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Eine Gehirnplastik, umgeben von Pillen, auf blauem Hintergrund (Illustration).

© Stockadobe/Mohamad Faizal

Neues Alzheimer-Medikament wird nicht zugelassen: Warum Experten trotzdem auf Blarcamesin setzen

Die EU-Zulassungsbehörde bemängelt die Aussagekraft von Studiendaten zu Blarcamesin. Experten sehen aber Potenzial bei dem Medikament. Der Hersteller unternimmt nun einen zweiten Anlauf.

Stand:

Als die Europäische Zulassungsbehörde EMA dem neuen Medikament Lecanemab gegen Alzheimer zunächst die Zulassung verweigerte, war die Kritik unter Fachleuten groß. Denn neben den unerwünschten Nebenwirkungen, die der Hintergrund für die Nichtzulassung waren, gab es positive Effekte: Das Fortschreiten der Erkrankung wird deutlich verlangsamt.

Schließlich gab es die Zulassung für das neue Medikament, das mit Antikörpern die gefährlichen Ablagerungen im Gehirn bekämpft, die die Ursache der nachlassenden kognitiven Leistungen bei Alzheimer sind, dann doch.

Mitte Dezember hat der dafür zuständige Ausschuss der Behörde die Zulassung eines weiteren neuen Medikaments zur Verzögerung von Alzheimer abgelehnt. Das Medikament heißt Blarcamesin. Der Wirkstoff verfolgt einen anderen Ansatz als die antikörperbasierten Medikamente wie Lecanemab. Das Ziel ist es, die körpereigenen Aufräumtruppen zu aktivieren. Dabei werden in den Nervenzellen Mechanismen angestoßen, die die Ablagerungen vernichten sollen.

Bremse für den Gedächtnisverlust

Eine Phase-3-Studie des US-amerikanischen Herstellers Anavex hatte gezeigt, dass das Medikament das Fortschreiten von Alzheimer verzögern kann. Vor allem das Nachlassen des Gedächtnisses wird durch den neuen Wirkstoff in ähnlichem Maße gebremst, wie das die antikörperbasierten Wirkstoffe können.

Es gab deutlich messbare Erfolge bei der Verbesserung der Gedächtnisleistung.

Harald Prüß, Chefarzt der Experimentellen Neurologie an der Charité

Trotzdem verweigerte der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP), der die Zulassung von Wirkstoffen durch die EMA vorbereitet, eine entsprechende Empfehlung. Die vorgelegten Studiendaten belegten nicht ausreichend die Wirksamkeit und Sicherheit von Blarcamesin.

Doch der deutliche Widerspruch aus der Fachwelt, der nach der ursprünglichen Nichtempfehlung für Lecanemab zu hören war, blieb dieses Mal aus. Dass die Ablehnung des Antikörpermedikamentes so viel mehr öffentliche Aufmerksamkeit bekommen habe, sei nicht Ausdruck dessen, dass Blarcamesin nichts tauge, sagt Harald Prüß, Chef der Abteilung für Experimentelle Neurologie der Charité. „Das liegt unter anderem daran, dass die hinter Lecanemab und dem ebenfalls antikörperbasierten Donanemab stehenden Firmen sichtbarer sind als das Unternehmen, das Blarcamesin entwickelt hat.“

Blarcamesin soll Zellabfälle beseitigen

Trotz gewisser Schwächen der Studie sei der neue Ansatz des Herstellers durchaus interessant, sagt Prüß, der auch das Gedächtniszentrum des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Berlin leitet. Schon länger werde erforscht, wie sich der sogenannte Autophagie-Prozess für die Therapie von Alzheimer nutzen lässt.

Autophagie bezeichnet den Aufräumprozess, der in den Zellen stattfindet. Dabei werden alte, beschädigte oder überflüssige Bestandteile abgebaut. Diese Proteine werden als Bausteine oder Energielieferanten wiederverwendet. Das sei besonders relevant für die Kraftwerke der Zellen, die sogenannten Mitochondrien, sagt Prüß.

Hinter diesem Prozess steht ein Eiweiß, an das Blarcamesin bindet. Doch dieses Eiweiß könne noch mehr für die Zellgesundheit tun, sagt der Neurowissenschaftler. Es bewahre die Zelle auch vor den Wirkungen von Stress. Und schließlich habe es auch Einfluss darauf, wie Eiweiße im Gehirn gefaltet werden. Das sei im Zusammenhang mit Alzheimer eine wichtige Funktion: Denn eine der Ursachen für die neurodegenerative Erkrankung sei, dass bestimmte Proteine im Gehirn falsch gefaltet sind.

Die haben bei der Zulassung einfach nicht alle ihre Hausaufgaben ausreichend erledigt.

Harald Prüß, Chefarzt der Experimentellen Neurologie an der Charité

Doch diese Multifunktionalität des Eiweißes, das der Wirkstoff Blarcamesin aktiviert, sei jetzt auch die Krux für die Zulassung, sagt Prüß. Denn der die Alzheimererkrankung verzögernde Effekt sei nicht klar auf eine Wirkung des Medikaments zu begrenzen. „Das war der EMA wohl zu unklar.“

Ein weiterer Kritikpunkt der europäischen Zulassungsbehörde war, dass die vorgelegten Daten nicht eindeutig belegten, dass das Medikament sowohl die Gedächtnisleistung schützt als auch die Fähigkeit, im Alltag zurechtzukommen. In den vorgelegten Studiendaten sei die Verbesserung der Gedächtnisleistung belegt, nicht aber die bewahrte Alltagstauglichkeit. „In diesem Falle wäre die bewahrte Gedächtnisleistung ein reines Surrogat, das ohne Einfluss auf die Lebensqualität der Betroffenen ist“, sagt Prüß.

Viele Probanden brachen vorzeitig ab

Und sicher haben auch mögliche Nebenwirkungen des Medikaments eine Rolle dabei gespielt, dass die EMA skeptisch ist. Denn die von dem Unternehmen vorgelegten Daten für die Zulassung zeigten, dass relativ viele Probanden die Studie abbrachen. Unklar sei aber, ob dies wegen der Nebenwirkungen oder aus anderen Gründen geschah, sagt Harald Prüß.

Dabei seien die bekannten Nebenwirkungen wie Schwindel oder Desorientierung im Vergleich zu den antikörperbasierten Medikamenten, die selten sogar einen Schlaganfall auslösen können, gar nicht so schwerwiegend, gibt der Mediziner zu bedenken.

Doch damit sei das neue Medikament keinesfalls gescheitert, sagt der Neurowissenschaftler. „Die haben bei der Zulassung einfach nicht alle ihre Hausaufgaben ausreichend erledigt“, sagt Prüß. Und tatsächlich hat der Hersteller nun angekündigt, eine Re-Examination, also eine neue Begutachtung für die Zulassung, zu beantragen.

„Die Abwägung läuft letztlich darauf hinaus, ob man Patientinnen und Patienten bis zu Bestätigungsdaten jetzt eine orale Therapieoption zugänglich macht, die das Voranschreiten der Alzheimer-Krankheit verlangsamen könnte“, sagt Timo Grimmer, Leiter des Zentrums für Kognitive Störungen und des Neurochemischen Labors an der TU München, laut einer Pressemitteilung. „Oder ob man das Risiko höher gewichtet, Betroffene in dieser Zeit einer am Ende möglicherweise nicht wirksamen Behandlung mit grundsätzlich beherrschbaren Nebenwirkungen wie Schwindel auszusetzen.“ Grimmer ist auch Berater des Herstellers Anavex und hat dessen Studien in Deutschland als nationaler Prüfarzt koordiniert.

Die Chancen, dass die Zulassung von Blarcamesin doch noch erfolgreich sein könnte, stünden nicht schlecht, sagt Prüß, der nicht an der Entwicklung des Medikaments beteiligt war. „Es gab schließlich deutlich messbare Erfolge bei der Verbesserung der Gedächtnisleistung.“ Zudem wäre es schade, gerade die großen Potenziale einer Kombination der verschiedenen, nun vorliegenden Medikamente nicht nutzen zu können, sagt der Neurowissenschaftler.

Und letztlich sei das Medikament sehr vielversprechend auch für die Behandlung anderer neurodegenerativer Erkrankungen, wie zum Beispiel Parkinson, sagt Prüß.

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