Urlaub machen auf der Ostseeinsel Poel : Die kleine Unbekannte

36 Quadratkilometer Ruhe, Obsttorten und plattes Land: Viel mehr gibt es auf der Insel Poel nicht. Und deshalb wollen viele hin.

Der Hafen von Timmendorf. Der Leuchtturm ist eine der wenigen lokalen Sehenswürdigkeiten, die von Menschen gemacht wurden.
Der Hafen von Timmendorf. Der Leuchtturm ist eine der wenigen lokalen Sehenswürdigkeiten, die von Menschen gemacht wurden.Foto: picture alliance/dpa

Das Beste an Poel ist, sagen die Stammbesucher, dass es nicht Sylt ist: keine Champagnerbuden, keine Shopping-Meile, keine Clubs, keine Luxus-Wohnanlagen, überhaupt nur zwei familiengeführte Hotels. Nicht einmal eine Seebrücke zum Promenieren hat die Ostseeinsel im Westen Mecklenburgs.

Praktischerweise kann sich so kaum etwas ballen. Und Ballung muss ja vermieden werden im Urlaubsjahr 2020. Was aktuell gar nicht so einfach ist.

Vermutlich kennen die meisten Deutschen das Straßengewirr von London besser als die Insel Poel. So unauffällig, so unbekannt ist das Eiland, dass sie offenbar immer dazuschreiben müssen, dass es eine Insel ist: „Insel Poel“ steht auf allen Verkehrsschildern, die ab Wismar die Richtung weisen. So wie da niemals „Insel Sylt“ oder „Insel Amrum“ stehen würde. Als könnte man, wenn man es nicht dauernd irgendwohin schreibt, glatt vergessen.

Nach den langen mürben Wochen, in denen jeder seine eigene Insel war, begann in diesem Sommer das Jahr des Westentaschentourismus, in dem die Deutschen ihre liebsten fernen Länder meiden, nur, um dann festzustellen, wie wenig sie ihre nähere Umgebung überhaupt kennen. Denn was enthält sie, die Westentasche der Deutschen, denen Mallorca, Bali und Hawaii so vertraut sind? Keine vollständigen Karten des Heimatlandes jedenfalls, nur Krümel eigener Vorstellungen, so unbefriedigend wie die Restfetzen eines dreimal mitgewaschenen Papiertaschentuchs.

15 Ortsteile gibt es, und nicht mal 3000 Menschen

Der Krümel Poel, 36 Quadratkilometer klein, liegt in der Ostsee vor Mecklenburg-Vorpommern direkt in der Wismarer Bucht, zehn Kilometer von der Hansestadt entfernt. 15 Ortsteile zählt die Inselgemeinde, etwa 2700 Menschen verteilen sich auf die Siedlungen.

Erreichbar über eine kurze Straße, kaum merkt man, dass man das Festland verlassen hat. Und schon ist da, verblüffend wie meist, die natürliche Ruhe, die Inseln ausstrahlen: Ähnlich der Ruhe von Bergen - denn nach vorne raus, nach oben raus, da kommt nichts mehr. Es geht weder höher noch weiter. Das natürliche Ende des Landes ist das natürliche Ende des Strebens. Wer hier nicht umdrehen will, dem bleibt nichts anderes übrig als anzukommen.

Der Chefredakteur eines deutschen Politik-Magazins, der jeden Frühling in seinen Gummi-Wathosen zum Angeln seine Rute auswirft, schwärmt von diesem Hort der Unaufgeregtheit. So wie Urlaub die angenehme Abwesenheit von Arbeit ist, ist Poel nämlich die angenehme Abwesenheit von Protz.

Zwischen dem Hauptort Kirchdorf und den drei Stränden Timmendorf, Schwarzer Busch und Gollwitz erhebt sich: nichts. Da liegt platt das Land. Weshalb Reiten, Wandern und Radfahren empfohlen werden, statt Steigungen nur Gegenwind.

Manchmal müssen Passagiere der Fähre aus Wismar das letzte Stück zu Fuß zurücklegen.
Manchmal müssen Passagiere der Fähre aus Wismar das letzte Stück zu Fuß nach Poel zurücklegen.Foto: picture alliance / dpa

Der einzige Prominente der Insel ist schon tot: Der Saatgutzüchter Hans Lembke, der hier Anfang des 20. Jahrhunderts besonders ertragreiche Rapssorten züchtete, vor allem einen Winterraps. Drei Viertel das Saatgutbedarfs der DDR deckte die Produktion. Das flache Land ist nämlich fruchtbare Erde! Wenn der Mai sich seinem Ende nähert, blüht die Insel einmal fast komplett gelb.

Die wunderbare Ereignislosigkeit der Insel gipfelt darin, dass einer der wenigen Superlative heute der Rapskönig ist. Nico Behrendt hat unter den Poelern eine gewisse Prominenz, wenn man das so nennen kann. „Hallo, König“, rufen sie, wenn sie ihn sehen. Gerade sitzt er auf der Terrasse von „Krönings's Fischbaud“ am Hafen von Timmendorf, zur Linken den Leuchtturm, den Blick auf die Segler, es riecht nach gebratenem Fisch.

Der König lebt

Timmendorf im Westen der Insel ist der ideale Punkt, um den Sonnenuntergang zu beobachten, und mit dem einzigen Campingplatz ein etwas jüngerer Ort. Gegenüber liegt die Steilküste von Boltenhagen, vom Strand aus nicht leicht zu erkennen. Immer wieder kommen Leute vorbei, erblicken Nico Behrendt, lachen ungläubig und rufen: „Ich wusste gar nicht, dass es den König wirklich gibt!“

Vielleicht muss man an dieser Stelle erwähnen, dass Behrendt für das Gespräch extra seinen knallgelben Anzug angezogen hat, ein auf Maß gebrachtes Modell aus dem Faschingsladen. Er ist nämlich der erste männliche Rapskönig, den die Insel jemals gekürt hat. Doch weil wegen Corona bekanntlich alles zum Erliegen kam, hatte er bislang wenig Gelegenheit, die Ehrengarderobe anzuziehen.

Der unausgelastete König erzählt also jetzt von seinem kleinen Volk der Poeler, diesen tiefenentspannten Inselmenschen, die es später im Leben kaum aushalten, irgendwo anders zu wohnen. Er selbst hat es auch mal kurz probiert: in Süddeutschland. Hat nicht funktioniert.

Nico Behrendt trägt als erster Mann den Titel „Rapskönig“ von Poel und die dazugehörige Garderobe.
Nico Behrendt trägt als erster Mann den Titel „Rapskönig“ von Poel und die dazugehörige Garderobe.Foto: Deike Diening

Behrendt hat als Kind aus dem Fenster die stoisch ihre Linien ziehenden Trecker beobachtet, seine Mutter arbeitete in der Rapszüchtung, und er besuchte die Schule, die nach dem Saatgutzüchter Lembke benannt war. Wer Nico Behrendt trifft, bekommt eine Ahnung davon, wie die Poeler so sind, wenn kein Tourist zuschaut. „Jo“, sagt er. Norddeutsch. Unaufgeregt.

Unaufgeregt ist natürlich toll nach der ganzen Aufregung um überfüllte Strände und Anziehungspunkte, die zu „Hotspots“ wurden. Von hier muss einen nicht das Auswärtige Amt zurückholen. Aber der Tourismus in diesem Jahr ist eine einzige Ausweichbewegung, die mehr Leute als sonst auch in dünner besiedelte Gegenden bringt. Deshalb waren am vergangenen Wochenende auch hier die drei Strände mit Tagestouristen voll, die mit ihren Wagen aus Boltenhagen, Wismar und sogar Lübeck kamen, um sich an den Hundstagen abzukühlen. Aber schon rein baulich, wehrt der Kurdirektor ab, ist Enge auf der Insel gar nicht möglich.

Sie haben hier nämlich nur zwei Hotels, nichts über drei Sterne, sonst Ferienhäuser und Apartments mit eigenen Küchen zur Selbstversorgung. „Dass sich das noch einmal in einen Vorteil verwandeln würde!“, sagt Markus Frick, selbst darüber am meisten erstaunt. Dabei hat der Kurdirektor, der heute in einem Erdgeschossbüro in Kirchdorf sitzt, das selbst mit entschieden.

"Schweine raus, Sachsen rein"

Als er Mitte der 90er Jahre hier seinen Posten antrat, war die Insel Poel schon länger ein Ort für Touristen. „Viele dachten ja, Poel sei in der DDR Sperrgebiet gewesen“, sagt Frick. Aber das stimmt nicht. Im Sommer seien die Leute schon immer gerne hier an die Ostseeküste gepilgert. Jede Menge Privatvermieter habe es gegeben. „Schweine raus, Sachsen rein“, hätten dann auch die Bauern gesagt und alles vermietet, was ein Dach hatte. Ein Ferienheim gab es, das Kurhaus stand schon. Alles war immer sehr einfach.

Mitte der 90er Jahre gab es noch überall Vier- und Fünfbettzimmer, Dusche auf dem Flur. Nun aber standen für alle ein paar Entscheidungen an: Wer möchte man denn sein in Zukunft?

Das „mondäne Seebad“, Typ traditionsreiches Ostseebad, war schon besetzt. Mit Kühlungsborn und Heiligendamm, auch Heringsdorf oder Ahlbeck, konnten sie nicht konkurrieren: keine Seebrücken, keine spektakulären Bauten. Hier gab es eher ländlichen Badetourismus.

Heute Mütter, frühe Soldaten

Und genau darauf haben sie dann gesetzt. Die Insel sollte ihren Charakter behalten, sie wollten so investieren, dass Überflüssiges verschwand. Die Frau des Kurdirektors wandelte die alte Feuerwache in Kirchdorf in eine Apotheke um und stellte eine hölzerne Einrichtung aus dem 19. Jahrhundert aus Eutin hinein, inklusive alter Schliffstopfengläser. Wo heute die Mutter-Kind-Klinik ist, war früher eine NVA-Kaserne.

Die Poeler, wie alle Inselbewohner, hätten etwas Widerständiges, sagt Frick, die lassen sich ungern etwas von anderen sagen. Auch nicht, wie Tourismus funktionieren solle. Sie legten also ein Radwegenetz an. Sie errangen die Titel „staatlich anerkannter Erholungsort“ und später „Ostseebad“. Die Zweitwohnungsbesitzer bauen sich heute ihre Häuser wieder mit Reetdächern - „baurechtlich doppelte Abstandsflächen wegen der Brandgefahr“, sagt Herr Frick.

Früher hätte er das vielleicht einschränkend gesagt, doch „Abstandsfläche“ ist im Sommer 2020 ein Zauberwort.

Dort, wo sogar die Ferienhäuser weiter auseinanderstehen als anderswo, heißt das andere Zauberwort: Torte. Weite Wege nehmen die Leute in Kauf, um am früheren Gut Oertzenhof vom Rad zu steigen, im weitläufigen Garten des legendären Café Frieda unter einer majestätischen Blutbuche zu sitzen, die Tische weit im Garten verstreut, und von hausgemachten, mehrschichtigen Obst- und Sahnetorten zu probieren.

Der Strand Schwarze Busch gehört zu den beliebtesten Abschnitten auf Poel.
Der Strand Schwarze Busch gehört zu den beliebtesten Abschnitten auf Poel.Foto: picture alliance / lianem/Shotsh

So wie Städte in den Bergen meist einen „Hausberg“ haben, ist Poel die Hausinsel von Wismar. Und so kommen viele Gäste auch von dort. Für die Torte. Für das Meer. Für harmlose Vergnügen wie Minigolf und Angeln. Andersherum können diejenigen, die auf Poel Urlaub machen, auch mal eben nach Wismar fahren, wenn sie plötzlich Kulturhunger bekommen und sich das stadtgeschichtliche Museum in einem der ältesten Renaissance-Häuser an der Ostsee ansehen.

„Es sind andere Menschen, die hier Urlaub machen“, sagt die Töpferin Anne Karpa. Sie findet, sympathischere Menschen. Die Leute, die hierherkommen, erwarteten keine Fußgängerzonen mit immergleichem Nippes. Niemand müsse sich wichtig machen. Karpa zieht es nicht an Orte, an denen der Abstand untereinander eher etwas mit sozialer Distinktion zu tun hat.

Anne Karpa hatte erst überlegt, mit ihrer Keramik-Werkstatt nach Heiligendamm zu gehen. Doch dann hat sie hier hinten zwischen Poels bekanntestem Strand „Schwarzer Busch“ am Nordufer und der gleichnamigen Siedlung das ehemalige Klohäuschen entdeckt: abgeschieden zwar, aber unerwartet. Die Leute, die hier vorbeikommen, haben Zeit, sich auf ihre Vasen, Kacheln und Tassen einzulassen.

Kunst am Klo

Klabauterfrau-Keramik nennt Karpa ihre Entwürfe, eine geschlechtliche Umwandlung des Kobolds, der früher Seemänner das Fürchten lehrte. Karpa sitzt, während sie redet, an ihrer Drehscheibe, die Finger im feuchten Ton, und der einzige Haken an dieser Sache war, dass die Gemeinde den Pächter verpflichtet, weiterhin ein Klo nebenan zu betreiben. Aber mit diesem Deal kann sie leben. Sie ist jetzt ein Vorposten der Kunst, direkt hinter dem Strand. Zuständig für dringende Bedürfnisse aller Art.

Poel ist, wenn man mal vom Leuchtturm absieht, eine Insel ohne große menschengemachte Sehenswürdigkeiten. Aber wer bestimmt denn schon, was sehenswürdig ist? Was einer als Luxus empfindet? Anne Karpa dreht ihre Tassen aus Ton so dünn, als wären sie aus Porzellan. Das ergibt dann ein Gefäß aus sehr einfachem Material, aber mit einem sehr feinen Rand.

So ähnlich kommt einem die Insel vor: einfachstes Ausgangsmaterial. Aber das unbehelligt zu nutzen, ist sensationell. Wie ein einziges großes Ausatmen. Derart tiefenentspannt sind die Bewohner, dass Cafés florieren, die sogar zur Hochsaison Ruhetage haben.

Totale Isolation

Der stillste Strand liegt in Gollwitz im Osten der Insel. Das betrifft die Besucher und die Wellen. Im Ort muss man vorbei am Ladencafé, und das schaffen natürlich die wenigsten, ohne dort ein Stück frischester Torte zu essen. Der Strand führt kleinkindgeeignet lange flach ins Meer.

Es hat fast etwas Tautologisches, wie man da selbst mit Abstand auf einer Insel sitzt und wiederum auf eine Insel schaut, „Betreten verboten!“. Denn dort, ein paar Bootslängen entfernt von denen, die am Strand liegen und im flachen Wasser planschen und hinübersehen, hat Poel noch eine weitere ganze Insel für einen einzigen Menschen zu bieten, der dort hinter den Sandbänken unter Möwen, Austernfischern und Seeschwalben lebt.

Isoliert, aber in Sichtweite der Zivilisation. Mit zusammengekniffenen Augen erkennt man, dass dort ein einzelnes Haus mit Reetdach steht, in dem von März bis Oktober ein einzelner Mensch wohnen darf: Der Vogelwart für das älteste Seevogelschutzgebiet Deutschlands, die Vogelinsel Langenwerder. Zählen, Beringen, Erfassen sind seine Aufgaben. Manchmal veranstaltet er Führungen für ausgewählte 15 Leute. Abstand halten wird dort schon seit 1924 zelebriert. Allerdings zum Schutz der Natur.

HINKOMMEN
Am besten mit dem Auto, die Strecke ist etwa 260 Kilometer lang, die Fahrt dauert drei Stunden. Oder von Berlin aus mit dem Zug bis Wismar und dann weiter mit dem Bus nach Kirchdorf.

UNTERKOMMEN
Der Gutspark Wangern hat 13 Apartments, Frühstück in einem Glaspavillon mit Blick auf eine 100 Jahre alte Magnolie und genügend Platz für Großschach im Garten. In der Nebensaison gibt es das Doppelzimmer ab 80 Euro pro Nacht, in der Hauptsaison ab 100 Euro. Mehr Details finden Reisende unter insel-poel.com

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RUMKOMMEN
Es empfiehlt sich, ein Fahrrad vor Ort zu mieten, zum Beispiel im Tourismusservice in Kirchdorf, Wismarsche Str. 7 A, ab sechs Euro pro Tag. Die Reise wurde unterstützt vom Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern.