Nur auf dem Papier LGBT-freundlich : In vielen Berliner Bezirken fehlt es an queeren Angeboten

LGBT-Symbolpolitik klappt in den Berliner Bezirken gut. Doch an konkreter Unterstützung fehlt es oft. Einige Bezirken bieten gar nichts an, andere stehen besser da.

Queere Symbolpolitik klappt in den Bezirken gut, wie das Hissen von Regenbogenfahnen - anderes weniger gut.
Queere Symbolpolitik klappt in den Bezirken gut, wie das Hissen von Regenbogenfahnen - anderes weniger gut.Foto: imago/Seeliger

Die Berliner Bezirke geben sich alle queerfreundlich - wenn es um die konkrete Unterstützung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und trans Menschen geht, fehlt es allerdings vielerorts an Angeboten und vor allem an Geld.

So ungefähr lassen sich die Antworten der Bezirke auf Anfragen der grünen Abgeordneten Anja Kofbinger und Sebastian Walter zusammenfassen.

Zwar hissen alle Bezirke zu verschiedenen Anlässen die Regenbogenfahne und positionieren sich auch auf dem Papier als explizit queeraffin - ganz so, wie man es von der selbsternannten Regenbogenhauptstadt Berlin erwarten würde.

Nur ein Bezirk hat eine Queerbeauftragte

Aber nur vier Bezirke (Friedrichshain-Kreuzberg, Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf, Tempelhof-Schöneberg) haben einen Zuständigen, wenn es um die Umsetzung der Initiative „Berlin tritt ein für Selbstbestimmung und Akzeptanz geschlechtlicher und sexueller Vielfalt“ geht: Es ist jeweils die*der Bezirksbügermeister*in.

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Tempelhof-Schöneberg ist der einzige Bezirk, der darüberhinaus eine eigene Queerbeauftragte eingesetzt hat.

Ebenfalls nur vier Bezirke können angeben, dass sie für die Haushaltsperiode 2020/21 überhaupt Mittel für queere Projekte ausgeben. Herausstechen tut dabei Mitte mit rund 140.000 Euro. Friedrichshain-Kreuzberg gibt 11.000 Euro an, Lichtenberg 6000 Euro, Treptow-Köpenick 4000 Euro.

Welcher Bezirk hat gute Angebote?

Welche Bezirk ist besonders aktiv? Laut der Auswertung von Kofbinger und Walter sind „besonders deutliche Bemühungen“ in den Bezirken Charlottenburg-Wilmersdorf, Neukölln, Friedrichshain-Kreuzberg, Lichtenberg und Tempelhof-Schöneberg zu verzeichnen.

Mitte tut sich mit einem eigenen queeren Jugendzentren hervor - in dieses Projekt fließen die 140.000 Euro. Mitte ist der einzige Bezirke, der über eine eigenen Anlaufpunkt für queere Jugendliche verfügt (das vom Land finanzierte Jugendzentrum hat seinen Sitz in Pankow).

Aber auch in diesen engagierten Bezirken sehen Walter und Kofbinger Enttäuschungen. So kritisiert Kofbinger, deren Wahlkreis in Nord-Neukölln liegt, ihren „eigenen“ Bezirk dafür, dass er seit zwei Jahren eine*n Queerbeauftragte*n zusagt, aber dennoch nicht einsetzt (eine ausführliche Analyse zu Neukölln findet sich im Leute-Newsletter).

Bei der Erinnerungskultur tun sich die Verantwortlichen leichter

Auffällig ist, dass sich die Bezirke offenbar leichter tun, wenn es um Erinnerungskultur und museale Formen der Beschäftigung mit queeren Themen geht. Fast die Hälfte der Bezirksmuseen berücksichtigen LGBT-Belange, sieben Bezirke melden Veranstaltungen, in denen sie queerer Geschichte und Persönlichkeiten gedenken, sei es durch Straßenumbenennungen, Gedenksteine - und tafeln oder Booklets.

Regelmäßige Unterstützungsangebote für queere Menschen finden sich dagegen seltener. Senior*innen können wöchentliche Angebote nur vier Bezirken wahrnehmen (Charlottenburg-Wilmersdorf, Neukölln, Friedrichshain-Kreuzberg, Marzahn-Hellersdorf).

Explizit an Jugendliche richten sich neben den Zentren in Mitte und Pankow nur noch Einrichtungen in Friedrichshain-Kreuzberg und Spandau. Regenbogenfamilien können sich berlinweit praktisch nur an das entsprechende Zentrum in Tempelhof-Schöneberg wenden, einige vereinzelte Angebote finden sich zudem in Friedrichshain-Kreuzberg und Pankow.

Wo passiert besonders wenig?

Welche Bezirke machen besonders wenig? Mit Reinickendorf, Steglitz-Zehlendorf und Treptow-Köpenick gibt es gleich drei Bezirke, in denen weder Jugendliche, Senior*innen oder Regenbogenfamilien Hilfe finden.

Offenbar spielt dabei weniger eine Rolle, welche Partei die politische Verantwortung trägt - denn praktisch alle demokratischen Parteien regieren in diesen Bezirken mit. Reinickendorf und Steglitz-Zehlendorf haben eine*n CDU-Bürgermeister*in, Treptow-Köpenick ein Bezirksoberhaupt von den Linken - und an den jeweiligen Zählgemeinschaften in den Bezirksverordnetenversammlungen sind in unterschiedlichen Konstellationen auch Grüne und SPD beteiligt.

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