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Das Marburg-Virus wurde mit Versuchsaffen aus Unganda in die Laboratorien des Pharmakonzerns Behringwerke in Hessen eingeschleppt.

© mauritius images/ Science Source/ Scott Camazine

Erster Ausbruch des Marburg-Virus: Was vor 50 Jahren in den Behringwerken geschah

Marburg, 1967: Patienten klagen über Kopfschmerzen und Blutungen. Panik. Ein mysteriöses Virus grassiert. Wie geht es den Opfern heute? Rekonstruktion einer Katastrophe.

Von Andreas Austilat

Jetzt hat sie es wieder getan, hat sich mit dem Zeigefinger durch das Auge gewischt. „Das ist so eine Angewohnheit von mir“, sagt Marga Söhnlein, und vielleicht war es diese Angewohnheit, die sie beinahe das Leben gekostet hätte. Damals, im Sommer 1967, als das Fieber nach Marburg kam. Ein bis dahin unbekanntes Fieber, das einen Menschen binnen Tagen töten konnte. Ausgelöst von einem Virus, das schließlich den Namen der Stadt bekam: das Marburg-Virus.

Heute weiß man mehr über diesen Erreger, wenn auch längst nicht alles. Immer noch gibt es keinen ausgereiften Impfstoff. Und so viel ist sicher, das Virus ist nicht das einzige seiner Art, sondern hat noch einen 1967 ebenfalls unbekannten Verwandten, das Ebola-Virus, das vor drei Jahren in Westafrika mehr als 11000 Menschen tötete.

Bis der Erreger in die hessische Universitätsstadt kam, glaubte die Wissenschaft, der Sieg über Infektionskrankheiten sei allenfalls eine Frage von Jahren. Doch plötzlich standen die Forscher ratlos vor einer Gefahr, die dabei war, eine Stadt in Angst zu versetzen.

Marga Söhnlein ist heute 69 Jahre alt. Vor sich auf dem Wohnzimmertisch hat sie Zeitungsausschnitte ausgebreitet, darunter ein Bild, das sie als junge Frau zeigt: Es ist das Gesicht einer Kranken, apathisch, die Augenlider geschwollen.

Sie war in den Behringwerken für das Sterilisieren der Glasgefäße zuständig

1967 war sie 19, seit drei Jahren arbeitete sie in den Behringwerken, damals einer der größten Arbeitgeber in Marburg. Dort wurden Impfstoffe hergestellt, gegen Masern und Kinderlähmung. In jenem Teil der Stadt war die Werkssirene ein weithin hörbarer Taktgeber für den täglichen Ablauf.

Zu Marga Söhnleins wichtigsten Aufgaben gehörte das Sterilisieren der Glasgefäße. Eine nicht ungefährliche Tätigkeit, denn die Gläser wurden extrem erhitzt. Einmal fiel ihr ein gefüllter Behälter vor die Füße, sie erlitt Verbrühungen. Doch die wahre Gefahr kam von ganz woanders. Möglich ist, dass sie sich mit der behandschuhten Hand einmal ins Auge fasste, nachdem sie eine noch nicht sterile Glasschale berührt hatte.

Die Gläser wurden benötigt, um darauf Zellkulturen anzusetzen, auf denen etwa der Lebendimpfstoff gegen Kinderlähmung gewonnen wurde. Grundlage waren die Nieren der Grünen Meerkatze, einer Affenspezies, die die Behringwerke zu Hunderten aus Uganda bezog.

Am 21. August, einem Montag, fühlte sich Marga Söhnlein unwohl. Sie wollte trotzdem ins Labor. Weil sie bereits ein paar Tage versäumt hatte, fürchtete sie um den Arbeitsplatz. Doch ihre Kopfschmerzen steigerten sich ins Unerträgliche. Ihre Körpertemperatur schnellte auf mehr als 40 Grad, noch im Krankenwagen erbrach sie sich in eine Schale, die der Sanitäter ihr hinhielt.

Sie erinnert sich an einen Mann im Krankenhaus, „der hatte die wunderbarsten blauen Augen“. Er beugte sich über sie und drückte ihr auf den Leib. Marga Söhnlein erbrach sich erneut, was ihr heute noch unangenehm ist. Der Mann war Professor George Dick, ein aus England angereister Experte für Tropenkrankheiten. Denn die Ärzte am Marburger Universitätsklinikum ahnten längst, dass sie es hier keineswegs mit etwas Alltäglichem zu tun hatten.

Ihre Mutter durfte sie nur noch durch eine Scheibe betrachten

Marga Söhnlein war in dieser Woche nicht die erste Mitarbeiterin der Behringwerke mit solchen Symptomen. Bereits am 8. August erkrankte ein Mann, zu dessen Aufgaben es gehört hatte, die Schädel der Grünen Meerkatzen zu öffnen. Am 15. August blieben drei Tierpfleger fern, zwei Tage später fehlten bereits sieben.

Professor Dicks Spezialgebiet war das Gelbfieber. „Wenn das Gelbfieber ist, habe ich noch nie welches gesehen“, sagte der englische Experte nun. Marga Söhnlein wurde wie die anderen Patienten isoliert. Und daheim bekam ihre Mutter Besuch: Die Entweser, wie man damals sagte, Männer in Schutzanzügen, die alle Zimmer desinfizierten, die Wäsche, die Kleidung, die Matratzen.

Marga Söhnleins Mutter ist heute eine rüstige Frau von 91 Jahren. Nie werde sie die Angst vergessen, die sie um ihre Tochter hatte: „Sie sah furchtbar aus, die Augen gerötet und am ganzen Körper rote Flecken. Manchmal blutete sie aus dem Mund.“ Berühren durfte die Mutter ihre Tochter nicht, sie nur durch eine Fensterscheibe betrachten. Die Isolation ging so weit, dass man Marga Söhnlein keine Zeitungen aushändigte, auch kein Radio – wohl um sie nicht zu beunruhigen. Denn in der Stadt gab es erste Anzeichen von Panik. Die Zeitungen schrieben inzwischen über die „Affenseuche“.

"Die Mentalität war damals eine ganz andere"

Marga Söhnlein ist heute 69 Jahre alt, sie lebt immer noch in Marburg.

© Andreas Austilat

Am 22. August wurde das Robert-Koch-Institut in Berlin miteinbezogen, acht Institute in aller Welt, darunter in den USA, in Paris und Amsterdam fahndeten nach dem mysteriösen Erreger. Inzwischen waren auch Fälle aus Frankfurt bekannt geworden. Dort hatten sie Affen vom gleichen Lieferanten wie die Behringwerke bezogen. In Marburg wurde die Herstellung von Nierenzellkulturen abgebrochen, sämtliche operativen Eingriffe an den Affen eingestellt. Schließlich wurden alle Tiere getötet.

Trotzdem ging Friederike Moos täglich weiter zu ihrem Arbeitsplatz in den Behringwerken. Auch sie war damals 19 Jahre alt. Friederike Moos gehörte zu jenen, die Zellkulturen ansetzten. Sie hatte Glück, blieb von der Krankheit verschont. Jetzt ging sie in ein Labor, in dem es nichts mehr zu tun gab, weshalb sie ihr Strickzeug mitnahm.

Während Marga Söhnlein von der Außenwelt abgeschnitten war, allenfalls die Schreie einer jungen Mitpatientin hörte, die in einem Zimmer ganz in der Nähe lag, erfuhr Friederike Moos von den ersten Todesfällen, die zunächst aus Frankfurt, dann auch aus Marburg gemeldet wurden. „Ich bin fast durchgedreht“, sagt sie 50 Jahre später, wie sie da allein in ihrem Labor gesessen habe und immer noch nicht wusste, womit sie es eigentlich zu tun hatte.

Wer heute in den Lahnbergen oberhalb Marburgs das Gelände des Biomedizinischen Instituts aufsucht, passiert ein weinrotes Gebäude, dessen Fassade mehr als nur symbolisch mit den Ereignissen damals verbunden ist. Sie zeigt extrem vergrößert eine Darstellung des Marburg-Virus. Hinter der Fassade verbirgt sich ein BSL 4 Labor. Das Kürzel steht für Bio Safety Level, vier ist die international höchste biologische Schutzklasse. Weltweit gibt es nur 33 derartige Labore.

Viele Vorsichtsmaßnahmen waren 1967 unbekannt

Die Biostoffe, mit denen hier gearbeitet wird, können Krankheiten auslösen, für die es keine Vorbeugung und keine wirksame Behandlung gibt. Krankheiten, bei denen unbedingt verhindert werden soll, dass sie nach Deutschland eingeschleppt werden. Das Marburg-Virus gehört zu dieser Kategorie.

In solchen Gebäuden herrscht stets Unterdruck. Jegliche Luft, die austreten kann, wird über mehrere Stufen gefiltert. Wer dort arbeitet, trägt einen Vollschutzanzug. Alleine das Betreten dauert mit allen Vorbereitungen eine halbe Stunde, ebenso das Verlassen. Und sei es, weil man die Toilette aufsuchen will, die es drinnen aus Sicherheitsgründen nicht gibt.

Solche Vorsichtsmaßnahmen waren 1967 unbekannt, als der 33-jährige Werner Slenczka als Forschungsassistent am Marburger Hygiene-Institut arbeitete. Slenczka ist heute 83 und pensioniert. Zum Gespräch ist er mit dem eigenen Auto ins Biomedizinische Institut gekommen, gewissermaßen ein Nachfolger des Hygiene-Instituts. Junge Mitarbeiter begrüßen ihn auf dem Flur, natürlich ist er hier immer noch gut bekannt.

„Die Mentalität war damals eine ganz andere“, erzählt Slenczka in einem schmucklosen Konferenzzimmer. „Man dachte doch, wir haben nun alles im Griff.“ Bakterien konnten mit Antibiotika bekämpft werden, gegen die gefährlichsten Viren hatte man Impfstoffe entwickelt, und gegen die Insekten, die man als Überträger enttarnt hatte, gab es das Mittel DDT. Der Tod tausender Laboraffen war ein anscheinend notwendiges Opfer in diesem Feldzug. Ethische Bedenken hatte deshalb niemand. Oder sie wurden zurückgestellt. Schließlich seien Krankheiten wie die Kinderlähmung und selbst die Pocken bei allem Optimismus ja noch präsent gewesen.

Die Isolierung von Patienten hatte offenbar Erfolg

Auch das Marburger Hygiene-Institut hatte sich 1967 zunächst an der Suche nach dem Erreger beteiligt. Sehr bald wurde sie eingestellt. Sie galt als zu gefährlich, weil das Labor mitten in der Stadt lag. Mittlerweile waren 23 Menschen an dem unbekannten Virus erkrankt, fünf von ihnen starben. In Frankfurt wurden sechs Patienten behandelt, von denen zwei nicht überlebten. Auch in Belgrad hatte es inzwischen zwei Fälle gegeben, als Überträger wurden Affen aus der selben Charge vermutet, wie sie die Behringwerke erhalten hatten.

Werner Slenczka erinnert sich, dass er immer, wenn er die Sirene eines Krankenwagens hörte, dachte, „da holen sie wieder einen“. Doch nach der ersten Septemberwoche schien es in Marburg keine Neuerkrankungen mehr zu geben. Die Isolierung sämtlicher Patienten hatte offenbar Erfolg. Am Montag, den 11. September 1967, durften die Kinder wieder zur Schule, so lange waren die Sommerferien aus Sicherheitsgründen verlängert worden. Am 15. wurden die ersten Überlebenden entlassen. Und Ende September nahm Werner Slenczka seine Laborarbeit wieder auf.

Das Gefährliche am Marburg- und auch an dem verwandten Ebola-Virus ist, dass die Makrophagen, die Fresszellen der körpereigenen Abwehr befallen werden. „Diese scheiden eine Substanz aus, die die Gefäße schädigt“, erklärt Slenczka, den die Arbeit an dem Virus nie mehr losließ. Theoretisch tritt dann eine Blutgerinnung ein, um die Gefäße wieder abzudichten, doch dabei scheint das Calcium verloren zu gehen. Calcium ist wichtig für die Blutgerinnung und die Nervenleitung. Die Gefäße werden undicht, Blut tritt aus Augen und Mund, aus Organen und Hautoberfläche. Auch die Nervenleitung ist gestört. Viele Patienten klagen über Gefühlsstörungen, als ob sie auf Zwieback liegen würden.

Es sollte niemand dabei sein, wenn Slenczka im Labor arbeitete

Werner Slenczka, einer der Entdecker des Marburg-Virus.

© Andreas Austilat

Man sah unter dem Mikroskop eine Vielzahl von Bakterien, sagt Slenczka, „es ist wahnsinnig anstrengend, darunter ein unbekanntes Virus zu finden“. Die Meerschweinchen, mit denen die Marburger arbeiteten, hatten sie von Kleintierzüchtern bekommen. Anders als Tiere aus dem Laborhandel brachten diese hier eine Menge Vorerkrankungen mit. Schwer zu entscheiden, woran sie also litten. Den Meerschweinchen spritzten die Forscher infiziertes Material in die Bauchhöhle. Wenn die Tiere dann Fieber kriegten, wurde ihnen wieder Blut entnommen und in das nächste Meerschweinchen injiziert. Passage nennt man so etwas, im Verlauf mehrerer Passagen wird das Virus immer stärker konzentriert.

Slenczka, der sich in seinem Berufsleben schon zweimal einen bösen Infekt eingefangen hatte, arbeitete aus Sicherheitsgründen nachts und allein, „denn wenn so eine Zentrifuge hochgeht und das Material in der Luft verwirbelt wird, sollten da nicht so viele Leute rumstehen“.

Er markierte die Antikörper mit Fluoreszin, einem Farbstoff, sodass sie leuchteten. „Ich wusste, wo die Antikörper sind, müssen dann auch die Antigene des Erregers sein.“ So konnte Slenczka das Virus am 20. Oktober 1967 nachweisen. Nur sichtbar machen konnte er es nicht, weil die Vakuumpumpe an dem ihm zur Verfügung stehenden, billigen Elektronenmikroskop nicht funktionierte. Dieser Triumph blieb den Kollegen vom Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg vorbehalten. Am 29. November informierten sie die Öffentlichkeit. Der neu entdeckte Erreger bekam den Namen Marburg-Virus. Damit war gleichzeitig eine bis dahin unbekannte Art enttarnt: Die Filoviren, zu denen auch das Ebola-Virus gehört.

Briten und Amerikaner nahmen den Erfolg für sich in Anspruch

In Deutschland starb damals nahezu jeder vierte Infizierte, obwohl bei der überschaubaren Zahl der Patienten in jedem Einzelfall eine intensivmedizinische Betreuung möglich war. In den Jahren 2000 und 2005 gab es zwei Marburg-Epidemien im Norden des Kongo und in Angola, denen schätzungsweise rund 80 Prozent der Infizierten zum Opfer fielen.

Ob Slenczka seine Entdeckung Glück gebracht hat? Nicht wirklich. Briten und Amerikaner ignorierten die Erkenntnisse, nahmen den Erfolg für sich in Anspruch. Er selbst musste noch fünf Jahre warten, bis er überhaupt nur eine Festanstellung bekam. Erstaunlich, denn es gebe in Deutschland nicht viele Forscher, die in einem derart harten internationalen Wettlauf vorn lagen, wie er heute sagt. Vielleicht wollte niemand etwas mit derart gefährlichen Viren zu tun haben.

Dass es bis heute keinen zugelassenen Impfstoff gibt, dürfte daran liegen, dass die Zahl der Betroffenen zu klein war. Das Virus bringt seinen Wirt sehr schnell um, auch die Affen, die für die Übertragung verantwortlich gemacht wurden. Mittlerweile geht man davon aus, dass einer von ihnen durch eine Art Fledermaus infiziert wurde.

Gegen Ebola gab es ebenfalls lange keine Impfung. Die Suche wurde erst intensiviert, als es 2014 zur großen Epidemie in Westafrika kam. Wie Stephan Becker, der heutige Leiter des Biomedizinischen Instituts in Marburg, erklärt: „Hätte sich die Epidemie damals auch ins bevölkerungsreiche Nigeria mit seinen internationalen Verbindungen ausgebreitet, es wäre eine Katastrophe für die ganze Welt gewesen.“ Das habe vieles verändert, die Entwicklung eines Impfstoffes steht vor dem Abschluss.

Marga Söhnlein spürt die Folgen ihrer Erkrankung bis heute

Friederike Moos kündigte 1968 bei den Behringwerken, zog nach Freiburg und arbeitete fortan an der dortigen Universitätsklinik. Detailliert schilderte sie die Vorkommnisse in einem 2015 erschienenen Buch: „In und um uns. Meine Begegnung mit dem Marburg-Virus.“

Marga Söhnlein brauchte lange, um mit der Erkrankung fertig zu werden, vollkommen ist ihr das bis heute nicht gelungen. Noch immer hat sie Konzentrationsstörungen, den Führerschein durfte sie nie machen. Ihre Arbeit bei den Behringwerken nahm sie später wieder auf, war ihr aber körperlich nicht mehr gewachsen. Bis heute bezieht sie eine Invalidenrente, die ihr damals zugesprochen wurde.

2005, nachdem in Afrika erneut eine Epidemie mit dem Marburg-Virus ausgebrochen war, lud man sie in eine Fernsehsendung ein, gewissermaßen als Sachverständige. Marga Söhnlein nahm großen Anteil, „wenn irgendwo Krankheitsfälle bekannt wurden, auch zuletzt bei der Ebola-Epidemie 2014, dann denke ich an die Kranken und an die toten Kollegen von damals.“ Bis heute spendet sie regelmäßig für „Ärzte ohne Grenzen“.

Im Studio bemerkte sie, dass der Moderator ihr nicht die Hand reichen wollte. Schlimmer aber war, dass ihr der Arbeitgeber nach ihrem Auftritt kündigte. Sie hatte für eine Lebensmittelkette Regale eingeräumt, nun wurde sie offenbar als potenzielle Gefahr eingestuft. Man habe ihr erklärt, es handele sich um eine Anweisung aus der Zentrale. 38 Jahre nach ihrer Erkrankung.

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