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Der Impfstoff gegen "Affenpocken" (Archivbild aus den USA).
© Lea Suzuki/San Francisco Chronicle/AP/dpa

Zusätzliche Dosen vom Bund: Berlin soll mehr „Affenpocken“-Impfstoff erhalten

Berlin soll vom Bund zusätzliche Dosen des MPX-Impfstoffes erhalten. An der Impfkampagne von Bund und Ländern gibt es Kritik aus der queeren Community.

Berlin soll voraussichtlich in der kommenden Woche vom Bund zusätzlich rund 1900 Impfdosen gegen MPX („Affenpocken“) erhalten. Das teilte eine Sprecherin von Gesundheitssenatorin Ulrike Gote (Grüne) dem Tagesspiegel auf Anfrage mit.

Die Dosen kommen zu den rund 9500 hinzu, die Berlin bereits erhalten hat. Zudem will die Gesundheitsverwaltung über eine Abfrage an die Länder erkunden, „ob wir von ihnen noch Impfdosen bekommen können", erklärte die Sprecherin.

Termine für Impfungen sind in Berlin wie berichtet knapp. Insbesondere in der schwulen Community, die bisher von MPX am meisten betroffen ist, herrscht großer Frust, dass es nach einem langsamen Impfstart nun schon kaum mehr Möglichkeiten gibt, sich impfen zu lassen.

Deutschland hat laut Bundesgesundheitsministerium bisher rund 45.000 Impfdosen bekommen, für den September werden noch einmal 200.000 erwartet. Berlin erhielt aus der ersten Tranche rund 28 Prozent der Impfdosen, in der zweiten soll es fast ein Drittel sein. Sowohl der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) wie auch die Deutsche Aidshilfe halten das für zu wenig vor dem Hintergrund, dass Berlin MPX-Hotspot in Deutschland ist.

In Berlin sind nach Angaben der Gesundheitsverwaltung bislang 4500 Impfungen verabreicht worden, wobei noch nicht alle Impfstellen Zahlen gemeldet haben. Die Differenz zu den 9500 könne damit erklärt werden, dass der Rest bereits in den Praxen verplant sei.

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Die Verwaltung habe allen teilnehmenden Praxen und Einrichtungen das Verimpfen des gesamten Impfstoffes für Erstimpfungen angeraten, so wie es auch die Stiko empfiehlt, erklärte die Sprecherin. „Wir gehen aber davon aus, dass Impfärzt:innen für einzelne besonders gefährdete Personen die Zweitimpfung zurückhalten.“ Die Zweitimpfung soll eigentlich mindestens vier Wochen nach der Erstimpfung stattfinden, Mediziner:innen gehen aber davon aus, dass ein späterer Zeitpunkt auch vertretbar ist. Menschen mit einer früheren Pockenimpfung brauchen nur eine Impfung.

Auch in NRW ist der Impfstoff knapp

Für Berlin sind aktuell 1436 MPX-Fälle gemeldet, von bundesweit insgesamt 2887. Zumindest in Nordrhein-Westfalen, das sich gerade als zweite Hotspot herauskristallisiert, sind die Impfdosen ebenfalls knapp. NRW hat bisher 7300 Dosen erhalten. Es bestehe eine „hohe“ Nachfrage, teilte das Gesundheitsministerium mit: „Das verfügbare Wochenkontingent wird durch die meisten Impfstellen beinahe vollständig abgerufen.“ Wegen der hohen Nachfrage dürften Impfstellen nur begrenzt bestellen, maximal 100 Dosen pro Woche.

[Lesen Sie auf Tagesspiegel Plus: „Definitiv zu wenig bekommen“: 9500 Dosen fast aufgebraucht – Berlin wartet auf Affenpocken-Impfstoff]

Entspannter zeigte sich Hamburg. Von 2100 gelieferten Dosen seien 1200 bis 1400 verimpft. Man gehe davon aus, dass das "auskömmlich" sei, hieß es auf Anfrage. Eine bundesweite Übersicht, wie viel Impfstoff bereits verbraucht beziehungsweise verplant ist, gibt es laut Bundesgesundheitsministerium noch nicht.

Der LSVD und die Deutsche Aidshilfe riefen den Bund dazu auf, deutlich mehr Impfstoff zu bestellen. Die Aidshilfe geht davon aus, dass für Deutschland eine Millionen Dosen nötig sind. Es müsse „jetzt darüber gesprochen werden, wie die Produktionskapazitäten erhöht werden können, vielleicht andere Hersteller mit ins Boot geholt werden, damit genug Impfstoff produziert werden kann – für Deutschland wie für alle anderen betroffenen Länder“, sagt Holger Wicht von der Aidshilfe. Das Gesundheitsministerium hatte bereits darauf hingewiesen, dass derzeit weltweit Nachfrage nach dem Impfstoff bestehe sowie die Lieferfähigkeit seitens des Herstellers temporär begrenzt sei.

„Die Bundesregierung lässt die queere Community im Stich"

Insbesondere aus der queeren Community kommt die Kritik, die Politik nehme das Hochfahren der Impfkampagne und den Kampf gegen MPX nicht ernst genug – weil bisher eben nur eine marginalisierte Gruppe betroffen sei. „Die Bundesregierung lässt die queere Community im Stich", erklärte Alfonso Pantisano vom LSVD-Vorstand am Donnerstag.

Das Bundesgesundheitsministerium wie die Gesundheitsministerien der Länder reagierten „zögerlich" und würden eine bedarfsgerechte Verteilung des Impfstoffes verschleppen. Es sei nicht hinnehmbar, dass einige Länder Impfstoffe übrig haben und Hotspots wie Berlin auf dem Trockenen sitzen würden. Es brauche ein entschlosseneres Handeln insbesondere von Gesundheitssenatorin Gote.

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