteil, dass sie näher an den Brutregionen seien und sich im Frühjahr die besten Plätze sichern könnten. „Den Kranich kann man als Antitier bezeichnen“, sagt Hühn, „so mag er oftmals das, was für andere Vögel und Lebewesen negativ ist“. Er müsse nicht mehr bis nach Afrika ziehen, weil es auch in südlichen Regionen Europas im Winter warm genug sei und darüber hinaus werde seine „Lieblingsnahrung“ von anderen Vögeln kaum gefressen. „Der Kranich profitiert also von dem, was in Bezug auf die Gesamt- Umwelt negativ ist: vom Klimawandel und der Vermaisung der Landschaft“, fasst Hühn zusammen.

Infolge der heißen Sommer trocknen die Brutstellen aus

Doch der Temperaturanstieg hat auch negative Auswirkungen auf den Kranich. Die Vögel, die versuchen, in Deutschland zu überwintern, finden meist nicht genug Nahrung und im schlimmsten Fall droht ihnen der Tod. Einige Kraniche ziehen außerdem so spät los, dass sie nicht rechtzeitig zurückfliegen und geschwächt bei den Brutplätzen ankommen. Kühn berichtet, dass einige Brutplätze – beispielsweise die Sölle in Brandenburg – im vergangenen Jahr überhaupt nicht genutzt werden konnten. Infolge der regenarmen Wochen im Frühjahr und Sommer seien die kleinen Tümpel auf den Feldern ausgetrocknet, sodass die Kraniche ihre Nester nicht bauen konnten. Wenn die Wetterbedingungen in den kommenden Jahren ähnlich ausfallen, könnte das negative Auswirkungen auf die Anzahl der Jungvögel haben.

Das soll durch verschiedene Schutzbemühungen verhindert werden. In der Diepholzer Moorniederung werden beispielsweise ehemalige Moorgebiete wieder vernässt, sodass der Kranich dort im Frühling brüten und im Herbst Rast machen kann. Und auch Maßnahmen zum Insektenschutz kommen den Vögeln zugute, denn besonders Käfer gelten als nahrhaftes Futter für die Vogeljungen.

Kristina Hühn weist außerdem darauf hin, dass jeder Einzelne seinen Beitrag zum Kranichschutz leisten könne: „Beobachten Sie die Vögel nur aus der Deckung heraus und betreten Sie auf keinen Fall die Äcker oder Felder, auf denen die Kraniche rasten.“ Touristen sollten lautes Hupen vermeiden, um die Kraniche nicht zu erschrecken und die Raststätten nur im Rahmen von professionellen Führungen besuchen. Mithilfe von Vogelexperten, die die genauen Rastplätze der Kraniche kennen und wissen, wie man sich ihnen nähert, gehört auch nicht mehr ganz so viel Glück dazu, um die symbolträchtigen Vögel einmal mit eigenen Augen zu sehen.

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